Roxette, Völkerschlachtdenkmal, Leipzig 4


Roxette spielten in Leipzig vor 14.000 Fans.

Roxette spielten in Leipzig vor 14.000 Fans.

Eine „Zurschaustellung“ sei das. Ein „gespenstischer Auftritt“. „Das Gesicht starr, die Worte starr, die Augen weit offen, weiter als üblich. Mühsam muss das (…) sein, die Sätze zu sprechen, einige Laute zischen ein bisschen. Sie ist krank, das erkennt jeder.“ So nahm Welt Online den ersten Auftritt von Monica Lierhaus als Moderatorin der ARD-Fernsehlotterie wahr.

Eine berühmte, vitale, attraktive Frau. Ein Schicksalsschlag. Eine schwere Krankheit, während der sie mehrmals dem Tod näher ist als dem Leben. Eine mühevolle Genesung. Die Entscheidung, trotz allem wieder zurückzukehren ins Rampenlicht. All das machte das Leben von Monica Lierhaus in den vergangenen Jahren aus. Und das von Marie Fredriksson.

Dass es von Roxette nach zehn Jahren mit dem Nummer-1-Album Charm School noch einmal eine neue CD geben würde, ist nach dem Hirntumor der Sängerin erstaunlich genug. Dass die 53-Jährige nun sogar auf Tour geht, grenzt an ein Wunder. Die Krankheit hat sie gezeichnet. Sie gibt keine Interviews. Im Video zum Comeback-Hit She’s Got Nothing On (But The Radio) sind ihre Einstellungen so stark überbelichtet, dass man ihre Mimik kaum ausmachen kann. Und nach wie vor fällt es Marie Fredriksson schwer, sich neue Texte einzuprägen, hatte mir ihr Roxette-Kompagnon Per Gessle im Interview verraten.

Auch beim Roxette-Konzert in Leipzig merkt man Marie Fredriksson das Handicap noch an. Wie in besten Zeiten trägt sie eine schwarze Lederhose und ein Bolero-Jäckchen zu ihren raspelkurzen, platinblonden Haaren. Doch wo sie früher der umtriebige und unbestrittene Mittelpunkt der Show war, ist ihr Aktionsradius jetzt nur noch so groß wie das Podest von Schlagzeuger Pelle Alsing. Sie rennt nicht über die Bühne, sondern steht die meiste Zeit, immer wieder hält sie sich zudem am Mikrofonstativ fest. Zum Ende des Konzerts, nach 22 Liedern, hakt sie sich bei Per Gessle ein, der sie stützt und von der Bühne führt.

Als She’s Got Nothing On (But The Radio) ertönt, das auch im Vergleich zu den größten Klassikern der Schweden einen kaum zu fassenden Jubel auslöst, singt sie die Strophe nicht mit – offensichtlich, weil ihr der schnelle Sprechgesang zu schwer fällt. Background-Sängerin Helena Josefsson hat nicht nur die Rolle als Derwisch auf der Bühne, sondern unterstützt immer wieder auch die Gesangs-Passagen von Marie, quasi als stimmliche Gehhilfe. Und als Marie Fredriksson Perfect Day, das zur Glanzzeit von Roxette während der Joyride-Tour stets den Rausschmeißer gemacht hatte, als Quasi-Solo-Nummer singt, da merkt man, wie sehr die Zeit und der Krebs auch an ihrer Stimme gezehrt haben.

„Ihre Stimme hat jetzt so eine ganz besondere Verletzlichkeit, etwas Rohes“, hatte Per Gessle diese Veränderung im Interview Anfang des Jahres sehr treffend umschrieben. Gerade diese Reife und Verletzlichkeit ist es, die Perfect Day an diesem Abend in Leipzig zu einem so bewegenden Erlebnis macht. Da ist all die Stärke und Virtuosität der früheren Jahre, und da sind die Tragik und der Trotz der jüngeren Vergangenheit, alles vereint in einem einzigen, ergreifenden Lied.

In der zweiten Hälfte der tollen Show legten Per und Marie richtig los.

In der zweiten Hälfte der tollen Show legten Per und Marie richtig los.

Spätestens da, beim sechsten Song der Show, ist klar, dass der Abend am Völkerschlachtdenkmal ein Erfolg werden wird. Ozark Henry hatte sich im Vorprogramm zwar etwas heiser, aber trotzdem solide präsentiert. Insbesondere die Single This One’s For You kam bei den 14.000 Fans gut an. Doch natürlich sind sie hier, um Per und Marie zu erleben. Vielen sieht man an, dass sie mit der Musik von Roxette sozialisiert wurden. Ein paar ältere Semester haben damals wohl immer die Bravo für ihre Kinder gekauft und gehen nun, mittlerweile um die 50, selbst zum Roxette-Konzert. Ein paar Teenies, womöglich vom aktuellen Hit infiziert, sind in Leipzig auch dabei. Es gibt sogar ein beachtliches Rentner-Kontingent im Publikum. Und ein paar Fans, die Heavy-Metal-T-Shirts tragen oder Punkfrisuren haben, und die noch vor wenigen Jahren nicht ums Verrecken zugegeben hätten, dass sie heimlich auch mal ganz gerne Roxette hören. Das ist vielleicht das Beste an der langen Pause von Per und Marie: Zum ersten Mal seit 20 Jahren sind Roxette wieder cool. Das hatte sich zu Zeiten von Milk And Toast And Honey wirklich nicht abgezeichnet.

