Der kritische Blick: Das rätselhafte Ergebnis beim ESC 2013

Emmelie de Forest aus Dänemark ist die Siegerin beim Eurovision Song Contest 2013. Das ist einigermaßen verwunderlich, ebenso wie viele andere Ergebnisse nach der nahezu perfekten Show in Malmö. Woran das liegt, ist nicht allzu verwunderlich: Die ESC-Macher wünschen sich Berechenbarkeit, um möglichst großen Erfolg für den Sieger ermöglichen zu können. Deshalb gibt es die unsinnige Fachjury, und deshalb bleiben die Songs nicht mehr bis zum Finale geheim.

Interview mit Denis Scheck

Denis Scheck wünscht sich mehr Literatur im TV. Foto: Das Erste

Denis Scheck (Jahrgang 1964) ist der vielleicht gefürchtetste Literaturkritiker Deutschlands. In seiner Fernsehsendung druckfrisch prüft er monatlich, was lesenswert ist und was direkt ins Altpapier wandern kann. Seit seinem Studium der vergleichenden Literaturwissenschaft und Zeitgeschichte arbeitet er zudem als Literaturagent und Übersetzer. Zum Start der Buchmesse 2013 verrät er im Interview nicht nur seine persönlichen Highlights in Leipzig. Er schätzt auch die Wahrscheinlichkeit einer Literatursendung auf RTL2 ein, blickt auf den digitalen Wandel im Literaturbetrieb und erklärt, warum Bücher noch immer genauso wichtig sein können wie Popsongs.

Herr Scheck, hinter Ihnen dürften aufregende Tage liegen. Wie haben Sie sich gefühlt als Literaturpapst in einer Zeit, in der ein richtiger Papst erst noch gewählt werden musste?

Scheck: Ach, wissen Sie: Literaturpapst, das ist eine frivole Anmutung, das bin ich nicht. Literaturkritik ist ein chorisches Unternehmen, in dem man sich aus den verschiedenen Ansichten möglichst internationaler Kritiker vielleicht ein bisschen Orientierung über die 90.000 Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt zusammen suchen kann. Ich würde mich niemals als Papst titulieren. Ich bin bestenfalls ein stellvertretender Bischof oder so etwas.

Dennoch gibt es sicher wenige, die das literarische Geschehen hierzulande so gut überblicken wie Sie. Welche Trends erkennen Sie beim Blick auf die Leipziger Buchmesse und das Buchjahr 2013?

Scheck: Trends auszumachen ist viel eher eine Sache, die der Literaturwissenschaft gebührt als der Literaturkritik. Zumal sich solche Trends erst im Abstand von 30, 40 Jahren erkennen lassen. Dann bekommt das Gesicht eines Zeitalters ehrliche Kontur. So etwas in der Zeit selbst auszurufen, ist immer problematisch. Da kommt man dann zu Worthülsen wie „Popliteratur“ oder „Fräuleinwunder“. Das würde ich ungern machen. Ich benutze statt „Trend“ viel lieber den Begriff „Syzygie“, ein Wort, das unanständig viele Ys und Zs enthält und deshalb unter dem Buchstaben S immer ganz am Ende in Enzyklopädien steht. Eine Syzygie in der Astronomie ist eine Reihung von Himmelskörpern, Planeten, aber auch Gestirnen, die mit einer gewissen Beständigkeit und einer gewissen Zufälligkeit eintritt. Eine solche Syzygie in diesem Frühjahr ist zum Beispiel, dass es drei ausgezeichnete Zukunftsromane gibt, zwei davon aus deutscher Feder.

Welche meinen Sie?

Scheck: Der große Reinhard Jirgl, Büchnerpreisträger, hat mit Nichts von euch auf Erden einen Roman geschrieben, der aus dem 25. Jahrhundert erzählt. Er beschreibt eine Zeit nach den solaren Kriegen, eine Invasion der Erde von Marsmenschen und erzählt von einer Zeit, in der Bücher für Bücher geschrieben werden. Hannes Stein hat mit Der Komet einen sehr lustigen Roman geschrieben, der eine Parallelwelt entwirft, in der es weder einen Ersten noch einen Zweiten Weltkrieg gegeben hat, sondern in der sämtliche europäische Monarchien weiterhin regieren. Der Mond wurde von den Deutschen unter der Führung von Wernher von Braun besiedelt und in ein einziges Las Vegas verwandelt, mit einem Sechstel der bekannten Schwerkraft auf der Erde.

Und der Dritte im Bunde?

Scheck: Ist der Katalane Pablo Tusset. Er schreibt in Oxford 7 über einen Studentenaufstand, der in unserem Sonnensystem tobt. Hat mir sehr imponiert.

Auch wenn sich erst in der Rückschau erkennen lassen wird, welche Strömungen das Jahr 2013 geprägt haben: Welche Trends versuchen die Verlage derzeit zu setzen?

Scheck: Da hat sich nicht allzu viel verändert. Da ist zum einen die Ausbeutung von auf anderen Feldern erworbener Prominenz, also Schauspielerbücher, Sportlerbücher, Politikerbücher et cetera. Es gibt sicherlich eine Tendenz zu den Frivolitäten der Autobiografie. Es gibt es eine Tendenz – Charlotte Roche macht es möglich – zur Unterbietung irgendwelcher Schamgrenzen. Es gibt eine Tendenz zum frivolen Kochbuch. Ich bin der Meinung, dass in keinem Buch-Genre so viel Missbrauch getrieben wird wie mit dem Kochbuch, in dem die ewig gleichen Rezepte von einigen prominenten Fernsehnasen ewig gleich wiederholt und unters Volk gestreut werden.

Der Konstanz bei den Inhalten scheint eine rasante Veränderung in der Gestalt des Mediums entgegen zu stehen. Die Digitalisierung hat auch im Buchmarkt mit E-Books, Tablets oder Autoren, die ihre Werke ohne Verlag, direkt über Amazon verkaufen, einen Wandel ausgelöst. Was erwarten Sie davon?

Scheck: Der Druck, den die elektronischen Publikationsmöglichkeiten auf das Gutenberg-Medium Buch ausüben, wird dazu führen, dass sich Bücher viel eher ihres Gewands, ihrer Gestalt vergewissern müssen. Deshalb sehe ich zum Beispiel mit Vergnügen „Die andere Bibliothek“ mit ihrer inoffiziellen Olympiade der deutschen Buchhersteller. Das zeigt: Die Bücher werden immer schöner. Ich freue mich sehr auf die von Judith Schalansky bei Matthes & Seitz angekündigte Buchreihe, insbesondere auf den Band von Korbinian Aigner.

Auf der Frankfurter Buchmesse wurde der digitale Wandel im Buchmarkt mit dem Schlagwort „Urknall“ zusammengefasst. Für wen wird sich durch diesen „Urknall“ denn am meisten verändern? Für die Autoren, für die Verlage, für die Buchhändler oder für das Publikum?

Scheck: Ich finde, wir dürfen uns da kein X für ein U vormachen lassen. Wir interessieren uns als Literaturkritiker und als ernstzunehmende Schriftsteller in erster Linie für Literatur – und weniger für das jeweilige Speichermedium. Das elektronische Buch hat zunächst einmal zur Folge, dass das Taschenbuch unter Druck gerät. Ich glaube, das Taschenbuch muss sich neu positionieren, neu rechtfertigen. Da die meisten Taschenbücher dermaßen hässlich sind, wäre es in meinen Augen nicht so schrecklich schade, wenn sie durch E-Books ersetzt würden. Mich interessiert viel eher, ob die neuen Möglichkeiten auch Auswirkungen auf die Textgestalt selber haben werden, Stichwort enhanced content. Das könnte unter Umständen im Sachbuch passieren. Aber ich sehe das überhaupt nicht in der Belletristik. Man ist gut beraten, es da mit Gottfried Benn und seinem Ratschlag an den Dichter und seinem Umgang mit dem Material zu halten, nämlich: cool bleiben.

Heinz Buschkowsky, Gaby Köster oder Philipp Lahm haben es mit ihren Büchern in den vergangenen Jahren in die Jahres-Bestsellerlisten geschafft. Es ist offensichtlich sehr einfach in Deutschland, als Prominenter ein erfolgreiches Buch zu veröffentlichen. Aber es scheint umgekehrt sehr schwierig, nur mit dem Veröffentlichen von Büchern eine gewisse Prominenz zu erreichen. Stimmen Sie da zu?

Scheck: Ja. Aber andererseits ist das der einzige literarische Ruhm, der wirklich bleibt und der mich interessiert. Der auf anderen Feldern erworbene Ruhm, diese Art Prominenz oder Rühmchen – das ist aus literarischer Sicht alles Schall und Rauch. Mich interessieren eigentlich ausschließlich Autoren, die ihre Bekanntheit als Autoren erlangt haben, und nicht abgehalfterte Showstars, zweitklassige Sportler oder viertklassige Politiker. Deren Hervorbringungen sind mir gleichgültig. Ich glaube, dass nach Jahrzehnten der Oktroyierung solcher Schriften so langsam auch der deutsche Buchmarkt zu dieser Erkenntnis kommt.

Wenn man aber bloß mit dem Dasein als Schriftsteller kaum große Prominenz erreichen kann, sagt das nicht etwas aus über die Wertschätzung von Autoren oder über die Rollen von Schriftstellern im öffentlichen Leben?

Scheck: Nein, das klingt mir viel zu pessimistisch. Denken Sie nur einmal an die Bekanntheit, die ein Daniel Kehlmann oder eine Judith Hermann in den letzten Jahren erreicht haben! Denken Sie an die erstaunliche Karriere von Judith Schalansky oder Sibylle Lewitscharoff! Ich selber möchte gerne selber etwas dafür tun, dass Reinhard Jirgl und Antje Rávic Strubel noch prominenter werden. Wir haben in den letzten 15 Jahren erlebt, dass mit J. K. Rowling und ihren Büchern um Harry Potter bewiesen wurde, dass das alte Gutenberg-Medium Buch noch die Durchschlagskraft von Hollywood-Blockbustern und Popsongs und Computerspielen besitzt. Insofern müssen wir die Literatur oder das Medium Buch überhaupt nicht aus einer Position der Defensive beschreiben, sondern können uns getrost auf die Stärke unserer Waffen verlassen: Witz, Intelligenz, Unterhaltsamkeit. Dieses Waffenarsenal ist übrigens völlig alternativlos, weil es ja gar keine anderen Angebote von den Transzendenzagenturen unserer Gegenwart gibt, die auch nur irgendeinen Hauch einer Chance haben, in dieser Frage mit der Literatur zu konkurrieren.

Müsste Literatur dann nicht auch im Fernsehen eine größere Rolle spielen? Der Buchmarkt in Deutschland ist fünfmal so groß wie der Musikmarkt. Aber bei Wetten Dass…? werden Popsongs gesungen, nicht Bücher präsentiert.

Scheck: Meiner Meinung nach sollte das Fernsehprogramm natürlich unmittelbar nach der Tagesschau um 20.15 Uhr ausschließlich aus Literatursendungen bestehen. Leider, leider hört da aber niemand auf mich. Ich versuche ja schon, da Pionierarbeit zu leisten. Aber bis die anderen Sendungen ihre Inhalte endlich umstellen, möchte ich meine eben noch weiter machen.

Ihre Sendung druckfrisch ist neben dem Blauen Sofa im ZDF mittlerweile die einzige bundesweit ausgestrahlte Literatursendung im Fernsehen. Das kann man bedauern. Man könnte eine solch machtvolle Rolle als Beinahe-Monopolist aber natürlich auch genießen.

Scheck: Nein, um Gottes Willen. Zum einen ist Konkurrenz gut für das Geschäft. Sie schärft die Sinne. Ich würde mir zum Beispiel wünschen, dass auch im Privatfernsehen Literatursendungen etwas mehr gedeihen. Zum anderen sollten wir nicht zu pessimistisch sein. Es gibt im Bayerischen Rundfunk mit Lese:Zeichen eine wunderbare Literatursendung, es gibt Literatur im Foyer im SWR und einige weitere. Vergessen wir auch nicht die Radiohelden, ich bin schließlich im Hauptberuf Literaturredakteur im Deutschlandfunk und habe viele Kollegen im Hörfunk, die unverdrossen große Sendeflächen betreuen und dort über Literatur berichten. Aber im Fernsehen brauchen wir zweifelsohne mehr, da haben Sie recht. Lasst 1000 Literatursendungen blühen!

Wenn Literatur im Fernsehen unterrepräsentiert ist, liegt das vielleicht auch daran, dass die Autoren Vorbehalte gegen das Medium haben? Gilt Fernsehen bei Schriftstellern als pfui?

Scheck: Seit der Erfindung des Fernsehens gibt es ja solche abwertenden Aussagen wie die von Hans Magnus Enzensberger, der einmal vom „Nullmedium Fernsehen“ sprach oder von Botho Strauß, der das Fernsehen als „Kloake“ bezeichnet hat. Beide haben recht. Es gibt eine Art von Fernsehen, die ein Nullmedium ist, und es gibt eine Art von Fernsehen, die eine Kloake ist. Da muss ich nur an RTL2 denken. Aber das Fernsehen ist ein Spiegel der Welt, so wie die Literatur auch. Deshalb beharre ich ja so sehr darauf, dass die Literatur im Fernsehen vorkommt. Das Problem dabei: Eine Sendung über Sport ist nicht Sport. Wer die Sportschau anschaut, betreibt keinen Sport. Genauso ist eine Sendung über Literatur nicht selbst Literatur. Das sollte man nicht verwechseln. Ich setze da auf die Medienerfahrung der Zuschauer. Die sind nämlich sehr intelligent und haben längst begriffen, dass man von einer Kochsendung nicht satt wird und dass eine Literatursendung dazu da ist, einen auf gute Bücher aufmerksam zu machen und vor schlechten zu warnen – nicht aber, die Lektüre dieser Bücher selbst zu ersetzen.

Apropos schlechte Bücher: Man sagt Ihnen ja gerne eine Vorliebe für Verrisse nach, auch wenn Sie sich gegen dieses Image wehren. Gab es in Ihrer Laufbahn mal einen Autor, der sich für eine vernichtende Kritik bedankt und im Nachhinein gesagt hat: Das hat mich wirklich weitergebracht?

