Zweiraumsilke – „Detox“


Künstler Zweiraumsilke

Zweiraumsilke Detox Review Kritik

Ihr erstes Album haben Zweiraumsilke per Crowdfunding finanziert.

Album Detox
Label Musik ist Weltsprache
Erscheinungsjahr 2019
Bewertung

Es gibt viele Arten von Musik, es gibt unzählige Genres und bei vielen neuen Platten auch hilfreiche Indizien, an denen man schon vor dem ersten Ton erkennen kann, ob hier eine Entdeckung schlummert oder akustischer Terror. Unter all diesen Möglichkeiten gibt es allerdings zwei Kategorien, bei denen fast nie mit brauchbaren Ergebnissen zu rechnen ist.

Die erste Kategorie nenne ich: Lehrerkindermusik. Sie wird gemacht von Leuten aus gut situierten Familien. Mama und Papa haben brav die Instrumente bezahlt, wahrscheinlich auch die Klavierstunden oder die Auslandsreisen mit dem Chor. Sie stellen auch gerne den Partykeller im Reihenhaus als Proberaum zur Verfügung. Der Filius (es sind fast immer Söhne, die uns hier begegnen) erwirbt auf diese Weise ein ganz brauchbares technisches Können. Vor allem aber erlebt er, wie cool er plötzlich ist, wenn er in einer Band spielt. Auch, weil ihm kein anderer Karriereweg einfällt, setzt er sich den Traum vom Rockstar-Dasein in den Kopf und merkt dabei gar nicht: Er hat eigentlich gar nichts mitzuteilen. Weil er gar nichts erlebt (oder gar: überwunden) hat, was einen lohnenden Song abgeben würde. Er spielt zwar ein Instrument (oder mehrere), ist auch schon im Jugendzentrum oder beim Stadtfest aufgetreten und hat bald sein erstes, von einem Kumpel gedrehtes Video am Start. Aber seiner Musik fehlen Unbedingtheit und Feuer, ein Antrieb jenseits einer unbestimmten und meist etwas pubertären Unzufriedenheit mit dem Leben. Weil er, falls die Sache mit dem Rockstar-Leben nicht funktioniert, eben wieder nach Hause zu Mama und Papa gehen kann, oder vielleicht doch noch studieren.

Die zweite Kategorie nenne ich: Kiffermusik. Junge Menschen (auch hier: fast immer sind es Männer) entdecken, dass es viel lustiger ist, mit Kumpels zugedröhnt in einem Jugendzimmer, einem Auto oder einem Park zu sitzen, wenn dabei Musik läuft (oder umgekehrt: dass Musik viel interessanter klingt, wenn man im Rausch ist). Und sie kommen auf die Idee: Diese Musiksache ist doch gar nicht so kompliziert, das könnte ich auch machen. Machen sie dann tatsächlich Musik, bewirkt das Kiffen, dass ihre eigenen „Jams“ (fast immer sind es Jams) im benebelten Zustand natürlich vermeintlich überragend klingen. Deshalb belästigen sie die Welt dann mit ihrem Werk, und je mehr sie kiffen, desto häufiger singen sie davon, wie schön Kiffen ist und wie stressig die Welt, bis sie schließlich gar kein anderes Thema mehr haben und komplett verblödet klingen.

Zweiraumsilke aus Erlangen treten mit ihrem Debütalbum Detox also unter erschwerten Bedingungen an, denn sie fallen höchstwahrscheinlich gleich in beide Kategorien. Es war leider nicht herauszufinden, was die Eltern von Frontmann Christian „Emma“ Emmel beruflich machen. Aber bei einer Band, die gleich elf Mitglieder hat, die fast durchweg gutbürgerliche Vornamen wie Konstantin, Sascha, Bastian, Fabian, Christoph oder Felix (davon gibt es gleich zwei) haben, darf man wohl davon ausgehen, dass das eine oder andere Lehrerkind bei Zweiraumsilke aktiv ist.

