The Antlers – „Familiars“


Künstler The Antlers

The Antlers Familiars Review Kritik

Zuhause in Brooklyn haben The Antlers ihr fünftes Album aufgenommen.

Album Familiars
Label Transgressive
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

„Life is a fatal race for all contenders“, weiß Peter Silberman. Er singt diese Zeile in Surrender, kurz vor dem Ende dieser Platte, und der Songtitel zeigt schon, wie seine Reaktion auf diese Erkenntnis aussieht: entschleunigen, aussteigen. Er will offensichtlich die Schönheit der Welt genießen und möglichst selbst zu ihr beitragen, sich über die Absurdität des Rennens wundern und über all jene, die glauben, sie könnten dabei etwas Wertvolleres gewinnen als er selbst, wenn er bloß noch Zuschauer ist.

Dieser Ansatz prägt The Antlers seit der Gründung 2006, als dieser Name noch für ein Soloprojekt Silbermans stand, das zwei Alben veröffentlichte, bevor er Darby Cicci und Michael Lerner dazuholte. Als Trio folgten 2009 Hospice und 2011 Burst Apart, im Jahr darauf außerdem die EP Undersea. Das fünfte Album Familiars, aufgenommen in ihrem eigenen Studio in Brooklyn, darf man gerne als (bisherige) Krönung dieser Entwicklung ansehen.

Zum Auftakt der Platte erklingen in Palace zunächst ein Klavier, dann eine Trompete, dann die Stimme von Peter Silberman – all das scheint sich gegenseitig in Schönheit und Grazie übertreffen zu wollen. So bleibt der Eindruck nicht nur in diesem Lied (auch dann noch, als sich längst ein recht kraftvolles Schlagzeug und eine für sich betrachtet schroffe E-Gitarre hinzugesellt haben), sondern auf Familiars insgesamt. Im Durchschnitt sind die Songs auf dieser Platte sechs Minuten lang, oft brauchen sie diese Spielzeit auch, um ihre Wirkung entfalten zu können. Man merkt das etwa bei Intruders, das zunächst keine konkrete Form zu haben scheint und auf ein Arrangement setzt, das wie vorläufig wirkt. Auch der Album-Abschluss Refuge, der selbst im Vergleich zu den vielen weisen und zurückgenommenen Momenten auf Familiars in diesen Kategorien noch herausragt, ist ein Beispiel dafür. Doppelgänger könnte man für eine nachträgliche Bewerbung um den Soundtrack von Der dritte Mann halten, so verschwörerisch klingen The Antlers in diesem Lied, das wie ein Jazz-Nebel vom Boden aufsteigt (oder eben aus der Kanalisation, auch wenn es dafür trotz seiner teils durchaus gewagten Elemente insgesamt zu elegant klingt).

„I’m a director / watching you rehearse“, singt Silberman in Director. Es scheint kein besonders fröhlicher und farbenfroher Film zu sein, für den da eine Besetzung gesucht wird – und der Eindruck, ständig nur etwas vorgespielt zu bekommen, ist natürlich auch kein sehr erfreulicher. Lieder wie Parade würde Bruce Springsteen wohl machen, wäre er mit einer strengen Diät von Belle & Sebastian und Arcade Fire aufgewachsen. Revisited lässt die Gitarre über weite Strecken weg und fügt dafür zwei Portionen Wehmut hinzu. Hier stellen The Antlers die Frage: Sind Gegenstände und materieller Besitz wirklich das, was wir bewahren und worüber wir uns definieren wollen?

Ähnlich ist die Botschaft von Hotel, das zunächst seinen (ungewöhnlichen) Rhythmus in den Vordergrund stellt, dann aber zu einer fast existenzialistischen Reflexion wird. Silberman spürt nichts von Gastfreundschaft, Service oder dem wohligen Gefühl von Anonymität, Internationalität und Unverbindlichkeit, sondern will vor allem raus, und man ahnt: Das gilt längst nicht nur für dieses Hotelzimmer, sondern eben auch für das Hamsterrad, das die meisten von uns zu ihrem Leben machen.

The Antlers spielen vier Songs von Familiars live für KEXP.

Homepage von The Antlers.

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