Pissed Jeans – „Why Love Now“


Künstler Pissed Jeans

Why Love Now Pissed Jeans Review Kritik

Thematisch höchst zeitgemäß kommt „Why Love Now“ daher.

Album Why Love Now
Label Sub Pop
Erscheinungsjahr 2017
Bewertung

„Rockbands ziehen sich gerne in die Sicherheit der Themen zurück, über die Rockbands schon immer gesungen haben“, sagt Matt Korvette, Frontmann von Pissed Jeans. „Wahrscheinlich werden sie in 60 Jahren, wenn niemand mehr ein Telefon hat, immer noch singen: ‚Ich warte so sehr darauf, dass sie mich endlich anruft.‘ Die Kids werden dann zu ihrem Opa gehen müssen und ihn fragen, was das überhaupt zu bedeuten hat. Deshalb will ich lieber über das Internet singen und über die Art, wie wir im Jahr 2016 wirklich kommunizieren.“

Man könnte das für ein harmloses Vorhaben halten. Vielleicht wollen Korvette und seine Mitstreiter Brad Fry (Gitarre), Randy Huth (Bass) und Sean McGuinness (Schlagzeug) auf ihrem fünften Album einfach über ein paar sehr moderne und womöglich erfreuliche Phänomene singen: die Möglichkeiten der Partizipation, die Shared Economy, das World Wide Web als unerschöpflichen Wissensspeicher. Aber schon das zweite Lied auf Why Love Now zeigt, dass man mit solch einer Vermutung nicht falscher liegen könnte. „Es geht darum, dass sich heute praktisch jeder als absoluter Vollidiot entpuppt“, sagt Korvette über The Bar Is Low. Die ersten paar Takte des Songs wären perfekt für The Hives, der Text besagt, dass praktisch jeder nicht komplett asoziale oder psychopathische Mann (er selbst eingeschlossen) heute als gut befunden wird, weil die Ansprüche so niedrig geworden sind.

Der Rest von Why Love Now macht erst recht klar, was Pissed Jeans mit dem Fokus auf moderne Kommunikationsmittel eigentlich meinen: Wir sind alle kaputte, notgeile Dreckschweine – und das Internet gibt uns die Möglichkeit, das endlich auch in aller Öffentlichkeit zu zeigen. Ein gutes Beispiel dafür ist Ignorecam: Das Lied entwirft das Szenario einer Livecam, bei der Männer dafür bezahlen können, von den Frauen vor der Kamera nicht beachtet zu werden. „Die Frau ignoriert dich einfach, schaut Fernsehen oder isst Nudeln oder telefoniert. Ich liebe diese Idee“, sagt Korvette. Die Musik dazu ist brutal, gemein und zynisch, der Gesang schlägt Johnny Rotten mühelos in Boshaftigkeit.

Cold Whip Cream behandelt unerfüllte Sexfantasien, in It’s Your Knees geht es darum, dass Kerle gerne und permanent Mädchen bewerten, nach den seltsamsten Kriterien und stets mit der Frage „Würde ich sie ficken?“ im Sinn. „Ich finde es bizarr, wie bereitwillig Kerle damit um sich werfen, als sei ihr Hirn die ganze Zeit mit nichts anderem beschäftigt. Heute wird das noch sichtbarer, weil es im Internet passiert. Es ist freimütiger und lauter geworden. Niemand wundert sich mehr über Sätze wie ‚Ja, sie ist heiß, aber mir gefallen ihre Knie nicht. Nicht mein Typ, Mann.‘“ Der Song erinnert recht clever daran, dass Facebook ursprünglich ein Portal war, auf dem Studenten das Aussehen ihrer Kommilitoninnen bewerten sollten. Suchen, Benoten und Prahlen – das sind wohl auch heute noch die am meisten benutzten Funktionen im Netz.

