Pure & Crafted Festival, Berlin, Tag 1


Mando Diao Pure & Crafted Berlin Postbahnhof

Nur noch einen Frontmann haben Mando Diao am Start. Foto: Sven Wiebeck

„Unterstützt durch Produktplatzierung.“ Aus Fernsehen und Kino kennt man das ja: Firmen bekommen ein bisschen mehr Markenpräsenz als nötig, das entlastet die Produktionskosten. Für Musikfestivals ist die Idee allerdings recht neu: Natürlich sind auch dort seit Jahren die Sponsorenlogos neben den Videoleinwänden größer als die meisten Gitarrenverstärker, natürlich gibt es die obligatorischen Telekom-Aufblas-Hände vor der Bühne oder irgendwo auf dem Gelände einen Handyhersteller, der junge Menschen in eine durchsichtige Wassertonne springen lässt, in der Hoffnung, an deren Grund das neuste Modell zu finden und damit glücklich wieder aufzutauchen. Aber eine so enge Verzahnung von Musikerlebnis und Shopping wie beim Pure & Crafted Festival ist trotzdem (noch) ungewohnt.

Es gibt Stände fürs Haarstyling, einen Markt mit Lederklamotten von Wrenchmonkees oder Bartpflegeprodukten von Oak. Was woanders eine Reihe von Imbissbuden ist, heißt hier „Street Cuisine“. Das Konzept verspricht nicht einfach Rockmusikspaß, sondern ein „urbanes Festivalerlebnis“, „nachhaltige Lebenskultur“ und „New Heritage Lifestyle“. Vor allem aber gibt es: Motorräder. BMW Motorrad ist Hauptsponsor des Festivals am Berliner Postbahnhof, vor dem Einlass parken reichlich Bikes, im Zentrum des Geländes präsentieren sich Designer und Werkstätten in der Wheels Area, im Motodrom rasen die Maschinen an der Steilwand, und wenn von den Bühnen gerade keine Musik kommt, hört man immer wieder die Motoren aufheulen.

Pure And Crafted Logo

Ein „urbanes Festivalerlebnis“ verspricht die zweite Auflage des Pure & Crafted.

Man kann natürlich die Frage stellen, ob das sein muss und ein Programm mit guten Bands nicht mehr ausreicht, um ein erfolgreiches neues Festival auf die Beine zu stellen. Das Konzept sorgt aber immerhin für ein unverwechselbares Flair. Das Gelände sieht jedenfalls deutlich schicker aus als die Umgebung: Aus dem Backstage-Bereich blickt man wahlweise auf eine Baustelle und eine Brache, vor dem Eingang prangt der auch nicht sehr ansehnliche Ostbahnhof. Drinnen gibt es hingegen einheitlich gestaltete Büdchen, reichlich Backsteinoptik und erfreulich kurze Wege zwischen den beiden Bühnen.

Einen nicht zu unterschätzenden Vorteil hat die Sache mit der Produktplatzierung auch: Durch die weiteren Einnahmequellen und dank der vielen Sponsoren sind die Tickets fürs Pure & Crafted, das im vergangenen Jahr zum ersten Mal stattfand, erfreulich günstig. Die Tageskarten gab es (gerade haben die Veranstalter „ausverkauft“ gemeldet), für 29 Euro am Freitag und 39 Euro am Samstag – da zahlt man alleine für ein reguläres Konzert der jeweiligen Headliner schon mehr. Das Ticket für beide Tage war für 59 Euro zu haben, auch das ist deutlich weniger als von vergleichbaren Festivals aufgerufen wird. Zwar stehen im Line-Up des Pure & Crafted auch bloß zwölf Bands, an beiden Tagen gibt es nur rund sechs Stunden Livemusik. Dafür ist die Auswahl der Acts aber sehr stimmig.

Die erste Erkenntnis des Freitags beim Pure & Crafted lautet: Falls man wirklich nur an Musik (und nicht an Motorrädern und Männerfashion) interessiert ist, wird es tatsächlich ein bisschen schwierig, dem Drumherum auszuweichen. Der größte Teil des Publikums scheint allerdings nicht in diese Kategorie zu fallen: Die Stände in der Wheels Area sind gut besucht, Lederjacken gibt es nicht nur in den Shops, sondern auch als Oberbekleidung etlicher Besucher. Auch dicke Stiefel und Funktionskleidung (es nieselt ziemlich hartnäckig) sind prominent vertreten – ein bisschen wirkt das Pure & Crafted wie das Wacken mit viel besserer Musik und viel schickeren Gästen.

