Draufgeschaut: Auslandseinsatz

Februar 19, 2013 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
In einem afghanischen Dorf soll die Bundeswehr Aufbauhilfe leisten.

In einem afghanischen Dorf soll die Bundeswehr Aufbauhilfe leisten.

Film Auslandseinsatz
Produktionsland Deutschland
Jahr 2012
Spielzeit 90 Minuten
Regie Till Endemann
Hauptdarsteller Max Riemelt, Hanno Koffler, Omar El-Saeidi, Devid Striesow, Bernadette Heerwagen, Henriette Müller
Bewertung ***1/2

Worum geht’s?

Eine Gruppe von Bundeswehrsoldaten kommt zum ISAF-Einsatz in Afghanistan an. Sie sollen einen Außenposten im Dorf Mila beziehen und dort die Bewohner beim Wiederaufbau unterstützen. Bald wird den Soldaten aber klar, dass die Strategie nicht aufgeht, sich nur auf humanitäre Hilfe zu beschränken. Sie geraten mitten in die Kämpfe zwischen Taliban und US-Militär, auch die Zusammenarbeit mit den Dorfbewohnern ist konfliktträchtig. Nicht zuletzt müssen die Deutschen schon bald mit Selbstzweifeln kämpfen.

Das sagt shitesite:

Ein so komplexes Problem wie den Krieg in Afghanistan in einem Fernsehfilm behandeln zu wollen, ist ein gewagtes Unterfangen. Doch im Fall von Auslandseinsatz geht es gut. Zum einen liegt das daran, dass Regisseur Till Endemann auf unnötige Dramatisierung und Effekthascherei verzichtet, was schon beim Titel des Filmes anfängt. Zum anderen gelingt ihm eine extrem kompakte Zusammenfassung des Konflikts.

Desinformation und Disziplinzwang, Kameradschaft und Kollateralschäden, Heimweh und Hochmut, Drogenhandel und Doppelmoral: All das wird hier zumindest angerissen. Zudem gelingt es Auslandseinsatz, die Inkonsequenz und Verlogenheit des ISAF-Einsatzes zu zeigen, weil immer wieder auf die wirtschaftlichen, sozialen, ethnischen und religiösen Dimensionen des Konflikts hingewiesen wird, die sich mit Waffengewalt eben nicht lösen lassen. Dazu passt auch, dass die Frontlinien zu Beginn des Films noch sehr klar verlaufen, dann aber immer mehr verschwimmen.

Am besten gelingt es Auslandseinsatz (auch dank seines sehr gut zusammengestellten und sehr überzeugend aufspielenden Ensembles), den Kulturschock nachvollziehbar zu machen, den die deutschen Soldaten am Hindukusch erleben. Egal, ob sie als schießwütiger Draufgänger ankommen oder als sensibler Weltverbesserer: Sie treffen auf eine fremde und gefährliche Welt, in der Nervosität schnell in Misstrauen und Hysterie umschlagen kann, und zwar auf allen Seiten der Front. Die Frage nach dem Sinn und Erfolg des Bundeswehr-Engagements lässt Auslandseinsatz offen. In jedem Fall aber zeigt der Film: Der Weg zum Frieden in Afghanistan ist unendlich lang.

Bestes Zitat:

“Die Taliban bieten keine Bildung. Die bieten ein Diktatur im Gewand einer Religion.”

Der Trailer zum Film:

Draufgeschaut: Inglorious Basterds

Februar 4, 2013 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Nazis töten: Das ist der Auftrag von Donny Donowitz (Eli Roth, links) und Aldo Raine (Brad Pitt).

Nazis töten: Das ist der Auftrag von Donny Donowitz (Eli Roth, links) und Aldo Raine (Brad Pitt).

Film Inglorious Basterds
Produktionsland USA/Deutschland
Jahr 2009
Spielzeit 154 Minuten
Regie Quentin Tarantino
Hauptdarsteller Brad Pitt, Mélanie Laurent, Christoph Waltz, Eli Roth, Til Schweiger, Diane Kruger, Michael Fassbender, Daniel Brühl, Gedeon Burkhard, Sylvester Groth, August Diehl, Martin Wuttke, Mike Myers, Christian Berkel, Ken Duken, Jana Pallaske, Bela B.
Bewertung ****

Worum geht’s?

Sie sind die Vorhut Amerikas im Kampf gegen Hitler: 1941 gründet das US-Militär eine Spezialeinheit aus jüdischen Soldaten, die in Deutschland durch Guerilla-Krieg für Angst und Schrecken in der Wehrmacht sorgen sollen. Das Markenzeichen der Inglorious Basterds ist ihre Grausamkeit: Sie prügeln ihre Feinde mit einem Baseballschläger nieder und skalpieren sie dann. Als sie Unterstützung vom britischen Geheimdienst und einer französischen Widerstandskämpferin bekommen, winkt den Basterds sogar der ganz große Coup: Sie planen einen Anschlag auf die gesamte Nazi-Führungsriege.

Das sagt shitesite:

Was Inglorious Basterds fehlt, ist Subtilität: Die Gewalt ist hier unerbittlich, die Fronten verlaufen überall schnurgerade und auch alle denkbaren Klischees über Deutschland (vom Sauerkraut über Schnitzel bis hin zur Bockwurst) sind präsent.

Man kann das bemängeln. Man kann aber auch feststellen: Krieg ist nicht der Platz für Subtilität, und darauf reagiert Quentin Tarantino in seinem ersten Kriegsfilm lediglich angemessen. Rund um diesen Gedanken führt er alles vor, was ihn ausmacht: höchst clevere Zitate, einen wunderbaren Soundtrack, augenzwinkernde Cameo-Auftritte, eine alles durchdringende Liebe zum Film (es ist ein Kino mit seiner Anziehungskraft, das es in Inglorious Basterds vermag, Krieg, Besatzung und Holocaust zu beenden) und vor allem ein Rachedurst, wie er unstillbarer nicht sein könnte, und in dem Erwägungen wie Moral, Menschlichkeit oder historische Realität keine Rolle spielen.

Die Unterteilung des Films in fünf Kapitel hätte es zwar nicht gebraucht, trotzdem sind die verschiedenen Handlungsstränge passabel zusammengefügt. Vor allem aber ermöglichen sie es Tarantino, seine Coolness in ganz verschiedenen Facetten auszuspielen. Und er setzt, vor allem dank des groß aufspielenden Brad Pitt und des noch besseren Christoph Waltz, immer wieder auf einen Kontrast, der letztlich noch heute wie ein riesiges Fragezeichen über der deutschen Geschichte schwebt: das theoretisch unvereinbare, in der Praxis aber immer wieder erlebte Zusammenspiel von ausgemachter Kultiviertheit und äußerster Brutalität.

Bestes Zitat:

“Es gibt in der Hölle einen Extraplatz für Leute, die guten Scotch vergeuden.”

Der Trailer zum Film:

Durchgelesen: Felix Römer – “Kameraden. Die Wehrmacht von innen”

Januar 16, 2013 · Posted in Bücher, Bücherregal · Comment 
Die Aussagen von 3000 deutschen Kriegsgefangenen wurden für "Kameraden" ausgewertet.

Die Aussagen von 3000 deutschen Kriegsgefangenen wurden für “Kameraden” ausgewertet.

Autor Felix Römer
Titel Kameraden – Die Wehrmacht von innen
Verlag Piper
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***1/2

Die Wehrmacht war eine tapfere, schlagkräftige und vor allem anständige Armee. Kriegsverbrechen wurden nur von der teuflischen SS begangen. Diese Vorstellung war bis 1995 ziemlich unangefochten. Dann kam die Wehrmachtsausstellung und stellte eine andere These in den Raum: Auch ganz normale Wehrmachtsangehörige begingen Kriegsverbrechen, sogar reihenweise.

Auch diese Behauptung blieb seitdem nicht unwidersprochen. Doch wie war die Wehrmacht wirklich? Eine Verbrecherarmee, besessen von der Nazi-Ideologie, grausam und gesetzlos? Oder eine Truppe aus ganz normalen Männern, von verblendeten Führern in die Schlacht getrieben, wo sie nur ihre Pflicht erfüllten, so gut es eben ging? Will man diese Frage beantworten, muss man ganz nah ran an die Soldaten. Ideal wäre es, wenn man ein paar von ihnen mit Mikrofonen ausgestattet hätte, um ihre Erlebnisse an der Front, in der Etappe oder im Heimaturlaub mitzuschneiden und im Nachhinein auswerten zu können.

