Hingehört: Kittie – “Oracle”

Dezember 26, 2001 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

Kittie beweisen auf "Oracle": Auch Mädchen können Metal.

Künstler Kittie
Album Oracle
Label Epic
Erscheinungsjahr 2001
Bewertung ohne

Die Idee ist ja nicht schlecht. Metal von Mädchen. Und zwar: richtiger Metal – böse, stahlbetonhart und gewalttätig – von minderjährigen Mädchen. Kittie aus Australien kriegen das erstaunlich kompetent hin.

Oracle ist so fies, dass einem Angst werden könnte. Black Metal im Sound, etwas Goth im Look: die Vollendung der Gleichberechtigung. Wenn Morgan Lander einmal singt, erinnert das an Pia Lund einst bei Boas Voodooclub. Meistens grunzt und schreit sie aber mit so viel unversöhnlichem Hass, wie ihn wohl nur Teenager empfinden können.

Wenn die Spice Girls schon Girl-Power sind, dann sind Kittie wohl Killer-Amazonen.

Headbanger wie Kittie verstehen bei ihrer Musik wahrscheinlich keinen Spaß. Trotzdem lustig: Metal By Numbers.

Kittie bei MySpace.

Hingehört: Nick Drake – “Pink Moon”

Dezember 19, 2001 · Posted in CD-Regal, Musik · 2 Comments 

Für Nick Drake war "Pink Moon" der letzte Versuch. Und ein Vermächtnis.

Künstler Nick Drake
Album Pink Moon
Label Island
Erscheinungsjahr 1972
Bewertung *****

Das letzte Aufbäumen. Pink Moon wurde in nur zwei Tagen aufgenommen. Davor und danach saß Nick Drake wochenlang regungslos im Haus seiner Eltern, keine Hilfe wollend, das Ende wohl ahnend, vielleicht auch herbeisehnend. Nach den enttäuschenden Verkäufen der beiden Vorgänger war Nick Drake verzweifelt, verbittert, verloren.

Und so klingt auch diese Platte. “The songs are stripped to bare emotion. No lighthearted and melancholy verses – these songs are cloaked in despair”, trifft es T. J. McGrath in seiner Nick-Drake-Biographie namens Darkness Can Give You The Brightest Light. In der Tat: Arrangements muss man suchen, Schlagzeug, Streicher und Bläser gibt es nicht mehr. Nur noch Klavier, Gitarre und Gesang.

Das Picking ist faszinierend wie eh und je, doch der Gesang hat sich verändert. Plötzlich werden Silben verschluckt, wird genuschelt und geflüstert. Die Stimme leuchtet, aber bloß noch wie der Mond.

Die Nacht ist zweifelsohne eines der Leitmotive in Nick Drakes Werk, und auf seiner letzten Platte ist es endgültig stockfinster. Die Welt ist der Feind, und der Tod vielleicht die einzige Hoffung. Auswege gibt es höchstens noch in Fragen, die unbeantwortet bleiben, zwischen den Zeilen aber doch die Richtung erahnen lassen. “And I was green, greener than the hill / where flowers grew und the sun shone still / now I´m darker than the darkest sea / just hand me down, give me a place to be.”

Unter Menschen fühlt sich Nick Drake nur noch als Parasite, findet keinen Halt mehr. Vier Zeilen machen in Know das Ausmaß der Orientierungslosigkeit deutlich. “Know that I love you / know I don´t care / know that I see you / know I´m not there.” Dazu eine geslappte Gitarre, so aggressiv wie stoisch.

Drake seziert seine Qualen nicht nur, er deutet auch schon die Konsequenzen an. “I can take a road that´ll see me through” weiß er. “Hear me calling, won´t you give me a free ride”, sucht er Rechtfertigung. Und schließlich, in Harvest Breed: “Falling fast and falling free / you look to find a friend / falling fast and falling free / this could just be the end.”

Immerhin die Bewunderung der Nachwelt war ihm sicher: Bei einem Tribut-Konzert spielen Robyn Hitchcock und Graham Coxon Free Ride:

Nick Drake bei MySpace.

Hingehört: Nick Drake – “Bryter Layter”

Dezember 15, 2001 · Posted in CD-Regal, Musik · 5 Comments 

Selten klang Traurigkeit so feierlich wie auf Nick Drakes "Bryter Layter".