Scheck: Auch das gab es. Aber das sind im Grunde Interna, die zwischen Kritikern und Autoren bleiben sollten. Ich halte nichts davon, Gespräche aus der Umkleidekabine des Literaturbetriebs öffentlich zu machen. Wissen Sie, ich bin wirklich der Überzeugung, dass jeder Autor alles Recht der Welt hat, mit Mordlust in den Augen einen Literaturkritiker anzuschauen, der ihn verrissen hat. Das ist völlig in Ordnung. Aber ich wende mich mit meiner Literaturkritik nicht an den Autor, sondern an die Leser. Und ob der Autor davon profitiert oder ob so eine Kritik ihm schadet, dass sind Kollateralschäden oder –nutzen, die ich nicht im Blick habe. Ich möchte um Gottes Willen niemanden attackieren mit meinen Kritiken.

Noch einmal der Blick nach Leipzig: Worauf freuen Sie sich auf der Buchmesse besonders?

Scheck: Auf die Begegnung mit dem amerikanischen Romancier Dave Eggers, der aus seinem Roman Ein Hologramm für den König lesen wird. Ich habe ihn schon in San Francisco getroffen, und er ist einer der ganz wenigen Autoren, die auch einen Verlag gegründet haben. Mit seinem revolutionären Verlagsmodell hat er viele Autoren wieder bekannt gemacht. Ich halte ihn nicht nur literarisch für einen innovativen Menschen, sondern auch verlegerisch. Ich freue mich auch auf Reinhard Jirgl und seinen Roman Nichts von euch auf Erden. Und ich freue mich auf Eckhard Henscheid, der mit seinen Denkwürdigkeiten dem Literaturbetrieb der letzten Jahrzehnte ein würdiges Denkmal gesetzt hat.

Sie selbst werden auf dem ARD-TV-Forum zahlreiche Autoren treffen und gleichzeitig Werbung für Ihre Sendung druckfrisch machen. Was dürfen die Besucher erwarten?

Scheck: Sicher wird es ein Erlebnis sein, auf der ARD-Bühne Martin Walser über Messmers Momente sprechen zu hören. Und ich werde mich wie immer bemühen, in einer knappen halben Stunde im literaturkritischen Schnelldurchlauf auf einige empfehlenswerte Neuerscheinungen aufmerksam zu machen – und vor einigen missratenen zu warnen!

Interview mit Madsen

Sebastian (links) und Johannes Madsen (rechts) sehen gerne das Positive. Foto: Sony BMG/Ingo Pertramer

Sebastian (links) und Johannes Madsen (rechts) sehen gerne das Positive. Foto: Sony BMG/Ingo Pertramer

In Leipzig haben Madsen das drittletzte Konzert der aktuellen Tour gespielt. Vor der Show im Werk 2 habe ich Sänger Sebastian Madsen und Gitarrist Johannes Madsen zum Interview getroffen. Das Thema des Gesprächs sollte „Unglück“ lauten. Am Ende haben wir über Marvin Gaye gesprochen, über pubertierende Möchtegern-Kritiker, die Foo Fighters als Vorband und über ein Madsen-Lied, das die Band selbst nicht mehr leiden kann.

Als ich das letzte Mal mit euch gesprochen habe, stand gerade die Veröffentlichung von Labyrinth bevor. Ein paar Tage nach dem Interview passierte dann der Unfall beim Videodreh, der für alle ein Schock war und mit noch etwas mehr Pech das Aus für Madsen hätte bedeuten können. Deshalb würde ich mit euch gerne über das Thema „Unglück“ sprechen. Okay?

Johannes und Sebastian: Okay.

Fein, dann legen wir los. Die aktuelle Tour ist so gut wie beendet. Was war denn das größte Unglück, das euch dabei passiert ist?

Johannes: Bisher ist alles ziemlich glatt gelaufen.

Keine Panne, kein Missgeschick?

Sebastian: Doch, es ist etwas echt Blödes passiert. Zwar nicht uns, aber der Vorband. Wir wollten Walter Schreifels und seine Jungs unbedingt mitnehmen und haben gesagt: Wir geben euch ein Schlagzeug, ihr könnt unsere Verstärker benutzen, kommt einfach mit! Dann sind sie von New York aus losgeflogen, jeder nur mit einem Instrument. Und der arme Nathan, der Bassist, hat leider seinen Bass zerstört. Das Ding war gegen einen Verstärker gelehnt und ist dann einfach umgefallen.

Johannes: Der Hals ist gebrochen, das Ding ist irreparabel zerstört.

Sebastian: Der Mann ist 24 Jahre alt, das war sein erster richtiger, cooler Bass. Aus dem Jahr 1971. Extrem ärgerlich. Ich bin zu ihm hin und habe gesagt: „My heart bleeds for you.“ Aber das war vielleicht auch kein allzu großer Trost.

Das ist echt tragisch, man baut zu so einem Instrument ja eine Beziehung auf.

Sebastian: Auf jeden Fall. Meine Gitarre, auf der ich jetzt immer noch spiele, habe ich, seit ich 15 war. Die ist einfach perfekt eingespielt. Wenn damit so etwas passieren würde, müsste ich auf jeden Fall weinen.

Gut, nächste Frage: Muss man unglücklich sein, um ein guter Künstler zu sein?

Sebastian: Nee.

Aber hilft es, wenn man unglücklich ist?

Sebastian: Vielen tut das sicher gut. Ich war zum Beispiel beim Schreiben des letzten Albums nicht unglücklich, aber ich war es davor, in der Unfallszeit. Als ich dann endlich wieder spielen und schreiben konnte, ging es mir richtig gut. Aber das Unglück hat beim Schreiben schon eine Rolle gespielt, auch private Trennungen und so. Ich glaube schon, dass so etwas für gute Songs sorgt, aber es ist keine notwendige Voraussetzung. Man kann aus vielen Sachen Kreativität schöpfen. Lionel Richie hat Easy geschrieben, als es ihm richtig, richtig gut ging.

Wenn man richtig happy ist, hat man aber meistens nicht das Bedürfnis, dieses Gefühl jetzt sofort zu Papier zu bringen.

Johannes: Das stimmt. Ich glaube, dass aus dem Unglücklichsein schnell etwas Gutes entstehen kann. Man nutzt die Kunst ja dann dazu, um sich besser zu fühlen.

Habt ihr den Anspruch, mit euren Liedern auch den Hörern aus dem Unglück herauszuhelfen? Die Ärzte haben ja mal gesagt, dass sie deshalb „Die Ärzte“ heißen, weil sie ihre Fans vom Liebeskummer heilen wollen. Sollen eure Songs auch Medizin sein und Trost spenden?

Sebastian: Nein. Ich höre zwar, dass das oft passiert, und da freue ich mich auch drüber. Aber das ist nicht beabsichtigt. Da schreibe ich egoistischer. (lacht) Vielleicht passiert das auch unterbewusst. Ich bin da generell so ein kleiner Hippie: Ich verteile gerne Liebe und gute Laune, das ist einfach in mir drin. Und wenn wir ein Stück wie Mit dem Moped nach Madrid schreiben und dann fünf Typen wirklich losfahren und das in die Tat umsetzen, das ist dann echt gut.

Was hört ihr für Musik, wenn ihr down seid? Welcher Song kann euch dann wieder gute Laune machen?

Johannes: Ich höre dann keine Gute-Laune-Musik. Wenn ich down bin und das auch erkannt habe, dann will ich das richtig zelebrieren. Ich höre dann Lou Reed oder so etwas. Massive Attack, Portishead oder so. Dann hilft mir die Musik dabei, zu definieren, warum ich gerade down bin, und wenn man sich einmal so damit auseinandergesetzt hat, geht es ja auch schon wieder bergauf. So genannte depressive Musik muss ja nicht depressiv stimmen.

Es gibt also nicht den Song, der auf Knopfdruck wieder für drei Minuten Glückseligkeit sorgen kann?

Johannes: Nein. Es gibt ja immer verschiedene Lebensstimmungen, und es gibt bei mir leider noch kein Lied, das auf alle Stimmungen passt.

Sebastian: Bei mir: Mercy Me von Marvin Gaye. Das ganze Album höre ich gerne, auch wenn es mir nicht so gut geht. Der Typ hat einen ganz eigenen Ausdruck in der Stimme gehabt, das gibt mir Mut, Kraft. Mein Lieblingssänger.

Wo wir gerade bei Vorbildern sind: Es ist sicher ein großes Unglück, wenn man bei einem Festival direkt nach einer Band auf die Bühne soll, die bekanntermaßen immer eine Hammer-Show hinlegt. Vor wem würdet ihr euch da am meisten fürchten?

Johannes: Wenn die Black Keys spielen und wir sollten direkt danach raus, da hätte ich wirklich Bammel. Und bei allem, was mit Dave Grohl zu tun hat.

Andererseits eine schöne Vorstellung: die Foo Fighters als die eigene Vorband.

Sebastian: Stimmt, das wäre nicht schlecht, um 2 Uhr im Zelt (lacht). Da hätte ich Mörder-Respekt, und auch Angst. Die sind live unglaublich gut. Aber ich habe mir irgendwann angewöhnt, mit der Einstellung auf die Bühne zu gehen: Es könnte das letzte Konzert sein. Jedes Konzert ist eine Chance, jedes Konzert ist ein Highlight.

Hat das auch mit dem Sturz zu tun? Hat der ganz direkt eure Musik beeinflusst?

Sebastian: Ja, mit Sicherheit. Ich versuche immer, aus solchen Dingen langfristig das Positive zu ziehen. Dazu gehört, dass ich mich jetzt ohne Gitarre wunderbar bewegen und ganz anders auf die Leute zugehen kann. Und auch die Erkenntnis, dass es ganz schnell vorbei sein kann. Ich kann jetzt jede Show von der ersten bis zur letzten Minute genießen. Früher war ich viel ängstlicher. Ich war auch oft krank und habe mich dann vor einer Tour extra geschont, habe Sport gemacht und mich gesund ernährt. Das bringt aber nichts. Der Kopf muss frei sein und man muss Bock drauf haben. Dann kann man viel mehr schätzen, was man an der Band hat.

War das neue Album Wo es beginnt in dem Sinne so etwas wie ein Wendepunkt für Madsen?

Johannes: Im Hinblick auf die Herangehensweise auf jeden Fall. Wir haben selbst produziert, ohne Hilfe von außen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass wir das beim nächsten Album wieder so machen.

Sebastian: Wir hatten uns mit Labyrinth ja so gesehen auch neu definiert. Die neue Platte war ein Neuanfang in dem Sinne, dass wir das gemacht haben, was wir am besten können, was uns am besten steht. Dann macht die Produktion auch mehr Spaß. Aber so einen Schritt kann man auch nur machen, wenn man vorher einen Ausflug gewagt hat.

Nochmal eine Frage zum Unglück: Können euch Kritiken unglücklich machen? Lest ihr sie und nehmt ihr sie euch zu Herzen?

Johannes: Ich lese, aber nur Printmedien. Ich habe mir schon nach dem ersten Album abgewöhnt, die Sachen im Internet über uns zu lesen. Das regt mich viel zu sehr auf, und es ist viel zu undefiniert, wer da eigentlich dahinter steckt. Vielleicht ist das irgendein pubertierender 13-Jähriger, der mich dann aber am Sack kriegt – das muss ich mir nicht geben. Was ich aber, vielleicht blöderweise, wichtig finde, sind die Printmedien. Wenn ein gutes Magazin wie die Visions uns extrem verreißt, eine der wenigen Musikzeitschriften, die man überhaupt noch lesen kann, dann ärgert mich das schon. Aber es ist auch nicht so schlimm, dass ich mich dann hinsetze und weine. Umgekehrt freut es mich natürlich mindestens genauso, wenn die etwas Schönes schreiben.

Sebastian, wie sieht es bei dir aus? Du bist als Autor ja noch ein bisschen stärker betroffen.

Sebastian: Ich habe sicher nicht alles gelesen, was über das letzte Album geschrieben wurde, aber schon Einiges. Im Großen und Ganzen wird es mir immer egaler, weil wir insgesamt so viel tolle Bestätigung kriegen, dass eine schlechte Kritik im Vergleich dazu untergeht. Aber hier und da kann es auch passieren, dass mich so etwas ein bisschen ankratzt. Vor allem, wenn man mir Dinge unterstellt, die einfach nicht stimmen. Wenn jemand seine Meinung hat und schreibt „Gefällt mir nicht weil…“, dann ist das total okay. Aber wenn jemand schreibt, ich würde mein gesamtes Wissen, was Punkrock betrifft, nur aus zwei Bands ziehen, nämlich den Toten Hosen und den Ärzten, dann muss ich mich fragen: Woher willst du das wissen, du Vogel?

Gibt es Madsen-Momente, Lieder, Textzeilen oder auch Karriereentscheidungen, die ihr im Rückblick selbst verunglückt findet?

Sebastian (sofort): Jaaa.

(Johannes lacht laut)

Sebastian: Es gibt eigentlich nur ein Lied von uns, das ich nicht mehr gut finde, nämlich Sieger vom Labyrinth-Album. Ich weiß noch genau, warum ich es geschrieben habe, und in dem Moment fand ich es auch total super. Aber ich höre es mir heute nicht mehr gerne an.

Johannes: Es gibt noch ein, zwei andere Stücke, die wir früher auch gerne gespielt haben, aus denen wir aber ein bisschen rausgewachsen sind. Vor acht Jahren haben wir das noch gerne gespielt, aber jetzt sind wir einfach jemand anders. Wir stehen da noch dahinter, aber es fühlt sich komisch an, das heute noch zu spielen und zu singen. Zum Beispiel Ich rette die Welt. Es gibt aber auch Lieder wie Mein Therapeut und ich. Das haben wir ewig lange nicht mehr gespielt, aber jetzt hatten wir wieder tierisch Bock drauf.

