No Joy – „Motherhood“


Künstler No Joy

No Joy Motherhood Review Kritik

„Motherhood“ von No Joy ist vielschichtig und schillernd.

Album Motherhood
Label Joyful Noise
Erscheinungsjahr 2020
Bewertung

„So lange die Leute offen sind, können sie die unterschiedlichsten Dinge in meiner Musik hören“, sagt Jasamine White-Gluz alias No Joy, „wahrscheinlich, weil es darin verschiedene Ebenen gibt.“ Wie zutreffend das ist, zeigt auch ihr morgen erscheinendes Album Motherhood. Es ist der erste neue Longplayer der Künstlerin aus Montréal seit fünf Jahren, die zuletzt 2018 eine EP mit Pete Kember alias Sonic Boom gemacht hatte. Wie vielfältig ihre Einflüsse sind, unterstreicht die Riege der Mitstreiter: Als Co-Produzent ist Jorge Elbrecht (Ariel Pink, Sky Ferraira, Japanese Breakfast) an Bord, das Schlagzeug steuert Jamie Thompson (Islands, Esmerine) bei, an der Gitarre ist Tara McLeod (Kittie) im Einsatz.

Die beiden Letztgenannten sorgen in Dream Rats (wo auch die Schwester der Künstlerin zu hören ist, die sonst bei Arch Enemy spielt) für viel Druck und Tempo, der Refrain gehört eher dem Gesang. Auch in Signal Lights strahlt die Stimme von Jasamine White-Gluz besonders hell vor einem von den Instrumenten maßgeschneiderten Hintergrund. Kidder, das die Platte abschließt, bietet ordentlich Theatralik, aber unverkennbar auch echtes Gefühl.

Viele andere Momente von Motherhood („Die Zeit ist erbarmungslos, du musst Entscheidungen in einer sehr begrenzten Zeit treffen, weil der Körper keine Rücksicht nimmt“, sagt die Kanadierin über das dominierende Thema der Platte, „es geht viel darum, mich selbst aus der Perspektive meiner Mutter zu betrachten und um die Unentrinnbarkeit des körperlichen Alterns“) sind weitaus weniger eindeutig. Ageless ist irgendwie Elektropop, Why Mothers Die ist irgendwie eine Powerballade mit großem Finale, der Beginn von Four deutet Rock an, dann gerät der Song aber auf Abwege in Richtung von All-Saints-B-Ware, bevor er am Ende doch noch feurig und krachend wird.

Die Single Birthmark als Auftakt des Albums ist typisch: Trotz des ungeduldigen Schlagzeugs wirkt die Atmosphäre luftig, die einzelnen Instrumente scheinen nicht zwingend zusammenzugehören, aber der Effekt ist interessant. Happy Bleeding ist manchmal schillernd, manchmal spielerisch und deutet zwischendurch noch eine beträchtliche Aggressivität an. Fish könnte sogar als modernes Ballett durchgehen, auch wenn die schroffe E-Gitarre und ein Sirenengesang im Industrial-Kontext da nicht unbedingt hinein passen.

Auch bei Nothing Will Hurt kann man gut das No-Joy-Prinzip erkennen: Viele Elemente sind offensichtlich, sogar plakativ, aber das Ergebnis ist geheimnisvoll und eigentümlich. Der Text von Primal Curse ist ein Brief, den Jasamine White-Gluzs Mutter als Teenagerin geschrieben hatte, als Botschaft für die Zukunft, in der sie vielleicht Kinder haben würde. Das Ergebnis wirkt wie eine Cranberries-Ballade, wenn die heimlich Breakbeats und Shoegaze geliebt hätten. So sehr man auf Motherhood den Anspruch und die Inspiration der Künstlerin erkennen kann, so schwer ist es gelegentlich als Hörer, dazu eine Verbindung zu finden: Die Songs sind interessant und individuell, aber auch eitel und durcheinander.

Statt Ratten gibt es im Video zu Dream Rats eine Gans zu sehen.

No Joy bei Bandcamp.

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