Hingehört: Donovan – “The Very Best Of”
| Künstler | Donovan |
| Album | The Very Best Of |
| Label | Epic |
| Erscheinungsjahr | 1995 |
| Bewertung | **** |
So richtig kann auch die Geschichte nicht immer erklären, warum manche Musiker unsterblich werden und andere in Vergessenheit geraten. Während die Beatles gerade an ihren Anthologies bastelten, die Stones mit ihren Tourneen alle Rekorde brachen und Bob Dylan auf den Literatur-Nobelpreis wartete, tingelte Donovan Leitch durch die Provinz, um seine neue Platte Sutras anzupreisen.
Auch in Fulda machte er damals Station, im edlen Ambiente der Orangerie. Das Auditorium war gut gefüllt (nur gepolsterte Sitzplätze, natürlich) und ich war mit Abstand der Jüngste im Saal (neben Donovans Sohn, der das Vorprogramm bestritt). Nach dem Konzert traf ich auf dem Weg hinaus meinen Englischlehrer, der mir “so einen guten Geschmack gar nicht zugetraut” hatte. In der Tat hatte ich vorher nur wenig von Donovan gehört und war nur von meinem Vater mit hingeschleppt worden, doch nach diesem Konzert hatten einige seiner Stücke Eingang in meine all-time-favourites gefunden.
Denn an den Songs kann es wirklich nicht gelegen haben, dass Donovan nicht in die selbe Liga aufstieg wie die Beatles, Stones oder Dylan. Zu seinen besten Zeiten konnte er sich tatsächlich mit diesen Klassikern (mit denen er gut bekannt war und von denen er hoch geschätzt wurde) messen. Nach seinem Durchbruch 1964 zählte der Schotte fast zehn Jahre lang zu den erfolgreichsten und besten Musikern überhaupt.
Es war die Zeit der Hippies, und Donovan lieferte den Soundtrack dazu. Zunächst Protestsongs, dann Lieder über Blumen und Liebe. Sein Hang zur Natur, zu Mystik, Magie und Minne ließ ihn gelegentlich in kitschige Gefilde abrutschen, doch meist bot er Singer-Songwriter-Kunst vom Allerfeinsten.
Sunshine Superman macht den Auftakt, rhythmusbetont, fein instrumentiert und mit tollem Drive. Warum man Donovan gelegentlich “Pop-Parzifal” und eine CD-Box von ihm Troubadour genannt hat, macht das entzückende Catch The Wind deutlich: Lyrics, die wirklich Lyrik sind. Dazu wenig Gitarre, ein zartes Klavier und Tremolo-Gesang, bis diese unfassbar großen Bass-Töne das famose Finale einläuten.
Ebenso anmutig klingt auch sein vielleicht bekanntester Song, Atlantis. Mindestens so catchy gelingt Hurdy Gurdy Man mit dramatischen Drums und schweren E-Gitarren im Hintergrund.
An der musikalischen Umsetzung der Songs gibt es hier ohnehin kaum einmal etwas auszusetzen. Lalena verzaubert durch Streicher, Harfe und Flöten, Mellow Yellow groovt durch minimalistische Drums mit basslastigen Gitarren und mündet dann in ein Big-Band-Finale, Jennifer Juniper lacht durch Oboen, Klarinetten und ein Glockenspiel.
Ganz und gar ein Gitarrensong ist hingegen Colours – und was für einer! Das Picking, die Orgel und die zweite Stimme riechen nach frischem Kaffee, nach frischer Luft und den ersten Sonnenstrahlen des Tages. Auch Sailing Homeward ist streng akustisch und voller Wärme. Im fast ebenso entrückten Wear Your Love Like Heaven schließlich verrät Donovan sein Credo: “Lord, kiss me once more, fill me with song / Allah, kiss me once more, that I may wear my love like heaven.”
Da war Dylan gar nicht so weit weg: Catch The Wind in einer Live-Version von 1964:
Hingehört: “Crash – The Best In Nu Rock”
| Künstler | Diverse |
| Album | Crash – The Best In Nu Rock |
| Label | Warner |
| Erscheinungsjahr | 2001 |
| Bewertung | ** |
Was am “Nu Rock” nun eigentlich neu sein soll, erklärt auch Crash – The Best In Nu Rock nicht. Derzeit gefeierte Acts wie Limp Bizkit oder Linkin Park kochen nach dem selben Rezept, das Bands wie Faith No More, Rage Against The Machine, Dog Eat Dog oder die Red Hot Chili Peppers schon vor fast zehn Jahren (und die Beastie Boys sogar noch eher) kreiert haben: Rock mit Rap. Crossover hat man damals dazu gesagt.
