Interview mit Sebel van der Nijhoff

So rettet man den Rock'N'Roll: Sebel van der Nijhoff post sich mit seiner Band durch alle Klassiker.

So rettet man den Rock'N'Roll: Sebel van der Nijhoff post sich mit seiner Band durch alle Klassiker.

Ende des Monats soll die erste EP von Sebel van der Nijhoff erscheinen. Derzeit ist er mit Thomas Godoj auf Tour und sorgt im Netz für die nötige Vorfreude. Vor dem Konzert im Werk 2 in Leipzig habe ich den Mann aus Wanne-Eickel getroffen.

Wenn man sich deinen Albumtrailer im Netz anschaut, muss man staunen: Für einen Newcomer hast du da sehr viel prominente Unterstützung. Bist du so gut vernetzt?

Sebel van der Nijhoff: Ich denke, das liegt eher daran, dass ich sehr viel alleine machen kann. Ich drehe die Videos selber und schneide sie auch selber. Ich komme ja aus dem Bereich, ich habe lange als Fotograf gearbeitet und immer versucht, Fotografie und Musik zu verbinden.

Die Tour mit Thomas Godoj dokumentierst du mit einem Videotagebuch. Wie läuft es denn bisher?

van der Nijhoff: Für uns ist es wunderbar. Ich habe im Winter eine längere Tour gefahren mit Luxuslärm, da war ich alleine unterwegs, nur mit meiner Akustikgitarre. Da ist man schon manchmal der einsame Wolf. Das jetzt ist die erste Tour, wo wir mit der kompletten Band im Nightliner reisen. Das fühlt sich an wie eine Jugendfreizeit.

Wie kommt ihr als Vorgruppe denn mit Thomas Godoj klar?

van der Nijhoff: Sehr gut. Bisher gab es keine Reibereien. Wir stehen bei den letzten drei Songs von ihm immer vor der Bühne, seine Musiker schauen sich auch oft unsere Show aus dem Publikum an. Ich habe nicht den Eindruck, dass wir da gegeneinander spielen. Und wir sind Thomas sehr dankbar, dass er uns sein Publikum zur Verfügung stellt.

Kann dieses Prinzip als Karrierestrategie noch funktionieren: Man erspielt sich als Vorgruppe ein paar Fans und startet dann selber durch?

van der Nijhoff: Ich denke, dass es ein Bestandteil sein kann von ganz vielen, die gegeneinander oder miteinander laufen. Man muss Leute haben, die Promotion machen für die Platte. Man muss sich ein Publikum erspielen bei Support-Tourneen. Man muss Videos machen, im Netz präsent sein. Nur touren reicht sicherlich nicht. Aber man merkt, dass das schon Macht hat: Man erreicht eben viele Leute, die schauen dann bei Facebook oder kaufen ein T-Shirt.

Wäre für dich auch eine Castingshow als der schnelle Weg zum Ruhm infrage gekommen?

van der Nijhoff: Nein.

Warum nicht?

van der Nijhoff: Ich bin kein Sänger, das würde ich nie behaupten. Thomas zum Beispiel hat eine unglaubliche Stimme, jeden Abend werde ich da ganz neidisch. Vor allem aber wollte ich immer das machen, was ich machen will. Meine eigene Musik, meine eigenen Lieder. Ich schreibe Songs aus meinem Leben, ich bin ein Typ, ich habe eine Geschichte zu erzählen. Das ist das, was ich jeden Abend leben will.

Ist der Rock’N’Roll-Lifestyle noch ein Ideal für dich? Durch die Krise der Musikindustrie wird dieses Bild vom steinreichen Rockstar und der endlosen Party ja eigentlich zunehmend unrealistisch.

van der Nijhoff: Das Ideal ist, das zu machen, was wir hier jeden Abend machen. Wir sind als Bande zusammen, wir feiern, wir lernen coole Leute in Kneipen kennen. Wir freuen uns, wenn wir irgendwann auch unsere eigene Tour im Nightliner spielen können. Aber zum Glück sind auch alle keine 17 mehr. Wir leben das Rockstar-Leben, aber keiner hat das Gefühl, er sei Rockstar.

Es geht euch bei diesem Lebensstil also nicht um Karriere, sondern um das Erlebnis?

van der Nijhoff:  Genau. Unser Techniker, der schon ganz lange in diesem Geschäft ist richtig große Tourneen gemacht hat, der hat mir neulich etwas gesagt, das gut dazu passt: Er hat schon ewig nicht mehr so viel Spaß gehabt wie mit uns. Für andere Musiker ist das ein Geschäft, und fünf Minuten nach dem Ende der Show sitzen die schon wieder im Taxi. Mit uns erlebt er jetzt wieder das, was eigentlich Rock’N’Roll ist: Leute hängen zusammen rum, furzen den Bus voll, lästern über Weiber – und das 24 Stunden lang. So ist es eigentlich gedacht.

