Virginia Jetzt!, Leipzig, Zoo 2


Virginia Jetzt nicht mehr: Die Band spielte ihr erstes Konzert nach der Auflösungs-Ankündigung.

„Der Zoo“ wäre wirklich ein guter Name für eine Location. Schließlich gibt es auch bei Konzerten in Clubs jede Menge Affen, ein paar junge Gazellen, Balzrituale und Leute, die einen langen Hals machen. Aber „Zoo“ meint hier tatsächlich: der Zoologische Garten Leipzig, eröffnet 1878, rund 26 Hektar groß, bevölkert von rund 6500 Tieren.

Normalerweise riecht es hier dementsprechend. Nach Pferdestall, Giraffenfell oder Elefantenscheiße. Heute riecht es nach Bratwurst. Denn „der Zoo rockt“, wie Moderator Steffen Lukas verkündet, der blöde Radiowitzchen („das wird tierisch!“) macht und auch dadurch nicht sympathischer wird, dass er das selbe Jackett trägt wie ich. „Nachtaktiv“ heißt der Event, bei dem man genau zu der Zeit in den Zoo darf, wo sich sonst Fuchs und Hase gute Nacht sagen.

Das ist für alle, die Tiere sehen mögen, zwar eine kleine Mogelpackung: Viele Bereiche sind abgesperrt, die Savanne ist ausgestorben und ins sonst höchst sehenswerte Pongoland führt um diese Uhrzeit kein Weg. Wer aber wegen der Musik gekommen ist, der wird deutlich besser bedient: Wolfsheim-Sänger Peter Heppner lässt bis kurz vor Mitternacht Klänge ertönen, die mindestens so düster sind wie die nicht mehr genutzte Bärenburg bei Nacht. Und davor geben Virginia Jetzt! ihr erstes Konzert, seit sie die das Ende der Band bekanntgegeben haben. „Es roch besser als bei manch einem Festival“, stellt deren Sänger später fest, als ich ihn hinter der Bühne noch zu einem kurzen Interview abfange.

Dann muss ich beim Herausgehen aus dem Backstagebereich beinahe Autogramme geben – eine Handvoll junger Mädchen wartet dort auf die Band. So etwas ähnliches ist mir schon einmal passiert, als mich mehrere Japaner nach der WM 2002 für einen Fußballstar hielten. Damals konnte ich das Missverständnis aufgrund der Sprachbarriere nicht aufklären – und habe dann eben notgedrungen unleserliche Autogramme gegeben und für zwei Fotos posiert. Diesmal möchte ich aus einer möglichen Verwechslung natürlich keinen Profit schlagen – und schleiche mich schnell mit gesenktem Blick davon. Ich hoffe, ich habe damit nicht dafür gesorgt, dass Virginia Jetzt! ab sofort als arrogante Arschlöcher gelten.

Als die Bühne noch leer war, hatte ich schon den Soundmann gefragt, ob es aus Rücksicht auf die Tiere spezielle Vorkehrungen gibt. „Wenn es zu laut sein sollte, wird schon jemand kommen und sich beschweren“, antwortet der Mischpult-Meister. Und natürlich hat er auch keine Angst vor tanzenden Affen oder um ihren Schlaf gebrachten Amurtigern. „Die sind ja alle eingesperrt.“ Ich wollte ja nur fragen.

Zumindest verhalten sich die Flamingos später ganz normal, sie stehen also still und rosa rum. Nur Alpaka Harry macht sehr seltsame Sprünge, als Virginia Jetzt! ein Eye Of The Tiger-Zitat bringen. Wäre ich Tierschützer, würde ich mir jetzt Gedanken machen. Aber vielleicht tanzt man ja so als Alpaka.

Die Show von Virginia Jetzt!, in der es reichlich Material vom Erfolgsalbum Anfänger gibt, ist indessen sehr gelungen. Natürlich kämpft diese Band auch elf Jahre nach ihrer Gründung noch mit dem Etikett „Indie-Schlager“. Dass sie für die Coolen nicht cool genug sind und für die Harmlosen nicht harmlos genug, ist vielleicht das Dilemma, an dem Virginia Jetzt! gescheitert sind. Als Sänger Nino Skrotzki Ich kann nicht wie die anderen als „Lied für alle Unangepassten“ ankündigt, hat das jedenfalls einen ganzen Schuss unfreiwilligen Humor. Denn das Publikum im Zoo sieht größtenteils nach öffentlichem Dienst aus – und das ist keineswegs böse gemeint. Gebe es nur Virgina-Jetzt!-Fans in dieser Republik, wäre Deutschland wahrscheinlich ein besseres Land. Aber eben auch noch ein bisschen spießiger.

Noch ein Problem wird spätestens dann deutlich, als die Band ein Coldplay-Zitat einbaut: Diese Melodien wollen in die Stadien – doch das Ambiente ist tatsächlich eher Stadtfest. Diese Diskrepanz spielte sicher auch eine Rolle bei der Entscheidung, es jetzt gut sein zu lassen.

Im Aquarium gibt es derweil ähnlich Widersprüchliches zu beobachten: Menschen sitzen im Halbdunkel auf Liegestühlen, schlürfen Cocktails und schauen zu, wie Haie um sie herumschwimmen. Dazu sorgt DJ NielOn mit sehr feinen Akustik- und Elektroklängen für entspannte Atmosphäre. „Das ist der schönste Ort, an dem ich je aufgelegt habe“, schwärmt er, „und zu diesem besonderen Anlass spiele ich heute nur die Schmankerl, meine absoluten Lieblingssongs“, sagt er. Er genießt den Abend offensichtlich fast genauso wie das Publikum auf den Liegestühlen. Einen Effekt seiner Musik hat er auch schon bemerkt: „Die Fische schwimmen ein bisschen langsamer.“ Da können die Tierschützer ja wieder beruhigt sein.

Eine gekürzte Version dieses Textes gibt es auch auf news.de.


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