Künstler Nick Drake
Album Bryter Layter
Label Island
Erscheinungsjahr 1970
Bewertung ****

Schon als Schuljunge liebte Nick Drake klassische Musik, spielte Klavier, Klarinette und Saxophon. Dass er dem Folk später zu neuer musikalischer Klasse bringen würde, hätte man fast ahnen können. Was auf Bryter Layter an den Instrumenten geleistet wird, ist der reine Wahnsinn.

Doch was diese Platte wirklich faszinierend macht, ist nicht die Komplexität der Kompositionen oder ihre virtuose Umsetzung. Sondern die Stimmung. Wie schon auf seinem Debüt Five Leaves Left gelingt es Nick Drake, eine Atmosphäre der feierlichen Traurigkeit zu kreieren. Er schafft das mit dem Instrument, das vielleicht am meisten unterbewertet ist: seiner Stimme. “He sounds as if he were singing on the moon. Ethereal and angelic, his voice seems to float over instrumentation”, hat ein Kritiker einst treffend umschrieben.

Gerade diese Stimme ist es, die den oft genug mindestens melancholischen Songs etwas Hoffnung verleiht. Und davon steckt eine Menge in dieser Platte. “If nothing can be said about Bryter Layter it is that the album is chock-full of good intentions”, schreibt T. J. McGrath in seiner Nick-Drake-Biographie. Der Sänger wollte nicht nur Anerkennung, er wollte den Durchbruch. So sind die Songs auf Bryter Layter trotz aller Vielschichtigkeit die eingängigsten aus Nick Drakes Schaffen.

Hazey Jane II wird von einem flotten Schlagzeug vorangetrieben, Richard Thompsons Gitarre und feine Bläser setzen sich ebenfalls im Ohr fest. Auch At The Chime Of A City Clock verhandelt das Stadtleben, das Nick Drake immer suspekt blieb. “For the sound of a busy place / is fine for a pretty face / who knows what a face is for.” Das Saxophon irrt durch die Straßen, das Schlagzeug rennt ihm nach, die Streicher warten vergeblich. One Of These Things First kommt dem Jazz noch ein Stück näher. Der Text assoziativ, das Klavier ungebunden, alles im 3/4-Takt.

Ein einziger Traum ist Hazey Jane, zart, zerbrechlich, fast gar nicht da. “Do you hope to find new ways / of quenching your thirst / do you hope to find new ways / of doing better than your worst?” In diesem Traum lässt einen das instrumentale Titelstück noch eine Weile, bevor man von Fly ganz vorsichtig aufgeweckt wird.

Allerdings ist der Unterschied zwischen Tag und Nacht längst aufgehoben, wachen und träumen eins. Denn dieses Album ist eine eigene Welt, und Northern Sky ist ihr Gott. John Cale lässt Quellen der Glückseligkeit aus seinen Tasten sprudeln, und Nick Drake scheint sich tatsächlich daran gelabt zu haben. Für einen kurzen Moment.

John Cusack gibt den beautiful loser als Clip zu Northern Sky:

Nick Drake bei MySpace.

Hingehört: The Beatles – “Magical Mystery Tour”

Dezember 11, 2001 · Posted in CD-Regal, Musik · 1 Comment 

Auch was fürs Auge: Das war die Idee hinter "Magical Mystery Tour".

Künstler The Beatles
Album Magical Mystery Tour
Label EMI
Erscheinungsjahr 1967
Bewertung ****

Hätte es in den 60ern schon MTV gegeben, wären uns so alberne Filmchen wie Help!, A Hard Day´s Night oder eben die Magical Mystery Tour wahrscheinlich erspart geblieben. Doch 1967 hatten Beatles noch keine anderen Möglichkeiten, ihre Ideen nicht nur akustisch, sondern auch visuell zu verwirklichen.

So wurde erneut ein Film gedreht. Das lag nicht nur daran, dass ihnen reichlich Kostüme, Schauplätze und Bilder im Kopf herumspukten, sondern auch daran, dass sie nicht mehr live auftraten, den Fans aber dennoch etwas für das Auge bieten wollten und einen Ausgleich zur Studio-Tüftelei brauchten.