Das klingt so, als könnte es problemlos immer so weiter gehen. Oder gibt es ein Ziel, auf das du hinarbeitest?

van der Nijhoff: Das Ziel ist, diesen Lebensstil nach und nach mehr nach außen zu tragen. Das steckt ja auch in den Songs drin. Jedes Lied auf dem Album beruht auf meinem Leben der letzten fünf, sechs Jahre. Ruhrgebiet, Party-WG, Rock’N’Roll, tolle Geschichten erleben. Es geht darum, jemand zu sein. Authentisch. Deshalb glaube ich auch, dass der Trend mit den Casting-Shows zu Ende geht. Ich glaube, dass die Leute wieder Künstler suchen. Jemanden, mit dem sie sich identifizieren können. Jemanden, der ihnen keine Scheiße erzählt, der nicht gemacht ist von irgendeinem Produzenten, sondern ihnen auf der Bühne das erzählt, was er ist.

Das dürfte gut werden: Der Trailer zum Album von Sebel van der Nijhoff:

Homepage von Sebel van der Nijhoff.

Interview mit Thomas Godoj

Dankbar: Thomas Godoj hat kein Problem damit, vor nur noch 300 Fans zu spielen.

Dankbar: Thomas Godoj hat kein Problem damit, vor nur noch 300 Fans zu spielen.

Mit seinem dritten Album So gewollt ist Thomas Godoj gerade auf Tour durch Deutschland. Vor ein paar Tagen ist seine DVD Live ausm Pott erschienen, zudem ist gerade eine neue Staffel von DSDS zu Ende gegangen. Es gibt also viel zu reden – ich treffe ihn vor dem Konzert im Werk 2 in Leipzig.

Etwas mehr als die Hälfte der Tour ist absolviert. Wie läuft es bisher?

Thomas Godoj: Wir sind alle zufrieden. Es läuft richtig gut. Bloß der Anfang war ein bisschen schwierig: Eine Woche vor der Tour war ich stark erkältet und das hat sich auf die Stimmbänder gelegt. Ich stand kurz davor, die ganzen Konzerte abzublasen. Aber mit Antibiotika haben wir das hinbekommen, Gott sei Dank. Jetzt ist alles überstanden.

Nach Potsdam und Dresden macht Leipzig heute den Abschluss im Ost-Teil der Tour. Was ist hier bei den Konzerten anders als bei den Heimspielen in NRW?

Godoj: Es sind weniger Leute da. Wahrscheinlich liegt das auch daran, dass viele Leute gar nicht mitbekommen, dass ich unterwegs bin. Im Radio sind meine Lieder ja kaum noch zu hören. Wenn man so einen Hintergrund hat wie ich, der aus so einer Sendung kommt, dann ist das negativ behaftet und wird nicht gerade unterstützt. Aber dann muss ich mir ein größeres Publikum eben erspielen. Und das mache ich seit vier Jahren.

Sind dir Live-Konzerte lieber als die Arbeit im Studio?

Godoj: Auf jeden Fall. Ich habe ja auch vor dieser ganzen Casting-Geschichte schon Musik gemacht und stand auf verschiedenen Bühnen. Live holt man sich sein Feedback und ich hole mir da auch die Energie, um weiterzumachen.

Würdest du im Rückblick noch einmal bei DSDS mitmachen?

Godoj: Ja. Auch bei einer anderen Castingshow. Das ist nun einmal ein großer Trend, und warum sollte man das nicht nutzen? Das ist ein gutes Sprungbrett. Es hat mich bekannt gemacht und soweit gebracht, dass ich aus Hartz IV raus bin und heute mit Musik mein Geld verdienen kann. Ich habe mich zum Beispiel auch riesig gefreut, dass ich zum ersten Mal professionelle Aufnahmen machen konnte, mit guten Produzenten. Aber was man im Nachhinein daraus macht, das bleibt einem selbst überlassen. Man sollte sich dann zügig aus dieser Maschinerie fernhalten, sich frei machen von dem Ganzen und versuchen, sein eigenes Pferd ins Rennen zu schicken. Ich habe da wichtige Erfahrungen sammeln können, aber auch viel Lehrgeld bezahlt.

Hast du die aktuelle Staffel verfolgt?

Godoj: Nein. Das ist eine große Karaoke-Show. Da geht es nicht um deine Musik, sondern um deine Stimme oder deinen Charakter. Seit ich selber mitgemacht habe, schaue ich mir das nicht mehr an. Ich habe mich mehr auf meine Karriere konzentriert und versucht, mich so aufzustellen, dass das Ganze auch vernünftig weiterläuft.

Trauerst du dem ganz großen Rummel manchmal nach?

Godoj: Nein. Der Hype ist geringer geworden. Aber das war mir von vorneherein klar. Ich heule dem nicht hinterher.

Hast du einen Tipp für Luca Hänni? Wie kann man das Beste machen aus dem Superstar-Titel?

Godoj: Es ist immer von Vorteil, wenn man vorher schon mit Musik in Berührung kam. Und damit meine ich nicht, dass man unter der Dusche singt oder beim Karaoke übt. Man muss schon, denke ich, die Erfahrung gemacht haben, mit einer Liveband auf der Bühne zu stehen. Denn nur so funktioniert das: Man muss sich die Leute erspielen, dann kann man das ausbauen. Wenn man die Fans im Konzert überzeugt, dann kaufen sie sich auch eine Platte von dir. So wie es früher auch schon war, so wie die Toten Hosen und die Ärzte das auch gemacht haben. Durch die Sendung wird man zwar ein bisschen bekannt, aber man kann danach nicht blauäugig durch die Weltgeschichte rennen und sich als Held der Nation fühlen.