Auch die Kiffer-Jam-Assoziation wirkt schnell plausibel. Zielstrebig planlos hieß die EP von Zweiraumsilke, die vor diesem Album erschien. Es gibt auf Detox Lieder wie Frühstück, das gefährlich in Richtung Jazz abdriftet (und stinklangweilig ist) und Blödsinn auf Bürger-Lars-Dietrich-Niveau wie Valentinstag, der wohl nicht einmal nach dem Konsum von Rauschmitteln zu ertragen ist. Es gibt Pseudo-Philosophie wie in Alles oder einen tiefenentspannten Hippie-Traum wie Insel.

Es findet sich auf dieser Platte auch ein Lied namens Meine Freunde, das den Stolz darauf artikuliert, keinen Plan zu haben. Gerade darin wird aber auch deutlich, dass die Band die unselige Kombination aus Kiffer- und Lehrerkindermusik zumindest gelegentlich auch charmant und amüsant klingen lassen kann. „Und ich sitze hier und schaue Big Lebowski / Meine Mama fragt, wann ich endlich auszieh‘“, heißt darin der beste Reim dieser Platte. Diese Fähigkeit zur Selbstironie ist ein Pluspunkt, ebenso die Entschlossenheit, nicht zu predigen, sondern die Dinge zu nehmen, wie sie sind, und mit einem Mix aus Rap, Funk, Pop und Soul für ein wenig gute Laune inmitten dieser Realität zu sorgen. Der Titelsong ist ein gutes Beispiel dafür: Detox vereint Bläser und HipHop, das Ergebnis wirkt, als hätten sich Thomas D und LaBrassBanda zur Jam-Session verabredet.

Die Single Nachtbus erweist sich als sehnsüchtige Liebesgeschichte, Spiegel wagt ein bisschen Sinnsuche und profitiert von der schönen Gesangsstimme von Rita Bavanati. Der Bonustrack, der die Platte abschließt, macht die Badewanne zugleich zum Statussymbol und Sextoy. Silke erlaubt sich einen kleinen (und natürlich sehr willkommenen) Diss gegen Max Giesinger, wird ziemlich funky und zeigt vielleicht am besten, wie Detox als Album funktioniert: Jan Delay, Seeed und die Fantastischen Vier werden hier in einen Topf geworfen und innerhalb der 14 Songs von Produzent Kraans de Lutin (Seeed, Culcha Cundela, Flo Mega) ordentlich durchgeschüttelt.

Solche Momente lassen verstehen, wie Zweiraumsilke genug Unterstützung generieren konnten, um diese Platte per Crowdfunding zu finanzieren. Mit Nichts zeigen sie, dass sie klanglich interessant und inhaltlich halbwegs clever sein können, ähnlich ist die launige Geschichte vom Mann im Mond zu verorten: So würde Käptn Peng vielleicht klingen, wenn er nicht hochbegabt wäre. Mit Bär (das Tier steht als Metapher für so etwas wie eine Depression oder ein anderes psychisches Problem) und dem plötzlich sehr ernsthaften Schlaf wagt die Band dann sogar doch ein wenig Tiefgang. Aber eine labile Psyche soll ja keine Seltenheit sein bei Kiffern mit Spießereltern.

Humor beweisen Zweiraumsilke auch im Video zu Meine Freunde.

Im Sommer sind Zweiraumsilke auf Detox-Tour:
31.05. Münster – Hafenfest
01.06. Regensburg – Buntes Wochenende am Grieser Spitz
08.06. Reichenau – Eearly-Bird-OpenAir
09.06. Bayreuth – Kleine Seebühne
22.06. Würzburg – Umsonst & Drauße
23.06. Nürnberg – Katharinenruine – Release-OpenAir
29.06. Karlsruhe – Unifest
08.08. Luhmühlen – Elbenwald Festival
09.08. Eschwege – Open Flair Festival
15.08. Lippstadt – Alstadtfest
16.08. Bremen – Golden City
23.08. Lüneburg – Jakob Festival
24.08. Feuchtwangen – Feichtklangfestival

Website von Zweiraumsilke.

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