Refused – „War Music“


Künstler Refused

Refused War Music Review Kritik

Die Sache mit der „War Music“ meinen Refused keineswegs metaphorisch.

Album War Music
Label Spinefarm Records
Erscheinungsjahr 2019
Bewertung

In eine ziemlich illustre Gesellschaft haben sich Refused da begeben. Ihr fünftes Studioalbum War Music, das zweite nach der Wiedervereinigung der schwedischen Hardcore-Helden im Jahr 2012, versammelt im Booklet etliche Zitate über Auf- und Widerstand, über Macht und Unterdrückung, über Mut und Nonkonformismus, über Utopie und die Frustration angesichts von deren Nichtverwirklichung. Die Aussagen stammen beispielsweise von Ulrike Meinhof, Pussy Riot, Oscar Wilde, Sergio Leone, Kurt Schwitters, Leo Trotzki, William Blake, Steve Earle , Frida Kahlo, Simone De Beauvoir, Bertolt Brecht und Karl Marx.

Sie lassen in ihrem Inhalt deutlich werden, dass die Sache mit der War Music keineswegs metaphorisch gemeint ist – und wer daran trotzdem noch einen Zweifel gehabt haben sollte, wird von Refused im Auftakt REV001 eingenordet: Per Sample singt eine Frauenstimme zu Beginn von „One more revolution, my love“, es klingt wie eine Aufnahme aus den Anfängen der Tonaufzeichnung und zeigt mit dieser Historie auch: Der Kampf, den sie kämpfen, ist einer, der schon seit Generationen ausgetragen wird. Dann beginnt das bekannte und geliebte Inferno, mit Blut auf den Straßen als Ergebnis der Schlacht gegen Schmerz und Versklavung.

„Wir glauben immer noch, dass der Kapitalismus nichts anderes ist als Krebs, und dass er geheilt werden kann. Wir glauben immer noch, dass das Patriarchat nichts anderes ist als Krebs, und dass es geheilt werden kann. Wir glauben an die Kraft der Kunst, das Bewusstsein zu verändern und zu erweitern. Und schließlich glauben wir vor allem an die totale, gewaltsame Auslöschung des einen Prozent. Blutrot bis wir verdammt noch mal tot sind. Auf geht’s“, lautet das Bekenntnis der Band.

Die Innbrunst dieses Appells, auch 28 Jahre nach Gründung der Band weiterhin ungebrochen, ist die Stärke von War Music. Der Glaube an Gewalt als notwendiges, vielleicht einzig mögliches Mittel ist die Schwäche der Platte, aber das eine bedingt bei Refused das andere. „I’m a violent reaction to you“, heißt die zentrale Zeile im zweiten Lied des Albums. Violent Reaction glänzt mit viel Geschwindigkeit und Spannung, sehr innovativer Gitarrenarbeit und einer Rhythmuseinheit voller Wucht. Es ist aber auch ein Beispiel für ein weiteres Manko: Der Sound (wohlgemerkt nicht: Komposition, Arrangement oder Performance) von War Music ist erstaunlich zahm. Da hätte man beim Mastering deutlich mehr Power herausholen können – um die ganze Kraft der neuen Songs zu erfahren, muss man also wohl auf die anstehende Live-Termine warten.

Das zeigt sich sowohl bei den Songs, in denen der Sound etwas näher an weniger aktivistischer Rockmusik ist (Linkin Park könnte man benennen, an einigen Stellen auch Disco Ensemble, nicht zuletzt The Hives, die man noch immer als ein indirektes Verdienst von Refused betrachten kann), als auch in solchen, die noch etwas mehr in den roten Bereich gehen als das bei dieser Band sowieso üblich ist. Turn The Cross wird m Prinzip Heavy Metal, die Single Blood Red erinnert daran: Egal, wie hart die Musik dieser Band ist, die Stimme von Sänger Dennis Lyxzén klingt immer noch ein bisschen extremer. „I’ll remain with blood on my hands / red is the heart that beats / blood for the end of our slavery / rise, let action speak“, heißt darin sein Credo, später dann: „Time for some militance / the fight will come down to us and them / joined we could represent / the last gasp of the one percent.“

The Infamous Left zeigt einmal mehr, wie intelligent und komplex Punk sein kann, wenn er von Refused gemacht wird. Der Song ist an einen einstigen Wegbegleiter gerichtet, der den Einsatz für eine gerechtere Welt jetzt vor allem am Schreibtisch vorantreiben will. Natürlich ist das in den Augen der Band das falsche Mittel: Ihr Ansatz braucht keine wissenschaftlichen Studien, sondern Handlung: „You theorize safe in your seat / but the struggle never left the streets.“ Malfire thematisiert Flucht und vor allem deren Ursachen, packt dazu den Gitarrensound von New Noise noch einmal aus und überrascht mit über weite Strecken cleanem, fast besonnenen Gesang. Damaged III macht in puncto Rhythmus interessante Dinge und gönnt sich dabei sogar ein Bass-Solo, inhaltlich rechnet es mit toxischer Männlichkeit ab und nimmt dabei auch das eigene Leiden daran und die eigene Rolle darin in den Blick. Dennis Lyxzén gesteht: Gewalt, Krieg, Missbrauch, Täuschung – all das steckt auch tief in ihm drin.

I Wanna Watch The World Burn hört man die eher noch gestiegene Militanz der Band aus Umeå an. „I wanna watch the world burn / for what it’s done / I wanna watch the world burn / for what we’ve become.“ Dass sich Refused in Hass und Zerstörungswut auch in diesem Fall selbst als Objekt einschließen, ist ein Pluspunkt. Auch Death In Vännäs zeigt, dass sie weit davon entfernt sind, aus einer vermeintlich überlegenen Position heraus zu predigen: Dennis Lyxzén bezeichnet sich darin in einer Zeile als Hofnarr – er weiß also auch, wie lächerlich manche sein stetes Bemühen finden könnten.

Economy Of Death ist wohl auch deshalb das letzte Lied auf War Music, weil man sich beim besten Willen nicht vorstellen kann, dass sie nach diesem Level an Wut, Feuer und Energie auch nur zehn Sekunden weiter spielen könnten. So zweifelhaft manche Parolen auf War Music auch sind: Vor dieser Entschlossenheit und Unbedingtheit kann man nur den Hut ziehen.

Im Video zu Blood Red verweisen Refused auch auf die eigene Geschichte.

Im November gibt es vier Deutschland-Konzerte von Refused.

04.11.2019 Köln, Carlswerk
05.11.2019 Hamburg, Große Freiheit
11.11.2019 München, Tonhalle
12.11.2019 Berlin, Huxleys

Website von Refused.

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