Suicide – „Suicide“


Künstler Suicide

Suicide Debüt Album Review Kritik

Das Debüt von Suicide war erst ein Flop und wurde dann ein Klassiker.

Album Suicide
Label Mute
Erscheinungsjahr 1977
Bewertung

Es dürfte nicht allzu viele musikalische Gemeinsamkeiten zwischen Depeche Mode, Bruce Springsteen, Primal Scream und Nick Cave geben. Suicide sind allerdings ein solcher gemeinsamer Nenner. Alle genannten Künstler haben das Postpunk-Duo aus New York, bestehend aus Alan Vega und Martin Rev, als wichtigen Einfluss benannt, ebenso wie unzählige andere.

Die nachhaltige Wirkung ihres Debütalbums, das jetzt von Mute im Rahmen der Art Of Album-Reihe und klanglich restauriert neu veröffentlicht wird, steht dabei im krassen Kontrast zur Erfolglosigkeit beim ursprünglichen Verkaufsstart im Jahr 1977. Es gab zwar einige gute Kritiken, vor allem in England, aber keinerlei Charterfolg. Als „the band that will always sound like the future” wurden Suicide später von Dangerous Minds gepriesen. In dem Moment, als ihr erstes Album erschien, wollte das aber kaum jemand erkennen.

Manche waren enttäuscht, dass die innerhalb von vier Tagen aufgenommene Platte nicht die einzigartige Kraft der Konzerte von Suicide widerspiegelte, andere konnten mit dem Mix aus Punk-Attitüde mit elektronischen Elementen, Fifties-Referenzen und Einflüssen aus Dub und Reggae (Produzent Craig Leon, auf dessen Plattenfirma das Album auch erschien, hatte zuvor mit Lee Scratch Perry und Bob Marley gearbeitet) wohl wenig anfangen.

Ein beliebter Kritikpunkt waren damals auch die Texte von Sänger Alan Vega. Wer die für dumm, oberflächlich oder pseudo-provokant hält, hat in der Tat die wichtigste Eigenschaft dieser Band verkannt: Es geht hier darum, die Überzeugung und Unbedingtheit von Punk (auf Konventionen scheißen, mit limitierten Mitteln etwas Eigenständiges erschaffen) mit Arroganz und Kälte zu verbinden, die nicht als Pose missverstanden werden sollten, sondern eine Reaktion auf den offenkundigen Zynismus der Welt sind, ein Schutzmechanismus angesichts der Erkenntnis, dass weder die klassischen Narrative vom Streben nach Glück noch die Hoffnungen auf persönliche (reale, einstige oder fiktive) Helden mehr gültig sind.

„It‘ doomsday, doomsday“, heißt es deshalb in Rocket U.S.A. zu einer gespenstischen Orgel, die das Album an vielen Stellen prägt. „They said he was a saint / but I know he ain’t“, ist die schlichte Erkenntnis im Album-Schlusspunkt Che. „America, America is killing its youth“, heißt die zentrale Zeile im hypnotischen Ghost Rider, das nach einer Marvel-Figur benannt ist. Der Song „nimmt den amerikanischen Mythos der Freiheit der Straße und verwandelt ihn in etwas mechanisch Kaltes und Seltsames“, schreibt John Doran in den Liner Notes sehr treffend. Martin Rev verrät dort außerdem, dass Ghost Rider auch von Glamrock beeinflusst ist – ein weiterer Beweis dafür, wie wenig Ideologie es im musikalischen Universum von Suicide damals schon gab.

Cheree erweist sich als ein vergiftetes Werben um eine Angebetete, das sicher Serge Gainsbourg gefallen hätte. Der kurz darauf besungene Johnny scheint nicht nur gemein zu sein, wie der Text behauptet, sondern unberechenbar, vielleicht gar geisteskrank. Girl erweist sich mit der Zeile „Girl, turn me on“ als so etwas wie die Weiterführung von Cheree: Der Flirt scheint erfolgreich gewesen zu sein, die daraus wohl entstandene Liaison ist aber hochgradig beunruhigend.

Das zentrale Stück auf diesem Debütalbum, dessen Lieder Suicide meist schon jahrelang live gespielt hatten, als es ins Studio ging, ist Frankie Teardrop, nicht nur wegen seiner Spielzeit von fast 10 ½ Minuten. Es besteht fast nur aus Rhythmus, der digital erzeugt zu sein scheint, und Stimme, und dennoch reicht diese minimalistische und bewusst monotone Kombination völlig aus, um zu verdeutlichen: Dieser Frankie hat jede Menge Ärger und Probleme. Dass der Song später noch einen markerschütternden Schrei enthält und seine Erzählung mit einem Selbstmord endet, trägt ebenfalls dazu bei, dass Frankie Teardrop beinahe den Charakter eines Hörspiels bekommt. Der Schrei in Zusammenhang mit dem Feitod ist dabei nicht Ausdruck des Schocks der Hinterbliebenen danach, sondern der Verzweiflung des Selbstmörders davor.

Suicide, gegründet in den frühen 1970er Jahren und aktiv bis kurz vor Alan Vegas Tod im Juli 2016, sind durch diese Platte einer der ganz wenigen Acts gewesen, die prägend sowohl für elektronische Musik als auch für Rock geworden sind. Die erste Neuauflage ihres Debüts erschien schon 1980, weil sich trotz des drei Jahre zuvor ausgebliebenen Verkaufserfolgs da schon abzeichnete, wie einflussreich dieser Sound war. Dem Fazit von John Doran ist nichts hinzuzufügen: „Suicides Debüt war mehr als nur ein Statement oder ein passiver Vorbote für die Form, die Musik künftig haben würde. Es war ein essentieller Beitrag dazu, die Zukunft dieser Form selbst mit zu prägen.“

Suicide spielen Ghost Rider live.

Websites von Martin Rev und Alan Vega.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.