Wie bei den Plattenaufnahmen, so galt auch hier: anything goes. “Es gab kein Drehbuch für Magical Mystery Tour, für so eine Art Film braucht man kein Drehbuch. Es war nur eine irre Idee. Wir sagten jedem: Sei Sonntagmorgen am Bus”, erinnert sich Paul. Das kreative Chaos hatte seine Momente, ließ das Publikum aber verwirrt bis enttäuscht zurück. “Die Leute hassten den Film. Er gab allen die Gelegenheit zu sagen: Sie sind zu weit gegangen. Wer glauben die, wer sie sind? Was soll das bedeuten?”, bringt Ringo die Reaktionen auf den Punkt. Typischer Fall: die Produktion ein Riesenspaß, die Rezeption nicht halb so sehr.

Das trifft zum Teil auch auf den Soundtrack zu. Zwei Ausfälle und zwei mediokre Stücke hatte man auf einem Beatles-Album schon lange nicht mehr gefunden. Das quasi-instrumentale Flying ist nur überflüssig. George Harrisons Blue Jay Way fügt Tomorrow Never Knows nichts Essenzielles mehr hinzu.

Auch Baby You´re A Rich Man gehört sicher nicht zu den größten Beatles-Momenten, hat aber wenigstens einen feinen Beat zu bieten. Eben der rettet auch den zum Schluss etwas zerfahrenen Titeltrack. Ringo tritt nicht auf die Fußmaschine, er tritt aufs Gaspedal, auch der Refrain ist unwiderstehlich.

Der Rest hat die gewohnte Beatles-Klasse, manchmal sogar mehr. Pauls bezauberndes Fool On The Hill, superb gesungen und mit himmlischen Bläsern und Flöten. Die faszinierende Revue Your Mother Should Know. Natürlich Johns unfassbares I Am The Walrus, mit verzerrtem Gesang und sagenhaftem Arrangement. Der Text wurde immer wieder seziert und interpretiert, dabei betonte John Lennon doch stets, dass der ganze Song pure Ironie ist. Er wollte einfach mal solche Pseudo-Lyrik machen wie Bob Dylan. Expert texpert choking smokers / don´t you see the joker laughs at you?

Die nicht im Film enthaltene B-Seite des Albums ist die bessere. Die Single Hello Goodbye, nicht nur ein Glanzstück, sondern eine Perle. Alles passt, und es passt auch noch zusammen. Noch besser: Strawberry Fields Forever, eine ihrer besten Kompositionen und vielleicht der späte-Beatles-Prototyp überhaupt. Rückwärtspassagen, feine Bläser- und Streichersätze, psychedelische Lyrik, perfekte Harmonies.

Wie sicher und reif die immer noch blutjungen Beatles damals waren, beweist auch Penny Lane. Eine Kindheitserinnerung, die tatsächlich die Unbeschwertheit zelebriert. Das Trompetensolo ein Traum und der Moment, wenn sich die Orgel mit hohen Tibias zum Gesang gesellt: göttlich. Viel einfacher in der Komposition und doch kaum weniger wirkungsvoll der Rausschmeißer All You Need Is Love, mit fast unmerklichen Taktwechseln, brillanten Streichern und dem Glaubensbekenntnis der Fab Four zu dieser Zeit: There´s nothing you can do that can´t be done.

Take a trip back in time! Der Original-Trailer zum Film:

Die Beatles bei MySpace.

Hingehört: Nick Drake – “Five Leaves Left”

Dezember 5, 2001 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

"Five Leaves Left" war für Nick Drake der Beginn einer Karriere mit ganz viel Einfluss und ganz wenig Erfolg.

Künstler Nick Drake
Album Five Leaves Left
Label Island
Erscheinungsjahr 1970
Bewertung ****1/2

“Drake is now seen as a hugely influential artist.” Dieser Satz am Ende seiner Kurzbiographie in der Great Rock Discography hätte den frühen Tod des Engländers vielleicht schon verhindern können. Doch Nick Drake litt unter Selbstzweifeln, unter fehlender Anerkennung und unter seiner Umwelt. Wie man es sonst nur von Malern kennt, sah er sich dem Schicksal des zu Lebzeiten verkannten und erst posthum verehrten Künstlers ausgeliefert.

