Rooney, White Lies, Filter, Mando Diao, Haus Auensee 4


Ende gut, alles gut: Das galt bei praktisch jedem Song der White Lies.

Ende gut, alles gut: Das galt bei praktisch jedem Song der White Lies.

Vor ein paar Monaten wollte der NME wissen, ob es noch so etwas wie „musical tribes“ gibt. Also isolierte Stämme, Cliquen, Szenen. Mods gegen Rocker, Punks gegen Popper – ist so etwas heutzutage, wo in jeder Indiedisco zu Electro getanzt wird, wo Metal problemlos mit  HipHop verschmilzt, noch denkbar? Zehn aktuelle Musikgrößen wurden dazu befragt, von Jack White über Rihanna bis hin zur Dubstep-Supergroup Magnetic Man. Sie alle waren sich einig: Eingeschworene (und einander natürlich verfeindete) Lager – das hat sich erledigt. Das war einmal.

Gestern Abend wurde klar: Sie haben sich geirrt. Den Beweis erbrachte ausgerechnet der Mitteldeutsche Rundfunk, der das zehnjährige Bestehen seiner Jugendwelle MDR Jump feierte und dazu ins Haus Auensee in Leipzig geladen hatte. Das Programm war durchaus erstaunlich: Rooney, White Lies, Filter und Mando Diao sollten für die musikalische Unterhaltung sorgen.

Dieses Line-Up lässt schon auf dem Papier durchaus aufhorchen. Denn erstens haben die vier Gruppen wenig gemeinsam (außer einer verhängnisvollen Tendenz zu dämlichen Bandnamen und der Tatsache, dass keine von ihnen eine Frau, ein U oder einen Funken Selbstironie beinhaltet). Und zweitens ist es ein doch eher untypisches, erfreulich alternatives Programm für den öffentlich-rechtlichen Mainstream-Hörfunk.

Selbst Rooney, die im Haus Auensee den Auftakt machten, sehen sich wohl als Indie-Band. Zumindest die Outfits und Frisuren legen diesen Verdacht nahe. Die Musik erweist sich als durchaus gefällig, kompetent und gut geeignet, das feierwillige Publikum in Leipzig langsam in Schwung zu bringen. Schließlich stehen Rooney für einen Sound irgendwo zischen High-School-Abschlussball, dem perfekten Extrakt aller feuchten Radiomacher-Wunschträume und der Hausband beim CDU-Parteitag. Neben der Tatsache, dass Sänger Robert Schwartzman (Cousin von Sofia Coppola und Nicolas Cage) hier seine Fantasie als Rockstar auslebt und sich das auch ohne Talent problemlos leisten kann, ist das mit Abstand das Ärgerlichste an Rooney: wie sagenhaft konservativ diese Band ist.

Was danach folgt, ist allerdings noch schlimmer. Denn zwischen den einzelnen Auftritten gibt es tatsächlich gut 20 Minuten lange Umbaupausen, in denen erst das Licht im Saal angeht und dann: gar nichts mehr passiert. Das ist ein seltsames Verständnis von Party. Bei Festivals kann man sich diese Zeit wenigstens mit Hinsetzen oder dem Weg zur nächsten Bühne vertreiben. Im Haus Auensee sorgen die Pausen bloß für Langeweile und Anti-Atmosphäre.

Insgesamt ist es trotzdem ein netter Abend, und dazu tragen auch White Lies bei. Im Interview am Nachmittag hatten sie nicht nur fleißig mit MDR-Jump-Streichhölzern gekokelt, sondern auch erklärt, wie reibungslos die Zusammenarbeit mit Produzent Alan Moulder (The Killers, Smashing Pumpkins) beim im Januar erscheinenden Album Ritual geklappt hat. Er hat den Sound der White Lies behutsam in Richtung Pop verschoben. Das funktioniert auch auf der Bühne in Leipzig gut. Die aktuelle Single Bigger Than Us ist eines der Highlights.

