Vivie Ann – „When The Harbour Becomes The Sea“


Künstler Vivie Ann

Vivie Ann When The Harbour Becomes The Sea review Kritik

Den plötzlichen Sturm in vermeintlich ruhigen Gewässern kennt Vivie Ann gut.

Album When The Harbour Becomes The Sea
Label Believe
Erscheinungsjahr 2019
Bewertung

Der Titel des zweiten Albums von Vivie Ann ist nicht ganz selbsterklärend. Was die Wahl-Hamburgerin mit When The Harbour Becomes The Sea meint: Es kann jederzeit passieren, dass man sich in einem sicheren Hafen wähnt, plötzlich aber rundherum stürmische Wogen toben wie auf offener See. Die Tochter von zwei Musikern hat das mindestens einmal sehr deutlich selbst erlebt: Nach dem Abitur wurden bei ihr sogenannte transitorisch ischämische Attacken diagnostiziert, sie äußern sich in migräneartige Kopfschmerzen, können aber auch schnell zu einem Schlaganfall führen. Da ist man also am ersehnten Ende seiner Schullaufbahn angekommen und meint, die Welt stehe einem offen, und plötzlich muss man erkennen, dass man viel schneller an der Schwelle zum Tod stehen kann als man sich jemals hätte vorstellen können.

Die Krankheit scheint mittlerweile weitgehend überwunden zu sein, und so konnte sich Vivie Ann voll und ganz ihrer musikalischen Laufbahn widmen. Sie gründete ein eigenes Label und veröffentlichte das Debüt Flowers & Tigers (2016) mittels Crowdfunding-Unterstützung. Diese Eigenständigkeit ist auch auf dem morgen erscheinenden When The Harbour Becomes The Sea das prägende Merkmal. „I’m a survivor / I won’t give up on myself“, heißt es programmatisch in Survivor, auch Until My Arms Break zeigt schon im Titel den Willen zur Entschlossenheit bis an die Belastungsgrenze (und darüber hinaus). Das Lied beginnt reduziert, verspricht aber schon eine Größe, die sich dann im Finale (nach einem überraschenden Eighties-Hardrock-Gitarrensolo) tatsächlich entfaltet. Loverboy hat die nötige Dramatik und Melodie für ein Bond-Theme, überdreht diese Ästhetik aber nicht, auch Glow entwickelt einen sehr guten Spannungsbogen. The Moor wird gerade deshalb so souverän, weil es sich etwas zurücknimmt. Obsolete Majesty, der beste Moment der Platte, ist ebenfalls gerade deshalb so überzeugend, weil das Stück so unverkrampft daher kommt. Auch die Klammer mit dem acappella-Intro No Start und dem komplexen No End, das dessen Elemente zum Abschluss der Platte wieder aufgreift, ist ein Pluspunkt.

Eine besondere Stärke des Albums sind die Chöre: Im originellen Cold Water singt die 27-Jährige mit ihren Mitstreitern im Call-and-Response, in Anytime tragen die vielen Stimmen gemeinsam mit den kraftvollen Gitarren zur spannenden Atmosphäre bei, in Windmills ist der Chor das schönste Element, denn seine Wärme kontrastiert sehr reizvoll mit den kurzen Rock-Ausbrüchen dieses Songs. Honey ist eines von etlichen Liedern, das auch Fans von Kat Frankie gefallen dürfte: Der Rhythmus und Chor passen dazu, ebenso wie die Botschaft von Selbstbewusstsein und Optimismus.

Nicht alles ist so gelungen. Euphoria soll mit seiner energischen Strophe und dem pompösen Eurovision Song Contest-Refrain vielleicht der Hit der Platte sein, zündet aber nicht und erweist sich letztlich, auch wegen des nervtötend hohen Background-Gesangs, als Schwachpunkt und Fremdkörper auf diesem Album. Das Bemühen um Abwechslung ist darin und auch an anderen Stellen unverkennbar, allerdings sorgt das sehr einheitliche Qualitätsniveau gemeinsam mit der immer dominierenden Stimme gelegentlich doch für das Gefühl, zwei Songs weniger hätten When The Harbour Becomes The Sea insgesamt gut getan. Dass man nicht wirklich benennen kann, welche zwei das sein sollten, ist dann aber wohl doch wieder ein gutes Zeichen für Vivie Ann.

An die Belastungsgrenzen ist Vivie Ann auch im Video zu Obsolete Majesty gegangen.

Website von Vivie Ann.

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