Solche Quellen gibt es natürlich nicht. Aber es gibt welche, die ziemlich nah heran kommen an dieses Ideal von der Innenansicht der echten, unverfälschten Wehrmacht. Der Historiker Felix Römer hat diese Quellen gefunden, erstmals ausgewertet und daraus mit Kameraden – Die Wehrmacht von innen ein faszinierendes, ebenso erhellendes wie erschütterndes Buch gemacht. Das Werk ist zugleich Lesebuch (Römer berichtet beispielsweise auch von Erfahrungen und Schilderungen aus seiner eigenen Familie und Nachbarschaft), Mentalitätsgeschichte und Überblick über Stand der Forschung zur Wehrmacht.

Die Datengrundlage sind Protokolle aus einem US-Lager, in dem deutsche Kriegsgefangene verhört wurden. Die Existenz von Fort Hunt vor den Toren Washingtons unterlag absoluter Geheimhaltung. Seit Ende 1942 war das Lager in Betrieb, bis Ende des Zweiten Weltkriegs waren hier insgesamt rund 3000 deutsche Soldaten inhaftiert. Sie mussten sich in Interviews den Fragen der US-Offiziere stellen, zudem wurden ihre Gespräche in den Zellen abgehört und dokumentiert. Die US-Dossiers umfassen mehr als 100.000 Seiten. Zu den Stärken des Materials gehört, dass hier keine Zensur und auch kaum Selbstzensur wie etwa bei Feldpostbriefen erfolgte, auch die Verdrängung und Verklärung, die in den Erinnerungen von Veteranen nach dem Krieg immer wieder zu finden ist, spielt hier noch kaum eine Rolle.

Aus ähnlichen Protokollen aus einem britischen Lager, nach dessen Vorbild Fort Hunt errichtet wurde, ist bereits das 2011 erschienene Buch Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben hervorgegangen, an dem Felix Römer ebenfalls mitgearbeitet hat. Die US-Quellen haben gegenüber den britischen jedoch noch einen entscheidenden Vorteil: Zu allen Soldaten liegen hier detaillierte Lebensläufe vor, sodass sich erkennen lässt, aus welchem Milieu der jeweilige Soldat in die Wehrmacht gekommen ist. Durch das Studium der Abhörprotokolle, kombiniert mit diesem Hintergrundwissen, „sieht man die Wehrmacht und den Zweiten Weltkrieg mit den Augen der Soldaten”, verspricht Kameraden.

Das ist ein Anspruch, der auf den knapp 500 Seiten durchaus eingelöst wird. Die Soldaten zeigten sich vor allem in den Zellen, wo sie sich unter sich wähnten, redselig und unbefangen. Sie waren neugierig auf die Erfahrungen der anderen und manchmal froh, sich das Erlebte von der Seele reden zu können. Sie begegneten einander dem Urvertrauen der Kameradschaft. Zu ihren Themen gehörten Klatsch und Tratsch, die Lage in der Heimat, die Umstände ihrer Gefangenschaft und natürlich immer wieder die Erfahrungen des Krieges. Es wurde geprahlt und verglichen, gelästert und geschimpft. „So offen und ungestört reden wie hier konnten die Männer weder in den regulären Gefangenenlagern noch im Deutschland der Nachkriegszeit”, betont Römer.

Die Protokolle der Gespräche und Verhöre zeichnen – und der wiederholte Hinweis darauf ist die große Stärke des Buches – ein sehr differenziertes Bild der Wehrmacht. Insgesamt dienten während des Zweiten Weltkriegs rund 17 Millionen Männer in Hitlers Armee, und natürlich hat nicht jeder von ihnen seine Dienstzeit gleich erlebt. Römer unterscheidet in seinem Buch zwischen den verschiedenen Schauplätzen, Waffengattungen und Dienstgraden und kommt zum Fazit: „Die Wehrmacht war so vielschichtig wie die Gesellschaft, aus der sie sich rekrutierte. Und die Spannbreite der Verwendungen, Erlebnisse und ihrer Deutungen war so groß, dass sich geradezu gegensätzliche Soldatenbiografien ergeben konnten.”

Das bedeutet: Es gab Drückeberger und Haudegen. Es gab überzeugte Nazis und Männer, die Hitler ablehnend gegenüber standen. Zwischen diesen Polen gab es aber auch Konstanten und Gemeinsamkeiten, die nicht nur als sozialer Kitt der Wehrmacht funktionierten, sondern letztlich auch ihr militärisches Potenzial bestimmten. Römer zeigt sehr gründlich die Mechanismen auf, die dabei wirkten – und die Spielräume, die jeder einzelne Soldat innerhalb dieses Systems hatte. Johannes Hürter betont diesen Aspekt in seinem Vorwort ebenfalls überdeutlich: „Die größte Leistung des meisterlichen Buchs von Felix Römer liegt vielleicht darin, dass in ihm die deutschen Soldaten als denkende und handelnde Subjekte gezeigt und analysiert werden, nicht als bloße Objekte oder gar willenlose Roboter universeller Mechanismen.”

Als entscheidende Triebkräfte für Hitlers Armee zählt Römer vor allem Soldatenethos, Pflichtauffassung und Kameradschaft auf und betont: „Politischer Linientreue bedurfte es hierzu gar nicht unbedingt.” Auch später weist er noch einmal auf diese Dimension hin: „Politische Auffassungen und soldatisches Ethos waren zwei verschiedene Dinge, die nicht zwangsläufig Hand in Hand gehen mussten. (…) Als Konservativer oder auch als ehemaliger Sozialdemokrat konnte man daher durchaus das NS-Regime ablehnen und trotzdem gleichzeitig ein begeisterter Soldat sein und Stolz auf Waffentaten und Ordensauszeichnungen empfinden, die man mit dem Hakenkreuz auf der Brust vollbracht hatte.”

Der Grund dafür liegt auf der Hand: Im Militär konnte nur erfolgreich und anerkannt sein (das heißt: überleben und auf die Unterstützung der anderen Soldaten zählen), wer sich den Spielregeln des Militärs anpasste. Der Fahneneid war quer durch alle sozialen Schichten heilig, dazu kam die Prägung durch Nationalismus und Militarismus, die in Deutschland längst nicht erst mit dem Dritten Reich höchste Geltung erlangten. Auch, wenn man kein überzeugter Nazi war, so war man in der Regel doch stolzer Deutscher und stolzer Soldat. Nationalismus und Militarismus waren laut Römer „tief verankerte, langfristig kultivierte Mentalitäten, die als derart selbstverständlich galten, dass sie kaum noch reflektiert wurden”.

Beeindruckend ist diese Erkenntnis vor allem, wenn man bedenkt, welch marginale Bedeutung beides heute – gerade einmal zwei Generationen später – nur noch hat. Die Wehrpflicht ist abgeschafft, zu seinen Nachbarstaaten pflegt Deutschland freundschaftliche Beziehungen, junge Leute sehen sich als Weltbürger – solche Zustände waren für fast alle Wehrmachtssoldaten undenkbar.

Stattdessen waren in weiten Teilen der Truppe auch rassistische, antisemitische und antibolschewistische Ressentiments verwurzelt. „Die grundsätzliche Vorstellung von Differenz und Überlegenheit gegenüber anderen Völkern war in der Mentalität der Deutschen tief verankert; sie war die unvermeidliche Kehrseite des Nationalismus und ein Erbe des 19. Jahrhunderts.”

Noch einen starken Trend zeigt Römer in seinem Buch auf: Die Identifikation mit den Kameraden, der Einheit und letztlich auch dem Krieg stieg mit Grad der Involviertheit. Je länger man dabei war, desto tiefer steckte man drin. „Die Wehrmacht und der Krieg formten die Soldaten je nach Dauer und Intensität ihrer Erfahrungen“, umschreibt Römer diesen Effekt. Die Identifikation war dabei immer wieder auch Rechtfertigung für erlebte und ausgeübte Gewalt. Auch die Kameradschaft spielte eine entscheidende Rolle beim Bemühen, im Krieg einen Sinn zu sehen oder ihn zumindest ertragen zu können. Die Wehrmacht „bestand für die meisten ihrer Angehörigen in erster Linie in ihrem direkten persönlichen Umfeld, ihrer Gruppe, ihrem Zug, ihrer Kompanie”, hat Römer erkannt. Das Miteinander – und auch der Zwang zur Konformität – war dabei Überlebensstrategie und Trost zugleich. Die Kameradschaft wurde „inmitten all des massenhaften Sterbens und Tötens ein Refugium der Menschlichkeit”. Sie hatte durch den sozialen Druck, den sie ausübte, aber auch eine Kehrseite: „Einerseits kompensierte sie die Zwänge des Militärlebens, andererseits war sie selbst ein Teil davon, vielleicht sogar der beherrschendste.”