Gab es in den acht Jahren Madsen mal eine Schublade oder Assoziation, die ihr als besonders unglücklich empfunden habt? Ein totales Missverständnis oder eine Ecke, in der ihr euch überhaupt nicht wohl gefühlt habt?

Sebastian: Oh ja, da gab es jede Menge absurde Vergleiche. Aber das wird auch immer egaler. Was interessiert es mich, wo irgendjemand uns da ansiedelt? Die Hauptsache ist, dass die Leute, die da unten stehen, abfeiern und einen persönlichen Bezug dazu haben. Madsen sind irgendwie doch ein eigener Planet, und das ist auch gut so.

Interview mit Shout Out Louds

Astronomie ist eines der wichtigsten Themen auf der neuen Platte der Shout Out Louds. Foto: Shout Out Louds/Frode & Marcus

Astronomie ist eines der wichtigsten Themen auf der neuen Platte der Shout Out Louds. Foto: Shout Out Louds/Frode & Marcus

Dear English speaking fans! An English version of this Interview with Bebban Stenborg is available here.

Viel höflicher könnte Bebban Stenborg in diesem Gespräch nicht mehr sein. Als sie ein paar Mal meine Frage nicht gleich richtig hört (was wahrscheinlich an meinem Telefon liegt), entschuldigt sie sich tausendfach, unter anderem mit dem Argument, sie sei „sowieso so gut wie taub“. Als sie etwas Gemeines über Per Gessle (Roxette) sagt, fügt sie sogleich hinzu, sie habe dieses Gerücht nur gehört, kenne den Herrn nicht persönlich und könne immerhin einige seiner alten Songs ganz gut leiden. Und sogar mein blödes Spiel am Ende des Interviews macht sie bereitwillig mit.

Natürlich reden wir aber auch über Optica, das neue Album der Shout Out Louds, das morgen erscheint. Bebban Stenborg verrät, was die Apokalypse damit zu tun hat, ob sie neidisch auf Lykke Li ist und ob sie sich Shout Out Louds auch noch in zehn Jahren vorstellen kann.

Shout Out Louds feiern in diesem Jahr ihren zehnten Geburtstag. Wird es eine große Party geben?

Stenborg: Ja, ich denke schon. Wir haben zwar noch nichts Genaues geplant. Aber das neue Album kommt zuerst in Deutschland auf den Markt. Ich denke deshalb, dass wir eine Party in Berlin schmeißen und alle einladen werden.

Wenn du auf die zehn Jahre in der Band zurückblickst: Was war der schönste Moment?

Stenborg: Das erste Mal beim Coachella-Festival. Das war 2005, und ich war wirklich stolz, dass wir es so weit gebracht hatten. Palmen und Sonnenschein rundum – das hat Spaß gemacht.

Die meisten Bands schaffen es nicht bis zu ihrem 10. Jubiläum. Gab es auch bei den Shout Out Louds mal einen Moment, in dem ihr euch beinahe aufgelöst hättet?

Stenborg: Wir hatten eine Krise nach der Tour zum ersten Album. Wir waren alle so unglaublich müde. Wir haben unser letztes Konzert in Brasilien gespielt, und niemand hat danach die Frage gestellt, wann wir uns wieder treffen, damit es weitergeht. Vielleicht hätte das das Ende der Band sein können. Aber letztlich waren wir alle bloß vollkommen ausgelaugt und brauchten eine Pause.

Dann lass uns doch ein wenig über die Gegenwart reden. Das neue Album Optica habt ihr ganz in Eigenregie gemacht. Ist man da nicht ein bisschen unsicher, ob es wirklich gut ist, wenn man keine Bestätigung oder Kritik von außen bekommt? Hast du, seit die Platte im Kasten ist, schon einmal den Wunsch verspürt, einen Song noch einmal zu überarbeiten?

Stenborg: Das ist wirklich ein schwieriges Problem. Es gibt ja immer Sachen, die man noch ändern kann. Normalerweise merken wir das erst eine ganze Weile nach den Aufnahmen, wenn wir auf Tour gehen und die Songs dann live verändern. Da bauen wir kleine Verbesserungen ein, das passiert einfach. Aber diesmal ist es anders. Wir haben uns richtig viel Zeit gelassen und wirklich intensiv an der Platte gearbeitet. Wir haben alle Fehler schon gemacht und sie dann ausgebessert. Das alles hat zwei Jahre lang gedauert, aber jetzt sind wir sehr glücklich mit dem Ergebnis. Es ist wirklich das erste Mal, dass ich nicht im Nachhinein noch etwas verbessern möchte.

Das Leitmotiv von Optica ist Licht. Eigentlich erstaunlich: Ihr habt in einem Keller in Stockholm aufgenommen – nicht unbedingt die erste Assoziation, die man beim Wort „Licht“ hat. Die Songs für das letzte Album Work hat Adam in Australien geschrieben – da hätte dieses Thema doch viel besser gepasst.

Stenborg: Diese ganze Sache mit Australien wird ein bisschen überbewertet. Adam war da, während die Band pausiert hat, und hat ein paar Sachen geschrieben. Aber den Hauptteil der Arbeit haben wir gemeinsam gemacht, im Studio in Seattle. Abgesehen davon ist Licht ein sehr passendes Thema für die neue Platte. Manchmal muss etwas erst weg sein, damit man erkennt, wie wichtig es ist. Genau das ist in diesem Keller passiert. Es gab keine Fenster, man konnte nicht einmal sehen, was draußen für eine Jahreszeit ist. Das Licht erfüllte deshalb unsere Gedanken – weil es im Studio fehlte.

Ihr wart also eingeschlossen wie in einer Zeitkapsel?

Stenborg: Genau.

Wenn ihr das Album Optica nennt und über Reflexionen, Lichtbrechungen und Astronomie singt, wart ihr bestimmt alle sehr eifrige Schüler in Physik, oder?

Stenborg (lacht): Nein, ich glaube nicht, dass irgendjemand in der Band ein besonderes Faible für die naturwissenschaftlichen Fächer hatte. Aber viele von uns, auf jeden Fall Adam und ich, haben nach der Schule ein Interesse an physikalischen Phänomenen entwickelt.

Bebban Stenborg ist mit “Optica” rundum zufrieden. Foto: Shout Out Louds

Optik ist trotzdem ein ziemlich ungewöhnliches Thema für eine Pop-Platte.

Stenborg: Vielleicht. Das Album basiert lose auf allem, was mit Licht zu tun hat. Das meint aber nicht nur die wissenschaftliche Seite, sondern wir haben Licht als eine Art Richtschnur betrachtet: Licht als physikalisches Phänomen, aber auch als Quelle allen Lebens. Und noch mehr den poetischen Aspekt. Wie kann der Lichteinfall einen Gegenstand verändern? Wie beeinflusst Licht unsere Stimmung? Wir reden sehr viel über solche Fragen, und wir kommunizieren oft mit visuellen Begriffen, wenn wir unsere Musik umschreiben. Im Studio sagen wir manchmal Sätze wie: Ich will, dass das mehr nach Nachmittag klingt.

Auf dem Cover von Optica ist die Silhouette eines Mädchens zu sehen. Wer ist das – und was ist die Idee dahinter?

Stenborg: Solche Fragen sind eher die Baustelle von Adam und Carl. Aber ich denke, die Idee ist es, mithilfe von Licht bestimmte Formen auf einen Körper zu projizieren. Es ging bei dem Mädchen darum, eine symmetrische Figur zu finden. Es sollte nicht erkennbar sein, wer das ist.

Wenn du die Zukunft der Musik betrachtest, die Zukunft der Welt und die Zukunft deiner Band – welche davon ist am hoffnungsvollsten?

Stenborg: Wahrscheinlich die Zukunft der Musik.

Wow, das überrascht mich.

Stenborg: Ja. Mir wäre auch lieber, wenn es die Zukunft der Welt wäre. Aber wenn ich mich jetzt für eine der drei Möglichkeiten entscheiden müsste, wäre es die Zukunft der Musik. Ich denke, dass sich die Branche gerade wieder ein bisschen berappelt. Alles war so kompliziert und chaotisch in den letzten Jahren, die ganze Download-Sache hat da finanziell alles auf den Kopf gestellt. Aber nach allem, was ich höre, finden die Plattenfirmen jetzt wieder festen Boden unter den Füßen.

Ihr wart mit Bands wie den Strokes oder Kings of Leon auf Tour, die jetzt Megastars sind. Lykke Li hat auf einer euren Platten mal im Hintergrund gesungen – und jetzt hatte sie eine der erfolgreichsten Singles des Jahres in Deutschland. Wirst du da ein bisschen neidisch? Vergleicht ihr euren Erfolg mit solchen Künstlern?

Stenborg: Manchmal denke ich wirklich, dass es schön wäre, wenn wir finanziell ein bisschen besser dastünden. Vor allem aus praktischen Gründen. Wenn man von einer Tournee kommt und dann sagen könnte: „Jetzt leiste ich mir erst einmal einen Urlaub“ – das wäre schon schön. Weil wir jetzt schon so lange im Geschäft sind, denken viele Leute, wir wären reich und würden ganz luxuriös durch die Welt reisen. Aber wir haben uns eben eher langsam entwickelt, und ich denke, das hat uns gut getan. Wir sind ganz gemächlich gewachsen, und deshalb gibt es uns noch. Wenn wir Senkrechtstarter gewesen wären wie Lykke Li, die praktisch aus dem Nichts kam und dann ganz schnell riesig groß wurde, hätten wir damit vielleicht gar nicht umgehen können. Wir sind ja zu fünft, und wir sind Freunde. Ich denke, wir sind alle ziemlich zufrieden damit, wie es gelaufen ist.

Okay, zum Schluss würde ich gerne noch ein kleines Assoziationsspiel spielen. Die Idee: Shout Out Louds werden zehn Jahre alt, und „Shout Out Louds“ sind drei Wörter. Deshalb nenne ich zehn Stichwörter, und du antwortest mit höchstens drei Wörtern. Einverstanden?

Stenborg (zögerlich): Versuchen wir es.

Erstes Thema: Shout Out Louds im Jahr 2023.

Stenborg: Scheint schwer vorstellbar.

Null Punkte für Schweden beim Eurovision 2013.

Stenborg: Ist mir egal.

Weil Astromonie auf Optica ja so ein wichtiges Thema ist: der schönste Nachthimmel, den du je gesehen hast?

Stenborg: War in Kenia.

Und der schönste Sonnenuntergang?

Stenborg: Pacific Coast Highway.

Die drei wichtigsten Einflüsse für Optica.

Stenborg: Kometen. Sonnenlicht. Apokalypse.

Drei Acts, die man 2013 im Auge behalten sollte.

Stenborg: Solange. Ducktails. David Bowie.

Wir sind schon bei Nummer sieben angekommen: Videodrehs.

Stenborg: Chaotisch und lustig.

Das Comeback von Gyllene Tider?

Stenborg: Nichts für mich.

Die Aussicht, im Frühjahr 27 Konzerte innerhalb von nur acht Wochen zu spielen.

Stenborg: Ist echt aufregend.

Okay, das letzte Stichwort: Zlatan Ibrahimovic.

Stenborg: König von Schweden.

Das hat Spaß gemacht, du hast dich echt gut geschlagen. Danke für das Gespräch!

Interview with Shout Out Louds

Astronomy is an important subject an Shout Out Louds' new album "Optica". Image: Shout Out Louds/Frode & Marcus

Astronomy is an important subject an Shout Out Louds’ new album “Optica”. Image: Shout Out Louds/Frode & Marcus

Bebban Stenborg is one of the most polite musicians I ever spoke to. When the phone is not working properly (which is probably down to my crappy headset), she takes all the blame, claiming that she “is deaf anyway” and probably not able to hear my questions because of that. When she says something quite nasty about Swedish music icon Per Gessle, she stresses that she has only heard about it, that she does not know Mr. Gessle first-hand and that “his older songs used to be good”. And she is even willing to join in the stupid game I made up at the end of the interview.

But of course we manage to talk about new album Optica as well, in spite of broken headsets and deafness. Bebban Stenborg reveals how the apokalypse influenced the record, if she can imagine Shout Out Louds in ten years time and if she is jealous of Lykke Li.

Shout Out Louds are celebrating their tenth anniversary this year. Is there going to be a party?

Bebban Stenborg: Yes, I think we will have a party. But there’s nothing scheduled yet. Our new record will be released in Germany first, so I think we will put on a party in Berlin and hope that we can invite everyone.

If you look back on ten years in the band: Which stage of your career did you enjoy the most?

Stenborg: The first time we played Coachella was great. That was in 2005 and it felt great to have made it to that stage. Palm trees all around, sunny weather – that was fun.

Most bands don’t get to see their tenth anniversary. Was there ever a moment when Shout Out Louds might have split up?

Stenborg: There was a time towards the end of the first album. Everybody was so tired. We did the last show in Brazil and after that we didn’t mention when we were going to meet again. Back then it could have happened. But it was just that everybody was exhausted and needed a break.

So let’s talk about the present. With your new album Optica you did everything on your own, even producing the record yourselves. Your aim was to be able to write and record in a very spontaneous way. That sounds great, but if you don’t get any outside opinions that might probably encourage you or point out some weak spots, I imagine you might feel a little insecure about the result. Since you finished the record, have there been times when you wished you could go back and rework some of the songs? 

Stenborg: Usually that is a very difficult task. There are things that can be done different, but mostly we don’t realize it until much later on when we take the songs out on the road and play them live. That’s when we get to play spontaneous little improvements. Those things just pop up. But I think this time it is different. We took so much time making this album, we did all the mistakes. It took almost two years and now we are very happy with it. For the first time there hasn’t been a single moment since finishing the album when I wished we would have done something different.

It seems funny that light is one of the major topics of the album. You recorded in a basement in Stockholm, which is not quite the place you have in mind when you think of light. Last time, for Work, Adam wrote in Australia – back then it would have made much more sense.

Stenborg: First of all, I think that the whole Australia thing has been a bit exaggerated. Adam was there while we had a break, but we did most of the work together and recorded the album in Seattle. Nevertheless light is a fitting topic. I think that sometimes you need to be away from something to realise the importance of it. And that is what happened in that basement. There were no windows, you couldn’t see what season it was. So light became a presence in our minds because it was not present in the studio.