1970 war von Selbstaufgabe allerdings noch nicht viel zu bemerken. Nick Drake war noch zuversichtlich, konnte das als Folk-Hoffnung auch sein, lieferte er doch mit seinem Debütalbum Five Leaves Left “a mature, melodic collection whick invoked the mood of Van Morrison´s Astral Weeks or Tim Buckleys Happy Sad“, wie besagte Kurzbiographie treffend einordnet.

In der Tat ist es kaum zu fassen, wie klassisch der damals 22-Jährige auf Five Leaves Left schon klingt, und wie er dabei doch bereits unverwechselbar ist. Im Picking virtuos, in der Stimme ohne Boden. Der Welt entrückt wie Donovan, dabei aber mit einer Traurigkeit, wie sie sonst nur Leonard Cohen erreicht.

Wie bei dem Kanadier werden die spartanischen Arrangements auch hier durch kongeniale Streichersätze komplettiert. In The River Man sind es ganz hohe Geigen, die zur Dramatik und Zerrissenheit beitragen, im zauberhaften Way To Blue noch dazu Violas und Bratschen, die das Lied emporheben und es dann auf eine dunkle Regenwolke sinken lassen.

Dazwischen liegt das hoch abstrakte Three Hours, danach kommt das kompaktere Day Is Done, ein Lied, das in einer Träne entstanden sein muss.
Die Hoffnung kehrt dann im Cello Song zurück, und selten klang sie so verlockend wie hier.

Nick Drake weiß um die Vollkommenheit des Moments, aber er weiß auch um dessen Vergänglichkeit. The Thoughts Of Mary Jane gibt davon Zeugnis. Fast kehrt so etwas wie Unbeschwertheit in seine Musik ein, wozu auch die beschwingte Leichtfüßigkeit und die charmante Pointe von Man In A Shed passen würden. Wenn nicht die unterschwellige Verzweiflung allgegenwärtig wäre, die sich in Fruit Tree zur Todessehnsucht auswächst. “Safe in the womb / of an everlasting night / you find the darkness can give you / the brightest light.” Im Rückblick sind die Strophen durchaus tragisch: “Fame is but a fruit tree / so very unsound / it can never flourish / ´til its stock is in the ground / so men of fame can never find a way / ´til time has flown far from their dying day / they´ll all know / that you were here when you´re gone.”

Auch das Ende ist unversöhnlich. Die Saturday Sun schimmert durch in der feinen Piano-Figur. Doch das Besen-Schlagzeug ist der Wind, der die Stimme voller Wolken wieder herbeiweht – und die Erkenntnis, dass Selbstmitleid eine feine Sache ist, wenn andere die Konsequenzen tragen. “Time has told me / you´re a rare, rare find / a troubled cure / for a troubled mind.”

Kongenial: Sehr hübsche schwarz-weiß-Fotos als Collage, unterlegt mit Way To Blue:

Nick Drake bei MySpace.

Hingehört: Bush – “Golden State”

Dezember 2, 2001 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

Bush suchen auf “Golden State” den Weg aus der Sackgasse.

Künstler Bush
Album Golden State
Label Atlantic
Erscheinungsjahr 2001
Bewertung ***

“We need solutions”, barmt Gavin Rosdale in Solutions, dem Opener des neuen Bush-Albums Golden State. In der Tat mussten sich die unbritischen Briten nach Lösungen umsehen, war das Quartett doch nach dem letzten Album The Science Of Things in der Sackgasse gelandet. Grunge gibt es nicht mehr, Elektronik hat nicht funktioniert, Nu-Rock können sie nicht. So saßen Bush zuletzt zwischen allen Stühlen, was sich auch kommerziell bemerkbar machte.

Doch wie sieht die Lösung nun aus? Wie so oft: zurück zu den Anfängen. Golden State klingt fast wie Sixteen Stone, Bushs mit sechsfach Platin dekoriertes 1995er-Werk. Die meist nur belächelten Experimente lassen sie sein, legen die Künstlichkeit ab und kehren zurück zu sich selbst. “Crucified for atonal sins / re-invent myself, shed my alter-skin”, bringt es Sänger Gavin Rosdale im Schlüsselsong Superman selbst auf den Punkt.