Ist es als Casting-Show-Gewinner noch schwieriger, sich danach mit Rockmusik zu etablieren? Rock will ja nicht so oberflächlich sein wie Mainstream-Pop, sondern authentisch.

Godoj: Es ist schwer, da vom Image her rauszukommen. In so einer Sendung bist du erst einmal der Interpret. Du singst Sachen anderer Künstler nach. Du kannst aber nicht deine Musik präsentieren. Bei mir war es am Anfang sogar so, dass die Leute am liebsten eine Platte von mir wollten mit genau den Songs, die ich in dieser Sendung gesungen habe. Ich meine: Hallo? Das geht gar nicht.

Wie willst du denn am liebsten klingen? Gibt es ein Vorbild, dem du nacheiferst?

Godoj: Ich habe immer gerne schon Rockmusik gehört. Nirvana, Guns’N’Roses oder auch Sachen aus dem Independent-Bereich: Bush, Therapy?, aber auch Type-O-Negative oder krasse Sachen wie Skatepunk, Lagwagon oder 59 Times The Pain zum Beispiel. Das habe ich alles schon durch.

Wie geht es nach der Tour weiter?

Godoj: Im Sommer sind wir auf verschiedenen Festivals und Stadtfesten zu sehen. Ich habe auch schon ein paar Demos und Ideen für neue Lieder. Nach der Tour werde ich mich wieder mit ein paar Leuten zusammensetzen, damit wir die dann richtig angehen.

Thomas Godoj in Aktion – Herzblut live:

Breivik macht die Medien zu Erfüllungsgehilfen

500 Journalisten sind vor Ort. Zehn Wochen lang wird verhandelt. An fünf Tagen wird Anders Behring Breivik im Gerichtssaal in Oslo die Möglichkeit bekommen, seine Sicht der Dinge darzulegen.

Schon jetzt ist klar: Der 77-fache Mörder wird diese Gelegenheit nicht nur nutzen, um sich zum Tathergang zu äußern. Er will auch seine rassistische Ideologie unters Volk bringen. Breivik wird diese Bühne nutzen, um sich als Held der rechten Szene zu inszenieren, als Mythos. Er wird damit das Leid der Opfer noch einmal vergrößern, alte Wunden aufreißen. Seine Aussagen im Prozess werden das sein, was die Bombe von Oslo und der Kugelhagel von Utøya ebenfalls für ihn waren: Werkzeuge im Kampf für ein menschenverachtendes Weltbild. Es steht zu befürchten, dass Breivik diesen Prozess genießen wird, der ihm so viel Aufmerksamkeit und Macht beschert.

Die Medien schaffen ihm ein riesiges Forum dafür und werden dabei zwangsläufig zu Breiviks Komplizen. Sie sind der Kanal, über den der Massenmörder zur ganzen Weltöffentlichkeit sprechen kann. Sollte man deshalb lieber nicht über die Verhandlung berichten? Auch für news.de habe ich mir diese Frage gestellt. Und entschieden, auf einen Boykott zu verzichten, und stattdessen reflektiert und sensibel zu berichten.

Zum einen spricht dafür, dass es ein riesiges öffentliches Interesse an dem Prozess gibt. Kommt Breivik ins Gefängnis oder in die Psychiatrie? Wie war er in der rechten Szene vernetzt? Hätte es eine Möglichkeit gegeben, sein Massaker zu verhindern? All das sind wichtige Fragen, auf die der Prozess womöglich die Antworten geben wird. Genau aus diesem Grund sind Gerichtsverhandlungen in der Regel öffentlich: Alle dürfen erfahren, was geschehen ist, wie ermittelt wurde und auf welchen Argumenten am Ende das Strafmaß beruht.

Zum anderen besteht die Möglichkeit, dass Breivik sich und seine Ideologie im Prozess selbst demaskiert. Seine Thesen werden in der rechten Szene auf Zustimmung stoßen, aber bei einem großen Teil der Öffentlichkeit wohl eher Fassungslosigkeit und Bestürzung auslösen. Wie weit rassistische Verblendung und rechter Terror gehen können – in diesen Punkten könnten die Verhandlungstage manch einem die Augen öffnen.

Vor allem aber steht über dem Prozess in Oslo nach wie vor die große Frage nach dem Warum. Es wird dem Gericht nicht gelingen, eine derart schockierende Tat nachvollziehbar erscheinen zu lassen. Aber mit einiger Sicherheit wird der Prozess Hinweise darauf liefern, was Breivik zu einer so kaltblütigen, so grausamen Tat getrieben hat. Im besten Fall kann das den Überlebenden und den Angehörigen der Opfer ein wenig Trost spenden – und uns allen helfen, aus dieser unfassbaren Tat unsere Lehren zu ziehen.

Diesen Kommentar gibt es auch bei news.de.

Hafturlaub-Pläne: Der Fokus liegt auf den Tätern

Es ist eine unvorstellbar lange Zeit. Wer zu lebenslanger Haft verurteilt ist, der weiß: Wenn sich die Gefängnistore hinter mir schließen, dann dauert es mindestens zehn Jahre, bis ich die Freiheit wieder sehen werde. Die Familie darf zu Besuch kommen. Aber die eigene Wohnung, das eigene Bett, der Anblick, der Geruch, das Geräusch der Heimatstadt – tabu. Frühestens nach zehn Jahren gibt es Hafturlaub und die Täter können all das wieder zu Gesicht bekommen. Ein quälender Gedanke.

