Oliver Koletzki – „I Am O.K.“


Künstler Oliver Koletzki

I am O.K. Oliver Koletzki Review Kritik

Ein bisschen zurück zu den Anfängen bewegt sich Oliver Koletzki auf „I am O.K.“

Album I Am O.K.
Label Vertigo
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Wer erst 2007 beim Debütalbum Get Wasted erstmals von Oliver Koletzki gehört hat, kann leicht vergessen, wie lang der Weg war, der da bereits hinter ihm lag. Seine ersten Gehversuche auf musikalischem Terrain sind noch auf die 1980er Jahre zu datieren. Damals, im Kinderzimmer in Braunschweig, sah er ungefähr so aus wie auf dem von Chrisse Kunst gezeichneten Albumcover. Dieses Motiv zeigt, ebenso wie der Albumtitel: I Am O.K. ist durchaus als eine Korrektur zu verstehen, zumindest als eine Ergänzung. Es soll Einflüsse und Erfahrungen dieses Künstlers zeigen, die zuvor meist nicht so im Fokus standen. Oliver Koletzki, The Early Years, könnte der Untertitel lauten.

Hommage feat. MC Rene ist der Track, der das am deutlichsten zeigt. Er erweist sich als sehr entspannter Rap über die Zeit und den Ort, der den Mann, der hier die Musik beisteuert, ebenso geprägt hat wie den, von dem der Sprechgesang kommt. Der Rückblick auf die Jugend als „Kings of Provinz“ funktioniert bestens und hat in keinem Moment den Charakter eines verkrampften Authentizitätsbeweises oder des verzweifelten Hinweises auf Street Credibility. Die hat Oliver Koletzki bei seinem fünften Studioalbum natürlich auch nicht mehr nötig. Nach dem Umzug in die Hauptstadt (2000) und der Schützenhilfe von Sven Väth ging es stetig bergauf. Die Alben Großstadtmärchen (2009), Lovestoned (2010) und Großstadtmärchen 2 (2012) waren erfolgreich und gut, Koletzki wurde zum international gefeierten DJ und einem der Aushängeschilder des kreativen Berlin.

Wie ihm das gelungen ist, illustriert I Am O.K. sehr gut. Ein Mix aus Kompetenz, die aus jahrelanger Erfahrung gewachsen ist, Liebe zur elektronischen Musik, die in all diesen Jahren nicht schwächer geworden ist, einem Händchen für Eingängigkeit und ein hohes Maß an Stilsicherheit, zu der auch eine stets gelungene Auswahl an Gaststimmen gehört, tragen auch diese Platte. After All ist ein gutes Beispiel dafür und liefert die beste Entsprechung von Gesang und Musik auf diesem Album, weil die Stimme von Nörd wunderbar zu dieser Atmosphäre von Verlorensein und Ausweglosigkeit passt. Nörd darf auch in Too Soon wieder die Rolle des liebeskranken Träumers übernehmen, auch hier steht ihm das gut, der Sound zeigt in diesem Fall eine kleine Achtziger-Vorliebe und eine große Pop-Sensibilität, sodass er auch gut zu Roosevelt oder Zoot Woman passen würde.

In Up In The Air ist der Gesang von Fran zu hören, also der Stimme, die Oliver Koletzki 2009 zu seinem größten Hit Hypnotized verhalf. Das Ergebnis ist auch hier funky und auffällig radiotauglich – Moloko oder Jamiroquai hätten gegen so einen Song in ihrem Repertoire sicher auch nichts einzuwenden. Dass der Künstler, der diesen Sound erschaffen hat, auch zu deutlich härteren Tracks wie dem düsteren Streetknowledge fähig ist, unterstreicht seine Bandbreite. So Wrong (feat. HRRSN) zeigt noch eine weitere Facette: Die Stimme ist wie gemacht für prototypischen House, etwa im Stile von Hercules & Love Affair, der Song wird zum Ende hin immer heller, heiterer und hoffnungsvoller.

Im extrem entspannten (und etwas zu langen) Instrumental Bring Me Home hört man scheinbar live dabei zu, wie der Sound von Milky Chance erfunden wird. No Man No Cry ist, unterstützt durch den Gesang von Leslie Clio, zumindest etwas origineller als der Titel mit seinem Versuch, auf Bob Marley zu antworten. Für Bones holt Oliver Koletzki einen der Acts an Bord, die er für sein 2006 gegründetes Label Stil vor Talent unter Vertrag genommen hat, nämlich HVOB, die das Stück so schick und verführerisch klingen lassen, dass es zum Höhepunkt des Albums wird. Reality erweist sich als schöner Schlusspunkt für I Am O.K., der sich ganz am Ende noch ein paar Klangspielereien erlaubt.

Ganz zu Beginn deutet die Platte schon ein kleines Leitmotiv an. In Gravity (feat. Yasha) ist die Erdanziehungskraft natürlich aufgelöst, unter anderem durch einen recht kraftvollen Bass und einen fluffig verfremdeten Gesang im Refrain. Auch Parachute (feat. Meggy) thematisiert das Davonfliegen, in diesem Fall als House ohne Schnörkel. Das unmittelbar folgende This Love behält den Beat direkt bei und erweist sich dann als experimentellster Track dieser Platte. Oliver Koletzki lässt Stimm-Samples darin fast wie Scat-Gesang klingen, auch der Beat gönnt sich einige Extravaganzen. Man merkt, wie nah er hier dem Traum gekommen ist, den er wohl einst als Teenager im Braunschweig träumte. Viel authentischer kann elektronische Musik nicht werden.

Ein nicht offizielles (aber auch nicht ganz verführungsfreies) Video zu Bones.

Homepage von Oliver Koletzki.

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