So it was like a time capsule?

Stenborg: Yeah, for sure.

Baptising your album Optica and singing about astronomy, reflexion or refraction – I assume that all of you loved physics back in school and that it was one of your favourite topics?

Stenborg (laughs): No, I don’t think that anyone in the band had one of the natural sciences as their favourite topic in school. But I think that many of us, at least I have and I think that Adam has too, have developed an interest for physics after we finished school.

Still optics is an unusual topic to pick for songwriting, isn’t it?

Stenborg: The album is loosely based on everything that has to do with light. More than the science side of it we decided on light as kind of a guideline: the concept of light, both as a physical phenomenon and an essential source of life. And even more the poetic side of it, questions like how light is hitting an object or how the time of the day can change your mood. We talk a lot about visuals when we write music. Very often we describe sounds through something that isn’t a sound. We can say things like: I want this to sound more afternoon or more morning-like, night-like.

The cover of Optica shows a girls’ silhouette. Who is it and why did you chose it?

Stenborg: I wasn’t involved in the process of the artwork because that is more Adams and Carls line of work. I think it is about the idea of projecting shapes with the help of light onto a body. That was visually a nice thing to try. And I think they just wanted to find a symmetrical figure, it wasn’t supposed to be very clear who it is. The girl is supposed to be anonymous.

Bebban Stenborg would not change a single thing about the new record. Image: Shout Out Louds

If you take a look at the future of music, the future of the world and the future of your band – which is the brightest?

Stenborg: Maybe the future of music.

Wow, that’s a surprising answer.

Stenborg: Yeah. I hope it is the future of the world. But right now if I had to pick one I think that the world of music is finally straightening up a bit. It has been so complex and strange for everybody who works with music during the last couple of years. Downloading and so on has just messed a lot of things up financially for a lot of people. As far as I hear, at least the record labels are now finding solid ground again.

You’ve been on tour with bands like The Strokes or Kings Of Leon, who have now become superstars. Lykke Li once did backing vocals on one of your records, and last year she had one of the best selling singles in Germany. Does that make you feel jealous? Do Shout Out Louds compete with those artists in terms of success?

Stenborg: There are times when we wish that we could live more comfortably right now. Mainly for practical reasons. To come home from a tour and feel like: “I have the money to go on vacation” – that would be really, really nice. After having worked for a long time I think that people assume that we have it made, that we travel in style and stuff. But we have travelled at a slow pace and that has been a benefit to us. I don’t think it would have been good for us to have that explosion of success. We’ve been going slow and steady and that’s why we lasted this long. If we would have done like Lykke Li, who basically came out of nowhere and became very huge very fast, we would probably not have been able to handle this very well, since we are five people and we are friends. I think that we are all pretty happy with the pace that we are going in.

At the end of the interview I would like to suggest a little game. It is ten years of Shout Out Louds, and “Shout Out Louds” are three words. Logical conclusion: I mention ten topics, and you shout out the answers, which should consist of a maximum of three words. Alright?

Stenborg (hesitant): Okay.

You don’t necessarily have to shout.

Stenborg: Let’s go for it.

First topic: Shout Out Louds 2023.

Stenborg: Can’t imagine it.

Sweden getting zero points at Eurovision 2013.

Stenborg: I don’t care.

Sticking to the Optica-topic of astronomy: The most beautiful night sky you ever saw?

Stenborg: That’s in Kenya.

The most beautiful sundown?

Stenborg: Pacific Coast Highway.

Three key influences for Optica.

Stenborg: Comets. Sunlight. Apocalypse.

The best new artists in 2013.

Stenborg: Solange. Ducktails. David Bowie.

Topic number seven: shooting Videos.

Stenborg: Messy and fun.

Gyllene Tiders comeback.

Stenborg: Not for me.

The prospect of 27 shows within eight weeks this spring.

Stenborg: We’re really excited.

Okay, last one: Zlatan Ibrahimovic.

Stenborg: King of Sweden.

Well, you did very well, that was fun. Thank you very much!

Interview mit Tocotronic

Arne Zank (vorne) will mit Tocotronic auch im Jubiläumsjahr nicht nostalgisch werden. Foto: Universal Music/Sabine Reitmeier

Arne Zank (vorne) will mit Tocotronic auch im Jubiläumsjahr nicht nostalgisch werden. Foto: Universal Music/Sabine Reitmeier

Ein bisschen müde wirkt Arne Zank. Rund drei Wochen nach Erscheinen des zehnten Tocotronic-Albums Wie wir leben wollen macht die Band noch immer reichlich Promotion für die Platte, und als der Schlagzeuger am Ende unseres Gesprächs darauf verweist, dass jetzt „nicht mehr so viele“ Interviews kommen, kann man ein bisschen Erleichterung heraushören.

Trotzdem ist das Telefonat, das wir am Dienstag geführt haben, sehr nett. Gelegentlich weicht Arne Zank zwar ähnlich professionell einer Antwort aus wie ein Bundesligaprofi – sehr charmant (und gut begründet) vermeidet er es am liebsten, sich festzulegen. Aber er verrät auch, warum Tocotronic nicht den großen Song zur Krise schreiben werden, wieso er gerne im Auto gehört wird – und ob er die Texte von Dirk von Lowtzow versteht.

Hallo Arne! Wann hast du zuletzt ein Bier getrunken?

Arne Zank: Das ist noch nicht so lange her. Am Wochenende.

Und ein Glas Wein?

Zank: Auch am Wochenende. Alles gleichzeitig. Oder eigentlich: nacheinander.

Keine Sorge, wir werden jetzt nicht noch über Cocktails und Mineralwasser reden. Aber ich habe die These, dass es Biertrinkerbands gibt und Weintrinkerbands. Und Tocotronic haben sich in meinen Augen im Laufe ihrer Karriere von einer Biertrinker- zu einer Weintrinkerband entwickelt. Kannst du da zustimmen? Oder ist das eine Beleidigung?

Zank: Das finde ich völlig in Ordnung. Alle vier Leute in der Band sind leidenschaftliche Biertrinker, aber doch auch immer mehr dem Wein und auch anderen Genusswaren aufgeschlossen.

Ich habe die Unterscheidung eher auf die Situation des Hörens bezogen. Die alten Sachen passten wunderbar zu einem Bier in der Hand, in einer ranzigen Studentenkneipe. Das neue Album könnte man auch wunderbar ganz entspannt auf dem Sofa hören, mit einem Glas Wein auf dem Couchtisch.

Zank: Ich finde das wunderbar, wenn man die Platte auch auf dem Sofa mit einem gepflegten Glas Wein genießen kann. Das wäre ja eine Situation, in der man sich sehr intensiv mit der Musik beschäftigt und ganz gewissenhaft hört. Das kann sich durchaus auszahlen, gerade bei Wie wir leben wollen. Denn wir haben bei den Sounds und Arrangements sehr aufs Detail geachtet. Trotzdem meine ich, dass das für die alten Platten auch gilt. Die kann man auch auf dem Sofa hören. Vielleicht braucht man da ein paar Gläser mehr. (lacht)

Was wäre denn die ideale Hörsituation aus Sicht der Band? Wie kann man die Musik von Tocotronic am besten genießen?

Zank: Ich weiß es nicht. Ich versuche auch, diese Frage zu vermeiden, weil ich beim Musikmachen erst einmal von mir selbst ausgehen will – und mich nicht fragen möchte, welche Funktion ein Lied später vielleicht für einen Hörer erfüllen könnte. Aber ich mag die Vorstellung, dass unsere Musik im Auto gehört wird. Weil man da auf eine gewisse Art nebenbei, aber trotzdem konzentriert hört. Das ist eine interessante Situation. Ich empfinde es auch als ein schönes Kompliment, wenn jemand sagt, er höre uns gerne beim Bügeln oder beim Aufräumen der Wohnung, quasi als Ambient. Jeder benutzt die Musik ja so, wie er mag.

Ich würde gerne noch ein bisschen bei der Wirkung auf das Publikum bleiben. Wie wir leben wollen hat sich wieder gut verkauft und Platz 3 in den Charts erreicht. Spielen solche Erfolge für euch noch eine Rolle?

Zank: Das ist nicht unsere Leidenschaft, und es gehört auch immer eine Portion Glück dazu, etwa in der Frage, wer in dieser Woche alles noch neue Platten herausbringt. Aber wir achten da schon drauf. Wir wollen ja wissen, wie die Musik ankommt – und in gewisser Weise ist so eine Platzierung da ja durchaus ein Gradmesser. Natürlich freuen sich dann auch alle Beteiligten von der Plattenfirma und so weiter, wenn man sieht, dass das Album gut ankommt und dass eine Strategie aufgeht. Wir sind hoch zufrieden mit Platz 3.

Und wie sieht es mit der Rückmeldung der Kritiker aus? Ist die euch wichtig? Lest ihr Rezensionen oder schaut euch an, was in Fan-Foren zu einem neuen Album geschrieben wird?

Zank: Ich muss zugeben: Man ist schon sehr neugierig. Wir lesen sehr viel, und wir berichten uns auch gegenseitig davon, was wir gelesen haben. Aber man muss da auch aufpassen. Das kann zu schweren Traumata führen, oder zu Situationen, in denen man irgendwann nur noch um sich selber kreist. Noch viel mehr gilt das für Foren und alles, was im Internet sonst noch so verzapft wird. Das ist sehr viel – und es ist manchmal besser, wenn man das nicht alles liest.

Was war die schrägste Aussage, die du zu Wie wir leben wollen gelesen hast?

Zank: Das kann ich nicht so genau sagen. Dafür ist das alles noch zu viel und zu frisch. Das muss sich erst einmal setzen, und dann wird man vielleicht in einem halben Jahr erkennen können, was wirklich auffällig war.

Vermutlich gibt es reichlich Missverständnisse bei der Interpretation eurer Musik. Vor allem, weil die Texte in meinen Augen immer verklausulierter werden und ihr womöglich Spaß daran habt, damit Rätsel aufzugeben.

Zank: Klar werden Zeilen oder Lieder manchmal so ausgelegt, dass wir selbst von dieser Richtung überrascht sind. Aber von „Rätseln“ würde ich nur ungern sprechen. Das klingt, als ob es irgendwo eine Lösung dafür gäbe, die man nachschlagen könnte. Aber die gibt es ja gar nicht. Die haben wir auch selbst nicht – die Lösungsseite im Rätselheft, die suchen wir noch.

Wie läuft das innerhalb der Band? Ihr müsst die Stücke ja schließlich spielen – gehst du da manchmal hin zu Dirk und fragst: Sag mal, was soll das bedeuten? Worum geht es in dem Lied eigentlich?

Zank: Das kommt vor. Aber es ist selten, dass ich sage: „Erkläre mir doch mal, wie du dazu kamst.“ Häufiger geht es darum, dass sich jeder in der Band mit jedem Lied wohlfühlen muss. Alle haben da ein Vetorecht und dürfen mitreden, und in unseren Proben nehmen diese Diskussionen auch viel Raum ein. Dirk hält das sehr offen und ist einverstanden, wenn wir da alle reinquasseln. Aber als Autor hat er natürlich eine ganz andere Verantwortlichkeit für die Texte.

Geht ihr nach diesem Prozess mit fertigen Songs ins Studio? Oder bloß mit Ideen, die dann noch ausgearbeitet werden?

Zank: Wir haben bei den letzten Platten eigentlich immer eine Vorproduktion gemacht. Auch diesmal haben wir uns dafür sehr viel Zeit genommen. Der Proberaum bei Rick ist ja auch ein kleines Studio, und da haben wir beispielsweise schon sehr genau an den Arrangements gearbeitet. Wenn wir dann ins Studio gehen, sind wir sehr gut vorbereitet. Da geht es dann eher noch um die Feinheiten – und auch darum, sich noch einmal von dem überraschen zu lassen, was bei der Arbeit daran passiert.

Gab es diesmal irgendwann die Idee, das große Lied zur Krise zu schreiben, ein ganz explizites Statement zur Lage der Nation?

Zank (lacht): Nein. So arbeiten wir nicht. Natürlich haben wir das Tagesgeschehen im Blick, und manchmal bekommt man vor diesem Hintergrund noch einmal einen neuen Blick auf die Lieder. Aber es ist nicht so, dass es uns in den Fingern juckt, etwas zu tagesaktuellen Themen zu schreiben.

Hast du den Eindruck, dass das trotzdem von euch erwartet wird? Dass es Leute gibt, die meinen: Tocotronic haben dazu bestimmt etwas Relevantes zu sagen, und sie wären auch eine Stimme, die Gehör findet?

Zank: Vielleicht wird das von uns verlangt, sich dauernd zu allem zu äußern. Jan hat das mal den „Bekenntniszwang“ genannt. Wenn man es positiv sieht, kann man das vielleicht als Respektsbezeugung betrachten. Aber im Allgemeinen finde ich das eher schwierig und unangenehm. Gerade als Musiker sollte man sich manchmal lieber raushalten. Man weiß oft gar nicht, was man für eine Meinung hat. Schon gar nicht kann man zu viert in einer Band eine definitive Meinung vertreten. Und wenn man sich dann doch äußert, kann das schnell anmaßend wirken. Man erlebt da ja genug Beispiele von öffentlichen Personen, die Statements zu irgendwelchen Themen abgeben. Bei denen denke ich oft: „Hättest du mal lieber die Klappe gehalten. Du hast doch gar keine Ahnung davon.“

Sicherlich spielt auch der Anspruch eine Rolle, eurer Musik eine Bedeutung und Gültigkeit über den Moment hinaus zu verschaffen.

Zank: Ja, das ist der Anspruch. Wir arbeiten normalerweise sehr lange an einem neuen Album. Im besten Falle entsteht dadurch eine gewissen Allgemeingültigkeit, Kunst, Poesie. Auf der anderen Seite sind wir ja auch nicht aus der Zeit gefallen. So sehr wir unseren Elfenbeinturm auch mögen: Er ist nicht allzu hoch. Wir kriegen sehr viel mit, wir sind politisch interessiert, wir musizieren nicht im luftleeren Raum.