Einige Bundesländer wollen diese Praxis nun ändern. Schließlich hat das Bundesverfassungsgericht in einem Urteil gefordert, die Resozialisierung von Häftlingen müsse so umfassend wie möglich sein. Deshalb sollen nun auch zu lebenslanger Haft verurteilte Straftäter eher wieder ans Leben in Freiheit gewöhnt werden. Schon nach fünf Jahren in der Zelle soll erstmals ein längerer Hafturlaub möglich sein, bis zu 21 Tage lang.

Diesen Vorstoß «irritierend» zu nennen, wäre noch höflich formuliert. Denn erneut legt die Politik damit den Fokus auf die Täter. Wer zu lebenslanger Haft verurteilt ist, hat schwere Verbrechen wie Mord begangen. Diese Menschen werden danach untergebracht, betreut, ausgebildet. Das ist auch richtig so, schließlich sollen sie irgendwann wieder in der Lage sein, ein anständiges Leben inmitten ihrer Mitmenschen zu führen. Aber die Verhältnismäßigkeit muss gewahrt bleiben. Denn was wird für die Opfer solcher Taten oder ihre Angehörigen und Hinterbliebenen getan? Die sind nach einem Verbrechen in der Regel ein Leben lang gezeichnet.

Auch inhaltlich sind die Pläne bedenklich. Ein langer Hafturlaub schon nach fünf Jahren ist zu früh. Die meisten Häftlinge müssen danach noch fünf bis zehn Jahre absitzen – sie werden also an eine Welt in Freiheit gewöhnt, die sich bis zu ihrer endgültigen Entlassung noch deutlich verändern wird. Zudem kann solch eine Vorbereitung auch in der Haftanstalt erfolgen. Es ist ja nicht so, dass die Häftlinge im dunklen Kellerverlies sitzen, völlig abgeschnitten von der Außenwelt. Nicht zuletzt ist es von den Ländern auch zu kurz gedacht, auf Kosteneinsparungen im Strafvollzug zu hoffen. Die Täter müssen im Hafturlaub überwacht und teilweise betreut werden, zudem muss jemand entscheiden, ob der Urlaub gewährt werden kann. Das erfordert zusätzliche Bürokratie und zusätzliches Personal.

Vor allem aber sprechen Sicherheitsbedenken gegen die Pläne. Wer Urlaub in Freiheit hat und weiß, dass danach noch zehn Jahre Knast auf ihn warten, der könnte auf die Idee einer Flucht kommen. Wer notorisch gewalttätig ist, könnte während des Freigangs erneut Verbrechen begehen.

Auch hier gilt es, nicht nur an die Täter zu denken, sondern auch an die Gesellschaft, die vor ihnen beschützt werden muss. Wer zu lebenslanger Haft verurteilt ist, hat ein schweres Verbrechen begangen, durch das er sich außerhalb unserer moralischen Ordnung gestellt hat. Diese Täter werden genau deshalb auch außerhalb unserer Ordnung platziert: Sie werden eingesperrt. Das ist schmerzhaft, und es ist das Gegenteil von Sozialisierung. Aber es soll eben auch eine Strafe sein – und solch eine Strafe muss eine Strafe bleiben.

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Nein zur Herdprämie!

Idiotisch. Anders kann man das Betreuungsgeld nicht nennen. Heute wird im Bundestag über die Idee beraten, die im schwarz-gelben Koalitionsvertrag festgeschrieben und vor allem der CSU eine Herzensangelegenheit ist. Man kann nur hoffen, dass das Parlament vernünftig genug für die richtige Entscheidung ist: Nein zur Herdprämie!

Denn es gibt nur ein einziges Argument, das für das Betreuungsgeld spricht: Wenn der Staat fleißig Kitas fördert, profitieren davon nur Bürger, die ihre Kinder auch dort betreuen lassen. Alle Familien, die sich zuhause ganztags selbst um ihren Nachwuchs kümmern, haben nichts davon. Für sie soll jetzt ersatzweise das Betreuungsgeld kommen, so die Logik der CSU.

Wie unsinnig das ist, müsste aber selbst den Christsozialen auf den ersten Blick klar werden. Der Staat finanziert permanent Leistungen, die nur für einen Teil der Bürger da sind. Das bedeutet nicht, dass alle anderen dann Anspruch auf eine Ausgleichszahlung haben. Wer kein Auto hat, bekommt kein Straßenbaunichtnutzungsgeld. Wer niemals die Polizei ruft, bekommt keine Sicherheitsverzichtsprämie. Und übrigens bekommen auch all jene keinen Ersatz für die Kita-Leistungen, die gar keine Kinder haben.

Das einzige Pro-Argument löst sich also in Luft auf. Noch gewichtiger sind allerdings die Contra-Argumente.

