The Beach Boys – „Good Vibrations“


Künstler*in The Beach Boys

The Beach Boys Good Vibrations Review Kritik

Die Sammlung „Good Vibrations“ erschien 30 Jahre nach dem ersten großen Hit der Beach Boys.

Boxset Good Vibrations
Label Capitol
Erscheinungsjahr 1993
Bewertung

„Es gab nicht viel Harmonie in unserer Familie – außer, wenn wir sangen. Wahrscheinlich war das unsere Art, zu kommunizieren“, hat Brian Wilson einmal gesagt. Er spielt damit auf den tyrannischen Vater Murry an, der in den Anfangsjahren die Karriere der Beach Boys (bestehend aus den Brüdern Brian, Carl und Dennis Wilson, ihrem Cousin Mike Love und ihrem Schulfreund Al Jardine) steuerte. Er verweist zugleich auf das Element, das der Musik der 1961 gegründeten und noch heute aktiven Band ihren unnachahmlichen Reiz verliehen hat. Es gibt in der Geschichte des Pop wenige Stimmen, die zugleich so intuitiv und so raffiniert miteinander harmoniert haben.

Den wichtigsten Teil ihrer Karriere fasst das Boxset Good Vibrations zusammen, veröffentlicht 1993 zum 30. Jubiläum des ersten Top-10-Hits der Gruppe. Auf vier CDs (plus einer Bonus-CD) gibt es mehr als sechs Stunden Musik, einschließlich aller großen Erfolge, vom besagten ersten Hit Surfin‘ U.S.A. bis zu Kokomo, das sie als Beitrag zum Soundtrack von Cocktail (mit Tom Cruise in der Hauptrolle) 1988 unverhofft noch einmal an die Spitze der Charts brachte. Wer auf die Gassenhauer aus ist, mit denen die Beach Boys vor allem die Sixties mitgeprägt haben, ist mit einer der zahllosen Best-Of-Sammlungen allerdings sicher besser bedient. Der Mehrwert dieser ersten umfangreichen Retrospektive von Capitol Records, die laut Brian Wilson „the heart and soul of the Beach Boys music“ enthält, liegt anderswo: Viele der Lieder waren zuvor unveröffentlicht, zudem funktioniert Good Vibrations beinahe wie ein Lehrbuch zur Ästhetik dieser Band. Vieles ist exemplarisch oder signifikant, auch wenn es keinen herausragenden Bekanntsheitgrad oder große Verkaufserfolge erlangt hat. So gibt es ein Surf-Instrumental wie das wilde Punchline, den typischen Mix aus Chuck Berry und Dick Dale (Shut Down, Little Deuce Coupe, Catch A Wave, das umwerfend optimistische Fun, Fun, Fun), Anleihen bei Phil Spector (Why Do Fools Fall In Love, Darlin‘), eine Vorliebe für Boogie Woogie (Help Me Rhonda, Do It Again) und natürlich immer wieder betörend schönen Harmoniegesang (With Me Tonight). „Der Klang von Stimmen war mir immer das Liebste bei einer Platte. Immer schon. Denn da steckt die Liebe. In den Stimmen“, sagt Brian Wilson.

Highlight für Fans sind sicher die Stücke aus den sagenumwobenen Sessions zum Album Smile, das 1966 erscheinen sollte, aber letztlich nie das Licht der Welt erblickte. Nach den etwas pubertären Anfängen (Carl war erst 14, als sie das erste Mal ins Studio gingen, das Cover von CD1 der Good Vibrations zeigt entsprechend ein blondes Mädchen, das von Spermien bestürmt wird) und dem Reiten auf der Surf-Welle (bei den 15 ersten Tracks kommt acht Mal das Wort „Surf“ im Titel vor) machten die Beach Boys schnell klar, dass sie kein One-Trick-Pony und auch keine kurzlebige Modeerscheinung waren. Vielmehr zeigten sie auf zwölf Alben in weniger als fünf Jahren nicht nur einen enormen Output, sondern auch eine rasante Entwicklung. Nachdem sie 1963 durchgesetzt hatten, dass sie selber das Geschehen im Studio steuern, was damals absolut unüblich war, gab es immer ambitioniertere LPs. Gemeinsam beispielsweise mit den Beatles oder Bob Dylan trugen die Beach Boys so dazu bei, dass aus Pop tatsächlich Kunst wurde.