Gab es Dinge, die euch für Wie wir leben wollen besonders stark beeinflusst haben? Themen, Bücher, Bands?

Zank: Jede Menge, da lässt sich jetzt kaum etwas Bestimmtes herauspicken. Auf der Platte sind 17 Stücke und da fließt ganz viel ein, was man gelesen hat, im Kino gesehen oder von Leuten erzählt bekommen hat.

Dann zoomen wir doch mal ein bisschen raus und betrachten das ganz große Bild. Wenn du auf die Einflüsse für 20 Jahre Tocotronic blickst: Ohne welche drei Bands hätte es euch nie in dieser Form und mit dieser Entwicklung geben können?

Zank: So etwas finde ich ganz schwer. Wenn ich drei Lieblingsplatten benennen muss, dann höre ich die ganzen anderen Platten schon weinen, weil sie nicht dabei sind. Es ist ein Wust aus Einflüssen. Und ich versuche es auch zu vermeiden, einer bestimmten Band allzu sehr nachzueifern. Das fühlte sich immer seltsam an, wenn wir so klar zuzuordnen waren. Da kriegt man Beklemmung und versucht lieber, weitere Brüche zu erzeugen.

Dann probiere ich die Frage noch mal umgekehrt: Fallen dir drei Bands ein, die es ohne den Einfluss von Tocotronic nicht gegeben hätte?

Zank: Das ist ja noch schwieriger! Wir haben da bestimmt einiges Schönes und auch Schlimmes angerichtet. Aber man kann ja nicht immer nachvollziehen, wen man jetzt wirklich beeinflusst hat. Es kam schon vor, dass ich dachte, irgendeine Band sei besonders nah an uns dran, die kamen dann in Wirklichkeit aber aus einer ganz anderen Richtung.

Aber es gibt ja auch Bands, die sich ganz explizit auf euch berufen. Die zum Beispiel sagen: Nur wegen Tocotronic haben wir auch eine Band gegründet.

Zank: Das finde ich immer toll. Wenn wir jemanden dazu inspirieren und ihm so einen Kick verschaffen konnten, ist das wunderbar. Das war ja bei uns ähnlich: Wir sind mit Punk und Hardcore aufgewachsen und haben dann irgendwann erkannt, wie man diese Musik selbst machen kann.

Seitdem sind 20 Jahre vergangen. Spielt das Jubiläum innerhalb der Band eine große Rolle?

Zank: Zunächst ist das ein netter Zufall, dass wir im 20. Jahr unseres Bestehens die 10. Platte machen. Aber die Rückschau macht einen auch ein bisschen kirre oder unangenehm nostalgisch. Wir staunen meistens selbst, dass wir jetzt schon 20 Jahre auf dem Kerbholz haben. Wir sehen das einfach als einen Anlass zum Feiern – und den nehmen wir eh immer gerne an.

Die wichtigsten neuen Alben 2013

Als App soll "Artpop" von Lady Gaga im Frühjahr erscheinen. Foto: Universal Music

Als App soll “Artpop” von Lady Gaga im Frühjahr erscheinen. Foto: Universal Music

Wird 2013 ein gutes Musikjahr? Man darf vermuten: ja. Reichlich neue Alben von spannenden Acts werden veröffentlicht, von Lady Gaga über Katy Perry bis hin zu (vielleicht) U2. Außerdem stehen wieder – wie schon im Vorjahr mit den 50. Jubiläen der Rolling Stones und der Beach Boys – wieder einige bedeutende Jahrestage an. Please Please Me, das Debütalbum der Beatles, wird 50 Jahre alt. Der Kassettenrekorder feiert ebenfalls ein halbes Jahrhundert. Und, ähm: Guildo Horn auch.

Mit Depeche Mode und Bon Jovi haben zwei der ganz großen Bands der vergangenen 30 Jahre neue Platten angekündigt, beide gehen zudem auf Tournee. Auch von Rod Stewart und Metallica darf man, zumindest gerüchteweise, im Jahr 2013 ein Album erwarten.

Dazu kommen einige Newcomer, die sich an ihren ersten Erfolgen messen lassen müssen: Hurts legen den Nachfolger für das Monster-Debüt Happinessvor, auch für die neuen Platten der Kings Of Leon, Tim Bendzko und Phoenix liegt die Messlatte hoch. Und Lady Gaga will mit Artpop im Frühjahr kein ganz normale CD veröffentlichen, sondern eine App. Hier ist der Fahrplan für die wichtigsten Alben 2013:

25.1. Tocotronic – Wie wir leben wollen

Das Jahr beginnt deutsch: Am 25. Januar erscheint das zehnte Studioalbum von Tocotronic. Wie wir leben wollen wurde mit ihrem langjährigen Produzenten Moses Schneider aufgenommen. Die Band zog dafür in ein Studio im ehemaligen Flughafen Tempelhof und nahm 17 Lieder in nur zehn Tagen auf. Es geht nach Auskunft der Band, die 2013 zudem ihr 20-jähriges Bestehen feiert, um die „miteinander verschränkten Themenkomplexe Körper und Befreiung“.

25.1. Prag – Premiere

Noch eine spannende Neuerscheinung aus Berlin: Prag zeigt, was Nora Tschirner als Musikerin drauf hat. Gemeinsam mit Erik Lautenschläger und Tom Krimi bildet sie die Band. Das Debütalbum Premiere wurde mit dem Tschechischen Filmorchester aufgenommen und verspricht cineastischen, anspruchsvollen Pop im Stile der 1950er und 1960er Jahre. Das Debütalbum erscheint am 25. Januar

25.1. Biffy Clyro – Opposites

Schon ihr sechstes Werk legen Biffy Clyro am selben Tag vor. Opposites ist sogar ein Doppelalbum geworden und dürfte die Fangemeinde der Schotten, die sich in den vergangenen Jahren als eine der kreativsten Rockbands ihrer Generation etabliert haben, sicher noch vergrößern.

Selig feiern 20. Geburtstag und haben diesmal in England aufgenommen. Foto: Universal Music/Thomas Rabsch

Selig feiern 20. Geburtstag und haben diesmal in England aufgenommen. Foto: Universal Music/Thomas Rabsch

1.2. Selig – Magma

Nach dem erfolgreichen Comeback 2008 haben Selig noch lange nicht genug. Am 1. Februar liefern sie mit Magma zwölf neue Lieder ab. Das neue Album ist ein „wütendes wie introspektives, bisweilen clever ironisches, dann wieder klug den Zeitgeist analysierendes Monster“, verspricht ihre Plattenfirma. Sänger Jan Plewka umschreibt die neuen Lieder etwas weniger großspurig: „Die selige Innenpolitik ist intakt, also fragen wir uns nun: was passiert in der sonstigen Welt?“ Aufgenommen wurde Magma mit Produzent Steve Power (Blur, Robbie Williams) in England. Übrigens: Genau wie Tocotronic feiern auch Selig in diesem Jahr ihren 20. Geburtstag.

8.2. Darwin Deez – Songs For Imaginative People

Kaum jemand hat in den vergangenen zwei Jahren für so viel Spaß auf Tanzflächen gesorgt wie Darwin Deez – und zwar sowohl mit seiner Musik als auch mit seinen seltsamen Verrenkungen, wenn er selbst auf der Bühne steht. Dem erfolgreichen Debüt folgt am 8. Februar Songs For Imaginative People. Darwin Deez hat alles daran im Alleingang gemacht, mit der Single Free (The Editorial Me) gibt es bereits einen Vorgeschmack auf den kurzweiligen Wahnsinn, der da ins Haus steht.

22.2. Shout Out Louds – Optica

Album Nummer vier präsentierten die Shout Out Louds am 22. Februar. Optica soll an die Anfänge der Band aus Schweden anknüpfen. Mehr als ein Jahr arbeiten Adam Olenius, Bebban Stenborg, Carl von Arbin, Ted Malmros und Eric Edman in Stockholm, das Ergebnis ist ebenso melodieselig wie tanzbar, verspricht die Band. „Für Optica haben wir uns von den sehr grau gehaltenen Szenerien des Vorgängeralbums Work verabschiedet, zugunsten von mehr Mut und Leuchtkraft. Und weil wir dieses Mal niemandem außer uns selbst gefallen wollten, haben wir zum ersten Mal ein Album selbst produziert“ so Bebban Stenborg.

22.2. Atoms for Peace – Amok

Supergroups? Das hatten wir schon lange nicht mehr. Bei Atoms For Peace kann man ohne Übertreibung davon sprechen, schließlich umfasst die Band unter anderem Mitglieder von Radiohead, R.E.M. und den Red Hot Chili Peppers. Am 22. Februar legen Thom Yorke, Nigel Godrich, Joey Waronker, Mauro Refosco und Flea ihr Debüt Amok vor.

26.2. 50 Cent – Street King Immortal

Ob es das Rap-Album des Jahres wird? In jedem Fall mussten die Fans lange genug auf King Street Immortal von 50 Cent warten. Die Veröffentlichung wurde mehrmals verschoben, am 26. Februar soll die Platte nun in den Läden stehen, kündigte 50 Cent auf Twitter an. Unter anderem soll Eminem mitgewirkt haben.

Können Hurts mit "Exile" an den Erfolg ihres Debüts anknüpfen? Foto: Sony BMG

Können Hurts mit “Exile” an den Erfolg ihres Debüts anknüpfen? Foto: Sony BMG

11.3. Hurts – Exile

Die Messlatte liegt gewaltig hoch für das zweite Album von Hurts. Mit dem Debüt Happiness haben Theo Hutchcraft und Adam Anderson einen Volltreffer gelandet. Am 11. März wird der Nachfolger Exile erscheinen. Neben der regulären Version mit 12 Liedern wird es auch eine Deluxe-Variante mit 14 Tracks und einer Bonus-DVD geben.

März: Bon Jovi – Because We Can

Auch nach 130 Millionen verkauften Alben haben Bon Jovi noch keine Lust auf den Ruhestand. Im März soll ihr neues Album Because We Can erscheinen, bereits Mitte Februar beginnt die Band die dazugehörige Welttournee. Im Mai und Juni werden Bon Jovi dabei auch in Deutschland Station machen.

März: Depeche Mode

“Ich bin sehr zufrieden, wie das Album geworden ist”, sagt Martin Gore zum kommenden Album von Depeche Mode. “Ich denke, die Songs zählen zu den besten, die wir je gemacht haben.” Ein Name steht noch nicht fest, das 13. Album der Band soll aber Ende März in den Läden stehen (Update 24.1.: Gerade hat Sony Music bekannt gegeben, dass die Platte Delta Machine heißen und am 22. März veröffentlicht wird). „Es ist keine Blues-Platte, aber sie hat definitiv einen Vibe, den man als ‘soulful’ bezeichnen kann”, sagt die Band, die zudem versucht hat, ihren Live-Sound mehr in die Studioarbeit einfließen zu lassen. Apropos: Im Juni und Juli sind Depeche Mode live in Deutschland zu erleben.

April: Phoenix

Mit Wolfgang Amadeus Phoenix haben Phoenix nicht nur einen echten Dauerbrenner erschaffen, sondern 2010 auch einen Grammy abgeräumt. Höchste Zeit für Nachschub ist es dennoch, und im April soll es soweit sein, kündigte Daniel Glass, der Chef ihrer Plattenfirma an. Dann soll das fünfte Studioalbum des französischen Quartetts fertig sein.

Frühjahr: Lady Gaga – Artpop

Dass Artpop das Album des Jahres werden wird, scheint schon jetzt beschlossene Sache: Das dritte Studioalbum von Lady Gaga ist für Frühjahr 2013 angekündigt. Den Albumtitel, den sie schon im August via Twitter verkündete, trägt Lady Gaga übrigens bereits als Tattoo auf dem Arm. Das Album soll als App erscheinen – man darf gespannt sein.

Sommer: Katy Perry

Viel erfolgreicher als Teenage Dream, das letzte Album von Katy Perry, kann eine Platte nicht sein. Glaubt man den Gerüchten, legt die Pop-Prinzessin im Sommer nach. Angeblich könnte es etwas weniger sonnig im Sound (schließlich hat Katy Perry eine Scheidung hinter sich) oder sogar eine Unplugged-Platte werden. Als Mitstreiter soll Katy Perry angeblich bereits Greg Wells (Adele) und Bonnie McKee (Britney Spears) gewonnen haben.

Sommer: Kings Of Leon

Kaum eine Rockband war im vergangenen Jahrzehnt so erfolgreich wie die Kings Of Leon. Seit Anfang Dezember 2012 sind Caleb, Jared, Nathan und Matthew Followill im Studio, um an Album Nummer sechs zu basteln. Ein Name steht noch nicht fest, ein Veröffentlichungstermin auch nicht. Aber im Sommer werden die Kings Of Leon auf Tour gehen – und man darf vermuten, dass sie dann die neuen Songs bereits im Gepäck haben wollen.

Herbst: U2

Offiziell ist noch nichts, aber viele U2-Fans gehen davon aus, dass es im dritten Quartal ein neues Album der Band aus Irland geben wird. Zum einen stammt das letzte Album No Line On The Horizon schon aus dem Februar 2009. Zum anderen hatten U2 bereits angedeutet, dass während der Sessions für diese Platte genug neue Lieder für ein weiteres Album entstanden sind. Angeblich plant auch die Plattenfirma Mercury Records mit einer U2-Veröffentlichung in der zweiten Jahreshälfte. Als Produzent ist Danger Mouse im Gespräch.

Herbst: Blink 182

Ebenfalls im Herbst darf man Nachschub der Spaß-Punks von Blink-182 erwarten. Nach der Reunion im Jahr 2011 arbeitet die Band bereits am siebten Studioalbum, sagte Bassist Mark Hoppus in einem Interview. Wie das Trio aus San Diego sein neues Werk nennen wird, hat er aber noch nicht verraten.

