Zum Leben erwacht


Das Ritz Carlton prägt Berlins pulsierende neue Mitte.

Das Ritz Carlton prägt Berlins pulsierende neue Mitte.

Berlin ist bekanntlich eine Reise wert. Das galt in den Roaring Twenties, als der Verkehrslärm hier schon so laut war, dass der Schutzmann auf der Friedrichstraße eine Trompete brauchte, weil man seine Trillerpfeife nicht mehr hören konnte. Das galt Ende der 1970er, als eine blühende Subkultur und das morbide Mauer-Flair der geteilten Stadt lockten. Doch selbstverständlich gilt es auch heute. Vielleicht mehr denn je.

„Heute kann man durch die Stadt wandern und sich dabei in Träumereien über die prachtvolle Entfaltung architektonischer Vorstellungen verlieren, die andernorts systematisch verraten und erniedrigt wurden“, hat der italienische Journalist Sandro Veronesi einmal festgestellt. Die deutsche Hauptstadt ist für ihn „eine Art Atlantis, das hier auftaucht, all die von den großen Architekten des 20. Jahrhunderts verfassten Prinzipien wieder an die Oberfläche bringt und sie an ihrem natürlichen Platz zeigt, nicht an Denkmälern oder außergewöhnlichen Prachtbauten, sondern an normalen Häusern, die auch bewohnt werden. Man streift durch Berlin und sieht das, was die moderne Architektur hätte sein müssen und nicht geworden ist: Proportion, Maß, Raum, Leichtigkeit, Rationalität.“

Berlin ist aber nicht nur ein lohnendes Ziel für Architektur-Fans, sondern immer mehr auch für Musical-Freunde. Heimlich, still und leise ist die Hauptstadt dabei, Hamburg seinen Rang als deutsche Hochburg in diesem Metier abzulaufen. Allein rund um den Potsdamer Platz gibt es drei Spielstätten. Im Theater am Potsdamer Platz (gebaut von Renzo Piano) hatte im Oktober Mamma Mia Premiere. Das Abba-Spektakel hat weltweit schon 30 Millionen Zuschauer begeistert. Die längst legendäre Blue Man Group fand ihre Heimstätte in einem extra für sie zum „Bluemax“ umgebauten Kino. Und im Theater des Westens hat morgen Elisabeth seine Hauptstadt-Premiere.

Bis vor kurzem lief dort Roman Polanskis Der Tanz der Vampire, das ab November in Oberhausen zu sehen sein wird. „Ich bin zum Leben erwacht“, heißt eine zentrale Zeile aus dem Titelstück des Grusicals. Und dieses Motto gilt für die ganze Stadt – und definitiv für den Potsdamer Platz.

Aus der größten Baustelle Europas ist innerhalb weniger Jahre das erste Wahrzeichen von Berlin neuer Mitte geworden. Das Gegend, die einst schon einmal das pulsierende Herz der Stadt war, doch dann fast vierzig Jahre von der Mauer zum Stillstand gezwungen wurde, pulsiert wieder. Unzählige Cafés gibt es hier, eine Spielbank, Legoland, Einkaufspassagen und Großraumkinos.

Und selbst, wenn man nur durch die Straßen wandert, beeindruckt der Platz, etwa durch postmoderne Hochhäuser wie den Bahn-Tower, das spektakuläre Dach aus Zeltbahnen über dem Sony-Center oder das Debis-Haus im riesigen Daimler-Areal.

Der Alte Fritz vor seiner eigenen Statue.

Der Alte Fritz vor seiner eigenen Statue.

Im 450 Millionen Euro teuren Beisheim-Center, das in nur 18 Monaten errichtet wurde und mit seiner hellen Sandstein-Fassade an die Chicagoer Art-Déco-Wolkenkratzer der 1920er Jahre erinnert, hat das „Berlin Ritz-Carlton“ sein Zuhause gefunden. Das Superior-5-Sterne-Haus ist ein Highlight für sich: Über 4000 Kronleuchter aus Swarovsky-Kristall, edle Antiquitäten in den Salons und Konferenzräumen, vergoldete Säulen rund um den marmornen Treppenaufgang und 14 über das gesamte Haus verteilte Marmorkamine setzen hier den Standard, was Luxus angeht.

Nicht ohne Stolz nennt Hoteldirektor Thorsten Ries sein Haus, das sich immerhin der Konkurrenz von knapp zwei Dutzend weiteren 5-Sterne-Herbergen in der Hauptstadt erwehren muss, „das teuerste Hotel Berlins“. Das günstigste der 302 Doppelzimmer im pulsierenden Mittelpunkt der Metropole ist für 325 Euro pro Nacht zu haben.

Dafür gibt es nicht nur einen tollen Ausblick auf den Tiergarten oder den Potsdamer Platz. Das edle und elegante Ambiente lässt auch all den Trubel unmittelbar vor der Tür vergessen. Innenarchitekt Peter Silling ließ sich bei der Ausstattung und Gestaltung des 2004 eröffneten Hotels von Karl Friedrich Schinkel inspirieren – jenem Baumeister, der im 19. Jahrhundert der Stadt seinen Stempel aufgedrückt hat wie kein anderer.

Wo Schinkel einst gelebt hat, weiß natürlich der Alte Fritz. Das Haus Unter den Linden 67, in dem der Baumeister einst lebte, ist eines von nur 13 Gebäuden der Straße, die den Zweiten Weltkrieg überstanden haben. „Mit dem Krieg ging das alte Berlin unter, vor allem in der Mitte“, sagt der Alte Fritz, der eigentlich Olaf Kappelt heißt und in der Verkleidung des Preußenkönigs als Stadtführer arbeitet. Er erzählt von den Fäkalien links und rechts der Prachtstraßen, von Voltaire und dem treuen Kammerdiener Fredersdorf, als sei dies tatsächlich seine Residenzstadt. Und er teilt mit Friedrich II., dessen Bild angeblich selbst noch in Paris auf dem Nachttisch jeder zweiten Frau stand, auch die Eitelkeit. Das bemerkt man etwa, wenn er vor seinem „eigenen“ 1851 errichteten Reiterstandbild steht. Die DDR-Regierung wollte die 13,50 Meter hohe Statue einst einschmelzen lassen, doch auf wundersame Weise überlebte das Denkmal.

Ähnlich wie der Potsdamer Platz ist die Statue damit ein Sinnbild für die Vitalität dieser Stadt. Egal, was die Geschichte damit anstellt: Die Mitte Berlins wird immer wieder neu zum Leben erwachen.

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