Erstens: Es ist fraglich, ob das Betreuungsgeld tatsächlich den Kindern zugute kommt. Monatlich 150 Euro pro Kind soll es geben. Es besteht die Gefahr, dass einige Eltern ihre Kinder nur deshalb lieber zuhause behalten, um dieses Geld zu kassieren, wie es eine Studie gerade für Thüringen ermittelt hat, wo das Betreuungsgeld bereits 2006 eingeführt wurde. Eine gute Betreuung der Kinder ist damit nicht garantiert, auch keine gute Vorbereitung auf die Schule – im Gegensatz zur Kita.

Zweitens: Die Herdprämie steht einer modernen Frauen- und Arbeitsmarktpolitik im Weg. Dass Frauen sich nur um Kind und Haushalt kümmern sollen, ist ein Modell von vorgestern. Natürlich soll dies weiterhin möglich sein und eine private Entscheidung bleiben. Aber die Gesellschaft als Ganzes, und damit die Politik, darf an diesem Modell kein Interesse haben. In Zeiten des Fachkräftemangels kann sich Deutschland nicht mehr leisten, auf Frauen im Beruf zu verzichten. Sie sind in der Regel besser ausgebildet und hoch motiviert, scheitern aber häufig immer noch an der Vereinbarkeit von Familie und Karriere. Aus genau diesem Grund sind auch Wirtschaftsverbände, Gewerkschaften und mehrere Abgeordnete aus den Regierungsfraktionen gegen das Betreuungsgeld.

Drittens: Die Bundesregierung muss sparen. 400 Millionen Euro soll das sinnlose Betreuungsgeld im Jahr 2013 kosten, im Jahr darauf dann schon dreimal so viel – das ist ein stolzer Preis, um der CSU ein paar Prozentpunkte bei den Landtagswahlen im kommenden Jahr zu kaufen. Das Geld sollte lieber gespart werden. Noch besser wäre es, den Betrag in Ganztagsschulen zu stecken oder in den Ausbau der Kinderbetreuung. Ab nächstem Jahr soll es schließlich einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz geben. Genau das ist der richtige Ansatz für eine vernünftige Frauen-, Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik – aber bei diesem Ziel hinkt die Regierung weit hinterher.

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Der kritische Blick: Burnout ist keine Mode

Der DGB stellt in dieser Woche eine Studie zu den Arbeitsbedingungen in Deutschland vor, zudem legt die IG Metall demnächst ihr Schwarzbuch Leiharbeit vor. Beides hängt eng zusammen, und beides zeigt: Das Arbeitsleben ist hierzulande oft ein idealer Nährboden für Burnout.

Diese Diagnose mag manchem wie ein Modewort vorkommen. Sven Hannawald und Jan Ullrich, Mariah Carey und Britney Spears – sie alle haben sich schon mit der Begründung “Burnout” für eine Weile aus ihrer Karriere ausgeklinkt. Sie machen eine Weltreise, widmen sich einem exotischen Hobby oder tauchen einfach für ein Jahr ab. Das wirkt einigermaßen banal, in jedem Fall harmlos. “Burnout” – das klingt vor diesem Hintergrund wie die perfekte Ausflucht für Drückeberger und Weicheier.

Ist es aber nicht. Burnout ist ein ernstes Problem, vor allem in der Arbeitswelt. Und da haben die meisten leider nicht die Gelegenheit, auf die Therapie der Promis zurückzugreifen. Urlaub und ausgefallene Hobbys kosten eine Menge Geld, und die Frage nach einem Jahr Auszeit vom Job beantworten die meisten Chefs noch immer mit einem hysterischen Lachen.

Dabei wäre ein Umdenken dringend notwendig. Druck, Existenzangst, schlechte Bezahlung – all das sind wichtige Faktoren für Burnout. Anonyme Leiharbeit oder befristete Arbeitsverträge als Dauerzustand sorgen zudem dafür, dass sich viele Arbeitnehmer nicht mehr mit ihrem Job identifizieren können, oder gar mit dem Unternehmen, für das sie arbeiten.

Immer öfter muss man permanent erreichbar sein, immer mehr Deutsche schleppen sich auch krank noch zum Dienst. All das erhöht ebenfalls die Wahrscheinlichkeit, dass man irgendwann nicht mehr kann. Oder sich zumindest die Frage stellen muss, ob man bloß noch funktioniert und arbeitet, oder ob man auch noch lebt.

Wenn Arbeitgeber solche Zustände tolerieren oder sogar forcieren, dann schaden sie sich selbst. Denn wenn die Identifikation fehlt, gerät als nächstes die Motivation abhanden, und dann die Produktivität. So viel Kurzsichtigkeit kann sich in Zeiten des Fachkräftemangels kein Unternehmen mehr leisten.

Wenn der Staat nicht endlich gegensteuert, schadet er sich ebenfalls selbst. Denn die Kosten für die Behandlung psychischer Krankheiten sind explosionsartig gestiegen – Vorbeugen ist auch in dieser Hinsicht die beste Medizin.

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Joachim Gauck ist kein Mainstream

Was erwarten Sie vom Bundespräsidenten? Noch vor drei Jahren wäre diese Frage leicht zu beantworten gewesen: nicht viel. Das Staatsoberhaupt darf vielleicht mal eine Ruck-Rede halten, die Unterschrift unter ein Gesetz verweigern oder uns zu Weihnachten ins Gewissen reden. Aber ansonsten soll der Bundespräsident das tun, was die Verfassung für ihn vorgesehen hat: nicht groß auffallen.