Winter: Metallica

Seit 2008 sehnen sich die Fans von Metallica nach neuem Material der Metal-Könige. Wenn es gut läuft, könnte die Wartezeit noch in diesem Jahr enden. Ab September will die Band aus Los Angeles an einer neuen Platte arbeiten, kündigte Schlagzeuger Lars Ulrich in einem Interview an. „Ich würde sagen Ende 2013 oder Anfang 2014 wird das Album fertig sein. Man kann es sich schlecht vorstellen, aber ich würde sogar sagen, dass 2013 noch optimistisch gedacht ist. Realistischer ist es, dass wir das Album Anfang 2014 rausbringen werden.“

noch ohne Termin: Rod Stewart

Ruhig war es nicht gerade um Rod Stewart, der zuletzt unter anderem mit einem Weihnachtsalbum von sich reden machte. Doch als Songwriter ist der 66-Jährige schon lange nicht mehr in Erscheinung getreten. Das soll sich 2013 ändern, wie er in seiner Autobiographie ankündigt. „Definitiv weiß ich, dass ich seit Gasoline Alley nicht mehr von einem Album so überzeugt war wie von diesem – als Songschreiber wie auch als Produzent“, schwärmt er da. Wann die Platte erscheint und wie sie heißen wird, ist allerdings noch offen.

noch ohne Termin: Eminem

Die Neuigkeit, dass es 2013 ein neues Album von Eminem geben wird, wurde nicht per Twitter verkündet, auch nicht bei einer Pressekonferenz oder durch einen Vorab-Gratissong. Sondern auf einer Baseballmütze. Im Eminem-Fanshop gibt es nämlich ein Cap, auf dem all die Jahreszahlen eingestickt sind, in denen der Rapper eine Platte herausgebracht hat. Die 2013 ist auch mit dabei. Das achte Studioalbum von Eminem entsteht angeblich in Zusammenarbeit mit Dr. Dre und 50 Cent. Ein Veröffentlichungstermin steht noch nicht fest.

noch ohne Termin: Arcade Fire

2010 erschien The Suburbs, das bisher letzte Album von Arcade Fire, und erreichte unter anderem in England, den USA und ihrer Heimat Kanada die Spitze der Charts. Angeblich bereitet sich Mercury Records, ihre Plattenfirma, für 2013 auf die Veröffentlichung einer neuen Platte vor.

noch ohne Termin: Placebo

Enorm lange hatten Placebo auf eine neue Veröffentlichung warten lassen, bis im Oktober 2012 die EP B3 erschien. Das siebte Studioalbum soll 2013 folgen. Die neuen Songs „klingen durchaus anders als alles, was Placebo bislang gemacht haben. Aber genau das passt ja wieder zu unserem für uns neuen, ungewöhnlichen Ansatz, Dinge einfach geschehen zu lassen“, gibt Sänger Brian Molko einen Ausblick. Einen Termin für die Veröffentlichung gibt es noch nicht, das Album soll aber wahrscheinlich im zweiten Quartal herauskommen.

noch ohne Termin: Clueso

Ob seine Zusammenarbeit mit Udo Lindenberg ihm auch als Solist zusätzlichen Rückenwind verschafft? Das wird sich für Clueso beweisen, wenn sein neues Album erscheint. Titel und Termin sind noch nicht bekannt, seine Plattenfirma hat aber offiziell bestätigt, dass es 2013 neues Material des Erfurters geben wird.

noch ohne Termin: Tim Bendzko

Gleich auf Platz vier der deutschen Charts schaffte es Tim Bendzko mit seinem Debüt Wenn Worte meine Sprache wären. Für 2013 ist sein zweites Album angekündigt, Details sind noch nicht bekannt.

Beyoncé kommt wohl schon 2013 mit einer neuen Platte zurück aus dem Mutterschutz. Foto: Sony BMG/Ellen von Unwerth

Beyoncé kommt wohl schon 2013 mit einer neuen Platte zurück aus dem Mutterschutz. Foto: Sony BMG/Ellen von Unwerth

noch ohne Termin: Beyoncé

Die Elternzeit nutzt Beyoncé Knowles offensichtlich sehr produktiv: Gemeinsam mit Ehemann Jay-Z und Kanye West soll sie an einem neuen Album arbeiten. Mit dem fünften Studioalbum der R&B-Queen darf man offensichtlich noch im Jahr 2013 rechnen.

noch ohne Termin: Miley Cyrus

Miley Cyrus will 2013 endlich auch wieder musikalisch Schlagzeilen machen. “Ich schreibe Songs für mein neues Album“, verriet sie im September in Las Vegas und versprach den Fans ein tolles Ergebnis: „Ich arbeitete wirklich hart daran, dass es perfekt wird.“ Als Produzenten für das vierte Album des Teeniestars soll unter anderem Pharrell Williams an Bord sein.

Die wichtigsten Alben 2013 als Fotostrecke gibt es auch bei news.de.

“ARD und ZDF haben das Vertrauen verspielt”

Vetternwirtschaft, Korruption und Ineffizienz beklagt Hans-Peter Siebenhaar bei ARD und ZDF. Foto: Eichborn Verlag/Pablo Catagnola

Vetternwirtschaft, Korruption und Ineffizienz beklagt Hans-Peter Siebenhaar bei ARD und ZDF. Foto: Eichborn Verlag/Pablo Catagnola

Für sehr viel Geld produzieren ARD und ZDF sehr viel Mist. Sie schotten sich ab, verbrüdern sich mit der Politik und werden immer gieriger. Das ist die Quintessenz von Die Nimmersatten, dem neuen Buch von Hans-Peter Siebenhaar. Der Journalist, Jahrgang 1962, ist promovierter Politikwissenschaftler. Während des Studiums arbeitete er als freier Mitarbeiter für den Bayerischen Rundfunk. Seit 2000 ist er als Medienexperte beim Handelsblatt tätig und beobachtet in dieser Funktion intensiv das Geschehen bei ARD und ZDF. Im Interview redet der GEZ-Kritiker Klartext.

Wenn ARD und ZDF Sie zum gemeinsamen Chef für beide Anstalten machen würden: Welche Sendungen würden Sie sofort einstellen?

Hans-Peter Siebenhaar: Ich würde alle Sendungen einstellen, die nicht mehr sind als eine billige Kopie aus dem Privatfernsehen. ARD und ZDF müssen anspruchsvolle Unterhaltung liefern. Dafür erhalten sie vom Bürger sehr viel Geld.

Und welche Formate würden Sie vermissen, wenn es das öffentlich-rechtliche Fernsehen morgen nicht mehr gäbe?

Siebenhaar: ARD und ZDF haben eine Reihe von Formaten geschaffen, die Maßstäbe setzen. In der Unterhaltung sind das beispielsweise Tatort und Wetten, dass…?, in der Information Tagesschau und heute journal.

In Ihrem Buch listen Sie einen ganzen Katalog von Missständen bei ARD und ZDF auf. Was sind die drei größten Probleme?

Siebenhaar: Erstens: die mangelnde Transparenz bei den Ausgaben im weit verzweigten Reich der Anstalten. Zweitens: der Einfluss der Parteien auf ARD und ZDF sowie die mangelnde Bürgerbeteiligung. Und drittens: Vetternwirtschaft, Korruption und Ineffizienz.

Könnte es mit Hinblick auf die fehlende Transparenz hilfreich sein, die Gehälter aller Mitarbeiter im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu veröffentlichen, wie unlängst gefordert wurde?

Siebenhaar: Es müssen nicht alle Gehälter sämtlicher Mitarbeiter offen gelegt werden, sondern nur die der Top-Verdiener. Der Gebührenzahler hat ein Recht zu erfahren, wie es um die Bezahlung von Intendanten, Direktoren und Moderatoren steht, wie viel Produzenten und Regisseure verdienen. Nur Transparenz schafft Vertrauen. Genau das haben ARD und ZDF durch ihre jüngsten Skandale verspielt.

Wenn sich nichts ändert im chaotischen System und an der Unzufriedenheit der Zuschauer: Wann ist nach Ihrer Einschätzung der Punkt erreicht, an dem die Gebührenfinanzierung grundsätzlich infrage gestellt werden wird?

Siebenhaar: Aus den Reaktionen auf mein Buch Die Nimmersatten weiß ich, dass ARD und ZDF in weiten Teilen der Gesellschaft längst den Rückhalt verloren haben. Vor allem Menschen unter 60 Jahren sehen das System von 22 Fernsehsendern und 67 Radioprogrammen sehr kritisch. Wenn der Luxusliner ARD/ZDF nicht den Kurs ändert, läuft er auf einen Eisberg auf wie einst die «Titanic».

In Die Nimmersatten kritisieren Sie auch die Passivität der Zuschauer angesichts der Zustände bei ARD und ZDF. Was sollte das Publikum Ihrer Ansicht nach tun, um für besseres Fernsehen und bessere Strukturen zu kämpfen?

Siebenhaar: Der einzelne Bürger kann im derzeitigen System wenig tun. Denn die Parteien behandeln ARD und ZDF wie ihr Eigentum. Das zeigt die jüngste Diskussion um die Einflussnahme der CSU auf ZDF und Bayerischen Rundfunk mustergültig. Was wir brauchen, ist ein massiver öffentlicher Druck, damit die Politik endgültig das aus den Fugen geratene System von ARD und ZDF grundlegend reformiert. Der Bürger muss seinen Unmut zum Ausdruck bringen.

Die Insolvenz der Frankfurter Rundschau wird gerade als möglicher Startschuss zum großflächigen Zeitungssterben in Deutschland diskutiert. Macht das den öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht umso wichtiger, um unabhängigen, hochwertigen Journalismus sicherzustellen?

Siebenhaar: Es gehört zu den Eigenheiten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, dass die 25.000 festangestellten Mitarbeiter und die Zehntausenden von freien Mitarbeitern in den vergangenen Jahren keine der großen Skandale aufgedeckt haben. Einer der Gründe dafür ist, dass die Parteien die Anstalten im Schwitzkasten haben. Führungspositionen werden parteipolitisch durchdekliniert. Mit der Unabhängigkeit ist es daher nicht so weit her. Das Ergebnis: Investigativer Journalismus spielt in den Anstalten im Vergleich zu Zeitungen und Magazinen eine sehr bescheidene Rolle.

Wie stehen Sie zur Forderung, das öffentlich-rechtliche Fernsehen komplett werbefrei zu machen?

Siebenhaar: Die Bürger finanzieren mit über 7,5 Milliarden Euro jährlich den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Sie haben ein Recht auf werbefreies Fernsehen. In Frankreich und Spanien ist das längst der Fall. Mit einem Verzicht auf Werbung könnten sich ARD und ZDF noch besser von der privaten Konkurrenz unterscheiden.

Wie hoch ist in Ihren Augen die Wahrscheinlichkeit, dass Günther Jauch demnächst eine seiner Talkshows am Sonntag unter das Thema «Gebührenwahnsinn» stellt? Und würden Sie kommen, wenn er Sie einlädt?

Siebenhaar: Die Wahrscheinlichkeit geht gegen Null. Ich erwarte, dass ARD und ZDF Die Nimmersatten totschweigen werden. Wann man mich einlädt, würde ich das Angebot natürlich annehmen und über das nimmersatte System ARD und ZDF diskutieren.

Man merkt Ihrem Buch immer wieder an, wie schwierig es war, bei der Recherche an Details, vor allem an Zahlen zu kommen. Gab es einmal einen Moment, in dem Sie das Projekt aufgeben wollten angesichts so vieler zugeschlagener Türen?

Siebenhaar: Die Recherche war tatsächlich schwierig und aufreibend. Denn die Intransparenz ist Teil des öffentlich-rechtlichen Systems. Das läuft man schon mal gegen Wände. Doch ich gehöre nicht zu der Art von Autoren, die bei Widerständen aufgibt.

Interview mit Disco Ensemble

Mit Leidenschaft dabei, notfalls auch mit Durchfall: Disco Ensemble. Foto: verstaerker.com

Mit Leidenschaft dabei, notfalls auch mit Durchfall: Disco Ensemble. Foto: verstaerker.com

An English version of this interview is available here.

So soll also Rock’N’Roll aussehen? Ein ziemlich trostloses Zimmer, ein paar Sofas, auf denen acht Männer sitzen, die durchweg stur auf ihre Notebooks starten. So sieht es aus, als ich kurz vor der Show von Disco Ensemble in Leipzig ins Conne Island komme. Als ich mich mit Sänger Miikka Koivisto und Gitarrist Jussi Ylikoski in einen Nebenraum zum Interview zurückziehe, wird es auch nicht besser: Hier herrscht ebenfalls ein derart ungemütliches Chaos, dass man kurz den Verdacht hat, es wäre vielleicht keine allzu gute Idee, beispielsweise die Gesundheitsversorgung des Landes in die Hände einer jungen, linken, popaffinen Selbstverwaltung zu legen. Und auch Miikka ist in keinem allzu guten Zustand: Zum Interview erscheint er mit dickem Wollpulli und Strickmütze, andauernd muss er husten. Es wird trotzdem ein sehr interessantes Gespräch über Tod, Leidenschaft – und Durchfall.

Hallo Miikka, hallo Jussi! Die Europa-Tour steht kurz vor dem Abschluss. Wie läuft es bisher?

Jussi: Die Tour war wirklich gut. Wir sind zwar etwas ausgelaugt, aber ich verspreche dir, dass man davon auf der Bühne nichts bemerken wird.

Miikka: Wir sind mittlerweile dazu übergegangen, dass wir den ganzen Tag lang gar nichts mehr machen, damit wir all die verbliebene Energie in die Show stecken können.

Ich habe eine Idee, um das Interview für euch hoffentlich einigermaßen interessant werden zu lassen. Ich habe mir euer neues Album Warriors angehört und aus jedem Song eine Zeile rausgesucht, aus der ich dann eine Frage entwickelt habe. Ich hoffe, das wird ein bisschen spannender als die üblichen Fragen à la „Wieso heißt ihr eigentlich Disco Ensemble“.

Beide: Oh, danke.

Okay, fangen wir an. Im Intro gibt es die Zeile “What can you do when they finally find out the truth”. Meine Frage ist: Welche Wahrheiten gibt es über Disco Ensemble, die die Leute lieber nicht herausfinden sollten?

