Titus Andronicus – „A Productive Cough“


Künstler Titus Andronicus

A Productive Cough Titus Andronicus Review Kritik

Weniger Punk, mehr Raum: Titus Andronicus orientieren sich auf Album #5 neu.

Album Beware Of The Dogs
Label Merge Records
Erscheinungsjahr 2018
Bewertung

Zehn Jahre nach dem Debütalbum kann man schon einmal beginnen, sich ein paar Gedanken über Veränderungen zu machen. Bei Titus Andronicus aus New Jersey ist dieser Effekt auf A Productive Cough unverkennbar. Zum einen hat das Quartett für diese Platte insgesamt 21 Musiker als Verstärkung an Bord geholt, darunter so illustre Namen wie Pianist Rick Steph (Cat Power, Lucero, Hank Williams Jr.) und Cellistin Jane Scarpantoni (R.E.M., Bob Mould, Lou Reed). Zum anderen hat sich der Stil der 2005 mit dem Motto „specialising in pock rock solutions“ gegründeten Band hier erheblich gewandelt: Es gibt deutlich weniger Härte, Krawall und Lärm, dafür mehr Herz, Raum und Vielfalt.

Number One (In New York) eröffnet die Platte mit viel Inbrunst. Eigentlich klingt der Song nicht wie ein Opener, sondern wie ein Rausschmeißer: Er scheint sich mehr als acht Minuten lang immer näher an einen hymnischen, erlösenden Moment heran zu robben, der dann aber nicht kommt. Auch Lieder wie das sehr klassische (und extrem coole) Above The Bodega (Local Business) oder Crass Tattoo, das von seiner Intensität und dem Gesang von Megg Farrell aus Brooklyn lebt, einem weiteren Gast auf A Productive Cough, hätte man sich bisher kaum von Titus Andronicus vorstellen können.

Sänger Patrick Stickles betont indes, dass all die Elemente, die nun in den Vordergrund rücken, schon früher Bestandteil der Ästhetik dieser Band waren. „Die Platten von Titus Andronicus hatten immer einen ordentlichen Anteil an Balladen, aber sie waren teilweise vergraben unter viel Geschrei. Jetzt sind sie die Eckpfeiler. Punkrock ist eine schöne Sache, aber es ist eben nur eine Möglichkeit in dem Werkzeugkasten, in den ich greife, um mein künstlerisches Anliegen zu verwirklichen. Und dieses Anliegen war immer Kommunikation und Bestätigung. Hier kann ich die Menschen dabei womöglich viel effektiver erreichen, weil ich mit ihnen spreche statt die ganze Zeit damit beschäftigt zu sein, sie anzuschreien.“

Wer nun befürchtet, Titus Andronicus hätten sich in Weicheier und Schmusesänger verwandelt, kann indes beruhigt sein. Wie bei den vier vorangegangenen Alben hat erneut Kevin McMahon produziert, nicht nur deshalb sind mehr als genug Kontinuitäten zu erkennen. Die Band klingt weiterhin wundervoll dreckig, als würde sich ihr komplettes Leben in Bars, Trucks und Trailerparks abspielen. Die sturmfreie Bude feiert Patrick Stickles in Home Alone ausgelassen wie ein 15-Jähriger, acht Minuten lang. Sehr kernig und mit einem herrlich trockenen Groove kommt Real Talk daher, dessen Melodie zwar eine etwas irritierende Ähnlichkeit zu Achy Breaky Heart hat, dessen Botschaft aber dafür umso besser zu Titus Andronicus passt: Obwohl alle Prognosen katastrophal sind, bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als die Zuversicht zu bewahren.

„Die Welt befindet sich im Krieg. Und wenn ich keine Lösung dafür habe, wie man diesen Krieg gewinnen oder beenden kann, dann kann ich vielleicht denjenigen ein bisschen beistehen, die unter diesem Krieg leiden. Vielleicht bin ich kein guter Soldat, aber ich kann mir Mühe geben, ein guter Pfleger zu sein“, sagt Patrick Stickles und liefert damit noch eine weitere Begründung für die Hinwendung der Band zu einem softeren Sound. „Unser letztes Album war in vielerlei Hinsicht die Vollendung von allem, was wir zuvor gemacht haben. Es hat für uns ein paar Türen abgeschlossen. Damit wir uns weiterentwickeln, musste ich eine neue Tür finden, durch die wir gehen konnten. Und was ich gefunden habe, war ein Fenster, das sowieso die ganze Zeit schon da war und offen stand“, fasst er die Situation nach der Veröffentlichung der Rock-Oper The Most Lamentable Tragedy (2015) zusammen.

Was der frische Wind möglich gemacht hat, zeigt beispielsweise Mass Transit Madness (Goin‘ Loco‘), das A Productive Cough äußerst stimmungsvoll abschließt und sich dann doch auch im Vergleich zu Number One (In New York) als das bessere letzte Lied erweist. Noch mehr gilt das für (I’m) Like A Rolling Stone. Das Personalpronomen in Klammern weist darauf hin, welch grandiosen Trick Titus Andronicus hier anwenden: Sie nehmen sich des Originals von Bob Dylan an, aber aus der Ich-Perspektive. Das Stück wird so zugleich zur Coverversion wie zum Antwortsong, Stickles verwandelt sich in so etwas wie die Antimaterie von Dylan. In der Umsetzung steckt kein bisschen Nostalgie, nicht einmal sonderlich viel Respekt vor dem Original (am Ende des Songs zählt Stickles großartigerweise die komplette Besetzung der Rolling Stones auf, inklusive der Mitglieder der Liveband), sondern bloß Wut, Leidenschaft, Schmerz, Begehren und Streben nach Ausbruch. In diesem Lied tritt ein, was bei Titus Andronicus stets der Fall war und weiter gültig bleibt: Es brennt von der ersten Sekunde an lichterloh.

Bodenständig und vielstimmig sind Titus Andronicus im Video zu Above The Bodega.

Homepage von Titus Andronicus.

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