Tarek K.I.Z. – „Golem – Ralph Heidel Rework“


Künstler Tarek K.I.Z.

Tarek K.I.Z. Golem - Ralph Heidel Rework Review Kritik

Tarek K.I.Z. packt die Tracks von „Golem“ in klassische Arrangements.

Album Golem – Ralph Heidel Rework
Label Eklat
Erscheinungsjahr 2020
Bewertung

Es gibt ein Foto, das Chris Schwarz während der Aufnahmen zum Ralph Heidel Rework von Golem gemacht hat. Das Bild zeigt gut, wie unplausibel die Idee erscheinen muss, die Tarek K.I.Z. mit dieser Platte umsetzt. Er steht da im Studio, in Sneakers, Jeans und Basecap, die Hände schüchtern vor dem Schritt verschränkt. Neben ihm sehen wir eine Cellisten und zwei Geigerinnen, sie scheinen sich ebenso unwohl mit der Situation zu fühlen wie er. Sie sind auf einem Plüschsessel, einem Barhocker und einem Bürostuhl platziert. Es wirkt, als hätte man eilig ein paar Sitzgelegenheiten herangekarrt und die Musikerinnen hineingequetscht in ein Setting, in das sie eigentlich nicht gehören, zwischen das übliche Equipment mit Keyboards, Samplern, Drums und Monitorboxen.

Auf dem Papier wirkt das Konzept in der Tat verwegen: Genau ein Jahr, nachdem Tarek K.I.Z. sein erstes Soloalbum angekündigt hat, bringt er die Platte unter der musikalischen Leitung von Ralph Heidel in einer neuen Interpretation heraus, angereichert um viele klassische Elemente wie Klavier, akustische Gitarren und reichlich Streicher. Fans werden wissen, dass Tarek diese Idee schon bei der Live-Vorstellung von Golem im Februar 2020 in Berlin (tatsächlich noch vor Publikum) verwirklicht hat. Damals stand er ähnlich verloren wie auf dem besagten Foto inmitten eines Mini-Orchesters, zu dem neben dem Streicherquartett auch ein Gitarrist, Bassist, Schlagzeuger und Backgroundsängerinnen sowie ein Pianist gehörten. Doch schon diese Performance zeigte, wie viel Potenzial in der Idee steckt. Für Golem – Ralph Heidel Rework wurden die Songs des Albums nun auch im Studio überarbeitet und neu eingespielt. Die neuen Arrangements weichen teils erheblich sowohl vom ursprünglichen Album als auch von der Live-Performance im Februar ab, auch das Tracklisting wurde verändert, wobei auf das psychopathische Wenn du stirbst und das kunterbunte Nubischer Prinz komplett verzichtet wurde.

Die Platte zeigt indes schnell, wie überzeugend die Zusammenarbeit ist. Der 27-jährige Ralph Heidel, der an der Musikhochschule München studiert hat, betont mit den neuen Arrangements viele der Elemente, die Golem ohnhein auszeichnen und die Platte auch vom üblichen K.I.Z.-Oeuvre unterscheiden: Es gibt weniger Rap, mehr Gesang (beides gerne mit Auto-Tune). Es gibt weniger Ironie, mehr Verletzlichkeit. Es gibt weniger Posen, mehr Introspektion.

Bang Bang eröffnet in der neuen Version die Platte, erzählt vom Leben unter Generalverdacht und macht sofort klar, dass diese Geschichte („Wegen Typen wie mir wählst du die AFD“) nicht nur mit Härte im Sound funktioniert, sondern auch mit Eleganz. Zum Frühlingstag, einem Abschiedslied, vor allem aber einem rührenden Dankeschön an den verstorbenen Vater, passt der Streicher-Sound natürlich ebenfalls bestens, genauso wie zum Drama von Letzte Chance rund um Gewalt in der Familie und dem Trauma des Erzählers, die misshandelte Mutter als kleiner Junge nicht vor dem brutalen Stiefvater beschützt zu haben. Die Hassliebe zum Kokain in Weißer Drache wird nun noch filigraner (und weiterhin tausendmal cleverer als bei Haftbefehl) betrachtet, Nach wie vor klingt als Hohelied auf die Unabhängigkeit nun noch glaubhafter, selbst K.I.Z. für immer funktioniert als Hymne an die Gang und die fast 20 gemeinsamen Jahre („Wir sind Bros seit dem Stimmbruch“) im neuen Gewand.

Das dies gelingt, liegt an der Sensibilität, mit der Ralph Heidel sich den Vorlagen nähert, aber auch an der ungewöhnlichen Perspektive, die Tarek K.I.Z. hier schon in vielen der Originalversionen einnimmt. Es sei daran erinnert: Der mystische Golem ist ein Wesen, das sich gegen seinen Schöpfer auflehnt. Entsprechend häufig wird hier der Kampf mit den eigenen Dämonen ausgefochten statt den Rap-Standard von „Mir kann keiner was“ zu wiederholen. So kann man in Ticket hier raus nicht nur den Wunsch nach Ausbruch erkennen, sondern in Zeilen wie „Über uns thront die verwesende Stadt“ oder „Ein schwarzer Tag in einem schwarzen Jahr“ auch eine Endzeitstimmung, die sich mit klassischer Orchestrierung wunderbar ausdefinieren lässt: Alles in diesem Track fühlt sich ekelhaft an, nicht zuletzt die Erkenntnis, dass man selbst Teil davon ist. „Lana Del Rey, du kannst einpacken“, scherzte Tarek bei der Show in Berlin, und die morbide Grandezza, die man mit ihr verbindet, kann man auch auf dem Golem Rework immer wieder erkennen.

In Freak liefert sich Tarek vollkommen einer durchgeknallten Frau aus, eine extrem ungewöhnliche Position im Rap. Auch Kaputt wie ich ist an der Oberfläche ein spektakuläres Abenteuer aus Sex, Rausch, Flucht, Leichen im Keller und russischem Roulette, erzhählt aber eigentlich vom Bedürfnis nach Hilfe, nach Trost und Rettung durch Zweisamkeit: „Ich bin in schlechter Gesellschaft, wenn ich alleine bin.“ Den Schlüssel zum Funktionieren von Golem – Ralph Heidel Rework kann man vielleicht am besten in Liebe erkennen. Zum einen hat Heidel dort mit einem Saxofonsolo seinen prominentesten Auftritt. Zum anderen erzählt der Track von der Beziehung als Kampf („Wir können erst etwas fühlen, wenn alles um uns beide niederbrennt“), vom unfreiwilligen verfallen in Muster, die man bei den eigenen Eltern gelernt hat und eigentlich überwinden wollte.

„Was hat das mit HipHop zu tun?“; fragte Tarek K.I.Z. scherzhaft am Ende der Live-Performance in Berlin und nimmt damit die Skepsis vorweg, die bornierte Anhänger des Genres oder Fans, die K.I.Z. nur im „Auf die Fresse“-Modus schätzen können, bei Golem – Ralph Heidel Rework vielleicht tatsächlich artikulieren werden. Die Antwort ist einfach: Was Tarek hier so eindrucksvoll wie nie in seine Tracks packt, ist ein extrem hohes Maß an emotionaler Intelligenz. Und die ist höchst hilfreich im Rap, egal ob man Nazis dissen, dem toten Vater nachtrauern, seine Street Cred beweisen oder der eigenen Sinnkrise nachspüren will.

Wo Klassik ist, muss auch Ballett sein: das Video zu Freak.

Website von K.I.Z.

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