Auch dank Produzent Dave Sardy (Dandy Warhols) sind Bush jetzt auf Platte wieder so gut wie zuletzt nur noch auf der Bühne. Etwa in Headful Of Ghosts: “Where´s my head, where are my bones / why are my days so far from home”, dokumentiert der Text die einstige Orientierungslosigkeit, doch die Musik lässt keinen Zweifel daran, dass Bush längst wieder alle Sinne beisammen haben und wissen, wo es langgeht.

Auch die Single The People That We Love ist so ausschließlich Rock, dass es schon fast eine Freude ist. Nichts wird hier neu erfunden, aber das meiste ist zumindest so solide wie Land Of The Living, das den etwas uninspirierten Mittelteil der Platte beendet, das hyperaktive My Engine Is With You, in dem die Engländer fast wie H-Blockx klingen, oder der Rausschmeißer Float, ein Stück, zu dem Aerosmith wohl “Power-Ballade” sagen würden.

Alles ist wieder da: laut-leise-Dynamik, harte Gitarren zu sensiblen Texten und Gavin Rosdales gepresster Gesang. Wie hat der doch in Superman bemerkt: We destroy ourselves / to rise again.

1993 revisited: Eine Live-Version von Superman:

Bush bei MySpace.

Hingehört: Donovan – “Sutras”

Dezember 1, 2001 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

Rick Rubin hat "Sutras" produziert. Trotzdem wurde es keine Wiederauferstehung für Donovan.

Künstler Donovan
Album Sutras
Label American Recordings
Erscheinungsjahr 1996
Bewertung *****

Rick Rubin ist der liebe Gott. Er hat die Beastie Boys erschaffen, Tom Petty gerettet, Johnny Cash unsterblich gemacht. Und nun sorgt er für Donovans Wiedergeburt. Der Troubadour war zunehmend in Vergessenheit geraten und hatte sich auf seinem schottischen Landsitz wohl auch längst damit abgefunden. Dann kam Sutras, das kommerziell zwar hinter den Erwartungen zurückblieb, künstlerisch aber eine Offenbarung war.

Von Rick Rubin produziert und auf dessen Label “American Recordings” erschienen, sichert sich Donovan Leitch als 50-Jähriger hier mit vierzehn Songs die Reputation, die ihm gebührt. “Rubin wollte meine Anfänge, und so ging ich mit ihm – ganz zurück”, erinnert sich Donovan. Und was die beiden dort fanden, beweist, dass Donovan nicht nur ein spinnertes Relikt aus der Hippie-Ära ist, sondern zeitlose Songs geschrieben hat. Und noch schreibt.

Please Don´t Bend, etwa. Wie fast alles hier mit traumhaften Gitarrenpicking, wenig anderen Instrumenten und Donovans noch immer unnachahmlichen Tremolo. Give It All Up spielt in einer Liga mit dem Klassiker Catch The Wind und ist sicher eines der Stücke auf dieser Platte, die das Stadtmagazin Tip völlig zurecht “zum Losheulen schön” fand. “No diamond brighter than the light within your eyes / no sadness deeper than this longing for you / I´d give it all up to be with you.” Dazu Klaviertupfer und Mundharmonika, schlicht perfekt.

Überhaupt ist alles sehr feinfühlig arrangiert und klassisch instrumentiert. In Sleep gibt es erstmals Streicher, die sich durchaus mit Robert Kirbys Arbeit für Nick Drake messen können. Diese Parallele wird noch deutlicher in Everlasting Sea, einem Lied voller Gewicht und Tiefe. Schon hier spielt Donovan wieder mit seinen Flora-, Fauna- und Kosmos-Motiven, und in High Your Love ist er dann endgültig bei den Blumenkindern angekommen. Schellenringe, Bongos, ein Harmonium, und dann nach zweieinhalb Minuten einfach Schluss, als wäre gar nichts dabei. Wundervoll.

Genau wie The Way, das schwungvollste Stück der Platte. “Out of nothing comes the one / out of one comes the two / out of two comes the three / out of three comes all things.” Das Ganze fast als Powerpop, mit Sitar, etwas Cello, spartanischem Schlagzeug und unwiderstehlichen Backing-Vocals von Dave Navarro. Drums gibt es sonst nur selten, etwa auf Nirvana, dessen Strophe und Bridge an Tom Petty erinnern, im Refrain und Interlude aber unverkennbar Donovan sind, also: spirituell und esoterisch.