Die Bedeutung der Kameradschaft reichte dabei weit über den Bereich der persönlichen Beziehungen in den Einheiten oder der Atmosphäre in der Truppe hinaus. „Kämpfen – das hieß für viele Soldaten in erster Linie, für die Kameraden einzustehen, die ihnen am nächsten waren. Nicht zuletzt hierdurch trugen die Primärgruppen zum Funktionieren der Streitkräfte bei”, stellt Römer fest. Das bedeutet: Auch all jene, die sich nicht dem Regime, dem Vaterland oder der Wehrmacht insgesamt verpflichtet fühlten, hatten doch das Gefühl, den Kameraden verpflichtet zu sein – und ohne dieses Gefühl hätten sie womöglich deutlich weniger entschlossen oder gar nicht gekämpft. Zu Ende gedacht bedeutet das: Ohne die allgegenwärtige Idee von der Kameradschaft hätte es wohl deutlich mehr deutsche Soldaten gegeben, die kapituliert hätten, was den Krieg deutlich hätte abkürzen können.

Römer zeigt zwar, wie schwierig es in der Praxis sein konnte, sich zu ergeben und sich in Gefangenschaft zu begeben – selbst, wenn man sich kein bisschen mit dem Krieg identifizieren konnte: „Im Militär richtete sich alles nach der Gruppe, und die kollektive Dynamik drängte die individuellen Einstellungen der Soldaten, ihre politischen Überzeugungen und soziokulturellen Prägungen zumeist weitgehend in den Hintergrund. Wenn es zu handeln galt, orientierten sich die Männer an ihren Kameraden und Vorgesetzten, darauf bedacht, den gestellten Erwartungen zu genügen und die Herausforderung der Situation zu bewältigen – ob sie wollten oder nicht.” Vor allem an der Ostfront, wo von Anfang an ein Vernichtungskrieg quasi ohne Rücksicht auf völkerrechtliche Konventionen geführt wurde, war an freiwilliges Aufgeben kaum zu denken.

Doch vor allem auf den anderen Kriegsschauplätzen gab es solche Optionen. Besondere Bedeutung kam dabei den Truppenführern zu. Sie konnten durchaus in einzelnen Situationen wählen, ob sie eine Stellung bis zum letzten Mann verteidigen wollten oder lieber die weiße Fahne hissten. Meistens entschieden sie sich fürs Weiterkämpfen, oft aus Überzeugung, legt Römer dar: „Bei den einfachen Soldaten kam es im Eifer des Gefechts häufig gar nicht zum Tragen, was sie über den Krieg, über Hitler und die Weltanschauung des Nationalsozialismus dachten. Bei den Truppenführern war dies anders, denn Ihre persönlichen Ansichten flossen in ihre Führungsentscheidungen mit ein – Truppenführer kämpften auch aus ideologischen Motiven.”

Damit spielten sie womöglich die entscheidende Rolle bei der Frage, wie lange die Alliierten brauchen würden, um die deutsche Gegenwehr zu brechen. „Im Personal der Wehrmacht lag der Schlüssel zu ihrer Kampfkraft. (…) Bis zuletzt konnte sich die Wehrmacht auf erfahrene und hoch motivierte Kämpfer stützen, die als Vorgesetzte oder informelle Führungsfiguren die Korsettstangen der Einheiten bildeten und ihre Kameraden mitrissen“, schreibt Römer. Sein Buch beleuchtet an dieser Stelle am deutlichsten das Spannungsverhältnis zwischen Individuum und Kollektiv im Krieg: Der einzelne Soldat hatte kaum die Chance, die Flinte ins Korn zu werfen und seine Einheit im Stich zu lassen. Umgekehrt bestanden diese Einheiten aus lauter einzelnen Soldaten. Hätten sie alle kapituliert, wäre der Krieg am nächsten Tag vorbei gewesen.

Doch die Hoffnung der deutschen Soldaten auf einen Sieg währte lange, und sie speiste sich ebenfalls aus dem Miteinander in der Truppe. Die Protokolle aus Fort Hunt (die meisten Akten stammen aus der letzten Kriegsphase ab Juni 1944) belegen, dass praktisch alle überzeugt von der Stärke der Wehrmacht waren, bis in die letzten Monate des Krieges hinein. Die meisten Soldaten bekamen die große Gesamtentwicklung des Krieges durchaus mit. Trotzdem wurde die Realität von manchen verklärt. Als Ursachen für Rückschläge wurden Feigheit einzelner Einheiten oder Fehlentscheidungen von Generälen ausgemacht – nicht die Stärke der Alliierten. „Indem man die Ursachen für die Niederlagen in den eigenen Reihen suchte, erhielt man sich (…) die Illusion von eigener Handlungsmacht. Denn man blendete damit den belastenden Gedanken aus, dass die Kontrolle über das Geschehen längst beim Gegner lag.”

Solche Tricks und Selbsttäuschungen trugen dazu bei, die Kampfmoral hoch zu halten, die nach der Interpretation von Felix Römer bis zum Ende des Krieges sehr hoch war. Vor allem sehr junge Soldaten, die in NS-Zeit sozialisiert worden waren, glaubten offensichtlich oft bis zum Schluss an die Durchhalteparolen der Führung. Das galt auch für „langgediente Soldaten, die dem Krieg schon zu viel geopfert hatten und darin zu tief involviert waren, um ihn vorschnell verloren zu geben”. Viele von ihnen konnten sich nach zig Einsätzen an der Front kaum mehr ein ziviles Leben in der Heimat vorstellen. Sie befürchteten eine Unterwerfung des deutschen Volkes im Falle einer Niederlage und wurden vor allem von dem Gedanken gequält, dass ihr jahrelanges Kämpfen dann umsonst gewesen wäre.

Diese beiden Faktoren sorgten auch für die erstaunlich hohe Loyalität zu Adolf Hitler. „Der ‚Führer’ verkörperte in den Augen vieler Wehrmachtssoldaten alles Positive und Verheißungsvolle am Nationalsozialismus, während alle negativen Erscheinungen seinem persönlichen Umfeld und nachgeordneten Instanzen angelastet werden konnten.“ Hitler war demnach die „zentrale Integrationsfigur des Regimes, die viele Zweifel zerstreute und trügerische Hoffnungen näherte“. Mit dem Glauben an die Unfehlbarkeit Hitlers „bewahrten sich die Soldaten die Illusion, dass ihr Kriegseinsatz noch Sinn ergab“, stellt Römer fest. Die Aussagen in Kameraden – Die Wehrmacht von innen machen immer wieder deutlich, dass Zweifel am „Führer“ bei den Soldaten praktisch nicht vorhanden waren. „Für die Wehrmachtssoldaten stellt sich die Loyalität zu Hitler als unhinterfragter Normalzustand dar, und viele von ihnen kamen erst in der Gefangenschaft zur Besinnung.” Auch hier beweisen die jüngeren Soldaten, die von der Propaganda der NS-Zeit geprägt waren, wieder besonders lange ihre große Verbundenheit mit Hitler.

Die Aussagen der Kriegsgefangenen zeigen aber auch, dass die Wehrmacht bei weitem keine Weltanschauungsarmee war. Die klare Mehrheit der Soldaten war mit den Zielen des Nationalsozialismus einverstanden. Aber die wenigsten hatten ein klar gefügtes oder gar unverrückbares Weltbild. Vereinfacht gesagt: Solange man den Eindruck hatte, persönlich vom Regime zu profitieren, war man damit einverstanden. „Für die Masse zählten bei der Beurteilung von Politik und Staatshandeln letztlich vor allem Erfolg oder Misserfolg“, analysiert Römer. Die meisten Soldaten waren ideologisch geprägt, ohne sich sonderlich für große Ideen, Politik oder Theorien zu interessieren. „In den Diskussionen in Fort Hunt offenbarte sich immer wieder, wie unreflektiert, inkonsistent und flüchtig sich das Weltbild vieler Soldaten tatsächlich gestaltete. Manche Wehrmachtsangehörige entwickelten überhaupt erst im Verlauf ihrer Gespräche in der Kriegsgefangenschaft eine politische Meinung, die sie vorher offensichtlich kaum durchdacht hatten”, hat Römer erkannt.

