Troye Sivan – „Blue Neighbourhood“


Künstler Troye Sivan

Troye Sivan Blue Neighbourhood Review Kritik

In vier Versionen hat Troye Sivan „Blue Neighbourhood“ veröffentlicht.

Album Blue Neighbourhood (Deluxe Edition)
Label EMI
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

Es gibt viele Dinge, die Troye Sivan in meiner Welt dazu qualifizieren, ihn nicht leiden zu können. Er kommt aus einer privilegierten Famile (der Vater ist Immobilienmakler, die Mutter war Model), ist auf eine Privatschule gegangen und hatte nebenher offensichtlich reichlich Zeit, vom Leben als Berühmtheit zu träumen. Den Weg zur Erfüllung dieses Wunschs beschritt er unter anderem bei YouTube (wo er mittlerweile mehr als eine Million Abonnenten hat) und in Talentshows in seiner australischen Heimat. Parallel zur Musik hat er sich auch als Schauspieler betätigt, und sein erstes Album Blue Neighbourhood schlachtet er mächtig aus für den maximalen Markterfolg: Die Platte erscheint in vier unterschiedlichen Ausgaben, nämlich als Standard-Variante, Deluxe Edition mit sechs zusätzlichen Songs, noch einmal erweiterte Ausgabe (inklusive DVD) gezielt für die Fans in Hong Kong und Südkorea sowie als Suburbia Edition, die zusätzlich noch Remixes enthält. Von den zehn Liedern auf der regulären Version wurden gleich vier als Singles ausgekoppelt.

Natürlich hat das alles erschreckend gut funktioniert. Blue Neighbourhood, dem Troye Sivan einige EPs vorausgeschickt hatte, erreichte die Spitze der iTunes-Charts in mehr als zehn Ländern. Schon im Jahr zuvor war der Australier von Time als einer der 25 einflussreichsten Teenager benannt worden. Was seitdem passierte (unter anderem erfolgreiche Tourneen, ein weiteres Top10-Album mit dem 2018er Bloom, Kollaborationen mit mit Charli XCX, Ariana Grande und Taylor Swift), passt wahrscheinlich auch perfekt in die Karriereplanung. So gerne und so leicht man das als Freund von DIY und Indie verwerflich finden kann, so offenkundig muss man doch festhalten: Blue Neighbourhood ist eine sehr gute, sehr moderne Pop-Platte, die sofort deutlich macht, dass der Erfolg dieses bei Erscheinen des Albums 20-jährigen Künstlers nicht (nur) einer cleveren Vermarktungsstrategie entspringt, sondern vor allem starken Songs und einem eigenen Charakter.

Ein Kinderchor ist im Opener Wild das erste, was man hört. Danach entfalten sich eine sehr gekonnte Produktion rund um einen reduzierten Beat, eine schicke Melodie und die angenehme Bariton-Stimme von Troye Sivan. Vor allem wird hier schon deutlich, was ihn von etlichen aktuellen Pop-Acts unterscheidet: Sein Sound ist eingängig, aber kein bisschen penetrant. Bite setzt auf Stimmeffekte und hat auch sonst hörbare Lust auf Experimente, das folgende Fools beginnt als Klavierballade, die sich erst in Richtung James Blake und dann zu erstaunlicher Tanzbarkeit entwickelt, rund um die Erkenntnis, wie gefährlich die Kraft der Fantasie sein kann.

Ease glänzt mit dem schönen Zusammenspiel seiner verschlafenen Stimme mit dem noch mehr gehauchten Gesang von Georgia Josiena Nott, einer Hälfte des neuseeländischen Duos Broods. The Quiet hat einen coolen, originellen Beat und ließe sich gut in der Nähe von Porches verorten, auch im Hinblick auf das Thema: Es geht um eine noch nicht ganz zerbrochene Beziehung, die einmal felsenfest und magisch war, jetzt aber von Schweigen dominiert wird. Dieses Thema, nämlich der Versuch des Festhaltens von etwas, das zu entrinnen droht, steht auch im Mittelpunkt des beinahe gespenstischen DKLA (feat. Tkay Maidza), der Songtitel steht für „Don’t keep love around“. Auch Talk Me Down hat ein sehr ähnliches Motiv: Troye Sivan wünscht sich nicht nur Zweisamkeit, sondern Interaktion, Kommunikation, Symbiose. In diesem Fall kommt dabei seine Stimme besonders gut zur Geltung, das Ergebnis ist sensibel und hochromantisch.

Das nette, aber etwas gewöhnliche For Him (feat. Allday), das man sich auch von Rex Orange County vorstellen könnte, und der nicht einfallslose, aber letztlich überflüssige XXYYXX Remix von Wild sind die einzigen Schwachpunkte auf der Deluxe Edition von Blue Neighbourhood. Ansonsten glänzt der Australier hier mit reduzierter Leichtfüßigkeit wie in Cool, großer Eleganz und sogar Reife wie im großartigen Suburbia oder cleverer Dramaturgie wie in Too Good, das sanft und zerbrechlich beginnt, dann immer souveräner wird und am Ende mit einem E-Gitarrensolo beinahe schockiert.

Zu den Autoren von Heaven (feat. Betty Who) gehört Jack Antonoff, der sonst vor allem für seine Zusammenarbeit mit Lana Del Rey bekannt ist, die von ihr etablierte brüchige Nostalgie kann man auch hier rund erkennen (auch wenn es bei Lana Del Rey wohl kaum einen so vergleichsweise muskulösen Refrain gegeben hätte). „My youth is yours“, lautet das Angebot in Youth – und was ist das in diesen Zeiten für ein großes Geschenk! Der Sound dazu ist so kraftvoll, originell und mutig, dass es kaum verwundert, wie häufig Lorde als Bezugspunkt für die Musik von Troye Sivan genannt wird.

In Blue darf seine wichtigste Partnerin für Songwriting und Produktion glänzen, nämlich Alex Hope, die beispielsweise auch mit Selena Gomez, Alanis Morissette und Tove Lo gearbeitet hat. Hier singt sie auch mit, eigentlich wirkt der Track eher wie „Alex Hope feat. Troye Sivan“ als umgekehrt, aber letztlich ist diese Schwerpunktsetzung egal bei einem so schönen Duett mit einer so wundervollen Atmosphäre. Lost Boy ist vielleicht der Song, der die Stärken dieser Platte am besten auf den Punkt bringt: Rund um die Zeilen „I’m just a lost boy / ready to be found“ entsteht ein ebenso sehnsüchtiger wie schwungvoller Sound, und diese Kombination aus Verletzlichkeit und Abenteuerlust ist einfach ziemlich überzeugend.

Das Video zu Wild wirkt wie eine Gay-Interpretation von Lost Boys.

Website von Troye Sivan.

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