Niels Frevert – „Putzlicht“


Künstler Niels Frevert

Niels Frevert Putzlicht Review Kritik

Vom Aufräumen und Neubeginnen singt Niels Frevert auf „Putzlicht“.

Album Putzlicht
Label Grönland
Erscheinungsjahr 2019
Bewertung

Ist das jetzt eine Midlife-Crisis? Niels Frevert ist Jahrgang 1967 und seit rund 30 Jahren musikalisch aktiv, zunächst als Frontmann von Nationalgalerie, seit 1997 als Solist. Zuletzt gab es von ihm regelmäßig feinste Singer-Songwriter-Klänge, gerne mit Streichern und Bläsern, fast immer mit akustischer Gitarre. Nun, auf seinem sechsten Soloalbum, muss man plötzlich attestieren: Das rockt.

Natürlich ist diese Platte nicht seine musikalische Entsprechung von lautem Motorrad und junger Freundin. Vielmehr kann man auf Putzlicht den Eindruck haben: Niels Frevert hat gemerkt, dass seine Songs gar nicht so weit weg von dem Sound sind, den beispielsweise Bosse pflegt, und zwar mit deutlich mehr kommerziellem Erfolg. Ein Lied wie die Single Immer noch die Musik zeigt das mit seinem recht energischen Beat und der Botschaft von der Musik als Trost und Rettungsanker. Natürlich ist das hier aber kein Ausverkauf des bisherigen Charakters seiner Songs: Es bleibt ein bisschen poetischer und seine Protagonisten (vielleicht auch seine Zielgruppe) befinden sich – wie früher – in einer Situation des Zweifels, der Unsicherheit und des Defekts.

Einen gehörigen Anteil am kraftvolleren und stärker elektrifizierten Sound der Platte dürfte auch Produzent Philipp Steinke (Boy, Revolverheld) haben. Er hat bei allen Tracks außer Brückengeländer (das einen wunderschöner Refrain mit Grandezza und Spannung vereint) auch mitkomponiert. Als könnte man die Sterne berühren verpasst er ein Feeling wie bei Kettcar, die ebenfalls zu seinen Klienten gehören: Die Gitarre ist in der ersten Strophe fast prominenter als der Gesang, und von einer Wahrsagerin lernen wir die Lebensweisheit: „Man wird für seine Stärken bewundert, aber geliebt wird man für seine Schwächen.“ In Wind in deinem Haar heißt es fast ironisch „Sing doch einmal über das Schöne!“ Dem kommt Niels Frevert tatsächlich zumindest teilweise nach, das Lied wird immerhin etwas idyllisch, aber auch nicht ungetrübt. Ich suchte nach Worten für etwas das nicht an der Straße der Worte lag ist im Sound noch etwas ruppiger, fast an New Wave gemahnend (es ist eines von sieben Stücken auf Putzlicht, bei denen Selig-Gitarrist Christian Neander zur Musik beigetragen hat), bevor es ein überraschend elegantes Break gibt.

Der Albumtitel bezieht sich auf den Zeitpunkt in einem Konzertsaal oder Club, wenn die Show und der Spaß vorbei sind. Dann geht das Putzlicht an, es leuchtet grell die meist nicht so ansehnlichen Hinterlassenschaften aus, die es nun aufzuräumen gilt, und ist damit zugleich Voraussetzung dafür, dass beim nächsten Mal wieder Glamour, Freude und Ausgelassenheit regieren dürfen. „Schein herab auf mich / und bring mich raus hier“, singt der Künstler nun im Titelsong vom Klavier begleitet, man kann viel Wehmut darin erkennen, aber eben auch die Möglichkeit zu Aufbruch, Neuanfang, klar Schiff. Auch Nie mehr wie vorher behandelt so einen Wendepunkt, nämlich den Moment, wenn Routine und Selbstverständlichkeiten plötzlich wegbrechen („Es war nichts mehr wie es war / auf einmal war so klar / es wird nichts mehr sein wie vorher“). Niels Frevert erzählt das nicht als großen Schock, sondern als subtile Erschütterung, wie man es sich auch von Gisbert zu Knyphausen vorstellen könnte. Leguane erweist sich als womöglich psychedelische Reiseerinnerung, das Beste daran ist schon die erste Zeile: „Wir waren blau wie eine Lagune.“ Dieser Moment zeigt vielleicht am besten die neue Ästhetik dieses Künstlers: In der Musik schätzt Niels Frevert nun gelegentlich auch das Offensichtliche und unmittelbar Wirkungsvolle, die Texte hingegen sind weiterhin persönlich, individuell, sogar intim. Der Album-Abschluss Bei laufendem Motor ist schließlich so wie die gesamte Platte: unprätentiös, aber voller magischer Momente.

Unprätentiös und wirkungsvoll ist auch das Video zu Immer noch die Musik.

Website von Niels Frevert.

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