Sportfreunde Stiller, Leipzig, Parkbühne 4


Ganz viel Spielfreude, auch im Sitzen: die Sportfreunde Stiller in Leipzig.

Es hatte nicht gut begonnen: Das Interview, das ich mit Roman Fischer führen wollte, musste verschoben werden. Der Security-Mann wollte mich mit Filmkamera erst nicht reinlassen. Und außerdem hatte ich ziemlich zwiespältige Erinnerungen an die Sportfreunde Stiller.

Da waren tolle Konzerte wie 2004 bei Rock am Ring, als ich kurz vorher Nora Tschirner getroffen hatte und noch ganz high war. Aber auch schlimme Shows wie ein paar Wochen vorher im Leipziger Haus Auensee, als ich eigentlich nur da war, um die Vorband Nada Surf zu sehen, dann eine Karte auf dem Schwarzmarkt kaufen musste – und deshalb nicht nur Nada Surf verpasste, sondern später auch noch eine frenetisch gefeierte Puhdys-Coverversion ertragen musste. Oder, bisher am schlimmsten: Als ich die Libertines in Berlin sehen wollte, auf dem Weg zum Club beim angeblichen Schwarzfahren erwischt wurde, und dann nur die Sportfreunde Stiller geboten bekam – die spontan als Ersatz für die kurzfristig an Drogen erkrankten Libertines eingesprungen waren.

Und heute Abend kam noch etwas anderes hinzu: Fußball. Weil ich mich entschieden hatte, die Sportfreunde Stiller auf der Parkbühne zu sehen, konnte ich das Länderspiel gegen Bosnien-Herzegowina nicht verfolgen. Immerhin der letzte Härtetest der deutschen Mannschaft vor der Fußball-WM. Das war keine leichte Entscheidung.

Aber die richtige. Denn Fußball gab es dann auch in der Parkbühne genug, in gewisser Weise sogar ein kleines Sommermärchen. 3000 Fans feierten innen, eine ganze Menge genossen draußen im Clara-Zetkin-Park den Sound (wenn man so will / war das ihre Chill-Out-Area).

Und auf jeden Fall hatten sie mehr Spaß als alle, die sich für Fußball und Fernsehen entschieden hatten. Denn anders als Jogis Jungs erwiesen sich die Sportfreunde Stiller in Leipzig von Anfang an in Hochform – und hatten eine ganze Menge Parallenen zur DFB-Elf zu bieten.

Gut im Vorprogramm und sympathisch im Interview: Roman Fischer.

Auch für die Sportfreunde Stiller stand eine wichtige Bewährungsprobe ins Haus: Morgen sind sie bei Rock am Ring zu sehen, tags darauf bei Rock im Park. Auch sie hatten ein paar Einwechslungen: Gastsängerin Julia trat zweimal auf, Christoph von den Emil Bulls half bei einem Song an der Gitarre aus und Roman Fischer, der schon das Vorprogramm bestritten und im dann doch noch zustande gekommenen Interview sehr charmant geplaudert hatte, verstärkte am Ende den Chor. Und auch die Sportfreunde haben ein paar Stars eingebürgert, um noch schlagkräftiger zu werden: So gab es natürlich die Coverversion von Udo Jürgens‘ Ich war noch niemals in New York. Und auch den Subways-Kracher Rock’N’Roll Queen machten sich die Sportfreunde zu eigen (und ließen dazu einen komplett irren Gorilla ein Gitarrensolo spielen).

«Das ist schon toll. Aus gerade einmal drei Akkorden machen die Subways so einen super Song», kommentierte Sänger Peter Brugger die eigene Freude an der gelungenen Coverversion. Diese kurze Erkenntnis ist ganz zentral, wenn man verstehen will, warum das heutige Konzert in Leipzig ein so gelungener Abend war. Denn zum einen wissen die Sportfreunde Stiller sicherlich selbst, dass auch sie nicht gerade die größten Virtuosen sind, wenn es um Instrumente, Gesang, Texte oder Komposition geht. Da gibt es nicht zig Oktaven, da reimt sich nichts besonders clever, da macht es (wie sich am Schluss zeigt) keinen großen Unterschied, ob der Drummer am Schlagzeug sitzt oder der Sänger.

Trotzdem haben sie es zu mittlerweile fünf Top-10-Alben gebracht, spielen längst in der Champions League der deutschen Rockmusik, stehen nun im Anzug und mit Streichern auf der Bühne – und wundern sich offensichtlich ab und zu immer noch selbst darüber.

Zum anderen ist ihnen auch beim dritten Konzert innerhalb von drei Tagen noch nicht die Freude an der eigenen Musik vergangen. Wenn sie kurz vor der Zugabe einen Kreis bilden (eben wie ein Fußballteam), wenn Peter Brugger kurz versucht, wie Lena Meyer-Landrut zu tanzen (und dabei im dunklen Anzug erstaunlicherweise doch eher aussieht wie Caleb Followill von den Kings Of Leon) oder wenn sie sich bei Wunderbare Jahre kurz an HipHop wagen, dann muss man staunen, wie viel Spaß nach wie vor in den Sportfreunden Stiller steckt.

Deshalb können sie es sich erlauben, den Hit Ein Kompliment schon zu spielen, als es noch hell ist. Als das Lied vorbei ist, singen die 3000 Fans in der Parkbühne einfach weiter. «Das ist bisher noch nie passiert», stellt Brugger ehrlich gerührt fest – und damit ist schon nach einem Drittel der Show ein Punkt erreicht, an dem man sich fragen muss (wie beim Fußball), ob sie damit ihr Pulver nicht zu früh verschossen haben.

Doch das Gegenteil ist der Fall: Auch alle, die bis dahin noch einen Rest Reserviertheit bewahrt hatten, haben sie jetzt im Sack. Und außerdem haben die Sportfreunde Stiller noch genug Kondition und reichlich Tricks auf Lager, nicht zuletzt die Fußballhits. Ich, Roque ist eine beeindruckende Schlussoffensive. 54, 74, 90, 2010 wird fast nur auf die Streicher reduziert  – und so zu einer Art Eleanor Rigby für Hooligans. So viel Spielfreude kann man Jogis Jungs bei der WM nur wünschen.

Eine gekürzte Version dieses Artikels gibt es auch bei news.de.


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