Diesmal ist alles anders. Nach dem übereilten Rücktritt von Horst Köhler und dem untereilten Abgang von Christian Wulff übernimmt Joachim Gauck ein Amt, das schwer beschädigt ist. Der ehemalige DDR-Bürgerrechtler muss nicht nur das Vertrauen in dieses Amt wieder herstellen. Er muss auch seine Daseinsberechtigung beweisen.

Mehr noch: Hört man all die Lobeshymnen, die gestern vor, während und nach der Wahl für Joachim Gauck gesungen wurden, dann muss man den Eindruck haben: Der Pastor soll all das wieder gutmachen, was die Politik (und das meint bei weitem nicht nur Christian Wulff) in den vergangenen Jahren an Glaubwürdigkeit verspielt hat.

Das ist eine gewaltige Fallhöhe, und es ist eine gefährliche Ausgangssituation für einen Bundespräsidenten, der sich selber gerne reden hört, der überzeugt eintritt für seine Ansichten und der mehr sein will als ohnmächtiger Mahner. Dass Gauck gestern vor der Bundesversammlung keine Sieges- und keine Kampfes-, sondern eine Dankesrede gehalten hat, ist deshalb ein gutes Zeichen. Er begegnet dem Amt mit Demut und Bescheidenheit. Der 72-Jährige spürt, wie groß die Erwartungen sind. Und er weiß, wie schwer sie zu erfüllen sein werden.

Was also darf man erwarten vom neuen Bundespräsidenten? Integrität? Ja. Mut? Definitiv. Beeindruckende Reden? Auf jeden Fall. Aber Volksnähe, Mainstream, einen Finger am Puls der Zeit? Eher nicht. Gauck hat eine sehr besondere Biographie, die zu sehr besonderen Ansichten geführt hat. Seine «Ecken und Kanten» betonte er gestern beinahe so gebetsmühlenartig wie sein Credo von «Freiheit und Verantwortung». Auch das darf als Fingerzeig verstanden werden: Gauck will und wird ein Querdenker bleiben.

Umso erstaunlicher ist, trotz der teils überzogenen Kritik an Gaucks zweiter Kandidatur und der unerwartet zahlreichen Enthaltungen bei der Wahl, die breite Rückendeckung für Gauck. Bis auf die Linken und die Piraten scheint keiner ein Problem mit ihm zu haben. Aber all jene, die sich von dem Rostocker vor allem erhoffen, dass er das Amt des Bundespräsidenten in ruhigeres Fahrwasser führen möge, werden sich womöglich schon sehr bald wundern müssen. Gauck wird, soweit sich das absehen lässt, ein anständiger Bundespräsident sein. Aber kein Duckmäuser.

Das ist erfreulich. Denn damit würde Gauck vielleicht nicht die Hoffnungen der Fraktionen erfüllen, die ihn unterstützt haben. Aber die Hoffnungen, die die Deutschen jetzt in ihn setzen: Gauck soll ein mutiger, ehrlicher Präsident sein – und ein Korrektiv zum Geschacher der Parteien.

Diesen Kommentar gibt es mit einer Sammlung amüsanter Tweets zu Joachim Gauck auch bei news.de.

Obamas hollywoodreife Wahlwerbung

Der richtige Mann für die Krise - diese Botschaft vermittelt Barack Obama in seiner Wahlwerbung. Foto: http://www.whitehouse.gov

Der richtige Mann für die Krise - diese Botschaft vermittelt Barack Obama in seiner Wahlwerbung. Foto: http://www.whitehouse.gov

Wenn man es nüchtern betrachtet, ist es ein Rückblick, eine Chronologie. Barack Obama hat ein 17 Minuten langes Video ins Netz gestellt, eine Bilanz der wichtigsten Stationen seiner Amtszeit. Doch der selbstbewusste Ton, die beeindruckenden Bilder und die Unterstützung durch reichlich Prominenz geben ein ganz anderes Signal: Ab jetzt machen wir ernst. Während die Republikaner noch über ihren Kandidaten für die Präsidentschaftswahl streiten, ist Barack Obama nun mit aller Macht in den Wahlkampf eingestiegen. Yes we can, noch immer – so lautet seine Kampfansage.

The Road We’ve Traveled heißt das Video, das seit Donnerstagabend im Netz steht und bereits mehr als 660.000 Mal angeschaut wurde (zum Vergleich: der aktuellste Podcast von Angela Merkel vom 2. März kommt bisher auf 308 Aufrufe). Schauspieler Tom Hanks spricht aus dem Off, Oscar-Preisträger Davis Guggenheim (Emergency Room, Alias – Die Agentin) hat Regie geführt. Ex-Präsident Bill Clinton tritt auf und lobt die Entschlusskraft des Präsidenten, eine ganze Schar von Experten macht deutlich, wie schwierig die Ausgangslage war, als Obama im Januar 2009 ins Weiße Haus einzog. «Wie ein Horrorfilm» habe sich die wirtschaftliche Situation des Landes dargestellt, sagt Politikberater David Axelrod in die Kamera. Und Tom Hanks setzt mit seiner sonoren Stimme noch einen drauf. «Kein Präsident seit Franklin D. Roosevelt hatte eine solche Last zu schultern.»

