Süßer Müßiggang 1


Das Hotel "Telfair" bietet viel Luxus und eine spannende Geschichte.

Das Hotel "Telfair" bietet viel Luxus und eine spannende Geschichte.

Die Männer sitzen im Schatten. Nicht auf einem Baumstumpf, einer Motorhaube oder einer Parkbank. Sie sitzen einfach so, auf dem blanken Boden. Manche hocken auch bloß, wischen sich den Schweiß von der Stirn und genießen die frische Brise, die durch den Spätsommer auf Mauritius weht.

Fremden Passanten widmen sie nur kurz ihre Aufmerksamkeit, ein kleines Lächeln, ein verstecktes Nicken. Sie wirken zufrieden. Und sie scheinen zu wissen, dass zur Mittagsstunde überall im Land Männer im Schatten sitzen, vereint im Geiste und geografisch getrennt nur durch die riesigen, allgegenwärtigen Zuckerfelder. Die ganze Insel scheint Pause zu machen. Und für Müßiggang gibt es kaum einen besseren Ort als Mauritius.

So ähnlich wie die Insel im Indischen Ozean, der die Engländer den Linksverkehr und die Franzosen ihre Sprache hinterlassen haben, muss der Garten Eden ausgesehen haben. Mark Twain hat sogar behauptet, dass Mauritius noch vor dem Himmel geschaffen worden sei – der Himmel könne allenfalls eine Kopie dieser Insel sein. Man mag kaum widersprechen: Das Klima ist tropisch, aber mild. Die Traumstrände fallen ganz sanft ins azurblau bis grün strahlende Wasser ab. Eine Kette von Korallenriffen lagert rund um das Eiland – als habe die Schöpfung der erst seit 500 Jahren besiedelten Insel eine Leibgarde zur Seite gestellt, um sie vor der Wut des Ozeans zu schützen. Doch vor allem sind es die Menschen, die den paradiesischen Eindruck rechtfertigen. Hindus, Moslems und Christen leben hier friedlich miteinander.

Einer von ihnen ist Johny St. Flour, ein gemütlicher, beinahe schüchterner Mann, der wie so viele Mauritier fast immer ein Lächeln auf den Lippen hat. Der 37-Jährige verkörpert geradezu bilderbuchmäßig, wie sich das Land in den vergangenen Jahren verändert hat: Der traditionelle Zuckerrohranbau verliert an Bedeutung, die einst etablierte Textilindustrie hat mit der Billig-Konkurrenz aus Asien zu kämpfen, doch das Geschäft mit den Urlaubern boomt – vorzugsweise mit einer besonders erlesenen Kundschaft.

Ein Fünftel aller Hotels auf Mauritius hat Fünf-Sterne-Niveau. Und jeder achte Mauritier ist mittlerweile im Tourismus-Sektor beschäftigt, der den Zuckerexport als wichtigste Einnahmequelle verdrängt hat. Johny ist heute stellvertretender Personalchef im Luxushotel „Le Telfair“. Die 15 Hektar große Anlage wurde innerhalb von nur elf Monaten im touristisch relativ wenig erschlossenen Süden der Insel errichtet – idyllisch gelegen zwischen feinem Sandstrand und dem Naturschutzgebiet Valriche.

Vor zehn Jahren wurde hier noch Zuckerrohr angebaut.“Mein Vater hat hier gearbeitet, seit er 15 war“, erzählt Johny, der auf dem Gelände des heutigen Hotels geboren wurde. „Ich kenne die Gegend bestens. Wo wir gerade sitzen, haben früher noch die Kühe geweidet“, scherzt er. Fast 2000 Mitarbeiter hatte die Bel-Ombre-Plantage damals, 1987 bekam auch Johny hier einen Job: zuerst als Pförtner, dann im Büro. „Aber irgendwann habe ich gemerkt: Zucker hat keine Zukunft.“ Das war vor fünf Jahren. Johny versuchte sich kurz in der Textilbranche. Als dann im Dezember 2004 das Hotel eröffnete, erkannte er die Chance.

Nur wenige seiner ehemaligen Kollegen gingen diesen Weg. „Alle dachten, dass Zucker eine sichere Branche ist. Deshalb hat kaum jemand etwas anderes gelernt. Aber wir dürfen nicht stehen bleiben, wir müssen nach vorne schauen“, erklärt er. „Ein bisschen traurig“ macht ihn der Wandel aber doch. „Die Zuckerfelder gehören einfach zu Mauritius“, sagt er und legt dabei die Hand aufs Herz.