Die ersten Töne des Festivals steuern die Berlinmusiker bei, wie die Veranstalter eine kleine Reihe mit lokalen Künstlern genannt haben. Man erfährt dort beispielsweise, dass Laura Guidi sehr nach Kate Nash klingen kann. Dann geht es auch auf der Hauptbühne (draußen) und der Club Stage (drinnen) los. Für das erste Highlight sorgen Band Of Skulls. Russell Marsden, Matt Hayward und Emma Richardson zeigen sich, mit dem aktuellen Album By Default im Gepäck, in Bestform. „This song is a bit faster and louder than all the others“, kündigt Russel Marsden das letzte Stück der Show, Asleep At The Wheel, an – das kann man allerdings als Lüge betrachten, den das komplette Set strotzt vor Kraft und Spielfreude, vom Auftakt Light Of The Morning über Highlights wie The Devil Takes Care Of His Own oder Death By Diamonds And Pearls bis zum besagten Finale. Erst recht in diesem besonderen Ambiente ist es eindrucksvoll, wie spektakulär eine altmodische Rock-Show sein kann, ohne großes Brimborium.

Die Band ist eindeutig auch ein Fan des Festivalkonzepts: „Ich finde die Idee großartig“, sagt Schlagzeuger Matt Hayward im Interview vor der Show. „Es gibt tolle Musik, und in der Zwischenzeit kannst du dir irgendetwas Spektakuläres anschauen. Die Musikindustrie – egal ob Festivalveranstalter, Bands oder Plattenfirmen, braucht solche Innovationen, wenn sie die Leute weiterhin begeistern will“, sagt er. Auch sein Bandkollege Russell Marsden fühlt sich wohl inmitten von Bikern und Motorengeheul: „Wir haben in England so ein ähnliches Festival, da wird versucht, ein Musikfestival mit Promiköchen und gesunder Ernährung zu kombinieren. Da sind mir Motorräder deutlich lieber – die sind viel cooler.“

Ohne Motorrad, aber mit einigen anderen Überraschungen kommen dann Mando Diao auf die Bühne. Die Schweden bieten als Headliner am Freitag beispielsweise eine Elvis-Einlage, Sänger Björn Dixgård zieht schon beim dritten Song (und wie gesagt: bei herbstlichem Wetter) sein T-Shirt aus, dazu werden Tattoo-Aufkleber mit dem Slogan I’m Gonna Dance With Somebody an die Zuschauer verteilt. Allerdings scheint die Band nach dem Ausstieg des einstigen Co-Frontmanns Gustaf Norén im vergangenen Sommer in einer ernsthaften Identitätskrise zu stecken. Elektronikausflüge wie auf dem nach wie vor aktuellen Album Aelita haben sich erledigt. Bassist Carl-Johan Fogelklou macht während des ganzen Konzerts den größten denkbaren Bassisten-Fehler: Er vergisst, dass er nur der Bassist ist und nicht der Star der Show. Und zwischen Hits wie Down In The Past, das vom Publikum irritierend energisch eingeforderten Gloria oder das in der Zugabe platzierten Dance With Somebody mischt sich eine gute Dosis Wackeligkeit.

Der Auftritt macht Spaß, zugleich erlebt man aber unzweifelhaft mit, wie die neuen Mando Diao versuchen, sich von sich selbst zu überzeugen. Björn Dixgård genießt die Rolle als Alleinherrscher im Rampenlicht zusehends. Dass es nur noch einen Frontmann gibt statt einen Doppelpack, scheint er dadurch ausgleichen zu wollen, dass er die maximale Dosis Frontmann bietet, die man in einen einzigen Körper stecken kann. Allerdings scheint die Chemie in der Band nicht so recht zu stimmen: Es gibt nicht nur ein paar musikalische Hänger, sondern immer wieder auch verunsicherte Blicke zum Sänger, seltsame oder bloß nach Routine aussehende Anfeuerungsgesten und vor allem: wenig Lächeln. Während Dixgård seine neue Rolle voll und ganz ins Herz geschlossen hat, scheint die Band insgesamt ihre Balance in der neuen Besetzung noch nicht gefunden zu haben. Ob Mando Diao eine Zukunft haben und wie sie aussieht? Diese Frage ist nach der Show – auch die zwei soliden neuen Songs, die sie einstreuen, ändern daran nichts – eher größer als kleiner geworden.

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