I’m A Man wird zum Höhepunkt des Albums. Die Schriftstellerin Lindsay Hunter liest darin einen Monolog vor, begleitet vor allem von wilden Trommeln und kurz angeschlagenen Gitarrenakkorden. „Lindsay Hunter ist so, wie ich mir Pissed Jeans immer vorgestellt habe: eine reale, hässliche, schockierende Wahrheit“, schwärmt Korvette. Der Text, den sie aus der Sicht eines Mega-Machos verfasst hat, bestätigt diese Charakterisierung: Er ist gemein, eklig, chauvinistisch, schlüpfrig, erniedrigend, hemmungslos und in seiner überzeichneten Unbarmherzigkeit ebenso schockierend wie gelegentlich auch witzig, denn noch das harmloseste Büroutensil wird darin zum Sexspielzeug oder zur Metapher für Penetration. Not Even Married, das die Platte abschließt, beginnt mit dem Seufzer „Ah, relation ship trouble“ und führt dann vor, dass in unseren Zeiten sogar Trennungsschmerz inszeniert und zelebriert wird, natürlich ebenfalls öffentlich.

„Es gibt eine Sache, die ich auch selbst am stärksten mit Punk verbinde, die wahrscheinlich einen entscheidenden Anteil unserer Fans zu uns gebracht hat. Nämlich die Aufforderung, die Dinge zu hinterfragen. Geh nicht einfach ins Büro und trink deinen Kaffee! Laufe nicht einfach in einer Lederjacke und mit einer Riesenflasche Bier rum! Hinterfrage dich selbst ein bisschen, wenn du das hinbekommst“, sagt Korvette. Dieses Ethos gilt auf Why Love Now auch dann, wenn es mal nicht um Sex geht. Der Auftakt Waiting On My Horrible Warning verdeutlicht: Die Dinge, auf die er wartet, sind nicht allzu erfreulich, das Warten selbst wird dadurch aber nicht eben erträglicher. Die Stimme ist ein kaputtes Grunzen, jede Silbe scheint einzeln stranguliert zu werden, Bass und Trommel klingen ebenfalls, als würden sie jemanden zum Galgen begleiten wollen. Worldwide Marine Asset Financial Analyst kritisiert die Jagd nach dämlichen Titeln und zeigt, was wir alles opfern, bloß um etwas auf unsere Visitenkarte schreiben zu können, das möglichst hochtrabend klingt. Have You Ever Been Furniture erinnert daran, wie scheiße es sich anfühlt, womöglich auch noch freiwillig ein ohnmächtiges Rädchen im System zu sein.

Dass dies alles so aufregend und auch nach 13 Jahren als Band noch so ungestüm klingt, haben Pissed Jeans auch den beiden Menschen zu verdanken, die im Studio in Philadelphia das Sagen hatten: Arthur Rizk (Eternal Champion, Goat Semen) und Lydia Lunch. „Ich wusste, dass sie keine Produzentin im herkömmlichen Sinne ist. Aber wir wollten den Aufnahmeprozess ein bisschen aufmischen. Ich mag es, dass sie so cool ist, so einschüchternd. Sie war wirklich großartig, verrückt und voll engagiert“, sagt Korvette über Letztere. „Arthur Rizk war der Technik-Guru. Wir hatten also eine perfekte Kombination aus einem Technik-Experten und einer durchgeknallten Mentorin, die am Ruder saß.“

Gemeinsam verleihen sie Love Without Emotion einen faszinierenden Groove, der einen erstaunlichen Effekt hat: Wenn Matt Korvette singt „I got love“, dann klingt das wie etwas, was man ihm vielleicht lieber wieder wegnehmen sollte, schon bevor er das „love without emotion“ folgen lässt. (Won’t Tell You) My Sign erinnert daran, dass sich nicht an der Oberfläche erkennen lässt, warum wir sind, wie wir sind, und wird am Ende bedrohlich wütend. In Activia (mit dem hinterfotzigen Versprechen „Forget the rest of the world / it’s me and you / I’m your activia!“) klingt der Bass wie ein Zombie und die Gitarre wie ein Messerstecher. Der Gesamteindruck von Why Love Now ist damit nicht weit weg von grandios: Die Musik klingt wie von Neandertalern, der Inhalt könnte hingegen kaum reflektierter sein.

Nicht allzu groß sind die sportlichen Anforderungen, denen sich Pissed Jeans im Video zu The Bar Is Low stellen.

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