Miikka: Gute Frage. Seit es das Internet gibt, ist es ja fast unmöglich geworden, ein Geheimnis zu bewahren. Aber die Wahrheit, die lieber nicht nach außen dringen soll, ist vielleicht unser Tour-Alltag. Ich glaube nicht, dass die Fans das sehen sollten. Du hast es ja gerade selbst mitbekommen: Das ist nicht sonderlich glamourös, meistens sitzen da einfach nur ein paar Typen mit ihren Laptops rum. Und der Humor wird wirklich dämlich, wenn wir eine Weile so zusammen sind. Wenn die Leute davon nichts mitkriegen, ist es wahrscheinlich besser.

Jussi: Stimmt. Es gibt ja diese Klischee-Vorstellung von Fans, die ihrer Lieblingsband hinterherreisen und auf Schritt und Tritt folgen. Wenn unsere Fans das zwei Tage lang machen würden, vor allem jetzt, wo wir fast am Ende der Tour sind, wären sie wahrscheinlich geschockt, wie das wirklich abläuft.

Ist es euch schon einmal passiert, dass im Netz etwas Peinliches enthüllt wurde, das ihr lieber geheim gehalten hättet? Schlimme YouTube-Videos oder Twitpics, auf denen ihr betrunken seid?

Miikka: Nein. Das liegt auch daran, dass wir – auch in Finnland, wo wir ein ganzes Stück erfolgreicher sind als hier – sehr bodenständig sind.

Seid ihr einverstanden mit der Wahrnehmung von Disco Ensemble? Haben die Fans einen zutreffenden Eindruck davon, wer ihr seid?

Jussi: Ja, ich denke schon. Wir sind ziemlich normale Leute. Wir verdienen unser Geld in einer Rockband, aber sonst sind wir einigermaßen durchschnittlich. Die Leute, die uns ein bisschen besser kennen, wissen das auch.

Miikka: Darin liegt in meinen Augen auch etwas Glamouröses: Wir sind ganz normale Typen, aber auf der Bühne können wir jeden Abend eine Stunde lang die Sau raus lassen. Ich denke, dass man das auch bewundernswert finden kann.

Jussi: Stimmt. Die Vorstellung, dass sich Leute wie wir auf so eine Weise verwandeln können, ist sicherlich ungewöhnlich. Und das gefällt den Leuten.

Zweites Lied, Second Soul. Ich habe eine Zeile aus dem Refrain ausgesucht, „You will find a second soul“. Es geht um die berühmte Seelenverwandte, die man irgendwann in seinem Leben zu treffen hofft. Habt ihr eure schon gefunden? Und wenn ja: Wie kommt ihr damit klar, dann wochenlang getrennt zu sein, wenn ihr auf Tour seid?

Miikka: Das ist schwer zu sagen. Wir haben alle Freundinnen oder Ehefrauen. Aber wir machen jetzt schon so lange Musik, dass wir uns wahrscheinlich an solche Phasen der Trennung gewöhnt haben. Ich schätze, jeder hat seine eigene Methode, um damit klarzukommen.

Jussi: Mit fiel das früher schwerer, da habe ich größeres Heimweh gehabt. Das passiert jetzt manchmal auch noch, aber auf andere Weise. Weißt du, wir haben alle Kinder, das macht es natürlich auch schwierig, wenn man so lange weg ist. Aber für mich ist es diesmal erstaunlich unproblematisch.

Miikka: Weißt du, wir waren jetzt schon sehr oft auf Tour und sind immer wieder nach Hause gekommen, und dieses Zuhause war immer noch da. Irgendwann vertraut man einfach darauf, dass es immer so sein wird.

Habt ihr jemals mit dem Gedanken gespielt, die Familie einfach mit auf Tour zu nehmen?

Miikka: Nicht auf diesem Level. Das wäre Folter.

Jussi: Ja, ich kann mir nicht vorstellen, dass ihnen das gefallen würde. Nach zwei Tagen würden sie wahrscheinlich anfangen zu meckern – und ich könnte das gut verstehen. Das ist einfach kein Leben für Leute, die nicht leidenschaftlich gerne Rockmusik machen wollen. Aber bei Festivals im Sommer steht die Familie manchmal am Rand der Bühne und schaut sich von dort die Show an, das mögen sie.

“You have too much feelings in your heart” ist die nächste Zeile, aus Too Much Feelings. Ich würde behaupten, dass es Leute auf der Welt gibt, die zu viel Herz haben, und Leute, die zu viel Hirn haben. Gibt es jemanden, dem ihr ein bisschen mehr Herz, Wärme und Mitgefühl wünschen würdet?

Miikka: Das ist spannend. Aber schwierig (lange Pause).

Jussi: Eine gute Frage. Vielleicht zu gut.

Miikka: Ich verstehe aber, was du meinst. Diese Leute, die man anschaut und sich sofort fragen muss: Warum sind die so? Wie können die nur so eiskalt sein? Vielleicht ist Kimi Raikkönen so jemand. Eine blöde Antwort. Aber er sieht wirklich aus, als hasse er, was er da tut. Total desinteressiert.

Jussi: Meine Theorie ist ja, dass er einfach das Fahren liebt und sonst nichts. Er steckt seine ganze Leidenschaft in Autorennen.

Danke. Nächstes Lied, Eartha Kitt. Da stellt ihr im Text sogar selbst eine Frage, nämlich “Do you remember?” Deshalb würde ich gerne wissen: Was ist eure schönste Erinnerung aus den 15 Jahren, die ihr jetzt schon als Disco Ensemble zusammen seid?

Miikka: Auch eine gute Frage. (Denkt ein bisschen nach) Etwas, das ich nie vergessen werde, ist unsere erste Europa-Tour. Damals gab es noch keine Navigationssysteme und wir hatten im Bus riesige Landkarten mit kleinen Zetteln dran. Auf denen standen dann Wegbeschreibungen wie „Nach dem zweiten Baum links abbiegen“. Wir haben nämlich fast nur in kleinen Läden gespielt. Unser Manager hatte einfach ein paar Freunde in Clubs in ganz Europa angerufen und daraus dann eine Tour zusammengestellt. Das war ein echtes Abenteuer. Verrückt.

Jussi: Besonders spannend wurde es im Januar. Da waren wir im Baltikum unterwegs und wollten danach zurück nach Finnland. Die Straßen waren verdammt glatt und wir hatten den ganzen Kofferraum voller Winterreifen und Schneeketten und so. Manchmal mussten wir trotzdem befürchten, dass wir nie mehr zurückkommen.

Und wie sollen sich die Fans einmal an Disco Ensemble erinnern, falls es euch irgendwann nicht mehr gibt?

Jussi: Ich weiß nicht. Natürlich hat jeder seine eigenen Erinnerungen. Aber wir haben uns immer als Live-Band betrachtet. Wenn jemand sich also an ein tolles Live-Erlebnis erinnert, das wäre schön.

Miikka: Ja. Wenn sie sagen: Diese Typen von Disco Ensemble haben unvergessliche Konzerte gespielt – das wäre ein schönes Vermächtnis.

Als nächstes kommt I’ve Seen The Future. Es ist nicht sehr originell, aber natürlich leitet sich daraus die Frage ab, wie eure Zukunftspläne aussehen. Wo seht ihr euch in zehn Jahren?

Miikka: Das ist schwer zu sagen. Dies ist kein Geschäft, in dem man gut planen kann.

Jussi: Wir denken immer nur von Album zu Album und schauen dann, was passiert. Wir setzen uns zusammen und fragen uns, ob es noch Sinn macht. So wird es diesmal wieder sein.

Dies könnte also auch eure letzte Tour sein und Warriors das letzte Album?

Jussi: Wer weiß? Niemand sagt, dass wir uns trennen werden. Aber es muss Sinn machen, wenn wir weiter machen. Man braucht die nötige Leidenschaft. Und ich hoffe, dass wir die dann alle noch haben.

Ich hätte aus I’ve Seen The Future auch eine andere Zeile wählen können, nämlich “How can you trust me when you don’t even know me”. Es geht darin um Vertrauen und Betrug. Ist euch so etwas als Band schon einmal passiert? Seid ihr schlimm enttäuscht oder hintergangen worden?

Miikka: Nein, und das haben wir unserem Manager zu verdanken. Wir kennen ihn schon sehr, sehr lange und er war seit den Anfangstagen der Band dabei.

Jussi: Er ist so etwas wie der Filter zwischen uns und all den Enttäuschungen. Er beschützt uns vor einer Menge Problemen, weil er sie abbekommt.

Miikka: Uns ist klar, wie glücklich wir uns da schätzen können. Musik ist schließlich ein seltsames Geschäft, das alle möglichen seltsamen Gestalten anzieht. Und wir hören ja auch die Horrorgeschichten von anderen. Eine Band, die wir kennen, hatte einen Manager, der so etwas wie der ultimative Bösewicht war. Ein echt unangenehmer Typ. Eines Tages hat er all ihre Merchandising-Einnahmen genommen und sich damit nach Griechenland abgesetzt.

Autsch. Reden wir lieber über den nächsten Song, With Every Step. Ich habe wieder eine naheliegende Zeile ausgesucht, nämlich “It hurts with every step”. Was war denn für euch der schlimmste Schmerz, den ihr je fühlen musstet?

Miikka: Wahrscheinlich eine Show in Holland, irgendwann um 2006 herum. Da ging es mir wirklich dreckig. Ich hatte Durchfall und schlimmes Fieber und wir sollten in Amsterdam spielen. Ich habe keine Ahnung, warum wir die Show nicht abgesagt haben. Ich habe die ganze Zeit da gestanden und hatte Angst, dass ich mir mitten auf der Bühne in die Hosen scheiße. Das war das Schlimmste.

Jussi (kichert): Davon wusste ich gar nichts. Sorry, dass ich lachen muss.

Was war denn für dich der schlimmste Schmerz, Jussi?

Jussi: Der Tod meines Vaters vor zwölf Jahren. Ich war schon alt genug, um damit umgehen zu können und auch schon zuhause ausgezogen. Aber das war natürlich ein schwerer Schlag.

Okay, danke. Machen wir weiter mit Hologram, das die Zeile “You better be sure when you turn that card” enthält. Sie steht für den Moment, in dem man weiß, dass eine Entscheidung große Bedeutung hat, man aber trotzdem nicht sicher sein kann, wie man sich entscheiden soll. Gab es solche Momente im Entstehungsprozess von Warriors?

Miikka: Ja. Wenn man ein Album macht, wird es vor allem gegen Ende oft heikel. Dann denkt man, jede kleine Veränderung könnte das ganze Ergebnis ruinieren. Alles fühlt sich dann super-bedeutend an, sogar die Sachen, die der Hörer am Ende wahrscheinlich sowieso nicht mitbekommt.

Jussi: Im Aufnahmeprozess ist man ständig in der Situation, dass man Entscheidungen treffen muss, die man nicht mehr rückgängig machen kann. Je näher die Deadline rückt, desto schwieriger fühlt sich das an. Da kann man nur auf den Prozess an sich vertrauen und auf die Leute um einen herum.

Gibt es dann Streit im Studio?

Jussi: Es gibt manchmal dicke Luft, vor allem, wenn die Deadline in Sicht ist. Da sind vier Paar Ohren anwesend, denen das Ergebnis gefallen muss. Es ist schwierig, das alles unter einen Hut zu bekommen und es kann wirklich stressig sein, da immer wieder einen Kompromiss zu finden. Aber diesmal haben wir vergleichsweise wenig Diskussionen gehabt. Wahrscheinlich lag das einfach daran, dass wir kaum gleichzeitig im Studio waren, sondern jeder seine Parts für sich eingespielt hat. Es war also gar niemand da war, mit dem man hätte diskutieren können, außer dem Produzenten – und der ist hart genug. (lacht)

Miikka (schmunzelt): Unsere Band ist eine ziemlich empfindliche Demokratie. Aber das macht auch einen Teil ihrer Schönheit aus.

Als nächstes kommt Spade Is The Anti-Heart. Ein toller Songtitel, wie ich finde. Wie seid ihr darauf gekommen? Ich hoffe, es hat nichts mit Online-Poker zu tun?

Miikka (lacht): Nein. Ich weiß nicht mehr, wie wir darauf gekommen sind. Wir haben im Proberaum irgendetwas gespielt, ganz klassisch, und ich habe einfach irgendetwas dazu gebrabbelt. Die Worte kamen einfach so aus mir raus.

Es gibt ziemlich viele Stellen auf Warriors, an denen es um irgendetwas mit „Herz“ geht. Einigermaßen ungewöhnlich für eine harte Rockband.

Miikka: Naja, es ist einigermaßen naheliegend, dass man darüber singen möchte, was man auf dem Herzen hat. Es ist leicht, daraus Texte zu machen. Und mittlerweile bin ich auch ein Freund von Klischees. Auf unseren ersten Platten habe ich noch versucht, die Texte so kompliziert wie möglich zu machen. Heutzutage habe ich auch kein Problem damit, das Naheliegende zu wählen. Manchmal ist das einfach das Beste. Wenn es sich gut anfühlt, warum sollte ich es dann verändern? Auch wenn es sich vielleicht manchmal kitschig anhört. Ich mag vor allem den Kontrast, wenn ich etwas erst auf sehr komplizierte Weise ausdrücke und dann in ganz einfachen Worten.

Damit sind wir bei Chinese Sword angekommen. Die letzte Strophe beginnt mit der Zeile “Only crime and then was another”. Daher die Frage: Habt ihr schon einmal gegen das Gesetz verstoßen?

Jussi: Als Kind habe ich jede Menge Süßigkeiten geklaut in dem Laden bei uns im Ort. Ich wurde aber nie erwischt. Meine Kumpels wurden geschnappt, und ich stand daneben mit den Taschen voller Schokoriegel und habe einfach Glück gehabt. Ich würde gerne mal wissen, wie die da heute reagieren würden, wenn ein erwachsener Mann noch Süßigkeiten klaut.

Miikka, wie sieht es bei dir aus? Hast du eine weiße Weste?

Miikka: Ja, so gut wie. Nichts wirklich Ernsthaftes.