Lady Of The Lamp ist leise und zerbrechlich, nur Gesang und Gitarre und eines der schönsten Liebeslieder überhaupt vom Schotten. The Evernow bietet das andere große Thema, also Gott, und endlich auch die längst überfälligen Flöten. Zum Schluss noch eine Hymne. Eine Melodie, die so selbstverständlich klingt, dass es ein Wunder ist, dass sie noch nie zuvor jemand gesungen hat. “One day when the scientist will see / the loving energy / the universe will shine / the universe am I.”

Das ist doch ganz natürlich: Donovan singt Nirvana für eine Folk-Doku:

Donovan bei MySpace.

Hingehört: Dire Straits – “The Bug”

November 30, 2001 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

"The Bug" könnte aus jeder Phase der Dire Straits kommen.

Künstler Dire Straits
Single The Bug
Label Phonogram
Erscheinungsjahr 1992
Bewertung ****

Vier Klassiker für zwölf Mark, das nenne ich doch mal ein ordentliches Preis-Leistungs-Verhältnis. Die Single The Bug ist vom On Every Street-Album, könnte aber auch jeder anderen Dire-Straits-Platte entsprungen sein. Zeitlos arrangiert, mir robustem Beat, Saxophon und Handclaps. Eine Laus, die sich sofort im Ohr festsetzt und nicht mehr so schnell verschwindet.

Was auch für die beiden Klassiker Twistin´ By The Pool und Walk Of Life gilt, beide ebenfalls auf dieser 12″ vertreten. Außerdem: Expresso Love. Das Intro mit Garagen-Gitarre und Klavier, fast wie beim Boss, dass setzt das Schlagzeug mit einem Wirbel ein, ganz genau wie bei Springsteen. “I feel so good ´cause I feel so good, and I feel so good ´cause it feels so right.”

Enorm entspannt, wie es die Schweizer wohl mögen: The Bug live in Basel:

Die Dire Straits bei MySpace.

Hingehört: The Beta Band – “Hot Shots 2″

November 24, 2001 · Posted in CD-Regal, Musik · 6 Comments 

Das hässliche Cover beweist: Auf Äußerlichkeiten legt die Beta Band keinen Wert.

Künstler Beta Band
Album Hot Shots II
Label Regal Recordings
Erscheinungsjahr 2001
Bewertung ****

Von einer Band, deren Manager Brian Cannon ist, hätte man wirklich eine hübschere Verpackung erwarten dürfen. Immerhin hat der Mann sämtliche Design-Fragen für Oasis gelöst, und zwar mit Auszeichnung. Nun ist eine seltsame Explosion auf dem Cover, mit hässlicher Rundschrift.

Aber auf Aussehen hat das Quartett ohnehin nie Wert gelegt. “An image of the countryside says more about the Beta Band than a pictue of us”, haben sie einmal ihre Aversion gegen Portraitfotos begründet. Und da ist durchaus was dran. Denn an dieser Gruppe ist wenig konventionell, an ihrer Musik ist wenig konkret. “We´re not interested in becoming pop stars. We´re just into the art of sounds.”

Diese Kunst beherrscht das Quartett auf Hot Shots II meisterhaft. Alle Platten sind rund, aber diese Platte ist runder. Schon der Opener Squares mit dem herrlich warmen Daydream-Sample bezaubert, ist schläfrig und doch funky. At Sharp singt Steve Mason in andere Sphären. Selten klang elektronische Musik so analog, so organisch wie hier. Human Being heißt passenderweise der dritte Track. Erhebend und hoffnungsvoll am Beginn, dann plötzlich mit richtigem Schlagzeug, Doors-Orgel und fast schon Rock.

Gitarren gibt es auch in Gone. Aber hier brettern sie nicht als Akkord-Wand, sondern springen in einzelnen Tönen um den trägen Gesang herum, links und rechts, als ob sie ihn necken wollten. Doch der lässt sich nicht aus seiner Melancholie locken. Dragon ist der bis dahin vielleicht tanzbarste Song auf der Platte. Nach einem lichtdurchfluteten Intro setzen Bass und Schlagzeug ein, ungewohnt, weil unsynchron, aber gerade dadurch so wirkungsvoll. “Groove and funk are what it´s all about, not formulaic dance music”, heißt schließlich die Arbeitsmethode der Beta Band. Dass sie dennoch nicht das Prinzip Pop verfluchen und dass ihnen dennoch auch ein Track gelingen kann, der “Singlehit!” zumindest flüstert, beweist Broke, wieder mit Handclaps, Spieluhr und minimalistischem Bass.