Das erklärt auch die Einstellung zu den Kriegsverbrechen, denen Römer ein eigenes Kapitel widmet. „Längst nicht jeder Wehrmachtssoldat, auch nicht jeder SS-Grenadier, wurde zum Kriegsverbrecher, doch jeder konnte potenziell dazu werden, abhängig von der jeweiligen Einheit, dem Einsatzort und den Umständen“, lautet sein Fazit. Römer belegt zudem: Obwohl über Tod oder gar das eigene Töten in der Truppe offensichtlich kaum gesprochen wurde, auch nicht in der Gefangenschaft, wussten praktisch alle in der Wehrmacht über Kriegsverbrechen und den Holocaust bescheid, aber es gab kaum eine Auseinandersetzung damit.

Wer beispielsweise an der Erschießung von Juden an der Ostfront beteiligt war – egal, ob gezwungenermaßen oder freiwillig -, verklärte in den Gesprächen in Fort Hunt sofort seine Rolle. Als die Schuld und die Verbrechen erkannt wurden, wurde umgehend Hitler dafür verantwortlich gemacht, man selbst war allenfalls Opfer – diese Strategie setzte sich dann nach Ende des Krieges in Deutschland fort.

Bis zur Wehrmachtsausstellung war diese Argumentation allgegenwärtig. Die Angehörigen der Wehrmacht haben getötet, weil sie ihre Pflicht als Soldaten im Krieg getan haben – so lautete die Position. Die Macher der Ausstellung behaupteten eher: Sie haben getötet, weil sie Nazis und Verbrecher waren. Das Buch von Felix Römer verwirft beide Positionen und liefert stattdessen ein eigenes, differenziertes, überzeugendes Bild.

Bestes Zitat: „Dies wollten gewiss die meisten Soldaten von sich sagen können: dass sie zwar hart gewesen, aber nicht grausam geworden, eben „anständig“ geblieben seien. (…) Dass sie sich im Nachhinein von der Gewalt ein Stück weit distanzieren, bedeutete freilich nicht, dass sie nicht zu allem fähig gewesen wären: Die Bewältigungsstrategien hinderten sie nicht am Töten, sondern versetzten sie erst in die Lage dazu. Dies galt auch für ihre Teilnahme an Kriegsverbrechen.“

Durchgelesen: Andrew Feinstein – “Waffenhandel. Das globale Geschäft mit dem Tod”

Dezember 9, 2012 · Posted in Bücher, Bücherregal · Comment 
Schockierende Einblicke in die Welt des Waffenhandels gewährt Andrew Feinstein in seinem 800-Seiten-Wälzer.

Schockierende Einblicke in die Welt des Waffenhandels gewährt Andrew Feinstein in seinem 800-Seiten-Wälzer.

Autor Andrew Feinstein
Titel Waffenhandel – Das globale Geschäft mit dem Tod
Verlag Hoffmann und Campe
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung ****

710 PS, 103 km/h Höchstgeschwindigkeit, geeignet für den Transport von bis zu 11 Soldaten. Der Radpanzer „Boxer“ ist ein gefragtes Fahrzeug. 272 Exemplare hat die Bundeswehr bestellt, zum geschätzten Stückpreis von gut drei Millionen Euro. Nun gibt es angeblich auch Nachfrage aus Saudi-Arabien. Das Königreich hat laut einem Bericht des Spiegel Interesse an mehreren Hundert „Boxer“-Panzern. Angeblich will der zuständige Bundessicherheitsrat im kommenden Jahr über das Kaufgesuch entscheiden.

Die Anfrage ist verlockend: Hunderte Millionen Euro beträgt das Auftragsvolumen. Die Produktion von zusätzlichen „Boxer“-Panzern sichert Arbeitsplätze im Münchner Werk, in dem das Fahrzeug gebaut wird. Die Anfrage ist ein schmeichelhafter Beweis für die Leistungsfähigkeit deutscher Militärtechnologie. Nicht zuletzt könnte die Bundesregierung einen Panzer-Deal nutzen, um das steinreiche Saudi-Arabien strategisch enger an sich zu binden. Von manchen wird das Königreich als stabilisierender Faktor in der arabischen Welt betrachtet.

Doch die Anfrage birgt auch Gefahren. Menschenrechte sind in Saudi-Arabien nicht gerade das Lieblingsthema. Sämtliche Parteien sind verboten, Oppositionelle werden verfolgt, Frauen dürfen kein selbstbestimmtes Leben führen, regelmäßig wird die Todesstrafe vollstreckt, meist durch Enthauptung mit einem Schwert. Soll man solch ein Land als Partner hofieren? Die Frage ist umstritten, selbst innerhalb der Regierungsfraktionen.

Nicht auszuschließen ist auch, dass die „Boxer“ irgendwann vom Regime in Saudi-Arabien eingesetzt werden, um einen Aufstand im Stile des Arabischen Frühlings niederzuschlagen. Demokratiebestrebungen würden dann also mit deutschen Waffen unterdrückt. Diese Situation trat unlängst in Libyen ein. Unter der Herrschaft von Diktator Muammar al-Gaddafi gab das Land seit 1970 insgesamt etwa 30 Milliarden Dollar für Waffen aus (und das, obwohl zwischen 1992 und 2003 ein UN-Embargo herrschte). Auch Deutschland verdiente an diesem Kaufrausch mit und verkaufte in diesem Zeitraum Waffen im Wert von 1,4 Milliarden Dollar nach Libyen. Als die Nato dann im Zuge des Bürgerkriegs 2011 den Rebellen zur Seite stand und Gaddafis Truppen angriff, kämpfte sie oftmals gegen ihre eigenen Waffen.

Der „Boxer“-Fall ist damit durchaus typisch für das Geschehen im globalen Waffenhandel. Nicht selten ist ein solcher Blowback-Effekt zu befürchten, fast immer finden die Geschäfte hinter verschlossenen Türen statt, sehr oft fließt Schmiergeld. Er könne sich „an kein einziges Rüstungsgeschäft mit Saudi-Arabien erinnern, bei dem es nicht wenig später Meldungen über Korruption gegeben hätte“, sagte kürzlich SPD-Verteidigungsexperte Hans-Peter Bartels der Süddeutschen Zeitung.

Doch das Geschäft boomt. Die weltweiten Rüstungsausgaben lagen im Jahr 2010 bei 1,62 Billionen Dollar, das sind etwa 2,6 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts. Die Wachstumsraten sind riesig: Seit dem Jahr 2000 sind die Rüstungsausgaben weltweit um 53 Prozent gestiegen. Der Markt für konventionelle Waffen hat mittlerweile ein Volumen von 60 Milliarden Dollar pro Jahr. Dazu kommt das Geld, das in dunkle Kanäle fließt: Auf den Waffenhandel entfallen mehr als 40 Prozent der Korruption im gesamten Welthandel.

„Das fatale Zusammenwirken von Terrorismus und technologischem Fortschritt, von sozialer Ungleichheit und organisierter Kriminalität hat für Instabilität und Unsicherheit im 21. Jahrhundert gesorgt, wie es die Welt in diesem Ausmaß noch nicht gekannt hat. Und die treibende Kraft für diese Eskalation, der weltweite Waffenhandel, wird immer raffinierter, komplexer und in seinen Auswirkungen verhängnisvoller“, stellt Andrew Feinstein in seinem Buch Waffenhandel – Das globale Geschäft mit dem Tod fest.

Der Journalist aus Südafrika liefert in dem 800-Seiten-Wälzer erschreckende Einblicke in das Business, das er als „Schattenwelt“ und, so eine Kapitelüberschrift, als das „zweitälteste Gewerbe“ der Welt bezeichnet: Kontrolle und Regulierung sollten eigentlich selbstverständlich sein, finden aber kaum statt. Die USA, deren Staatsausgaben für Verteidigung und Sicherheit pro Jahr etwa eine Billion Dollar betragen, werden seiner Ansicht nach praktisch vom „militärisch-industriellem Komplex“ regiert, einem korrupten Netzwerk von Rüstungsfirmen, Beamten, Kongressabgeordneten und Pentagon. Alle stecken unter einer Decke; schanzen sich gegenseitig Aufträge zu und verdienen prächtig an den Provisionen, die es dafür gibt, oder an den Schmiergeldern, die dafür gezahlt werden.

