Starlet


Film Starlet

Starlet Filmkritik Review

Jane (Dree Hemingway, rechts) will sich mit Sadie (Besedka Johnson) anfreunden.

Produktionsland USA
Jahr 2012
Spielzeit 103 Minuten
Regie Sean Baker
Hauptdarsteller Dree Hemingway, Besedka Johnson, Stella Maeve, James Ransone
Bewertung

Worum geht’s?

Mit dem Pärchen Melissa und Mikey lebt die 21-jährige Jane in einer WG in Los Angeles. Die jungen Leute kiffen, zocken und scheinen vornehmlich nach Möglichkeiten zu suchen, ohne allzu viel Arbeit an möglichst viel Geld zu kommen. Als Jane ihr Zimmer verschönern will, kauft sie auf dem Flohmarkt bei einer alten Dame eine Thermoskanne, die sie als Blumenvase umfunktionieren will. Zuhause stellt sie fest, dass sich darin 10.000 Dollar in bar befinden. Zuerst nutzt Jane diesen Glücksfall für eine Shoppingtour. Doch kurz darauf bekommt sie ein schlechtes Gewissen. Sie will die Thermoskanne und das verbliebene Geld zurückgeben, aber die alte Dame – offensichtlich nichts ahnend vom wertvollen Inhalt der Kanne, die sie für 2 Dollar verkauft hat – schlägt ihr die Tür vor der Nase zu. Jane bleibt dennoch hartnäckig und verschafft sich Vorwände, um Kontakt zu der allein lebenden Witwe aufzubauen. Auch dann noch, als sie einen Draht zu ihr gefunden und erkannt hat, dass die alte Frau gar nicht auf das Geld aus der Kanne angewiesen ist.

Das sagt shitesite:

Die Urenkelin von Ernest Hemingay hat echten Sex vor der Kamera! Eine 87-Jährige spielt in ihrem ersten (und letzten) Kinofilm! Der Typ, der in Ken Park seine Großeltern erschossen hat, ist hier als Möchtegern-Pimp zu sehen!

Man könnte Starlet (benannt ist der Film nach dem Hündchen von Jane) mit solchen reißerischen Überschriften vermarkten, alle sind zutreffend. Dem Wesen dieses Films würde das allerdings in keiner Weise entsprechend. Vielmehr nimmt sich Regisseur Sean Baker enorm viel Zeit, um eine Geschichte von Freundschaft, Verantwortung und Vertrauen zu erzählen, die niemals plakativ ist, sondern subtil, feinfühlig und atmosphärisch enorm einnehmend.

Es dauert lange, bis der Charakter der Beziehung zwischen der frreundlichen Jane, der aufbrausenden Melissa und dem angeberischen Mikey klar wird, noch länger, bis man als Zuschauer erfährt, womit sie ihren Lebensunterhalt verdienen: Jane und Melissa sind Pornodarstellerinnen, Mikey versucht sich als Produzent und zudem als Zuhälter für seine Freundin, die sich mit gelegentlichen Privat-Engagements etwas dazuverdient. Dieses Business wird indes in keiner Weise skandalisiert. Es ist ein Broterwerb ohne jeden Glamour. Nach dem „Money Shot“ plaudert Jane mit ein paar Kolleginnen und Kollegen, und man ahnt, dass ihr dieser Plausch auf dem Parkplatz mehr bedeutet als die eigentliche Produktion mit Maske, Stellungswechseln und Lob vom Kameramann zuvor. Eine Erotikmesse, auf der sie einen Tag lang ihre Filme vermarktet und Autogramme für ihre Fans schreibt, erweist sich als Knochenjob. Moralische Skrupel werden hier nicht einmal in Betracht gezogen. Jane nimmt Aufträge für Pornodrehs an wie ein Architekt, Komponist oder sonstiger Freiberufler.

Das Geld, das sie dabei verdient, ermöglicht es ihr, in den Tag hinein zu leben und damit einen ähnlichen Alltag zu haben wie die fast viermal so alte Sadie, die ebenfalls mit einer vermeintlich großen Gelassenheit durchs Leben zu gehen scheint. Erst nach und nach macht Starlet deutlich, welche Probleme die beiden Frauen zu bewältigen haben. Jane vermisst ihre Mutter in Florida, hat wegen ihres Jobs wenig Chancen, eine feste Beziehung aufzubauen, und verdrängt natürlich auch die Frage, wovon sie leben soll, wenn sie zu alt für Pornodrehs ist. Sadie ist einsam, seit sie ihren Führerschein freiwillig abgegeben hat, mehr und mehr auf Hilfe angewiesen, zudem droht ihr wegen ihrer Gebrechlichkeit eine zunehmende Bevormundung, die bis auf ihr Grundstück und in ihre Wohnung reicht. Schließlich ist da noch die sehr rührende Schlusspointe, die ein Geheimnis von Sadie enthüllt und auf dezente Weise das Band zwischen diesen beiden Frauen schließt.

Dass Sadie dieses Geheimnis nonverbal preisgibt und so lange braucht, um sich Jane zu öffnen, und dass umgekehrt Jane ihr auch dann noch nichts von dem Geld in der Thermoskanne erzählt, als sie sogar bereits eine gemeinsame Reise planen, verweist auf das Kernthema von Starlet: Es geht darum, wie schwer es ist, Vertrauen aufzubauen. Die Jugend sucht hier, selten genug, die Nähe des Alters, aber Sadie ist widerspenstig, argwöhnisch und skeptisch. Auch als klar ist, dass von Jane keine Gefahr ausgeht, nimmt sie die regelmäßigen Treffen mit der jungen Frau eher hin als sie zu genießen oder sich darauf zu freuen. Umgekehrt entdeckt Jane eine Zuneigung, die längst nicht nur aus ihrem schlechten Gewissen rührt, kann sich aber ebenfalls nicht vollends offenbaren und bleibt, was ihren Job angeht, lieber im Ungefähren. Beide hätten eigentlich gute Gründe, sich voll und ganz in diese unverhoffte Freundschaft hineinzustürzen. Sie haben nichts zu verlieren, sie haben auch keine anderen Vertrauenspersonen: Den Ladys beim Bingoabend steht Sadie kein bisschen nah; auch Jane betrachtet das Zusammenleben mit Melissa und Mikey eher als temporäre Zweckgemeinschaft. Starlet zeigt, wie sie aufeinander zugehen, aber es zeigt auch den Sicherheitsabstand, der dabei bleibt – und stellt die Frage, was wir mit diesem Sicherheitsabstand eigentlich anfangen wollen.

Bestes Zitat:

„You are one tough cookie to read.“

Der Trailer zum Film.

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