Auch sein Geburtshaus fiel dem Neubau des Hotels mit 20 Villen zum Opfer. „So schön es hier ist, mit dem Strand und den Bergen im Hintergrund: Am liebsten war ich immer im Haus bei meiner Mutter“, erinnert er sich wehmütig. Doch dann kehrt das Lächeln in sein Gesicht zurück, und seine verschmitzten Augen leuchten: „Aber jetzt wohne ich auf dem Hotelgelände, ich habe hier meine Frau kennen gelernt, und ein Baby ist unterwegs. Ich kann mir wirklich keinen schöneren Ort vorstellen.“

Ähnliche Biografien entdeckt man überall auf der Insel. Da ist Jean-Alain Carmagnole. Er weist heute Besuchern im „L’Aventure du Sucre“ den Weg. In dem sehr modernen und sehenswerten Museum in der Hauptstadt Port Louis erfährt man alles über Anbau und Verarbeitung von Zucker – und nebenbei viel über die Geschichte der Insel, die untrennbar mit der Gewinnung des „weißen Golds“ verbunden ist.

Dass Zucker nicht nur verschiedene Farben, sondern auch die unterschiedlichsten Geschmäcker von fruchtig bis herb haben kann, lässt sich in einer Verkostung erfahren. Man kann alle 15 Sorten testen, die einst in der Raffinerie produziert wurden, aus der das Museum entstanden ist.

„Mein Vater hat hier gearbeitet, und ich war hier 15 Jahre lang Schlosser. Damals gab es viel Staub, viel Lärm, viel Dampf und gelegentlich auch Tote, wenn jemand in die Maschinen geriet. Da ist mir die heutige Arbeit doch lieber“, sagt Jean-Alain. Und grinsend führt er an: „Zumal wir das selbe Gehalt wie früher bekommen.“

So ähnlich muss der Garten Eden ausgesehen haben.

So ähnlich muss der Garten Eden ausgesehen haben.

Nicht unglücklich über die Veränderungen ist auch Dojer Minerve, der früher als Fischer aufs Meer fuhr, aber davon irgendwann seine Familie nicht mehr ernähren konnte. Seitdem tritt er zweimal pro Woche direkt am Strand als Musiker im „Le Telfair“ auf. Elf Mitglieder hat sein Ensemble inzwischen, die meisten sind Geschwister oder Cousins von Dojer. Die Gruppe macht die Gäste mit den traditionellen Séga-Klängen bekannt: Die Männer scharren den Rhythmus mit den Füßen im Sand, die Mädchen wiegen dazu ihre Hüften. Trommeln geben den wilden Takt vor, gesungen wir auf Kreolisch. „Das ist nicht bloß Folklore für Touristen. Der Séga erklingt auch, wenn wir mit unserer Familie feiern“, betont Dojer.

Vom Hotel wurde seine Band von Anfang an unterstützt: Sie bekam Kostüme und eine Möglichkeit zum Proben. „Wir wollen hier nicht nur Geld verdienen, sondern den Menschen auch etwas zurückgeben. Wenn wir eine Infrastruktur schaffen und Leute ausbilden, können wir davon nur profitieren“, sagt Maurice Planel, der im „Telfair“ für das Unterhaltungsprogramm zuständig ist.

Solche Unterstützung hat hier Tradition: Benannt ist die Hotelanlage nach Charles Telfair. Der irische Arzt kam 1810 nach Mauritius. Er machte sich nicht nur einen Namen als Botaniker, sondern war auch bei seinen Angestellten beliebt, weil er ihnen innovative Methoden beibrachte und sie gut behandelte. Die Architektur des „Telfair“ erinnert mit großen Verandas, viel Holz und Keramik an den Stil der Zeit.

Das etwa 200 Jahre alte Haus, in dem Charles Telfair damals mit seiner Familie lebte, ist liebevoll restauriert worden und heute eines der exquisiten Restaurants. Die Küche ist wie das Land: Kreolische, indische, afrikanische und französische Einflüsse verschmelzen. Unbedingt probieren sollte man die Palmherzen (als Salat oder gekocht), eine Spezialität von Küchenchef Dominique Blais.

Fast noch spektakulärer ist der mächtige Fikus nebenan, der etwa ebenso alt ist wie das Herrschaftshaus. Das „Château de Bel Ombre“ eignet sich auch als Ausgangspunkt für Erkundungstouren: Ganz in der Nähe kann man eine Quad-Tour durch das Valriche mit seinen Zuckerrohr-Labyrinthen starten. Auch zum 18-Loch-Golfplatz, der neben sportlichen Reizen einen tollen Ausblick auf den Ozean und die grünen Höhen des Valriche bietet, ist es nicht weit. Danach gönnt man sich im asiatisch gestalteten Spa des „Telfair“ am besten eine spezielle Massage zur Golf-Nachbereitung. Schließlich ist Müßiggang nirgends so schön wie auf Mauritius.


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