Eine unsichtbare „Drehtür“ ermöglicht den Positionswechsel zwischen Industrie, Politik und Militär. „Jeder Versuch, die Verteidigungsausgaben zu senken, wird im Kongress und beim Militär, das die geballte Lobbymacht der Rüstungsunternehmen und militärischen Dienstleister auf seiner Seite hat, auf erbitterten Widerstand stoßen“, erklärt Feinstein. So werden selbst Projekte wie das Kampfflugzeug F-22 Raptor durchgeboxt, das nach Meinung vieler Experten völlig untauglich für aktuelle oder künftige Einsatzszenarios ist, aber 350 Millionen Dollar pro Stück kosten soll. Noch einen interessanten Effekt stellt der Autor heraus: „Von allen Ausgaben der USA für außenpolitische Belange stammen 93 Prozent aus dem Verteidigungsministerium. Nur 7 Prozent werden vom Außenministerium verwaltet. Das zeigt nicht nur, welche Unterstützung die Waffenlieferanten genießen, sondern verrät auch einiges darüber, warum die Vereinigten Staaten so oft zu militärischen Mitteln greifen, um internationale Konflikte zu lösen.“

Die USA sind der mächtigste Player auf dem internationalen Rüstungsmarkt. Auf ihr Konto gehen rund 40 Prozent der weltweiten Waffenverkäufe. Das Verteidigungsbudget der Vereinigten Staaten ist seit 2001 um 81 Prozent gestiegen und umfasst mittlerweile fast die Hälfte (43 Prozent) aller weltweiten Verteidigungsausgaben. Für das US-Militär und andere sicherheitsrelevante Behörden und Einrichtungen geben die USA pro Jahr gut eine Billion Dollar aus, das sind 4,8 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts.

Solche Zahlen und viele andere Charakteristika von Andrew Feinsteins akribischen Recherchen erinnern an das Mafia-Enthüllungsbuch Gomorrha von Roberto Saviano. Auch hier gibt es reichlich Namen, Summen, Orte, Verträge und vor allem eine ultimative Skrupellosigkeit bei allen Beteiligten. Am Beginn sind einige der wichtigen Akteure wie auf Fahndungsfotos zu sehen. Schaubilder zeigen, wie Schmiergelder fließen oder illustrieren das Geflecht von Scheinfirmen. Es gibt allerdings einen bedeutenden Unterschied: Die Geschäfte der Waffenhändler werden im Gegensatz zu den Aktivitäten der Mafia meist nicht als kriminell gebrandmarkt, sondern mit dem Argument der nationalen Sicherheit sogar noch als lebensnotwendig deklariert.

Womöglich auch deshalb scheint der Waffenhandel de facto ein rechtsfreier Raum zu sein, und wenn doch mal die Strafverfolgungsbehörden einschreiten, dann scheitern sie oft „am mangelnden politischen Willen und an der objektiven Schwierigkeit, Ermittlungen zu führen in Ländern, die im Chaos versinken, nicht zuletzt wegen der Waffenlieferungen, um die es geht. Ein drittes Problem ist die Frage der juristischen Zuständigkeit“, schreibt Feinstein.

Embargos werden einfach umgangen, Schmiergelder („Provisionen“) werden meist sogar noch von der Steuer abgesetzt, und seit dem Boom der privaten Sicherheitsdienste, mit denen der Staat wichtige Aufgabe outsourct, ist eine neue große Spielwiese für zwielichtige Verträge entstanden, auf der das Geld der Steuerzahler in die Taschen von Privatleuten fließt. „Im Ersten Weltkrieg kam auf 20 amerikanische Soldaten ein privater Dienstleister. Im Zweiten Weltkrieg lag das Verhältnis bei 7 zu 1 und im Vietnam-Krieg bei 6 zu 1“, rechnet Feinstein vor. Mittlerweile hat sich das Verhältnis umgekehrt. Im Frühjahr 2010 kamen in Irak und Afghanistan auf jeden regulären US-Soldaten 1,18 Beschäftigte von Privatunternehmen.

Die gängigen Methoden im Waffengeschäft sind beinahe atemberaubend durchtrieben. So gehörte es beispielsweise zu einem Deal zwischen dem britischen Rüstungsunternehmen BAE und Saudi-Arabien, dass BAE sich die Gunst des Unterhändlers Prinz Turki bin Nasser erwarb, indem die Firma seiner Geliebten, der MTV-Moderatorin Anouska Bolton-Lee, unter anderem eine Wohnung und Schauspielunterricht bezahlte.

Der berüchtigte Viktor But, dessen Leben als „Händler des Todes“ mit Nicolas Cage in der Hauptrolle sogar in Hollywood verfilmt wurde, kaufte im Jahr 1991 für 120.000 Dollar drei große Frachtflugzeuge vom russischen Militär – ein Schnäppchenpreis. Damals war es üblich, dass völlig intakte Maschinen als schrottreif erklärt wurden, um sie an Privatleute zu verkaufen. Viele hohe Militärs besserten so ihr Privatkonto auf. Noch ein Beispiel für diese Strategie: Barry George, ein Mittelsmann von BAE, erhielt 7 Millionen Pfund als Provision für den Verkauf von zwei britischen Fregatten an Rumänien. Der Bau der Schiffe hatte den britischen Steuerzahler 250 Millionen Pfund gekostet, 14 Jahre später wurden sie ausgemustert, für je 100.000 Pfund verkauft und dann von Rumänien wieder flott gemacht.

Auch in Deutschland hält man bei Waffendeals gerne die Hand auf: Als der Bundestag 1958 die Anschaffung des Starfighters beschloss, wurden alle Dokumente in Zusammenhang mit dem Geschäft vernichtet. Es wird davon ausgegangen, dass mehrere Politiker, unter anderem der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Strauß (CSU), geschmiert wurden von Lockheed, dem Hersteller der Flugzeuge, die sich später einen zweifelhaften Ruf als „Witwenmacher“ erwarben. Ein Mittelsmann behauptet, das Unternehmen habe 12 Millionen Dollar an die CSU gezahlt.

Die üppigen Schmiergelder führen immer wieder dazu, dass unnötige Waffen angeschafft werden und sogar Staaten auf Einkaufstour gehen, die das Geld an anderer Stelle deutlich dringender brauchen. Für einen Flugzeug-Deal mit BAE bezahlte beispielsweise Südafrika rund 70 Milliarden Rand. Zum Vergleich: Zur Bekämpfung von Aids hat das Land bis 2008 insgesamt gerade einmal 8,7 Milliarden Rand ausgegeben. Tansania, eines der ärmsten Länder der Welt, kaufte von BAE ein Radarsystem für Militärflugzeuge für 40 Millionen Dollar. Das Land hatte zu diesem Zeitpunkt nur acht Militärflugzeuge. Angeblich flossen Schmiergelder von 10 Millionen Dollar.

Der Sparzwang, der in den meisten Ländern für fast alle Posten im Staatshaushalt um sich greift, scheint für die Waffenkäufer nicht zu gelten. Da werden sinnlose Projekte durchgeboxt, Mondpreise bezahlt, sich Aufträge zugeschachert und Subventionen immer weiter gesteigert. Man merkt Feinstein, der einst auch als Abgeordneter im südafrikanischen Parlament gesessen hat und heute für den britischen Guardian arbeitet, seine aufrechte Empörung an, wenn er diese Zustände schildert. Er verweist immer wieder auf das Leid der Opfer, vor allem in Afrika, wo beispielsweise in Somalia zwei von drei Männern ein Gewehr besitzen und jedermann Handgranaten, Landminen oder Kalaschnikows auf Freiluft-Märkten kaufen kann. Ein Kapitel hat Feinstein „Tränen für einen geliebten Kontinent“ genannt. Waffenhandel – Das globale Geschäft mit dem Tod ist ein Buch wie mit hochrotem Kopf geschrieben. „Im 20. Jahrhundert starben 231 Millionen Menschen in kriegerischen Konflikten, die der Waffenhandel entweder erst ermöglicht oder aber verschärft hat. Das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts deutet darauf hin, dass diese Zahl noch einmal überboten werden soll“, befürchtet der Autor.

Feinstein zeigt auf, dass Marktprinzipien für Rüstungsfirmen offensichtlich nicht gelten. Sie müssen nicht effektiv sein (höhere Kosten bedeuten bloß höhere Gewinne, weil meist die öffentliche Hand zahlt) und nicht innovativ (Aufträge vom Staat bekommen die Firmen, die sie am dringendsten brauchen, um Standorte und Arbeitsplätze zu erhalten). Das frappierendste Beispiel für die völlig überzogenen Preise, die viele Hersteller verlangen: In der Reagan-Amtszeit stellte ein Flugzeugbauer der US-Regierung einen WC-Sitz für ein Militärflugzeug mit 600 Dollar in Rechnung, eine Kaffeemaschine mit 7662 Dollar.