Smile hätte somit die Lorbeeren einheimsen können, die dann für Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band an die Beatles gingen. Doch das Nicht-Erscheinen dieser Platte wurde zum ultimativen Bruch für die Beach Boys, in ihrer Erfolgssträhne, in der Beziehung mit der Plattenfirna, auch innerhalb der Band. Brian Wilson hatte schon zuvor wiederholt mit Nervenzusammenbrüchen zu kämpfen (sein LSD-Konsum war dabei sicher auch nicht hilfreich) und zog sich deshalb früh aus dem Live-Geschäft zurück, wo andere Sänger seine Parts übernahmen. Dass er sein Meisterwerk nicht vollenden konnte und dabei auch an den eigenen Ansprüchen scheiterte, stürzte ihn vollends in die Krise. „He spent most of the following decade in bed“, heißt es in Martin C. Strongs Great Rock Discography lapidar zu diesem Absturz. Der Mann, der erst Teenie-Idol und dann Pop-Genie gewesen war, wurde zum Unikum, Patienten und Wrack.

Das Scheitern von Smile stürzte die Beach Boys in eine Identitätskrise, die letztlich nicht mehr enden sollte: Sie waren weiß und brav, aber Hippies. Sie waren noch nicht einmal 30 Jahre alt, aber eine Oldie-Truppe. Sie ließen sich den „Brian Is Back“-Slogan gefallen, aber lieferten meist nur durchwachsenes Material ab (an dem Brian Wilson nur noch teilweise beteiligt war). Es gehört zu den Verdiensten dieses Boxsets, dass auch diese Orientierungslosigkeit deutlich wird. So findet man Ausflüge in Richtung Country (Cotton Fields) oder Latin (San Miguel), orchestrales Easy Listening (Still I Dream Of It) oder Drumcomputer-Pop (Getcha Back). Auch wegen dieser Beliebigkeit hatten die einstigen Pop-Pioniere in den Seventies nur noch den Status einer Fernsehgarten-Band.

Nicht nur, weil Smile als Heiliger Gral innerhalb all der verlorenen Alben der Musikgeschichte gilt, sondern auch, weil es so heftige Nachwirkungen auf die Karriere der Beach Boys hatte, sind die hier versammelten Auszüge so spektakulär. Von den zehn Stücken, die 1966 im Zuge der Promotion-Kampagne als Tracklisting für Smile benannt worden waren, finden sich hier immerhin sechs. Mehr als ein Vierteljahrhundert nach ihrer Entstehung sind diese Songs erstmals zu hören, wenn auch – wohlgemerkt – in anderer Reihenfolge und nicht finalisierten Fassungen beziehungsweise im Falle von Heroes And Villains in vielen verschiedenen, fragmentarischen Versionen.

Alles von diesen Sessions erweist sich als beeindruckend ambitioniert, aber längst nicht alles als umwerfend. Es gibt ein paar Volltreffer wie Vegetables, auf dem man unter anderem hören kann, wie Paul McCartney eine Karotte isst. Brian Wilson, der später einen Laden für Bio-Lebensmittel eröffnete, sagt dazu: „Es wurde viel experimentiert. Wir machten mit allen möglichen Dingen die verschiedensten Geräusche. Mit Flaschen, Dosen, Drähten, Sägen. Einen der Songs von Smile nahmen wir in einem leeren Swimmingpool auf – einfach, um diesen Sound zu kriegen.“ Es ist nur eine von vielen legendären Anekdoten zu diesem mit Produktionskosten von 50.000 Dollar nach damaligen Maßstäben sündhaft teuren Album, für das bei 20 Sessions in vier Studios rund 90 Stunden Tonaufnahmen entstanden: Bei den Sessions zu Elements mussten alle Musiker (einschließlich des Orchesters) Feuerwehrhelme aufsetzen. Um für The Lonely Sea das Rauschen des Ozeans aufnehmen zu können, kaufte Brian Wilson ein 300 Meter langes Verlängerunsgkabel und schleppte sein 20 Kilo schweres Aufnahmegerät zum Strand.

Entsprechend viel Irrsinn lässt sich in diesem Material auch erkennen, bei dem sich nicht nur aus Sicht der Nachgeborenen, die um das Schicksal des Albums wissen, die Frage stellt, wie man daraus jemals funktionierende Songs oder eine stimmige Platte hätte machen wollen. Zugleich bleibt die Ahnung, wie groß das Ergebnis gewesen wäre, hätte Brian Wilson diese Herausforderung bewältigen können. Das deutlichste Argument dafür ist die Single Good Vibrations. Es vereint Genie und Wahnsinn, Groove und Finesse, Eingängigkeit und ein hohes Maß an Aktualität. Selbst auf Sgt. Pepper dürfte man wenig finden, was so sehr nach 1966 klingt wie diese 218 magischen Sekunden.