Das ist eine geschickte Strategie, um all jenen den Wind aus den Segeln zu nehmen, die enttäuscht sind von der Amtszeit Obamas – egal, ob es seine Gegner bei der Tea Party oder seine einstigen Anhänger in der Occupy-Bewegung sind. Der Kritik stellt der Film eine ganze Reihe von Erfolgen gegenüber: In der Bildung und auf dem Arbeitsmarkt geht es bergauf, Amerika ist raus aus dem Irak, hat sich Osama Bin Ladens entledigt und ist wieder beliebt in der Welt. Vielleicht das größte Zeichen von Stärke: Der Friedensnobelpreis, den Obama im Dezember 2009 erhielt, wird nicht einmal erwähnt.

Vor allem aber verbreitet The Road We’ve Traveled eine andere Aussage: Auch wenn er nicht rundum erfolgreich war – Obama ist der richtige Mann für die Krise. Der Präsident wird nicht zum Messias gemacht, die Stimmung des Films ist eher demütig als großkotzig. Immer wieder ist der US-Präsident mit ernster Miene zu sehen, nachdenklich, unverkennbar gezeichnet von der Last der Verantwortung. Gerne wird er ganz allein gezeigt, am Schreibtisch im Oval Office, in Gedanken versunken am Fenster, schweigend an der Gedenkstätte für die Opfer des 11. September. Hier ist ein Entscheider, ein Führer, ein Vordenker – das ist die Botschaft dieser Bilder.

Weil in dem Kurzfilm auch eine gute Dosis Hollywood steckt, kommen auch die Gefühle und das Private nicht zu kurz. Es gibt wehende Fahnen und strahlende Gesichter, Obama küsst Babies und begrüßt mit brüchiger Stimme die letzten Soldaten, die aus dem Irak zurückkehren zu ihren Familien. Der Präsident erzählt von seinen Großeltern, die ihm von den harten Zeiten der Great Depression berichtet haben. Von seiner Mutter, die an Krebs erkrankte und mangels einer brauchbaren Krankenversicherung danach ruiniert war. Und als es um ein Obama-Gesetz geht, dass Frauen künftig den gleichen Lohn für gleiche Arbeit wie Männern zugestehen soll, sind seine Töchter Sasha und Malia eingeblendet, liebevoll umarmt vom Papa.

Der spannendste Moment des Videos kommt nach gut fünf Minuten: Da gibt es in The Road We’ve Traveled einen unverhohlenen Seitenhieb auf Mitt Romney. Der hatte die US-Autoindustrie bereits abgeschrieben, als sie am Boden lag. Obama hingegen setzte damals Hilfskredite durch, inzwischen machen die Hersteller wieder gute Geschäfte. Es ist eine kleine Anekdote, die aber erkennen lässt, wen Obama für seinen gefährlichsten Gegner hält. Romney hat übrigens auch einen eigenen YouTube-Channel: Dort muss er aber erst einmal gegen Rick Santorum wettern, bevor er sich Obama widmen kann.

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Ein Kollaps und viele Verlierer in NRW

Die Regierung in Nordrhein-Westfalen ist am Ende. In Deutschlands wichtigstem Bundesland muss neu gewählt werden. Nach dem Scheitern der rot-grünen Minderheitsregierung gibt es vorerst nur Verlierer.

Verloren hat zunächst Hannelore Kraft. Die SPD-Ministerpräsidentin war im Mai 2010 gestartet mit dem Wunsch, fünf Jahre lang an Rhein und Ruhr gestalten zu können. Nach nicht einmal zwei Jahren ist ihre Regierung gescheitert.

Das Experiment einer Minderheitsregierung erwies sich als zu gewagt. Kraft hat darauf gesetzt, dass man im Landtag eine ganze Legislaturperiode lang inhaltlich argumentieren und für einzelne Projekte auch einzelne Stimmen aus der Opposition gewinnen kann. Doch so viel Vernunft darf man im Geschacher der Fraktionen offensichtlich nicht erwarten.

Verloren hat auch die Opposition, in erster Linie FDP und Linke. Sie haben taktiert und spekuliert – und sind jetzt blamiert. Beide könnten bei den anstehenden Neuwahlen den Einzug in den Düsseldorfer Landtag verpassen. Mitleid kann man dafür nicht empfinden. Vor allem die FDP ist daran gescheitert, dass sie eine Show abziehen wollte: erst vehement auf weniger Schulden pochen, dann im letzten Moment doch einen Deal aushandeln. Mit solchen Methoden macht man Politik für Parteien, nicht für die Bürger.

Auch Angela Merkel droht durch den Kollaps in NRW beschädigt zu werden. Wenn die FDP in Düsseldorf nicht mehr in den Landtag kommt und dann in diesem Jahr auch noch im Saarland und in Schleswig-Holstein die sich abzeichnenden Wahlschlappen einfährt, dann sitzt die Kanzlerin in Berlin mit einem Koalitionspartner, der klinisch tot ist. Die Wahl- und Umfrageergebnisse zeigen, dass die Liberalen keinerlei Rückhalt mehr im Volk haben. Merkel muss befürchten, dass die FDP in einer derart verzweifelten Situation noch weitere Profilierungsversuche im Stile der Gauck-Nominierung unternimmt – das ist gefährlich für den Zusammenhalt und die Arbeitsfähigkeit der Koalition im Bund.

