Durchgelesen: Martin Cruz Smith – „Stalins Geist“


Arkadi Renko ermittelt wieder, rasant und blitzgescheit.

Autor Martin Cruz Smith
Titel Stalins Geist
Verlag C. Bertelsmann
Erscheinungsjahr 2007
Bewertung ****

Sherlock Holmes lebte in Wirklichkeit. Zumindest glauben das sechs von zehn Briten, wie jüngst eine Umfrage zeigte. Man kann das als Beleg für die historische Unwissenheit der Insulaner nehmen (zumal umgekehrt ein Viertel der Befragten Winston Churchill für eine fiktive Figur hielt). Man kann daraus aber auch ablesen, wie prägend eine Romanfigur werden kann, zumal ein Ermittler in Kriminalfällen.

Davon kann auch Martin Cruz Smith ein Liedchen singen. Der Amerikaner, der lange unter anderem als Eisverkäufer und Fließbandschreiber von Vampirgeschichten sein Geld verdiente, verdankt der Figur des leitenden Ermittlers Arkadi Renko nicht weniger als eine Weltkarriere.

Die Idee für einen Krimi, der in Moskau spielen sollte, hatte er schon lange. Doch jahrelang musste er um die Veröffentlichung von „Gorki Park“ kämpfen, weil sich viele amerikanische Verleger keinen Russen als Hauptfigur vorstellen konnten. Der Autor setzte sich nach einem langen Rechtsstreit durch – und landete 1981 einen Bestseller.

Seitdem ließ er den zynisch-pragmatischen Arkadi Renko in mittlerweile fünf Romanen gegen das Böse zu Feld ziehen. Wer glaubt, Russland hätte seit dem Ende des Kalten Krieges an Attraktivität als Krimi-Schauplatz verloren, der wird nun in „Stalins Geist“ eines besseren belehrt. Martin Cruz Smith entwickelt hier einen packenden, bestechenden Polit-Thriller, der mehr als ein Schlaglicht auf die einstige Großmacht wirft.

Der Name „Putin“ wird hier zwar kein einziges Mal erwähnt, dennoch ist alles hoch aktuell. Es geht um die Inszenierung von Wahlen, um die Macht der Mafia, nicht zuletzt um den Traum von einer besseren Zeit, liege sie nun in der Zukunft oder in der Vergangenheit, aus der „Stalins Geist“ immer wieder auftaucht. Wodka und Winter, Nutten und Neureiche, Schachgrößen und Schlägertrupps, Tschetschenien und Tschernobyl – alles ist da, und man könnte dies als die klassische Sicht eines Amerikaners auf Russland abtun. Doch Cruz Smith versteht es, aus den Klischees Realitäten zu machen. Seine Schauplätze sind authentisch, das komplexe Geflecht aus Fakten und Figuren ist gut recherchiert, und nicht zuletzt wirft der Autor einen tiefen Blick in die russische Seele.

Sein schmerzhaft aufrechter Protagonist muss sich durch eine Umgebung schlagen, die korrupt und intrigant ist, er wird suspendiert, hintergangen und verführt, beinahe erdrosselt und beinahe erschossen. Das könnte fast ein bisschen viel des Guten sein. Doch Cruz Smith beherrscht sein Handwerk so ausgezeichnet, dass die Rasanz nicht auf Kosten der Plausibilität und Verständlichkeit entwickelt werden muss.

Seine Brillanz erhält der Roman aber gerade durch die kleinen Momente, wenn vor allem in den blitzgescheiten Dialogen voller pechschwarzem Humor sogar so etwas wie Poesie durchschimmert. Und am Ende, wenn Cruz Smith eine ganze Batterie von Pointen abfeuert – und damit letztlich auch eine Mahnung gegen des historische Vergessen ausspricht. Immerhin sehen mittlerweile die Hälfte der Russen Stalin als positive historische Persönlichkeit. Sherlock Holmes lässt grüßen.

Die beste Stelle schildert die Trostlosigkeit für Patienten in einer Moskauer Klinik: „Ohne Wodka und Zigaretten hatte das Leben seinen Sinn verloren. Die letzte Freude, der letzte Trost war ihnen genommen, und mit fast grimmiger Entschlossenheit moderten sie vor sich hin und überlegten sich, wie sie den Schwestern das Leben schwer machen könnten.“

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