Allerdings haben die White Lies dasselbe Problem wie die ganze Veranstaltung: Immer, wenn es gerade aufregend wird, sinkt die Spannungskurve wieder ab. Quasi jeder ihrer Songs ist am Ende eine packende Hymne, lässt sich aber viel Zeit, um zu diesem Punkt zu kommen. So wird die Show von White Lies zu einem kleinen Euphorie-Stakkato: Die ersten zwei Minuten jedes Songs gerät man wiederholt in Versuchung, die Dichte an zertretenen Kaugummis auf dem Teppichboden im Haus Auensee pro Quadratmeter zu ermitteln (meine letzte Hochrechnung: 14,3), dann wird es aber aufregend, erhebend, packend. Da gilt wohl: Ende gut, alles gut.

Und dann passiert es. Dann wird klar, dass von anything goes in der Musik, von grenzenloser Toleranz der Fans und bis zur Unkenntlichkeit verschwimmenden Genres auch im Jahr 2010 keine Rede sein kann. Filter, extra für diese Show aus den USA nach Leipzig gereist, betreten die Bühne – und es dauert nicht einmal eine Minute, bis sich im Haus Auensee das Entsetzen breit macht.

Steve O. trifft Johnny Knoxville: Filter sorgten für Entsetzen.

Steve O. trifft Johnny Knoxville: Filter sorgten für Entsetzen.

Sehr junge Mädchen fliehen scharenweise aus den vorderen Reihen und halten sich dabei hilfesuchend an den Händen. Ältere Pärchen bringen sich an der Theke in Sicherheit. Und zwei Kerle hinter mir liefern sich einen amüsanten Dialog, der die Bestandteile „die sinnloseste Band, die ich je gesehen habe“ und die Frage „Wer hat die denn geholt?“ beinhaltet.

Keine Frage: Für Hard Rock ist die Jump-Zielgruppe ungeeignet. Auch für einen Sänger, der aussieht wie ein Mix aus Johnny Knoxville und Steve O., zwei Drittel des Konzerts mit Sonnenbrille bestreitet und schon beim zweiten Lied erfreut feststellt, dass man in Good Old Germany auch live auf der Bühne „fuck“ sagen darf, sogar wenn die Gage von Rundfunkgebühren bezahlt wird.

Filter liefern die bis dahin zweifelsohne sehenswerteste Show, sie finden sich selbst ebenso wie das Publikum in Leipzig „awesome“ und machen klar, dass ihnen als Pioniere der Kombination aus Hard-Rock und komplexen Beats ein guter Teil der Meriten gehört, die später Limp Bizkit oder System Of A Down eingestrichen haben.

Als sie die Ballade Fades Like A Photograph spielen (die der Jump-DJ in der Anmoderation noch gepriesen hatte und die empfindlicheren Fans zugleich schon einmal vergeblich warnte, dass Filter „auch ihre etwas härteren Songs“ spielen würden), und danach auch noch das ebenfalls recht sanfte Take A Picture, ist das ein herrlich ironischer Moment. Denn die beiden Kerle hinter mir, die Filter kurz zuvor noch „sinnlos“ fanden, merken wohl gerade, dass sie zu diesen Liedern schon oft im Auto mitgesummt haben. Sänger Richard Patrick lässt es sich nicht nehmen, provokant noch die Frage hinterher zu schieben: „Do you like mellow?“

Und Mando Diao? Die habe ich sausen lassen. Erstens waren sie im Interview erneut ein bisschen schnippisch (auch wenn sie immerhin verraten haben, dass sie ein Weihnachtslied geschrieben haben). Zweitens ist ein Unplugged-Konzert wohl die schlechteste Medizin, um nach drei Umbaupausen noch einmal wach zu werden.

Mando Diao spielen Leave Me Be live im Haus Auensee in Leipzig:

Bei Leipzig Live gibt es noch eine Menge Fotos von der Jump-Party im Haus Auensee.


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