Thees Uhlmann – „Gold“


Künstler Thees Uhlmann

Thees Uhlmann Gold Review Kritik

Thees Uhlmann versammelt auf „Gold“ acht Lieblingslieder.

Album Gold
Label Grand Hotel van Cleef
Erscheinungsjahr 2019
Bewertung

Wanda, Goldfinger und Blümchen haben in ihren Karrieren bereits Lieder von Nena gecovert. Es ist unbekannt, wie wohl sich Thees Uhlmann in dieser Gesellschaft fühlt, aber er steht nun ebenfalls in dieser Reihe. Auf Gold veröffentlicht er (unter anderem als Bestandteil der Deluxe-Version des gestern veröffentlichten Albums Junkies und Scientologen) acht Coverversionen, und eine davon ist Fragezeichen, im Original Ende 1983 ein Hit vom gleichnamigen Nena-Album.

Das ist erstaunlich, nicht nur angesichts der Tatsache, dass der ehemalige Tomte-Frontmann und die Mitglieder seiner neu formierten Liveband hier nach eigenem Bekunden nur Lieder zusammengetragen haben, die ihnen wirklich am Herzen liegen. „Einen guten Song kriegt man nicht kaputt, nicht mal wir“, lautet das entsprechende Credo. Im Fall von Fragezeichen trifft das in jedem Fall zu: Das Stück klingt plötzlich wie ein Song von Bruce Springsteen oder zumindest von Udo Lindenberg. Es hat zugleich eine Eigenschaft, die alle Lieder auf Gold mitbringen: Es findet sich darin mindestens eine Zeile (hier: „Niemand soll mir sagen, wer hier der Größte ist / das habe ich auch noch nie vermisst“), die man sich auch aus der Feder von Thees Uhlmann vorstellen könnte. Das macht die Songauswahl dann doch sehr schnell sehr plausibel, auch wenn die Platte noch weitere Überraschungen zu bieten hat.

Tausendschön eröffnet den Reigen, das Original stammt von Klotz + Dabeler. Die Strophe ist traurig, der Refrain ist noch trauriger, die Melodie hingegen wird betörend schön. „Du bist der Traum, den man weiterträumen will“, lautet die Thees-Zeile darin. Niemand (Vorlage: Sophie Hunger, Thees-Parallele: „Niemand / keiner / kennt mich wie du / unbedingt / ich gebe alles zu“) bekommt Country-Flair und den Hauch einer Mörderballade. Der letzte Optimist (vom Soloalbum von Judith Holofernes) packt rund um schicke Verse wie „Hinter diesen Sternen / nichts als Satellitenschrott / Unendlichkeit und Elend“ viel Schwermut und Romantik. 1000 Bier von Die Braut haut ins Auge verströmt hier plötzlich Piano-Eleganz im Stile von Ben Folds und lässt „Den letzten Bus habe ich längst fahren lassen / ein paar Getränke werden schon noch passen“ sofort viel mehr nach echter Verzweiflung als nach dreckigem Suff klingen.

Spätestens jetzt hat der geneigte Leser vielleicht bemerkt: Thees Uhlmann covert hier ausschließlich weibliche Acts. Das ist nicht nur sehr lobenswert und ungewöhnlich, sondern auch mutig. Denn niemand wird behaupten, dass Thees Uhlmann ein besonders wandlungsfähiger Sänger ist – und nicht nur in die Perspektive, sondern auch in die Stimmlage von Kolleginnen zu schlüpfen, gelingt ihm hier trotzdem mühelos (zur Sicherheit wird er bei zwei Liedern dennoch von einer weiblichen Stimme begleitet). Am deutlichsten wird der Rollenwechsel („Wir Frauen“, heißt es an einer Stelle) in Ich halt mich raus, dessen fast 40 Jahre alte Vorlage von den Düsseldorfer Underground-Punks Östro 430 stammt. Von Punk bleibt in seiner Version zwar nichts übrig, kraftvoll ist diese Interpretation aber in jedem Fall – und aktuell ist sie in ihrem Blick auf die unheilvollen Wirkungen von Boulevardjournalismus in Zeiten von Fake News ohnehin. „Und wenn wir nicht gestorben sind / an Dummheit oder Gicht / dann leben wir auch morgen noch / vielleicht / oder auch nicht“, sind hier die Zeilen, bei denen er auch selbst der Autor hätte sein können.

Gold (von Haiyti) erlebt ebenfalls eine recht extreme Verwandlung. Statt Trap und Autontune gibt es ein Soul-Arrangement, das zu Amy Winehouse passen würde. Die Thees-Zeile: „Ich denk an dich / mein Herz brennt für dich / Zigaretten und Asche / du kämpfst um mich.“ Mit Wir trafen uns in einem Garten (2raumwohnung) gibt es noch einen weiteren Hit auf Gold. Das Lied bekommt, ähnlich wie Fragezeichen, ein Schrammel-Indie-Gewand, das gut passt, obwohl ein bisschen Glamour und Leichtigkeit verloren gehen. Und die Verwandtschaft bei Texten wie „Ich weiß nicht, ob du mich verstehst / oder ob du denkst, ich spinn‘ / weil ich immer, wenn du nicht da bist / ganz schrecklich einsam bin“ hätte man bisher tatsächlich mühelos übersehen.

Nena selbst hat 2007 übrigens selbst ein Album mit Coverversionen veröffentlicht und sich dabei unter anderem Lieder von David Bowie, Deichkind und Bon Dylan vorgenommen. Eine Vorlage von Thees Uhlmann war nicht dabei. Kann ja noch kommen.

Thees Uhlmann und Band spielen Gold live in Köln.

Thees Uhlmann bei Facebook.

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