Neu ist nur, dass man den Kids zum angeblich noch nie da gewesenen Sound diesmal auch gleich die passenden Klamotten, Sportarten und Körperverzierungen verkauft.
Die Marketingoffensive funktioniert offensichtlich, und Crash – The Best In Nu Rock kann durchaus als erste Zwischenbilanz des Hypes herhalten. Denn tatsächlich sind einige der populärsten Nu-Rocker vertreten. OPM mit dem groovigen Stash Up, Sugar Ray mit dem etwas uninspirierten Personal Space Invader, die Donots mit dem hübschen My Superhero oder Linkin Park mit dem eiskalten Crawling.
Typisch für derlei Compilations ist allerdings auch, dass fleißig zusammengewürfelt wird, was nicht zusammengehört. Flavor Of The Week von American HiFi etwa ist ein guter Powerpop-Song, aber genauso wenig “Nu Rock” wie der Party-Punk von The Living Ends Roll On, der Effekt-Grunge von Staind, der Techno-Metal von Static-X oder Creeds Unterhemden-MOR-Sound. Auch Teenage Dirtbag von Wheatus und Clint Eastwood von den Gorillaz sind natürlich kein Nu-Rock, dafür aber kaufträchtige Hits.
Unterm Strich bietet Crash Nu-Rock aus der ersten und zweiten Reihe, einiges Artverwandtes, etliches Artfremdes und eine okaye Platte mit Gitarren.
Eiskalt scheint hier auch der Dreh gewesen zu sein: Der Clip zu Linkin Parks Crawling:
Hingehört: Dire Straits – “Sultans Of Swing – The Very Best Of”
| Künstler | Dire Straits |
| Album | Sultans Of Swing – The Very Best Of |
| Label | Mercury |
| Erscheinungsjahr | 1998 |
| Bewertung | ****1/2 |
Die Dire Straits sind eine Band für Englischlehrer. Immer geachtet, immer auch etwas langweilig, immer etwas altmodisch; jedenfalls niemals cool. Weiß der Himmel, woran das liegt. Vielleicht sollten die Beastie Boys mal ein Album mit Dire-Straits-Coverversionen aufnehmen, um den Mannen um Mark Knopfler posthum die Weiher der Hipness zu verleihen.
Verdient hätten sie´s. Denn auch wenn ihr Image nie cool war, ihre Musik ist es um so mehr. Lässigkeit als Prinzip. “Mark Knopflers Musik rockt nicht, sie rollt”, hat der Spiegel einmal über die Dire Straits geschrieben. Und das stimmt. Alles hier ist Understatement. Die Rhythmusgruppe bleibt gehemmt, die Melodien erblühen nie voll, und der Gesang ist eigentlich gar keiner. Knopfler spricht, murmelt, knarzt. Und alles ergänzt sich perfekt, klingt wie aus einem Guss. “I like the Dire Straits as a band because they sound like one person”, hat Bob Dylan einmal über die Engländer gesagt, und natürlich hat er Recht.
Auch in den Texten ist His Bobness nicht weit. Knopfler erzählt kurz oder ausufernd von Begebenheiten mitten aus dem Leben, beweist dabei ein waches Auge und eine spitze Feder. Etwa in Sultans Of Swing, der Geschichte einer alten Dixieband, die durch die Pubs tingelt. Oder im umwerfenden Romeo And Juliet. Selten waren Hoffnung und Skepsis, Verlangen und Zweifel so nahe beieinander. “You and me babe, how about it?”
Über acht Minuten dauert die Fahrt durch den Tunnel Of Love, keine Sekunde langweilig und am Ende tatsächlich beängstigend. Das gilt auch für Private Investigations: mit spanischer Gitarre, ohne Illusionen. “And what have you got / at the end of the day / and what have you got / to take away / a bottle of whisky and a new set of lies / and a pain biting your eyes.”
Fast erschreckend gutgelaunt ist danach Twistin´ By The Pool von der gleichnamigen EP, aufgenommen an nur einem Tag und entsprechend straight. Am stärksten sind die Dire Straits ohnehin, wenn sie sich zurücknehmen. Wie im grandiosen So Far Away. Ein herber Groove, der Text fast gerappt, dazu ganz viel Luft.