Darbende Hersteller werden mit neuen Aufträgen oder Krediten aufgepäppelt. Alleine Lockheed Martin erhielt im Jahr 2008 staatliche Aufträge im Wert von 36 Milliarden Dollar aus den USA, 15 Millionen Dollar investierte das Unternehmen übrigens im Jahr darauf in Lobby-Arbeit und Wahlkampfspenden. Selbst die Kunden bekommen Geld von der öffentlichen Hand, wenn es sein muss. So erhielt der chilenische General Pinochet von den USA in den 1970er Jahren immer wieder Kredite, damit er Waffen kaufen konnte. In seiner Amtszeit verdreifachten sich die Militärausgaben des Landes. Wenn ein Rüstungsunternehmen trotz solch paradiesischer Bedingungen in Existenznot gerät, kann es sich im Zweifel immer auf die nationale Sicherheit berufen. All das sind erstaunliche Prinzipien zur Finanzwelt und dem „Too big to fail“-Prinzip.

Bedenklich ist das auch, weil die viel beschworene Sicherung von Arbeitsplätzen (in Deutschland sind nach Angaben der Hersteller rund 80.000 Menschen in der Rüstungsbranche tätig) sehr fragwürdig ist. Natürlich entstehen Jobs, wenn der Staat in Kriegsgüter investiert. Aber Feinstein legt gleich mehrere Studien vor, die zeigen, wie fragwürdig solche Ausgaben auch in wirtschaftlicher Sicht sind. „Mit einer Milliarde Dollar, die in Verteidigung investiert wird, werden 8555 Arbeitsplätze geschaffen. Mit dem gleichen Betrag könnten im Gesundheitswesen 12883 und in der Bildung sogar 17687 Arbeitsplätze geschaffen werden“, rechnet er vor.

Doch der Steuerzahler, dessen Geld da verschwendet wird, bekommt von der Waffenlobby weiter Sand in die Augen gestreut. Er finanziert über den Verteidigungsetat unfreiwillig Firmen mit, deren Produkte irgendwann in der Hand von Diktatoren, Kindersoldaten oder Kriegsverbrechern landen, und deren Handel zwielichtigen Gestalten wie Viktor But ein Leben in Saus und Braus ermöglichen.

Auch Deutschland verdient gut am Geschäft mit dem Tod. Feinsteins Buch zeigt, dass es auf dem globalen Waffenmarkt quasi niemanden gibt, der sich moralisch vorbildlich verhält, und die Bundesrepublik ist da keine Ausnahme. Schon wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Operation Gehlen und andere Altnazis (übrigens: In den 1930er Jahren wurde in den USA und in Großbritannien ernsthaft diskutiert, die Herstellung von Waffen durch private Firmen zu verbieten, erst die Bedrohung durch die Aufrüstung der Nazis machte diesen Debatten ein Ende) sehr aktiv im Waffenhandel, manche bis weit in die 1980er Jahre hinein. Gerhard Mertins verkaufte beispielsweise 1965 etliche Kampfjets aus Beständen der Bundeswehr an Venezuela, mit sattem Reingewinn.

Der aktuelle Rüstungsexportbericht zeigt eine Zunahme der deutschen Rüstungsexporte im Jahr 2011. Die wenigen Daten, die dazu vorliegen, zeigen nach Ansicht von Matthias John, Experte für Waffenhandel bei Amnesty International, „dass weder Berücksichtigung der Menschenrechte noch Transparenz von Rüstungsgeschäften im Vordergrund des Regierungshandelns in diesem Bereich stehen“. Besonders bedenklich ist aus seiner Sicht, dass die Ausfuhren in Länder, die nicht zur EU oder Nato gehören, deutlich gestiegen sind. „Hier ist zu befürchten, dass darunter auch noch mehr Staaten mit kritischer Menschenrechtslage sind – es ist eindeutig ein falsches Signal, wenn für solche Staaten deutsche Rüstungslieferungen genehmigt werden“, sagt John.

Außerdem agiere die Bundesregierung deutlich häufiger mit so genannten Sammelausfuhrgenehmigungen. Ihr Anteil ist von rund 740 Millionen Euro im Jahr 2010 auf mehr als 5 Milliarden Euro im vergangenen Jahr gestiegen. Was dabei genau zu welchem Zweck an wen geht ist dabei ebenso unklar wie die Frage, ob die entsprechenden Rüstungsgüter eventuell später weiterverkauft werden – womöglich an Länder, die aus gutem Grund nicht direkt von Deutschland mit Waffen versorgt werden.

Ein seit langem geforderter internationaler Waffenhandelsvertrag (Arms Trade Treaty, ATT) könnte im kommenden März endlich verabschiedet werden. Feinstein, der sein Buch mit Vorschlägen abschließt, wie mehr Kontrolle möglich wäre, sieht dieses Abkommen als Grundvoraussetzung, um im Waffenmarkt zumindest einmal mit Kontrolle und Transparenz zu beginnen. Der Vertrag soll unter anderem eine „Goldene Regel“ enthalten, wonach Waffen nicht verkauft werden dürfen, wenn zu befürchten steht, dass durch den Verkauf schwere Verstöße gegen internationale Menschenrechtsgesetze und Kriegsverbrechen begangen oder begünstigt werden. John setzt große Hoffnungen in den Vertrag: „Ein solches Abkommen wäre ein wichtiger Schritt vorwärts für die Einschränkung unverantwortlicher Rüstungstransfers.“

Das beste Zitat im Buch stammt von Ex-US-Präsident Dwight D. Eisenhower. Heute ist ein Flugzeugträger nach ihm benannt, dabei sagte er 1953 in einer Rede: „Jede Herstellung einer Kanone, jeder Stapellauf eines Kriegsschiffs, jeder Abschuss einer Rakete bedeutet Diebstahl an den Hungernden, die keine Nahrung bekommen, und an den Frierenden, die keine Kleidung erhalten.“

Eine gekürzte Version dieses Textes gibt es mit einer Fotostrecke zu deutschen Rüstungs-Exportschlagern auch bei news.de.

Draufgeschaut: How I Won The War

Oktober 25, 2012 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Gripweed (John Lennon) muss sich mit einem unfähigen Offizier durch Afrika kämpfen.

Gripweed (John Lennon) muss sich mit einem unfähigen Offizier durch Afrika kämpfen.

Film How I Won The War
Produktionsland Großbritannien
Jahr 1967
Spielzeit 106 Minuten
Regie Richard Lester
Hauptdarsteller Michael Crawford, John Lennon, Roy Kinnear, Jack MacGowran, Michael Hordern, Lee Montague, Karl-Michael Vogler
Bewertung ***1/2

Worum geht’s?

Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs gerät Lt. Ernest Goodbody in deutsche Gefangenschaft. Seinen Aufsehern erzählt er seine Lebensgeschichte, von der Offiziersausblidung über seinen Sondereinsatz in Afrika (wo er ein Cricketfeld hinter den feindlichen Linien errichten soll) bis zum Kampf am Rhein. Dass seine Truppe ihn für eine Witzfigur hält, verschweigt er dabei geflissentlich. Schließlich wird er doch noch zum Helden, denn er spielt eine entscheidende Rolle beim Sieg der Alliierten.

Das sagt shitesite:

Aus heutiger Sicht mag How I Won The War vor allem deshalb interessant ist, weil es den einzigen Auftritt von John Lennon in einem Nicht-Musik-Spielfilm zeigt. Der Brillenbeatle, zum Zeitpunkt der Dreharbeiten bereits so etwas wie ein lebender Gott, gibt hier den Soldaten Gripweed, der sich vor allem durch eine Vergangenheit als Nationalsozialismus-Sympathisant (“Faschismus ist etwas, aus dem man herauswächst”, urteilt ein Vorgesetzter gelassen) und eine Gegenwart als notorischer Schweißfußbesitzer auszeichnet.

Ob Lennon ein guter Schauspieler ist, lässt sich freilich kaum beantworten, denn How I Won The War ist viel zu surreal und grotesk, um Raum für dramatisches Talent zu lassen. Monty Python trifft Private Ryan – so könnte man diese Persiflage am treffendsten zusammenfassen. Das hält einige gute Gags bereit, überzeugt aber vor allem durch die Konsequenz, mit der Regisseur Richard Lester hier mit dem Militarismus abrechnet und mit der Glorifizierung des heldenhaften Siegs, die wohl auch eine Generation nach dem Ende des Krieges in England noch an der Tagesordnung war.

