Royal Blood – „Typhoons“


Künstler Royal Blood

Royal Blood Typhoons Review Kritik

Royal Blood haben bei „Typhoons“ erstmals selbst produziert.

Album Typhoons
Label Warner
Erscheinungsjahr 2021
Bewertung

Das hat ja gerade noch gefehlt. Da sehnt man sich seit fast anderthalb Jahren nach Tanzen, Ausgelassenheit oder ein bisschen Festival-Spaß, und dann kommt eine Band daher, die eigentlich als Party-Garant gilt, und veröffentlicht ein Album, das sehr stark vom ersten Corona-Lockdown beeinflusst ist und um Aussagen wie diese Erkenntnis des Sängers kreist: „Mit dem Alkohol und überhaupt allen Drogen ist es ein bisschen so wie mit einem Vergnügungspark: Es ist großartig, für einen Tag da zu sein, aber man kann nicht sein ganzes Leben dort verbringen.“

Wer das enttäuschend oder alarmierend findet, kann aufatmen. Schließlich handelt es sich hier um Ben Thatcher (Drums) und Mike Kerr (Gesang, Bass, Piano), die seit gemeinsamen Jugendtagen in Brighton wissen, wie man Krisen zu meistern hat, und die als Royal Blood mit zuvor bereits zwei Alben (beide #1 in der Heimat) sowie Konzertreisen mit den Foo Fighters oder Queens Of The Stone Age bewiesen haben, dass Entertainment bei ihnen ganz weit oben auf der Prioritätenliste steht. Und so bietet auch das am Freitag erscheinende Typhoons wieder Songs, die ebenso kraftvoll wie cool sind (Who Needs Friends), klasse Refrains haben (Hold On), als überraschende und patente Klavierballade daherkommen (All We Have Is Now) oder sich als ziemlich tanzbarer Wahnsinn erweisen (Mad Visions).

Auch der Bezug zur Pandemie hat keineswegs zur Folge gehabt, dass Royal Blood plötzlich Trübsal blasen. Die Arbeit an dem erstmals selbst produzierten Album begann 2019 noch völlig ungetrübt von SARS-CoV-19 und seinen Folgen. Erst, als das Duo 2020 eigentlich in den Schlussspurt der Sessions gehen wollte, mussten die Aufnahmen abgebrochen werden. Was sich im Nachhinein aber als Glücksfall erwies, wie Mike Kerr sagt: „Die besten Songs des Albums sind während des Lockdowns entstanden. Jedes Mal wenn die geplante Veröffentlichung wieder ein Stück nach hinten verschoben wurde, bekamen wir dadurch Extrazeit geschenkt, die wir gut investiert haben.“ Das kann man unterschreiben: Die Band erfindet sich nicht neu, ist auf dieser Platte aber sagenhaft kreativ und innerhalb der Songs jeweils so abwechslungsreich, dass die sehr einheitliche Ästhetik im Verlauf der Platte eher für Wiedererkennungswert sorgt als für Abnutzungserscheinungen.

Als Initialzündung für das dritte Album und eindeutiges Signal, dass sie auf einem guten Weg sind, erwies sich dabei Trouble’s Coming, das die Platte nun eröffnet. „Das war der Lichtschalter, der eine Song, mit dem alles ins Rollen gekommen ist“, sagt Kerr, und in der Tat kann man hier eine geradezu ansteckende Entschlossenheit erkennen, die aber niemals plump wirkt. Auch wenn man weiß, wie gerne und gekonnt Royal Blood immer wieder Rock, French House, Disco, Techno und Pop aufeinandertreffen lassen, so ist es wieder ein Abenteuer, in so einem Song dabei zu sein, wenn Does It Offend You, Yeah? gedanklich auf Black Sabbath treffen. Million And One weckt ganz ähnliche Assoziationen: Man ahnte ja schon längst, dass die Jungs von Justice lieber in einer Hardrockband gespielt hätten – und wenn sie das wirklich in die Tat umgesetzt hätten, würde diese Band wohl so klingen wie dieser Track.

Oblivion ist vollgepackt mit Ideen. Im Zentrum steht hier und auch sonst bei Royal Blood fast immer ein Riff, aber das Ergebnis ist viel weniger selbstgerecht, als es diese Art von Rockmusik normalerweise ist. Eine Zeile am Beginn von Limbo heißt „Nobody move, nobody gets hurt“, und bei so viel Energie und Groove dürfte das in ganz schön vielen Verletzungen münden. Boilermaker wird etwas brutaler als der Durchschnitt von Typhoons und baut sogar ein paar Rap-Elemente ein. Für die Botschaft von „Jetzt komm mal in die Pötte und sag halt, was Sache ist“ ist das Riff in Either You Want It die perfekte Entsprechung.

Der Titelsong thematisiert dann noch einmal die eingangs erwähnte Drogen-Bekehrung, genauer gesagt die Tatsache, dass Mike Kerr seit Ende 2019 keinen Alkohol mehr trinkt. Typhoons liefert die Begründung: „‚Cause all these chemicals / dancing through my veins / they don’t kill the cause / they just numb the pain.“ Im Rückblick habe es ihm erst die Abstinenz ermöglicht, „die dunkle Seite wirklich auszuloten“, sagt er. „Während man an so einem düsteren Ort ist, hat man kein Interesse daran, auch noch darüber zu schreiben. Hinzu kommt, dass die Erinnerungen zurückkommen, wenn man nüchtern ist. Es ist beinahe so, als würde ich in eine Kristallkugel blicken – nur eben rückwärtsgewandt.“

Als neues Lieblings-Rauschmittel sieht er die Konzerte von Royal Blood wie die umjubelten Auftritte der Band beim Doppelfestival in Reading und Leeds im August 2019. „Solche Shows zu spielen, ist eine Droge an sich“, sagt Kerr. „Außerdem sind mein Gesang und mein Spiel seitdem viel besser. Ich liebe es einfach, auf solchen Bühnen zu stehen und diese Songs zu spielen.“ Dann hoffen wir mal, dass das bald auch mit dem Material von Typhoons möglich ist.

Unter den Helmen im Video zu Limbo stecken womöglich die Jungs von Daft Punk.

Website von Royal Blood.

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