Ryan Downey – „A Ton Of Colours“


Künstler*in Ryan Downey

Ryan Downey A Ton Of Colours Review Kritik

Drei Hände und noch mehr Gefühle zeigt Ryan Downey auf „A Ton Of Colours“.

Album A Ton Of Colours
Label Dot Dash
Erscheinungsjahr 2021
Bewertung

Fast 1,7 Milliarden Überstunden wurden laut Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) im Jahr 2020 in Deutschland gemacht. Wie viel Musiker*innen dazu beitragen, wird leider nicht offiziell erfasst, und auch für die globale Perspektive kenne ich keine Daten. Aber Ryan Downey dürfte, wenn es so eine Statistik gäbe, eine Menge dazu beigetragen haben. Denn A Ton Of Colours sollte eigentlich innerhalb von drei Wochen in den Soundpark Studios seiner Heimatstadt Melbourne aufgenommen werden, gemeinsam mit Produzent Burke Reid (zuletzt unter anderem für Courtney Barnett im Einsatz) sowie Nicholas Roder (Bass) und Jesse Glass (Schlagzeug) als Mitgliedern seiner Liveband. Weil dann COVID-19 die Welt eroberte und sie immer wieder auf die nächste Pause im Lockdown warten mussten, zog sich der Prozess aber sechs Monate lang hin.

Die Geduld hat sich allerdings ausgezahlt. Die Platte liefert sehr klassisches Songwriter-Material und fühlt sich dabei in jedem Moment besonders und inspiriert an. Auch der Künstler selbst ist zufrieden. „Was sich für die Entstehung des Albums zunächst ziemlich lähmend anfühlte, hatte am Ende auch seine Vorteile“, sagt Downey. „Burke und ich waren in der Lage, über einen viel längeren Zeitraum aus der Ferne zu kommunizieren, als ich es normalerweise mit einem Produzenten tun würde. Wir konnten Dinge umgestalten und Ideen für die Songs und ihre Texturen entwickeln, die sonst nie entstanden wären. Das gab uns den Raum und die Freiheit, etwas herumzuspielen.“

Man hört das gut in einem Stück wie Sors De Ma Tête: Die Stimmung ist geruhsam, aber da ist ein nicht zu überhörendes Brodeln in der Stimme wie beispielsweise bei Nick Cave, und dann erklingt plötzlich ein fieses Gitarrensolo. Das clever arrangierte und lyrisch besonders starke Half Light („Fear, you will not own me / But I don’t want to be lonely / I just want to see half light / in full flight“) überrascht zwischendurch mit einem schrägen Chor, Patterns reichert seine schwebende Leichtigkeit und Innigkeit mit einem Pfeifen an.

Die Vermutung liegt nahe, dass solche Details sich erst durch das Immer-Wieder-Durchdenken der Songs, durch Experimentieren und Variieren den Weg in diese Lieder gefunden haben. Auch die Erfahrung nach den Konzertreisen mit der Band, wie gut seine Songs auch in einem etwas kraftvolleren Gewand funktionieren, ist unverkennbar in A Ton Of Colours eingeflossen. „Die Künstler*innen, die ich liebe, sind sehr großzügige Interpret*innen“, sagt Downey, „Kate Bush, Karen O, David Byrne, Annie Lennox… Künstler*innen, die einen Ausdruck aus einem tiefgründigen Ort voller Menschlichkeit bieten und wissen, wie man Dinge ausbalanciert – Schönheit mit Härte, das Leise mit dem Lauten“, sagt der Australier.

Prägend für die Musik von Ryan Downey bleiben indes sein Bariton (in Contact gelingt ihm Croonen ohne Schmalz, sogar auf eine fast dreckige Weise geerdet; das reduzierte Edge Of U klingt wie ein experimentierfreudiger Chris Isaak) und die Tatsache, dass er keine Angst davor hat, Gefühle zuzulassen. Im Album-Abschluss Bobby gelingt ihm die große Geste, der Auftakt Heart Is An Onion erzeugt Spannung und sogar Drama mit ein bisschen Bruce-Springsteen-Breitbeinigkeit und etwas Maximo-Park-Grandezza. „Ich hatte diese großen, dramatischen Songs geschrieben, die ich lebendig und spielerisch darstellen wollte, aber mit Realismus in den Aufnahmen ausgeglichen, was Burke sofort verstand“, umschreibt er diesen Ansatz.

Never The Same braucht dazu nur Klavier und Gesang, in diesem Song ist zudem die Zeile zu finden, die dem Album seinen Titel gab, wozu Ryan Downey auch eine spezielle Geschichte zu erzählen hat: „Ich habe einen Artikel über Chamäleons gelesen und darüber, dass die Forschung immer dachte, sie würden ihre Farbe zum Zweck der Tarnung wechseln. Aber vor kurzem wurde herausgefunden, dass dies eher dem emotionalen Ausdruck und der Kommunikation dient. Ich fand diese neue Erkenntnis wirklich schön, und sie entsprach genau dem, was ich mit meinen Songs erreichen wollte. Ich schrieb die Zeile ‚Now I’m in colour / A ton of colours / Free to fill every corner of the breeze‘ und aus dieser Zeile war der Titel des Albums für mich offensichtlich.“

Die emotionale Bandbreite ist in der Tat erstaunlich. Gerne setzt er auf einen großen, nach Weite klingenden Gitarrensound wie in The Holiday, vor allem aber bietet die Platte genug Ecken und Kanten, wie es in Same Dream, Every Night am deutlichsten zu erkennen ist. Auch die sind vielleicht der unerwartet intensiven Studioarbeit entsprungen. In seinem eigenen Fazit von A Ton Of Colours geht Downey noch einmal auf die ungeplant lange Entstehungszeit ein: „Das Album handelt von vielen Dingen (es wurde schließlich über zwei Jahre hinweg geschrieben), aber letztendlich schreibe ich immer über das Menschsein – seine Schönheit, seine Widersprüche, unser Verlangen nach Verbindung. Ich mag es, ein wenig Realität mit etwas Magischem, Spukhaftem zu mischen, denn das eine ohne das andere ist für mich nicht sehr interessant. Ich kann mich sehr gut an das Zitat des spanischen Filmemachers Pedro Almodóvar erinnern: „Ich möchte das Leben in meinen Filmen nicht imitieren, ich möchte es darstellen. Und bei dieser Darstellung verwendet man die Farben, die man fühlt, und manchmal sind es falsche Farben. Aber immer geht es darum, Emotionen zu zeigen.“

Das Video zu Contact nutzt eine Raumkapsel als Symbol für die Corona-Isolation.

Website von Ryan Downey.

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