Überhaupt erstaunt, wie viele klasse Singles und wie viele Hits die Band hervorgebracht hat, die ja doch eher als Album-Act gilt: Money For Nothing kennt jeder. Vorne wäscht die Gitarre das Hirn, hinten säuselt Sting. Brothers In Arms kennt jeder, die großartige Traurigkeit und das epochale Bleistift-Video. Walk Of Life kennt jeder, die unverschämte Orgel und den catchy Gitarren-Groove. Calling Elvis kennt jeder, den verschluckten Gesang und den Lokomotiven-Beat.
Die letzten beiden Stücke sind Konzertmitschnitte. Auf der Bühne zeigt Mark Knopfler, dass er ein noch besserer Gitarrist ist, als man denkt. Und ein noch schlechterer Sänger. Und auf jeden Fall ein großartiger Songschreiber.
Warum die Dire Straits nicht cool sind, erklärt all dies immer noch nicht. Vielleicht liegt es daran, dass Qualität nicht immer spektakulär ist.
So Far Away live in Wembley. Der endgültige Beweis, dass auch Muskelshirt und Stirnband einen guten Song nicht zerstören können:
Hingehört: Depeche Mode – “The Singles 86 > 98″
| Künstler | Depeche Mode |
| Album | The Singles 86>98 |
| Label | Mute |
| Erscheinungsjahr | 1998 |
| Bewertung | ***1/2 |
“Warum drängt sich bloß jemand nach einer Band, deren Sänger nicht singen kann, deren Melodien zum Verzweifeln überraschungsarm und infantil sind und deren Musik sich anhört, als hätten Ultravox total verkatert einige Kraftwerk-Nummern fehlinterpretiert?”, wollte der Kritiker Simon Witter vom NME angesichts des Erfolges von Depeche Mode gerne einmal wissen.
Noch weitere Fragen stellen sich: Wie affektiert muss man eigentlich sein, um sich nach einer französischen Modezeitschrift zu benennen? Wieso gründet man überhaupt eine Band, wenn man elektronische Musik machen will? Und wie kann man elektronische Musik machen, deren Ziel nicht Innovation, sondern Langeweile ist? Die Antwort ist eigentlich ganz einfach: Depeche Mode machen Musik für Leute, die eine Macke haben, aber noch nicht genau wissen, welche.
Village Voice hat die Engländer einmal nicht ganz unzutreffend als die “Teenybop-Band des denkenden Schulmädchens” bezeichnet. In der Tat ist die Gruppe von je her enorm beliebt bei Heranwachsenden und allen, die auch nach der Pubertät noch keinen Schimmer davon haben, was das überhaupt alles soll. Die Songs von Depeche Mode spielen mit der Sinnsuche und sexuellen Andeutungen, sind monoton, düster, morbide, sado, maso und homo. Die Stücke wissen nicht wohin, haben kein Zuhause, kein Herz und keine Mitte. Sie sind ganz Oberfläche und Pose, Make-up und Scheinwerferlicht, Lack und Leder.
Ihren eigentümlichen Reiz beziehen sie paradoxerweise gerade durch ihre Unbestimmtheit und Lustlosigkeit. Das macht das Frühwerk der Band allerdings zu einer Angelegenheit, die ausschließlich Fans faszinieren dürfte. Die Depeche-Mode-Songs aus der ersten Hälfe der 1980er sind vollkommen schlimm und projezieren zudem hässliche Bilder von dicken, weiß geschminkten Frauen in zu engen schwarzen Kleidern, die sich seltsam theatralisch bewegen, ins Hirn.
Auch auf dieser Platte haben einige Stücke, gerade die älteren, so wenig Substanz, dass man ihnen gerne etwas zu essen anbieten würde.
Allerdings hatten die Jungs spätestens ab dem Music For The Masses-Album zumindest den Dreh raus, wie man Atmosphäre in die Tracks bekommt. Das von Martin Gore gesungene A Question Of Lust gibt davon Zeugnis, Never Let Me Down Again belegt die positive Entwicklung. Erstmals kommt Dave Gahan hier ein wenig aus sich heraus und entwickelt fast so etwas wie Aggressivität.