Passend zu solch erstaunlichen Phänomenen ist EMFs Unbelievable der letzte Track, der die Pause zwischen Vorgruppe und Hauptact überbrückt. Dann kommen Roxette auf die Bühne, umrahmt von exakt der Band, mit der Per Gessle vor zwei Jahren bei der „Gessle Over Europe“-Tour unterwegs war. Viele der Songs spielt die Band auch in ganz ähnlichen Arrangements – und das ist mehr als erfreulich. Der Opener Dressed For Success klingt wie in einen Jungbrunnen gefallen, Wish I Could Fly profitiert von einer guten Zusatzdosis Gitarren, Opportunity Nox lässt plötzlich sogar erkennen, warum Per Gessle sich einst entschloss, den Song zu einer Single zu machen.

An anderen Stellen verlassen sich die Helden aus Halmstad auf Bewährtes. Bei It Must Have Been Love dürfen die Fans am Anfang singen wie während der Joyride-Tour, Things Will Never Be The Same bringen Per und Marie in einer akustischen Version als Duo, die sich genau so schon auf dem Tourism-Album findet, und als bei Joyride die Zeile mit dem „wonderful balloon“ kommt, regnet es wie eh und je Luftballons aufs Publikum.

Ein paar Überraschungen hält die Setlist aber auch bereit. Mit Only When I Dream, She’s Got Nothing On (But The Radio) und Way Out, das den zweiten Zugabenblock einläutet, gibt es nur drei Stücke vom aktuellen Album Charm School zu hören. Ein paar Hits fehlen (immerhin 11 von den 28 Liedern auf der Setlist meiner Träume erklingen am Völkerschlachtdenkmal tatsächlich), dafür gibt es mit Silver Blue (ursprünglich eine B-Seite von The Look), 7Twenty7 (das beinahe Hardrock-Dimensionen erreicht) und dem wunderschönen Watercolours In The Rain (für das Per zu Beginn des ersten Zugabenblocks an den Synthesizer wechselt) einige Songs, mit denen wohl kaum einer gerechnet hat.

The Look geht in eine Hey Jude-Reprise über (auch sonst neigt die Band gelegentlich zu unnötigen Längen), vor Joyride als letztem Lied des regulären Show-Teils erfreut Gitarrist Christoffer Lundquist die Fans in Leipzig mit einer Jimi-Hendrix-Version des lokalen Klassikers Sing mei Sachse, sing.

How Do You Do! verschmilzt mit Dangerous zu einer grandiosen Melange, im selben Moment wandelt sich das Bühnenbild. Wo im Hintergrund zunächst so etwas wie ein Anime-Design geprangt hatte, ist nun ein Foto von Per und Marie aus den Joyride-Tagen zu sehen. Mit dem neuen Bühnenbild erreicht auch das Konzert noch einmal ein ganz neues Level. Spending My Time, Listen To Your Heart oder der herzzerreißende Rausschmeißer Church Of Your Heart sorgen für Glückseligkeit pur, für Gänsehaut, für Dankbarkeit.

Am Ende ist dieses Konzert auch deshalb so großartig, weil Maries Krankheit mit keinem Wort erwähnt wird. Die Größe ihrer Leistung ist auch so jedem Zuschauer klar. Aber was ihr hier entgegenschlägt, ist kein Mitleid, sondern Bewunderung – und anders als Monica Lierhaus bei der Fernsehlotterie schaffen es Roxette, mit dem, was sie an diesem Abend in Leipzig bieten, die Leidensgeschichte völlig in den Hintergrund treten zu lassen. Unbelievable.

Die komplette Setlist des Roxette-Konzerts in Leipzig:

Dressed For Success

Sleeping In My Car

The Big L.

Wish I Could Fly

Only When I Dream

She’s Got Nothing On (But The Radio)

Perfect Day

Things Will Never Be The Same

It Must Have Been Love

Opportunity Nox

7 Twenty 7

Fading Like A Flower

Silver Blue

How Do You Do!

Dangerous

(Sing mei Sachse, sing)

Joyride

Zugabe:

Watercolours In The Rain

Spending My Time

The Look

Zweite Zugabe:

Way Out

Listen To Your Heart

Church Of Your Heart

Ein bisschen Gänsehaut: Roxette spielen Spending My Time live am Völkerschlachtdenkmal Leipzig:


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4 Gedanken zu “Roxette, Völkerschlachtdenkmal, Leipzig

  • Homer

    Hallo,

    wollte nur mitteilen, dass in der Setlist der Song „The Big L.“ als drittes Lied fehlt.

    Gruß

  • Roxi

    Hi,

    was für ein toller Bericht! 🙂 Sehr eloquent, auch musikalisch, und genau beobachtet! Man merkt, daß sich der Verfasser mit der Materie und Roxette auskennt.

    Ich perönlich bedauere es allerdings ein wenig, daß so mancher Song in en rockiges Gewand gesteckt wurde, da teilweise der Charakter der Stücke verloren geht und die Faszination, die eben darurch enttand, wie sie geschrieben wurden, ist stark gemindert… Z.B. „Joyride“ ist eine Enttäuschung gewesen… Alles, was den Song ausmachte, wurde weggelassen..Melodien, Riffs etc. … An manchen Sachen sollte man eben lieber nichts verändern….

    Naja, trotzdem ein Hammer-Konzert! Schön, daß Roxette nochmal „live“ zu erleben waren.