Diese Vielseitigkeit macht es schwer, die Gruppe in einem Genre zu verorten. Die Beta Band ist Moody Blues, Blur zur 13-Zeit und eine Garagenband, und zwar alles innerhalb eines Songs (Quiet). Dennoch kann man ihre Lieder auf einen ganz einfachen Nenner bringen: Maschinen zum Kuscheln. Das grandiose Alleged ist genau ausgedacht, man könnte es rein intellektuell bewundern als reife Leistung des Songkonstruierens. Aber es wärmt so sehr das Herz, dass man dazu gar nicht kommt.

In Elipse erklärt uns die Beta Band dann gleich noch, wie die Welt funktioniert: “The people with the questions ask the people with the answers / but the people with the answers won´t tell the people with the questions the answers.” Dazu kann man wunderbar staunen, träumen oder tanzen. Wie sagen sie doch so schön: “It´s rhythms, it may not make you want to grin and take your shirt off. It may make you want to crawl around like a bug, but it will make you move.”

Schräg, maschinell und warm ist auch das Video zu Broke:

Die Beta Band bei MySpace.

Hingehört: Incubus – “Morning View”

November 20, 2001 · Posted in CD-Regal, Musik · 2 Comments 

Für "Morning View" wünscht man Incubus ein bisschen weniger Neid auf die großen Jungs.

Künstler Incubus
Album Morning View
Label Epic
Erscheinungsjahr 2001
Bewertung **1/2

Incubus-Sänger Brandon Boyd hat eine klare Vorstellung von der Entwicklung seiner Band: “With repetition would come demise.” Vorwärts soll es also gehen, bloß nicht auf der Stelle treten. Die Richtung ist dabei erst einmal egal. Für Morning View ging die Band zum Strand. Warum auch nicht?

In einem gemütlichen Haus in Malibu entstand der Nachfolger von Make Yourself, mit dem den Kaliforniern 1999 der Durchbruch gelungen war.

Doch – wie gesagt – auf das bewährte Konzept will sich das Quintett nicht verlassen. Stattdessen hat sich die ehemalige “Ozzfest”-Band von Surfern, vom Rauschen des Ozeans und von malerischen Sonnenaufgängen zu entspannten Klängen inspirieren lassen. So werden reichlich akustische Gitarren eingesetzt (Mexico), gleich elf Streicher (Just A Phase) und sogar ein asiatisches Ko-kyu (Aqueous Transmission).

Die neue Gelassenheit tut der Band gut. Vor allem Drummer Jose Pasillas nutzt die sich bietenden Freiräume für reichlich unkonventionelle Schlagarbeit. Auch Gitarrist Mike Einziger kann jenseits der Dampfhammer-Maschinerie mit Feingefühl und Kreativität überzeugen. Am meisten aber profitiert Sänger Brandon Boyd, dem die laid-back-Passagen viel besser liegen als angeberische Kraftmeierei.

Weil sich Incubus aber nicht ganz sicher zu sein scheinen, ob sie der eingeschlagene Weg auch ans Ziel bringen wird, sind die meisten Stücke auf Morning View ein gemischtes Vergnügen, fast schizophren. Schon im Opener Nice To Know You gefällt die Strophe, doch ausgerechnet der pseudo-brachiale Refrain macht den Song kaputt.

Auch auf der Single Wish You Were Here können es Incubus nicht lassen, eine fein gezeichnete Skizze eines perfekten Moments mit einem großen Klecks aus Testosteron-Gitarren zu entstellen. Vielleicht liegt es daran, dass Brandon, Mike, Dirk und Jose damals auf der High School nie ins Football-Team durften, dass sie sich jetzt als starke Kerls aufspielen müssen. Sie hätten es nicht nötig.

Incubus gehen mächtig baden: Der Clip zu Wish You Were Here:

Incubus bei MySpace.

Nächste Seite »