Gut. Aus 1000 Years habe ich wieder eine Zeile aus dem Refrain ausgesucht, “If you wait for a 1000 years, you can wait for a 1000 more.” Es geht darin um Geduld und deshalb möchte ich gerne wissen: Wer ist bei Disco Ensemble am ungeduldigsten?

Jussi: Ich bin ein ziemlich ungeduldiger Typ. Ich denke, dass Geduld etwas ist, das man später bereut, wenn man alt ist. Es ist schwer, geduldig zu sein bei einer Sache, die einem wirklich am Herzen liegt.

Denkt ihr, dass Geduld eine hilfreiche Eigenschaft für Bands ist? Vielleicht sogar eine notwendige?

Miikka: Nein. Ich denke, dass Geduld erst dann gefragt ist, wenn es langweilig wird. So lange man das gerne tut, was man tut, braucht man keine Geduld.

Jussi: Es gibt natürlich noch ein paar Dinge, die wir gerne erreichen wollen als Band. Aber ob wir das schaffen, hängt sicher nicht davon ab, ob wir geduldig genug dafür sind oder nicht.

Stimmt. Jetzt also der letzte Song, Your Shadow. Gleich die erste Zeile heißt “It’s a phone call from a dead man”. Mit welchem Toten würdet ihr denn gerne mal ein Telefonat führen?

Miikka (nach langer Pause): Das ist interessant.

Jussi: Ja, eine gute Frage. Aber schwer, da eine spontane Antwort zu finden. Man will ja nicht so etwas Offensichtliches sagen wie Elvis oder so.

Warum nicht? Vielleicht könnte er euch ein paar Tipps geben?

Miikka: Ich glaube nicht, dass ich Tipps von den Toten brauche. Ich würde lieber versuchen, durch so ein Gespräch etwas aufzuklären. Ich würde jemanden aussuchen, dessen Tod ein Mysterium ist.

Jussi: Vielleicht dieser Typ von den Manic Street Preachers. Ich bin aber nicht sicher, ob der offiziell für tot erklärt wurde.

Miikka: Olaf Palme!

Jussi: Ja! Das ist super.

Ihr würdet ihn also fragen, wer ihn ermordet hat?

Miikka: Genau. Allerdings wurde er im Dunkeln erschossen, vielleicht hat er seinen Mörder also gar nicht erkennen können. Aber es wäre toll, wenn man ihn fragen könnte.

Jussi: Ich würde mit Lee Harvey Oswald telefonieren. Und ihn fragen, ob er wirklich John F. Kennedy erschossen hat.

Das sind zwei originelle Ideen. Danke für das Gespräch.

Interview with Disco Ensemble

Veterans who kept their passion: Disco Ensemble. Image: verstaerker.com

Veterans who kept their passion: Disco Ensemble. Image: verstaerker.com

This does not look like Rock’N'Roll. I meet Disco Ensemble just before their gig in Leipzig,very close to the end of their European tour. The scene I encounter is eight men sitting on sofas, typing into their notebooks. No guitars, no girls, not even a beer in sight. It does not get any more glamourous once I moved with singer Miikka Koivisto and guitar player Jussi Ylikoski into a room nearby which looks rather shambolic as well. Miikka does not seem too healthy, coughing throughout the interview. But who needs a nice setting if you have got two people willing to talk about death and diarrhea, arguments and shoplifting? Because that is just what I get in this interview with Disco Ensemble. Let’s go for it.

Hi Miikka, hi Jussi! You have almost made it to the end of your European dates. How are you doing?

Jussi Ylikoski: The tour’s been very, very good. We are a bit tired now. But we promise: You can’t see that when we are on stage.

Miikka Koivisto: It gets to the point where you don’t do anything all day, because you don’t have the energy. You save it all for the show.

So I hope I can cheer you up a little with this. What I would like to do is pick one line out of each song of your new album Warriors and turn it into a question. I hope this makes it a bit more interesting for you than being asked how you chose the name of your band.

Both: Oh, thank you.

Okay, let’s begin and see if it works. The Intro includes the line “What can you do when they finally find out the truth”. My question is: Are there any truths about Disco Ensemble that you would not like to be found out? That you would rather keep a secret?

Miikka: Good question. You know, with the internet nothing stays a mystery. So it is really hard to keep a secret. But I am not sure if I would like fans to see what our life on the road looks like. You have just seen it: It’s not very glamourous, there’s nothing exciting, most of the time it’s just some guys and their laptops. After a couple of days the humor gets so stupid. So it might be better that people don’t really know what bands do most of their day.

Jussi: That’s right. You have that cliché that fans follow bands. If they did that for two days, especially now that we are so close to the end of the tour, that would be a shock for fans to see.

Have there been any embarrassing secrets revealed about you already? YouTube-footage that you would like to delete or Twitpics showing you drunk?

Miikka: No. I think – even in Finland, where we are more popular than here – we are pretty down to earth.

Are you at ease with how Disco Ensemble is received, all in all? Have fans got the right impression of who you are?

Jussi: Yes, I think so. We are pretty normal people. We play in a rock band for a living, but apart from that we are pretty average. And the ones who know us a little better know that.

Miikka: But I think there is something glamourous about that as well: We are normal guys, but when we go on stage, we put on a great show and we go nuts for one hour per day. I think that is something that you can admire and look up to as well.

Jussi: Yeah. The idea, that it is possible for people like us to transform into what we are on stage is unusual for people to see. And they like it.

Song number two, Second Soul. I picked a line from the chorus, “you will find a second soul”. The old idea of meeting the one person that is made for you and that you want to spend the rest of your life with. Have you found your soulmates already? And if so: What is it like to be so far apart for so long when you are on tour?

Miikka: It’s hard to say. We’ve got wifes or girlfriends, but we’ve been doing this for so long that we kind of got used to it. I guess all of us have their own method of coping with it.

Jussi: I used to get more homesick in the early days of the band. Sometimes I still do now, but it’s different. See, we all have kids, so that makes it hard as well. But it’s surprisingly easy for me this time.

Miikka: You know, we’ve been on tour so many times and then you come home and home is always there. You kind of trust that it will always be like that.

Did you ever think about taking girlfriends, wifes or children with you on tour?

Miikka: Not on this scale, that would be torture.

Jussi: Yeah, I don’t think they would like it. After two days they would probably all be complaining. Which I would understand. This is no lifestyle for people who have no passion for playing in a rock band. But sometimes at festivals in the summertime we invite our families and they watch the show from the side of the stage. They enjoy that.

“You have too much feelings in your heart” is a line from the third song of your album called, as you may have guessed, Too Much Feelings. My thesis is that there are people in this world who have got too much feelings and might turn into romantics on the one hand and people who have got too few feelings and might turn into brainiacs on the other hand. Would you agree? And can you name some brainiac that you wish had a little more feeling and compassion?

Miikka: That’s a good one. But it’s tough. (lengthy pause)

Jussi: It’s a good question. Maybe too good.

Miikka: But I see what you mean. There are those people. You’re looking at them and you ask yourself: Why are they like that? How can they be so cold? Maybe Kimi Raikkönen is one of those. It’s a cheesy answer. But he really looks like he hates what he is doing. Totally disinterested.

Jussi: My theory is that he loves to drive. Maybe he puts all his passion into racing.

Thank you. Next song, Eartha Kitt. This time I chose a question that you pose yourself in the lyrics, “Do you remember?” What I would like to know is: What will you one day remember about your days in Disco Ensemble? What is your greatest memory looking back on the 15 years that you have been in the band so far?

Miikka: That’s a good question as well. (Thinks for a bit) One thing that I will always remember is our first European tour. That was a major thing. It was in the days before GPS and we had huge maps in the van and lots of post-its which said weird things like “Turn left after the second tree” or something. Our manager just asked his friends in some venues in Europe and put a tour together like that. That was a real adventure. Mental.

Jussi: The most exciting part was probably in January, when we were in the Baltic countries on our way back to Finland. The roads were slippery and the whole back of the van was filled with extra winter tires and spikes and so on. We almost didn’t believe we would make it back anymore.

What would you like your fans to remember about Disco Ensemble? What should their memories look like if you split up or retire one day?

Jussi: I don’t know. Of course everybody has their own memories. But I think we always saw ourselves as a live band. If someone had a great experience seeing us live, that would be fine.

Miikka: Yeah. If they say: Disco Ensemble – those guys played great gigs that I will never forget, that would be good.

Next up is I’ve Seen The Future, and I lazily decided to just talk about the song title. Where do you see yourselves in 10 years time?

Miikka: That’s hard to say. This is not a business for making plans.

Jussi: We tend to do one album at a time and after that we see what happens. We sit down and talk about if it still makes sense. That’s what we will do this time, as well.

So this could mean this is your last tour and Warriors is your last album?

Jussi: You never know. Nobody’s saying that we are going to split up. But it needs to make sense to continue. You need the passion to do it. And I hope we will all have it.

Another line from the song is “How can you trust me when you don’t even know me”, it’s about the difficult task of finding out who is honest and who is not. Have you had any bad experiences in that regard as a band? Has there ever been a major let-down in your career?

Miikka: No, thanks to our manager. We’ve known him for a long, long time and he’s been with the band right from the start.

Jussi: He is like the filter between disappointment and us. He protects us from a lot of problems.

Miikka: But we know that we are very fortunate with a manager like that. It’s a weird business which attracts all kinds of strange people. We hear horror stories from other bands that we know. There’s one about a manager who seems like the textbook villain. A really unpleasant guy, who one day took all the bands merchandise money and disappeared. Later they found out that he had an address in Greece.

Next song, With Every Step, another very obvious choice: “It hurts with every step”. What was the worst pain you ever felt in your life, either physically or emotionally?

Miikka: There was one show in Holland, some time around 2006, when I felt really bad. I had diarrhea and a huge fever before we had to play in Amsterdam. I have no idea why we played the show. I was just standing there and thought I was going to shit myself right in the middle of our gig. That was the worst.

Jussi: I never knew about that. Sorry I am laughing.

So how about you, Jussi?

Jussi: The worst pain I ever felt was probably after the death of my father, twelve years ago. I was old enough to deal with it and I had already left home. But of course that was a major loss.

Okay, thank you. Let’s move on to Hologram, which includes the line “You better be sure when you turn that card”. It is about making decisions without really being aware of the consequences. About the courage it takes to do it nevertheless. Were there situations like that during the making of Warriors? What was the bravest decision you had to make?

Miikka: When you’re making an album, especially in the last stages, it feels like the smallest adjustments can ruin everything. Everything feels super important then, even stuff that the listener probably won’t even notice.

Jussi: Making records you are constantly in a position where you have to make decisions and there is no turning back. The closer you get to the deadline, the worse it gets. In a situation like that you can only trust the process itself and the people around you.

Do you argue about those decisions?

Jussi: It gets tense sometimes, especially when the deadline approaches. You have four pairs of ears and everyone has got their own opinion and their own ideas, that is really difficult to deal with. It can wear you down. But we argued surprisingly little making this album. That is probably down to the fact that everybody put down their parts on their own. So most of the time there was no one around to argue with, apart from the producer – and that was enough. (laughs)

Miikka: I’s a delicate democracy. But that’s part of the beauty of it, as well.

Next up, Spade Is The Anti-Heart which is not only a great line but also a great song title in my opinion. How did that come up? I guess it’s got nothing to do with online poker?

Miikka (laughs): No. I don’t really remember where it came from. We played something in the rehearsals, quite traditionally, and I just blabbered something on top of that. The words just came out.

There is quite a lot of heart stuff going on in the lyrics. Was that on purpose? Because it is quite a dodgy topic for a rock band.

Miikka: Well, it is an obvious thing to sing about what goes on in your heart. It’s an easy thing to put into lyrics. And I have really grown to like clichés. On our first records I tried to be as complicated as I could with the lyrics. Nowadays I’ve come to embrace the easier solutions. Sometimes they’re the best. If it feels good, why change it? Even if it might sound cheesy sometimes. I like the contrast of saying something in a really complicated way and then getting the same message across in a very straightforward way.

Next up is Chinese Sword. At the beginning of the last verse you sing “Only crime and then was another”. That leads to my question if you ever committed any crimes?

Jussi: As a kid I stole lots of candy from the store with my friends. But I never got caught. They did, and I stood next to them with candy bars in my pockets and was just a little more lucky than them. I wonder what would happen today, if a grown man would steal candy bars.

Miikka, how about you? You got a clean record?

Miikka: Yes, almost. Nothing too serious.

Alright. We’ve arrived at 1000 Years and once again I picked a line from the chorus: “If you wait for a 1000 years, you can wait for a 1000 more.” That’s why I would like to ask you about patience. Who is the most impatient member of Disco Ensemble?

Jussi: I am a really impatient person myself. I think patience is something that you might regret when you are old. I think it’s just hard to be patient with something that you feel passionate about.

Do you think patience is helpful for a band or even necessary?

Miikka: No. I think that patience only becomes important if things start to get boring. As long as you enjoy what you are doing there’s no need for patience.

Jussi: Of course there’s still things that we want to achieve. But whether we achieve it or not is probably not up to the fact if we are patient or not.

Last song, Your Shadow. It starts with the line “It’s a phone call from a dead man”. If you could ask a dead man to call you: Who would you like to have a little chat with?

Miikka (after a lengthy pause): That’s a good one.

Jussi: Yeah, it’s a good question. But it’s hard to come up with a straight answer. You don’t want to go for someone obvious like Elvis.

Why not? Maybe he could give you some advice?

Miikka: I don’t think that I need any advice from the dead. But It would be great if you could solve something by talking to that dead man. Maybe someone whose death is a mystery.

Jussi: Maybe that guy from Manic Street Preachers. But I’m not sure if he’s officially dead.

Miikka: Olof Palme!

Jussi: Yeah! That’s a good one.

So you would like to ask who killed him?

Miikka: Yes, exactly. He got shot in the dark, so maybe he couldn’t see his own killer. But it would be great to find out.

Jussi: I’ll go for Lee Harvey Oswald. I’d ask him if he really shot John F. Kennedy.

That’s two great ideas and it was a very nice chat. Thank you very much.