Einen großen Schaden hat durch das Ende von Hannelore Krafts Minderheitsregierung aber auch die Glaubwürdigkeit von Politik genommen, nicht nur in Nordrhein-Westfalen. In Zeiten, in denen die Bundesregierung anderen Staaten ihre Haushaltspolitik diktieren möchte, ist man im wichtigsten deutschen Bundesland nicht in der Lage, selbst einen Etat auf die Beine zu stellen. Während alle Welt vom Sparen redet, ist Kraft auch daran gescheitert, dass sie Milliarden neuer Schulden machen wollte.

Nicht zuletzt haben die Politiker in Düsseldorf moralisch und handwerklich eklatante Fehler gemacht. Ersteres ist nach Guttenberg und Wulff schockierend, Letzteres ist ebenfalls fatal für das Ansehen der Abgeordneten. 5 der 13 Mitglieder der FDP-Landtagsfraktion sind beispielsweise Juristen – dass ihr schamloses Kalkül dann an einer verwaltungsjuristischen Unachtsamkeit scheiterte, spricht Bände. Zurück bleibt der Eindruck: Die haben keine Ahnung von dem, was sie tun. Und sie tun es für sich, nicht für uns.

Ein Jahr nach Fukushima: Aussteigen reicht nicht

Es ist verwunderlich. Die Stromversorger erhöhen flächendeckend die Preise. Der schwelende Konflikt mit dem Iran lässt die Energiekosten weiter in die Höhe klettern. Die von der Bundesregierung gerade beschlossene Kürzung der Photovoltaik-Förderung ist Wasser auf die Mühlen derer, die partout nicht an das Gelingen der Energiewende in Deutschland glauben wollen. Trotzdem versucht in diesen Tagen niemand ernsthaft, die Renaissance der Atomenergie heraufzubeschwören. Der Grund dafür heißt: Fukushima.

Die Bilder der Katastrophe in Japan sind nach wie vor präsent, und der Jahrestag des Reaktorunglücks ist eine gute Gelegenheit, sich die apokalyptische Zerstörungskraft eines Super-Gaus noch einmal in Erinnerung zu rufen. Nur ein Bruchteil der Radioaktivität, die 25 Jahre zuvor in Tschernobyl ausgetreten war, wurde in Fukushima freigesetzt. Trotzdem wird es nach Berechnungen der japanischen Regierung 10,5 Milliarden Euro kosten, die Folgen des Reaktorunfalls in der Region zu beseitigen. Die unmittelbare Umgebung des Kraftwerks wird auf Jahrzehnte unbewohnbar bleiben. 100.000 Menschen sind aus ihrer Heimat geflohen. Und die, die geblieben sind, sehen sich umgeben von einem unsichtbaren Feind.

Fukushima hat endgültig bewiesen, dass die Atomenergie nicht beherrschbar ist. Auch in einem Hochtechnologieland wie Japan sind Katastrophen mit verheerenden Folgen und unvorstellbaren zeitlichen und räumlichen Dimensionen nicht auszuschließen. Und auch in einem gut organisierten Staat mit disziplinierten Bürgern bleibt im Ernstfall lange Zeit nichts als die blanke Hilflosigkeit.

Dass man nun selbst in Tokio über einen Atomausstieg nachdenkt, ist nachvollziehbar. Dass die Bundesregierung kurz nach dem Unglück von Fukushima ihren Ausstieg vom Ausstieg zurückgenommen hat, war richtig.

Doch ein Jahr später sollten wir nicht nur der Opfer gedenken und uns erneut der Gefahren bewusst werden. Es gilt auch zu fragen, was seitdem passiert ist. Die Antwort lautet: nicht viel. Deutschland hat nach dem Fukushima-Schock energiepolitisch die Hand schreckhaft von der heißen Herdplatte genommen. Aber niemand hat die Herdplatte ausgeschaltet, und niemand kümmert sich vernünftig darum, für die Zukunft eine Ersatzmöglichkeit zum Kochen zu schaffen.

Die vollmundigen Versprechungen der Bundesregierung haben offensichtlich eine deutlich geringere Halbwertszeit als das radioaktive Material, das beispielsweise in den Brennstäben der nach wie vor neun aktiven deutschen Kernkraftwerke zurückbleibt. Denn diese Atomkraftwerke wurden nur dürftig nachgerüstet. Für die Entsorgung des bis zum endgültigen Ausstieg im Jahr 2022 anfallenden Atommülls gibt es weiter keine Lösung. Und die von der Kanzlerin versprochene Energiewende droht dramatisch an Schwung zu verlieren. Durch die gekürzte Förderung wird sich das Wachstum beim Solarstrom verlangsamen. Beim Ausbau von Offshore-Windparks hinkt Deutschland bereits zwölf Monate hinter dem Fahrplan her. Speichermöglichkeiten für Strom aus erneuerbaren Quellen fehlen, die Netze müssen dringend ausgebaut werden.

Wenn der schwarz-gelbe Atomausstieg mehr bleiben sein soll als ein taktisches Manöver, dann muss sich die Bundeskanzlerin diese Themen dringend wieder auf den Tisch ziehen – und Druck machen.