Durchgelesen: John Niven – „Kill Your Friends“ 1


Der ultimative Roman zum Untergang der Musikindustrie.

Autor John Niven
Titel Kill Your Friends
Verlag Heyne
Erscheinungsjahr 2008
Bewertung ***1/2

Über Musik zu schreiben sei so schwierig und unsinnig, wie zu Architektur zu tanzen, hat Elvis Costello einmal gesagt. Er lag damit ausnahmsweise mal daneben. Es gibt täglich Hunderte von Plattenkritikern, Bühnenprotagonisten oder Studiowegbegleitern, die sich in Texten zu Wort melden. Und jetzt gibt es auch noch den „ultimativen Roman zum Untergang der Musikindustrie“. So zumindest lautet der Untertitel zu John Nivens Roman „Kill Your Friends“. Der Schotte weiß, wovon er spricht: Jahrelang hat er selbst als Talentsucher für eine Plattenfirma gearbeitet. Auch sein Protagonist Steven Stelfox ist dafür zuständig, neue Hits und neue Stars ranzuschaffen.

Die Insider-Perspektive ist eine der Stärken des Romans. Niven führt ebenso glaubwürdig wie großmäulig die ganze Maßlosigkeit und den nackten Zynismus der Branche vor. Ein paar Beispiele? „Ein paar Worte an euch hoffnungsvolle Nachwuchstalente, die ihr noch keinen Plattenvertrag habt: Fickt. Euch.“ Oder aber: „Wenn es dein Geschäft ist, auch noch die allerletzte Scheiße an die großbritische Öffentlichkeit zu verkaufen, ist eines, was du sehr schnell lernst, dass es nach unten hin keine Grenzen gibt.“

Wie sich Stelfox Ende der 1990er Jahre mit seiner Mischung aus Selbstgefälligkeit und moralischer Verkommenheit durch eine Scheinwelt aus Sex, Drugs & Rock’N’Roll mogelt, ist manchmal ebenso schwer zu ertragen wie die reichlich derbe Sprache und die grellen Bilder von Porno- und Gewaltfantasien, mit denen Niven anscheinend „American Psycho“ nacheifern will.

Auch hier wird die komplette Desillusionierung nur durch gelegentlichen, tiefschwarzen Humor unterbrochen („Mein Verhältnis zu meinem Pimmel beginnt langsam der Art von Freundschaft zu gleichen, die man zu einem alten, alkoholkranken Klassenkameraden hegt: Er ist völlig unzuverlässig, taucht immer zum ungünstigsten Zeitpunkt auf und kostet dich einen Haufen Geld. Trotzdem hängst du mit ihm ab.“). Nichts als Verachtung hat er für Kollegen, Konkurrenten und Musiker übrig, noch niedriger rangieren in seinem Weltbild nur die ganz normalen Leute.

Die Berechnung und Kaltblütigkeit, mit der Stelfox sein Geschäft betreibt, machen ihn schließlich auch zum perfekten Verbrecher. Als New Labour die Macht im Land übernimmt und in Nivens Firma plötzlich ein neuer Wind weht, wird der Musikmann zum Mörder, um seinen Status und sein Ego nicht zu gefährden.

Niven entwickelt aus der Parallele zwischen Musikbusiness und Kriminalität einen spannenden Roman, der aber nur diejenigen wirklich entzücken dürfte, die so beinharte Musikfans sind, dass sie auch mit Bands wie Menswear und Elastica oder Figuren wie Alan McGee und Tony Wilson etwas anfangen können. Für sie gibt es aber auch eine lohnende Erkenntnis: Das Internet spielt beim Niedergang der Label-Landschaft so gut wie keine Rolle. „Kill Your Friends“ zeigt stattdessen, wie sich die Branche in Wirklichkeit selbst ruiniert hat: durch komplettes Desinteresse an der Qualität des eigenen Produkts, letztlich durch die Verachtung des eigenen Publikums. Einige Fernsehmacher sollten dieses Buch dringend lesen – und gewarnt sein.

Beste Stelle: „Im Herzen sind alle Musiker brave Kapitalisten. Sogar der beschissene Thom Yorke.“


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