Vor der Haustür


Die Einschläge rücken näher: New York, Madrid, London, Köln. Jetzt steht die Terrorgefahr vor der Haustür: Unmittelbar an der Grenze zu Hessen bauten Fanatiker an einer Bombe mit mörderischer Sprengkraft. Sie hatten unter anderem Ziele in Frankfurt und Hanau im Visier. Wäre ihr perfider Plan aufgegangen, hätten sie ein Blutbad angerichtet.

Noch etwas anderes macht Sorge: Die nun Verhafteten sind keine Amateure wie die, deren Bombe vor gut einem Jahr in einem Regionalzug nicht explodierte. Es sind Profis, gedrillt in Pakistan, ausgestattet mit modernster Technik. Und zwei von ihnen sind Deutsche. Bei Terror-Experten lässt dies die Alarmglocken gleich zweimal schrillen: Denn die Sicherheitskräfte müssen nun nicht mehr nur die Gefahr von außen im Blick haben, sondern auch den Feind im Innern. Dazu kommt, dass Konvertiten als besonders radikal und fanatisch gelten.

Die Tatsache, dass zwei der verhinderten Massenmörder in Deutschland aufgewachsen und sozialisiert worden sind, zeigt aber noch mehr. Zum einen, dass der Krieg gegen den Terror keineswegs ein Kampf gegen Fremde ist. Zum anderen, dass es den Attentätern schon lange nicht mehr um Details geht wie beispielsweise eine deutsche Beteiligung an Militäreinsätzen im Irak oder in Afghanistan. Deutschland rückt in ihr Visier, weil es zum Westen gehört.

Wer nun noch schärfere Sicherheitsmaßnahmen fordert, hat nichts verstanden. Wenn ein Mensch so viel Hass empfindet, dass er sich selbst in die Luft sprengt, ist das ein Schrei der Empörung. Der Westen darf sich deshalb nicht bloß die Ohren zuhalten. Er muss nach den Motiven der Terroristen fragen. Diese Menschen fühlen sich bevormundet, unterdrückt, zutiefst ungerecht behandelt. Natürlich rechtfertigt das keine Gewalt, und natürlich muss der Westen die Unversehrtheit seiner Bürger schützen. Aber die Lösung kann nicht lauten, sich abzuschotten.

Unser Kulturkreis muss sich in einigen Punkten den Spiegel vorhalten lassen – etwa bei seiner Konsum-Fixiertheit, der Vernachlässigung von Familien und dem schlichten Fakt, dass viele Menschen hier nicht anerkennen, dass sie einfach bloß Glück gehabt haben, im angenehmeren Teil der Welt geboren zu sein. Der Westen muss, so schwer das angesichts der Radikalisierung auch fallen mag, dem Islam die Hand reichen. Er muss auf seine eigenen Stärken vertrauen, auf die Errungenschaften der Aufklärung. Denn nur ein toleranter, humaner und gerechter Umgang miteinander wird auf lange Sicht den brennenden Hass der Attentäter löschen können.

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