Ganz am Anfang des Boxsets steht ein Track, den man als maximales Gegenteil dieser „pocket symphony“ begreifen könnte. In der Demoversion von Surfin‘ U.S.A. hört man nur Klavier und Gesang von Brian Wilson, aber trotzdem ist schon alles erkennbar, was die Beach Boys ausmachen sollte: der Schwung, die Kraft, der Appeal. „More important than all that historical reappraisal is the one basic underlying quality that has made the Beach Boy’s best records timeless: There is nothing to compare with the way their music makes you feel„, schreibt David Leaf in den Liner Notes dieser Sammlung, und das bewahrheitet sich auch in diesem Frühwerk schon.

Their Hearts Were Full Of Spring, hier als Acappella-Demoversion zu finden, unterstreicht das mit der herausragenden Qualität ihres Gesangs, die sich an Vorbildern wie den Four Freshmen orientierte und diese Unschuld und Virtuosität mit einer Extraportion Rock’N’Roll anreicherte. So gelang es, einen Song wie Surfin‘ U.S.A., der sehr nah am Werk des notorischen Schwerenöters Chuck Berry orientiert ist, trotzdem nach harmlosem und familientauglichem Good Clean Fun klingen zu lassen. „Wir erwecken in den Leuten ein Gefühl von Sommer. Ich glaube, manche Leute gehen sogar erstmal ins Bräunungsstudio, bevor sie zu uns ins Konzert kommen“, scherzte Al Jardine einmal. Hier scheint die Band erstmals voll und ganz das Potenzial dieses Ansatzes zu entfalten: Der Song ist schlicht und komplex, wirkungs- und geheimnisvoll, präsent und zugleich eine Verheißung auf etwas, das noch kommen sollte. Beach-Boys-Biograph Steven Gaines hat richtig festgestellt: „Surfin‘ U.S.A. united a generation of teenagers in the California Dream.“

Surfer Girl ist eines der Lieder, die eine These von Nik Cohn bestätigen, demnach schrieb Brian Wilson „sad songs about loneliness and heartache, sad songs even about happiness“. Auch In My Room bestätigte mit Zeilen wie „I lock out all my worries and my fears“ schon früh das, was Bruce Johnston (der 1965 in die Band einstieg) anmerkte und viele erst später erkannten: „Brians Musik war so, wie sie ist, weil er seit seiner Geburt emotional am Abgrund steht.“

Entsprechend legt das Boxset seinen Schwerpunkt auf die 1960er Jahre, die so mit Highlights gespickt sind, dass man einen kreativen Schüttelfrost unterstellen muss. „I wanted to write a song containing more than one level“, sagte Brian Wilson vor den Aufnahmen zum damals missverstandenen und heute umjubelten Pet Sounds-Album, und schon ein Lied wie I Get Around zeigt, wie atemberaubend die Ergebnisse dieses Ansatzes sein konnten: Es ist ein irres Abenteuer, das mit seiner Kombination aus Einfachheit und Komplexität schon eine Vorahnung von dem vermittelt, was dann Good Vibrations sein sollte. Immer wieder zeigt diese Sammlung, wie genau Brian Wilson (den der Rolling Stone einmal einen „begnadeten Tölpel“ genannt hat) um den Wert weiß, den das Attribut „dumb“ für tolle Popmusik haben kann.

Auch God Only Knows, das Introspektion mit Naivität vereint, und das umwerfende California Girls folgen diesem Prinzip, genau wie Surf’s Up, das dem gleichnamigen Album aus dem Jahr 1971 entnommen ist. Benjamin von Stuckrad-Barre schrieb einmal darüber: „Gerade weil ich nicht surfen kann, erreicht mich Surf’s Up mit solcher Wucht. Denn wir alle können ja nicht surfen. Erst wenn man weiß, dass diese Lieder einer geschrieben hat, der das Wasser fürchtete, und wenn man dann noch bedenkt, dass das Wasser ausgerechnet ihnen, den Beach Boys, zum Verhängnis wurde, der eine Bruder besoffen von einer Jacht gefallen und ertrunken ist, im Hafen!, der andere am Pool einen Herzinfarkt erlitten – dann erst sind diese Strandsinfonien in ihrer ganzen Größe begriffen.“ Die Fähigkeit zu träumen lässt sich aus diesem Zitat ablesen ebenso wie der Trost, den die Beach Boys in ihrer Musik wohl nicht zuletzt selbst fanden. Dennis Wilson, das besagte Bandmitglied, das im Hafenbecken ertrank, sagte einmal: „If there wasn’t the Beach Boys and there wasn’t music, I would not even know them, I would not even talk to them. But through the music I fell in love with my brothers.“

The Beach Boys spielen das himmlische God Only Knows.

Website der Beach Boys.

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