Er proträtiert die englische Armee als eine Truppe, die besessen ist von Tradition, Manieren und Egozentrik – lauter Eigenschaften, die man an der Front nun wirklich nicht gebrauchen kann. Sein Frontalangriff auf den Kriegskult nimmt wirklich alles ins Visier: die Pose, das Schauspiel und das Protzen, das dem Militär innewohnt. Den Fetisch rund um Ausrüstung, Geschichte, Tapferkeit  und Patriotismus. Homoerotik, Feigheit, nationalistische Klischees. Die absurde Hoffnungslosigkeit von Truppenunterhaltung und die banale Sorge darum, was die Frau wohl zuhause treibt, während man selbst an der Front kämpft.

Im Mittelpunkt von How I Won The War steht das Verhältnis zwischen Offizieren und ihren Mannschaften: Die Unfähigkeit von Ernest Goodbody wird nur noch durch seine sagenhafte Arroganz übertroffen (herrlich zum Ausdruck gebracht in seinen abgehobenen Motivationsreden), während die unteren Dienstgrade ihm natürlich immer wieder den Arsch retten und den wirklich entscheidenden Anteil am Sieg haben. Man kann das als Metapher auf den Klassenkampf lesen, doch letztlich lässt How I Won The War niemandem die Gelegenheit, stolz auf seine Rolle im Krieg zu sein. Es gibt hier, unabhängig vom Dienstgrad, nur Wichtigtuer und Hanswürste – klarer könnte man die Absurdität von Krieg nicht zum Ausdruck bringen.

Bestes Zitat:

“Der Krieg ist zweifellos das erhabenste Spiel, das es gibt.”

Der Trailer zum Film:

Durchgelesen: Téa Obreht – “Die Tigerfrau”

Mai 30, 2012 · Posted in Bücher, Bücherregal · Comment 
Der Aberglaube wird in "Die Tigerfrau" zum verbindenden Element in Zeiten der Trennung.

Der Aberglaube wird in "Die Tigerfrau" zum verbindenden Element in Zeiten der Trennung.

Autorin Téa Obreht
Titel Die Tigerfrau
Verlag Rowohlt Berlin
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung ***1/2

«Der Krieg hatte alles verändert. Einmal getrennt, verloren die Gegenden, aus denen sich unser Land bis dahin zusammengesetzt hatte, die typischen Merkmale, die sie zuvor als Teile des Ganzen charakterisiert hatten», schreibt Téa Obreht über das, was vor rund 20 Jahren auf dem Balkan begann.

Sie war damals ein kleines Mädchen in Belgrad, und der Krieg war für sie nicht nur unsinnig, sondern auch höchst verwirrend. «Wahrzeichen, Schriftsteller, Wissenschaftler, die Geschichte – die Karten wurden völlig neu gemischt. Jener Nobelpreisträger war nicht mehr unserer, sondern ihrer; unser Flughafen war nach dem verrückten Erfinder benannt, der jetzt nicht mehr zu unserer Gemeinschaft gehörte. Und die ganze Zeit über sagten wir uns, dass irgendwann alles wieder zum Alltag zurückkehren würde.»

Es ist diese Atmosphäre, in der sich ihr Debütroman Die Tigerfrau abspielt. Die Hauptfigur Natalia, eine angehende Ärztin, reist mit ihrer Kollegin Zora in ein Dorf, um Waisen zu impfen. Es ist eines jener Dörfer, das früher wie selbstverständlich zu Jugoslawien gehörte, jetzt aber auf der anderen Seite der neu entstandenen Grenze liegt. Das macht die Aktion, die als Symbol der Versöhnung gemeint ist, so heikel. Werden sie als Fremde oder Freunde empfangen, als Helfer oder Gegner?

Während der Fahrt zum Waisenhaus erfährt Natalia, dass ihr Großvater gestorben ist. Ihre Hilfsaktion wird deshalb immer wieder überlagert von den Erinnerungen an den Opa, an gemeinsame Erlebnisse und die schillernden Geschichten, die der Großvater so gerne erzählt hat – wie die von dem Tiger, der nach einem Bombenangriff aus dem Zoo floh.

Durch dieses Konstrukt entstehen in Die Tigerfrau verschiedene Zeitebenen, die letztlich fast ein ganzes Jahrhundert Geschichte umfassen. Nicht immer schafft es die Autorin, das Geschehen ihrer Handlung nahtlos, zwingend und schlüssig mit den Rückblenden zu verknüpfen. Aber es gelingt Téa Obreht durch diese Herangehensweise, einen höchst ungewöhnlichen Blickwinkel auf den Balkankrieg zu werfen. Politik und Saga, Mentalitätsgeschichte und Märchensammlung, all das ist in diesem «Epochenpanorama» (FAZ) vereint. Mit dem Großvater, dessen Geheimnis in diesem Roman nach und nach gelüftet wird, schafft die Autorin eine unfassbar lebendige, beeindruckende, authentische Figur.

Zudem schwingt in Die Tigerfrau, das 2011 mit dem Orange Prize for Fiction ausgezeichnet wurde, permanent so etwas wie die Mahnung an Einheit und Versöhnung mit. Téa Obreht, geboren 1985 in Belgrad und als Zwölfjährige in die USA gezogen, schildert immer wieder die Klammern und Verwandtschaften auf dem Balkan. Fast detailbesessen beschreibt sie die Landschaft, auch Geschichte, Sprache, Küche und die Ahnen können als Verbindungslinien interpretiert werden. Vor allem aber: die Mythen. «Wir haben alle ein Recht auf unseren Aberglauben», sagt an einer Stelle – ausgerechnet – ein Mönch. Das Irrationale, dem Natalia als Ärztin besonders kritisch begegnet, wird zum roten Faden dieser Geschichte, zum Charakteristikum der Figuren, vielleicht sogar eines ganzen Volkes.

Ohne es auszusprechen, erkennt Téa Obreht in dieser Mentalität wohl auch den Grund für den Krieg, dessen Wunden auf dem Balkan noch längst nicht verheilt sind. So wie sie ihre Landsleute und ihre Geschichte sieht, ist davon auch in nächster Zukunft nicht auszugehen: «Solange ein Kampf ein bestimmtes Ziel hat – die Befreiung von etwas, das Engagement für Unschuldige –, besteht immer Hoffnung auf ein Ende. Wenn er jedoch nach Auflösung trachtet – und unsere Namen betrifft, die Orte, in denen wir verankert sind, die Bindung unserer Namen an Wahrzeichen oder Ereignis –, dann bleibt nichts als Hass und die lange, träge Prozession von Menschen, die Generation für Generation von ihm zehren. Dann ist der Kampf endlos, kehrt immer wieder, wie Wellen, und behält die Kraft, jene, die auf sein Ende hoffen, böse zu überraschen.»

Bestes Zitat: „Er richtete sich auf, schob den Stuhl vom Tisch weg und rieb sich die Knie. ‚Wenn Erwachsene sterben, haben sie Angst’, sagte er. ‚Sie nehmen alles von dir, was sie kriegen können, und als Arzt ist es deine Aufgabe, es ihnen zu geben, sie zu trösten, ihnen die Hand zu halten. Aber Kinder sterben so, wie sie gelebt haben – voller Hoffnung. Sie wissen nicht, was geschieht, also erwarten sie auch nichts, sie bitten dich nicht, ihre Hand zu halten – und am Ende wünschst du dir, sie würden deine halten. Bei Kindern bist da auf dich allein gestellt. Verstehst du?’“

Eine leicht gekürzte Version dieser Kritik gibt es auch bei news.de.

Durchgelesen: Hélène Grémillon – “Das geheime Prinzip der Liebe”

April 4, 2012 · Posted in Bücher, Bücherregal · Comment 
Krieg, Liebe und die Suche nach Identität - das sind die großen Themen in "Das geheime Prinzip der Liebe".

Krieg, Liebe und die Suche nach Identität - das sind die großen Themen in "Das geheime Prinzip der Liebe".

Autor Hélène Grémillon
Titel Das geheime Prinzip der Liebe
Originaltitel Le confident
Verlag Hoffmann und Campe
Erscheinungsjahr 2010
Bewertung ****1/2

Als wäre nicht schon alles schlimm genug. Camille hat gerade ihre Mutter bei einem Autounfall verloren. Die Beziehung mit ihrem Freund steckt in der Krise. Und jetzt muss sie sich auch noch durch Berge von nichtssagenden Beileidsbekundungen kämpfen.

Unter den Kondolenzschreiben findet sich ein mysteriöser Brief. Ein gewisser Louis erzählt darin von seiner tragischen Liebe zu Annie. Diese Annie, eine junge Malerin, trägt ein Kind für ihre wohlhabende Gönnerin aus. Der gut gemeinte Plan entzweit die einstigen Freundinnen, führt zu Misstrauen und Hass.

