Protomartyr – „Ultimate Success Today“


Künstler Protomartyr

Protomartyr Ultimate Success Today Review Kritik

Bläser und Leere sind wichtige Zutaten von Protomartyrs „Ultimate Success Today“.

Album Ultimate Success Today
Label Domino
Erscheinungsjahr 2020
Bewertung

Protomartyr feiern in diesem Jahr ihr zehnjähriges Bestehen als Band, allerdings könnte man angesichts ihres fünften Albums befürchten, sie würden dieses Jubiläum nutzen, um sich zu verabschieden. Denn die zehn Lieder auf Ultimate Success Today handeln sehr häufig von Verschwinden, Auflösung und Leere.

„An empty space / that’s the whole of me“, heißt eine Zeile im Auftaktsong Day Without End, zu einem Sound, der bedrohlich und spannend klingt wie Nick Cave, angereichert um ein irrlichterndes Saxofon. June 21, in dem Sänger Joe Casey im Duett mit Nandi Plunkett singt, enthält die Zeilen „Summer in the city bring me low / wait up with me tonight, if you want / until the moment is gone“, der darin besungene Sommer klingt ziemlich mörderisch und dann in seinen letzten Zuckungen sehr betrüblich. „The past is full of dead men / the future is a cruelty / resign yourself“, lautet die Warnung in Modern Business Hymns, das trotz seines zynischen Titels mit viel Feuer und Energie einer der etwas weniger unkonventionellen Momente der Platte wird.

Es ist nicht allzu schwierig zu erklären, wie diese Endzeitstimmung beim Quartett aus Detroit zustande kommt. Da sind zum einen gesellschaftliche und politische Entwicklungen, die Joe Casey und seinen Mitstreitern Alex Leonard (Schlagzeug), Scott Davidson (Bass) und Greg Ahee (Gitarre) größte Sorgen bereiten, wie es beispielsweise in Processed By The Boys deutlich wird „When the ending comes / is it gonna run at us / like a wild-eyed animal“, lautet die Frage/Befürchtung darin, eingeleitet von einem schroffen Riff und fortgesetzt mit einer Kompromisslosigkeit und Vielschichtigkeit, wie man sie von The Clash kennt.

Zum anderen gibt es hier eindeutig eine persönliche Komponente. Casey wurde vor den Aufnahmen zu dieser Platte durch eine Krankheit auf seine eigene Vergänglichkeit hingewiesen, außerdem brachte ihn die Wiederveröffentlichung des Debütalbums von Protomartyr vor einem Jahr dazu, sich mit dem Lauf der Zeiten zu beschäftigen. Ihren Post-Punk hat die Band dabei mit reichlich Blasinstrumenten angereichert, die Jemeel Moondoc (Altsaxophon) und Izaak Mills (Bassklarinette, Saxophon, Flöte) beisteuern, dazu kommt das Cello von Fred Lonberg-Holm. Produziert haben sie Ultimate Success Today erneut gemeinsam mit David Tolomei (John Cale, Dirty Projectors, Girlpool, Lower Dens).

Natürlich sind diese Songs weiterhin weit davon entfernt, zugänglich oder gar schön zu sein, aber die Bandbreite von Protomartyr ist auch diesmal so erstaunlich wie beim Vorgänger Relatives In Descent. Manchmal wirkt es, als würden The Strokes ihre Streitigkeiten innerhalb der Band mit ihren Instrumenten austragen (I Am You Now), manchmal trifft ein massives Bass-Riff auf so etwas wie Sprechgesang, sodass das Resultat mit einem prominenten Beat auch von The Prodigy und Underworld vorstellbar wäre (Tranquilizer). Etwas Gelassenheit lässt The Aphorist in die Dramaturgie dieses Albums kommen, was wie eine nachdenkliche Inkarnation der Beatsteaks erscheint, bis eine pompöse, fast cineastische Passage kommt.

In Michigan Hammers klingt Casey, als sei er auf dem Weg in die Ausnüchterungszelle, zum Schafott oder in die Nervenheilanstalt, und die Musik scheint auch an einem dieser Orte entstanden zu sein. Alles in Bridge & Crown ist enorm freigeistig, die Spannung entsteht durch die Kombination dieser scheinbar unzusammenhängenden Elemente, und auch hier durch den Verweis auf die Endlichkeit aller Dinge: „Everybody knows / we’re holding on to little dreams / to drive our bodies all down the line / ‚til there’s nothing left.“ Worm In Heaven, der ein wenig an Elvis Costello erinnernde letzte Song auf Ultimate Success Today, greift dieses Thema nicht nur mit der passenden ersten Zeile „So it’s time to say goodbye“ auf, sondern erweist sich auch danach als ein Versuch der Selbstvergewisserung, gepaart mit einem sehr reizvollen Rest von Zweifel: “I was here / I was / or never was.“

Eine ziemlich schräg eskalierende Performance gibt es im Video zu Processed By The Boys.

Website von Protomartyr.

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