Camille wundert sich über diesen Brief und glaubt an eine Verwechslung. Doch das Schreiben ist eindeutig an sie adressiert, und weitere Briefe von Louis folgen. Camille ist zunächst bloß neugierig und fasziniert von der Liebesgeschichte. Louis wird für sie zu einem Vertrauten (Le confident, heißt der Originaltitel des in Frankreich schon 2010 erschienenen Romans). Nach und nach ahnt sie aber, dass sie selbst eine Rolle in dieser Erzählung spielt. Schließlich fragt sie sich: Welche der Figuren bin ich?

Mit ihrem Debüt, das in ihrer französischen Heimat ein Bestseller war und nun auch auf Deutsch vorliegt, hat Hélène Grémillon (Jahrgang 1977) einen famos komponierten Roman vorgelegt. Die Handlung von Das geheime Prinzip der Liebe springt hin und her zwischen dem Paris des Jahres 1975, in dem Camille lebt, und dem Frankreich des Zweiten Weltkriegs, in dem sich Louis und Annie zurechtfinden müssen.

Auch die Erzähler wechseln fast unmerklich, ebenso wie die Identitäten der Figuren unklar sind und die Beziehung, die Camille womöglich zu ihnen hat. Briefe, Tagebücher und Manuskripte spielen eine große Rolle und machen die Figuren ganz oft selbst zu Lesern, die nicht so recht schlau werden aus dem, was sie lesen, oder für die das Gelesene eine existenzielle Erschütterung bedeutet.

Mit dieser Methode wird eine rührende, immer wieder überraschende Geschichte erzählt, in der fast jede Figur ein Geständnis abzulegen hat. Wie weit die Liebe gehen kann, die Leidenschaft, die Selbsttäuschung – diese Fragen stehen im Mittelpunkt. Gemeint ist damit die romantische Liebe. Es geht aber viel mehr noch um die Mutterliebe, um die Grenzen von Pflichtgefühl, Fürsorge, Biologie. Das Kind, das die eine zur Welt gebracht hat und das die andere für sich beansprucht, wird vom vollendeten Beweis der Freundschaft zweier Frauen zum zerbrechlichen Mittelpunkt all ihren Neides und all ihrer Eifersucht. “Wir waren wie zwei Feindinnen, die vergeblich die Achillesferse der anderen suchten. Im Grund hatten wir dieselbe, aber wir konnten sie nicht nutzbar machen, ohne uns selbst ins Unglück zu stürzen”, beschreibt Hélène Grémillon ihr Dilemma.

Opfer werden hier zu Tätern, Randfiguren zu Protagonisten. Das Beste an Das geheime Prinzip der Liebe ist, dass man all dies verraten kann, ohne dem Leser deshalb das Vergnügen an dieser Familiensaga zu nehmen. Denn das Buch ist nicht nur eine hoch romantische Geschichte voller Intrigen und Pointen. Wenn sich Camille auf die Suche nach Louis macht, um endlich zu erfahren, welches Geheimnis hinter seinen Briefen steckt, dann ist dieser Roman auch so spannend, dass man ihn kaum mehr aus der Hand legen kann.

Bestes Zitat: “Die Liebe ist ein geheimnisvolles Prinzip, ihr Ende noch viel mehr. Man weiß vielleicht, warum man liebt, aber niemals, warum man nicht mehr liebt.”

Draufgeschaut: Good Morning, Vietnam

März 20, 2012 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Adrian Cronauer (Robin Williams) soll die Truppe bei Laune halten.

Adrian Cronauer (Robin Williams) soll die Truppe bei Laune halten.

Film Good Morning, Vietnam
Produktionsland USA
Jahr 1987
Spielzeit 121 Minuten
Regie Barry Levinson
Hauptdarsteller Robin Williams, Forest Whitaker, Tung Thanh Tran, Chintara Sukapatana, Bruno Kirby
Bewertung ****

Worum geht’s?

Saigon 1965: Aus Kreta kommt ein neuer DJ zur Radiostation der US-Streitkräfte. Adrian Cronauer ist ein Großmaul und eine Quasselstrippe, er spielt moderne Musik und hat keinen Respekt vor der Armeeführung. “Das Lexikon zeigt unter ‘Arschloch’ sein Bild”, witzelt er über einen Offizier, und aus den Lautsprechern tönen bei ihm James Brown und die Rolling Stones statt “musikalische Korrektheiten”, die man beim Sender wünscht. Mit dieser Masche wird er schnell ein Star in der Truppe. Als er aber versucht, die Wahrheit über den Krieg in Vietnam zu berichten, machen ihm seine Vorgesetzten einen Strich durch die Rechnung.

Das sagt shitesite:

Die größte Stärke von Good Morning, Vietnam (neben dem genialen Soundtrack): Im sicheren Mikrokosmos der Sprecherkabine schafft es die Hauptfigur, die ganze Absurdität des Vietnamkriegs deutlich zu machen. So wird Good Morning, Vietnam, das auf einer wahren Geschichte beruht, zu einem Film übers Radio, über das Militär und über den Humor – vor allem aber über die Suche nach der Wahrheit und den Wunsch, ihr zumindest mit den Ohren mal für ein paar Minuten entfliehen zu können.

Cronauer ist ein Verrückter – nicht nur nach den strengen moralischen Maßstäben der damaligen Zeit – und Robin Williams zieht nicht nur stimmlich alle Register und blüht sichtlich auf in dieser Rolle. Nichts nimmt er ernst, nicht einmal den Krieg, der ihn umgibt. Bis er plötzlich mittendrin steckt und merkt, dass sich Eskapismus und Journalismus auf Dauer nun einmal ausschließen. Der Mann, der eigentlich bloß Party machen wollte, wird dann plötzlich politisch. Seine Gegner sind in Good Morning, Vietnam aber immer dieselben: Langeweile und Konformismus.

Bestes Zitat:

“Military intelligence? Das ist ein Widerspruch in sich.”

Der Trailer zum Film:

Draufgeschaut: Der Untergang

März 17, 2012 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Adolf Hitler (Bruno Ganz, Mitte) weigert sich trotz der näher rückenden Gegner, Berlin zu verlassen.

Adolf Hitler (Bruno Ganz, Mitte) weigert sich trotz der näher rückenden Gegner, Berlin zu verlassen.

Film Der Untergang
Produktionsland Deutschland
Jahr 2004
Spielzeit 150 Minuten
Regie Oliver Hirschbiegel
Hauptdarsteller Bruno Ganz, Alexandra Maria Lara, Corinna Harfouch, Ulrich Matthes, Juliane Köhler, Heino Ferch, Christian Berkel, Ulrich Noethen
Bewertung *****

Worum geht’s?

Die junge Traudl sucht einen Job als Sekretärin – und wird ausgerechnet in der Reichskanzlei angestellt. Im Führerbunker erlebt sie die letzten Tage des Dritten Reichs und steht plötzlich inmitten von Weltgeschichte und persönlichen Tragödien.

Das sagt shitesite:

Der Untergang ist fast durchweg großartig besetzt und gespielt, zudem spannend und aufrüttelnd. So gelingt der gewagte Ansatz, Hitler und die übrige Naziführung von ihrer menschlichen Seite zu zeigen – wodurch die Verbrechen und Verbrecher noch bestialischer wirken.

Der Trailer zum Film:

Draufgeschaut: Die Spiele der Frauen

Dezember 4, 2011 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Guy (Stuart Townsend) bandelt mit Mia (Penélope Cruz, links) und Gilda (Charlize Theron) an.

Guy (Stuart Townsend) bandelt mit Mia (Penélope Cruz, links) und Gilda (Charlize Theron) an.

Film Die Spiele der Frauen
Originaltitel Head In The Clouds
Produktionsland Kanada
Jahr 2004
Spielzeit 121 Minuten
Regie John Duigan
Hauptdarsteller Charlize Theron, Penélope Cruz, Stuart Townsend, Thomas Kretschmann
Bewertung ***

Worum geht’s?

Als Student in Cambridge lernt Guy die verführerische Gilda kennen. Ein paar Jahre später trifft er sie in Paris wieder. Gemeinsam mit Mia, Gildas spanischer Geliebter, durchleben sie die turbulenten Kriegsjahre in Frankreich – und eine leidenschaftliche Menage á trois.

Das sagt shitesite:

Faszinierende Figuren treffen in Die Spiele der Frauen in einer toll fotografierten Dreiecksgeschichte aufeinander. Leider steckt die voller Klischees.

Der Trailer zum Film:

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