Ein Weg, der schnurstracks zu Personal Jesus führte. Eine Gitarre, tatsächlich. Glam-Rock, irgendwie. Ziemlich genau von da an waren Depeche Mode plötzlich eine unpeinliche Band. Rock war jetzt das Ziel, und die Etappen dahin waren immer bessere Songs. Enjoy The Silence, natürlich, so plakativ wie vielschichtig. Policy Of Truth mit seiner Elektro-Blues-Strophe und dem verführerischen Refrain.
Spätestens damit hatten sich die Synthie-Weichlinge zu echten Rabauken entwickelt. Songs Of Faith And Devotion stieg 1993 in den USA, in England und natürlich in Deutschland auf Platz eins in die Charts ein – und Depeche Mode festigten ihren Ruf als erwachsene Band mit ihren bisher besten Singles. I Feel You ist ein Monolith, acht Sekunden Gitarrengeräusche am Anfang, und dann 257 Sekunden brachiale Gewalt.
Walking In My Shoes erinnert durch den zweistimmigen Gesang an frühere Stücke. Dennoch ist das Lied eine Klasse besser als etwa Strangelove. Denn inzwischen sind die programmierten Beats lebendig, werden die Synthies nicht mehr nur effekthaschend eingesetzt und sind vor allem die Kompositionen ausgereifter. Die Band kann es sich sogar erlauben, ein fast gänzlich akustisches Stück aufzunehmen. Condemnation ist natürlich kein Gospel, aber dennoch ein feines Lied. Dave Gahan zeigt, dass er doch singen kann; dazu Chöre, Klavier und ein Tamburin. Das Menschlichste, was man von dieser Band je gehört hat. Sogar In Your Room, vom Sound her eher an Garbage denn an die Housemartins erinnernd, ist organisch und echt.
Depeche Mode waren plötzlich so sehr Rock, dass sich Dave Gahan sogar die Pulsadern aufschnitt. Es klingt makaber, aber diese spektakuläre Verzweiflungstat passt dazu, dass Songs und Sound intensiver und emotionaler geworden waren. Nach der Erholungspause kam Ultra, und niemand hätte Depeche Mode nun noch als Teenie-Grufti-Kapelle bezeichnet. Mittlerweile konnten sie nämlich sogar einen Song schreiben, der richtig groß war: It´s No Good, ihre beste Single überhaupt. Die Keyboards wieder als wabernde Flächen wie schon bei Enjoy The Silence, doch dazu diesmal ein zwingendes Korsett und ein catchy Refrain.
Useless mit dem ultraverzerrten Bass steht dem wenig nach, auch wenn der Refrain nicht ganz so ausgereift ist. Dafür zeigt das Break, dass Depeche Mode den Hörer gelegentlich doch überraschen. Mit weniger Zug, aber geschlossenerer Atmosphäre tritt Only When I Lose Myself an, das schließlich beweist, dass Martin Gore tatsächlich auch Melodien schreiben kann.
Wie wenige Bands sonst haben Depeche Mode eine erstaunliche Entwicklung durchlaufen. Als dümmlich-naive Elektronik-Dilettanten hatte sie begonnen, doch die Anziehungskraft des Rock hat irgendwann auch sie gekriegt. Und der Rock hat sie gerettet.
Die Verbindung der alten und neuen Depeche Mode: Never Let Me Down Again, live und verrockt im Jahr 2001:
Hingehört: The Corrs – “Unplugged”
| Künstler | The Corrs |
| Album | Unplugged |
| Label | Atlantic |
| Erscheinungsjahr | 1999 |
| Bewertung | **** |
Ladies and gentlemen, please welcome: The Corrs. In ihrer ganzen Pracht, also akustisch und ohne den neuerdings dazugekommenen “Amerika, wir kommen”-Anbiederungssound. Die Unplugged-Sessions hätten kaum besser terminiert sein können, auf dem Höhepunkt ihres Erfolges, aber noch rechtzeitig vor dem Overkill.
Dank des perfekten Timings können die Hits Only When I Sleep und What Can I Do gleich den Auftakt machen. Das Orchester hält sich vornehm zurück; so kommen die Geschwister umso besser zur Geltung. Carolines immer etwas linkische Drums, Sharons immer etwas altkluge Geige, Jims immer etwas zu naheliegende Gitarre und der immer etwas zu hinreißende Gesang von Andrea. Wie sie so dasitzt, überhaupt nicht affektiert und doch genau kalkuliert, wie sich sich scheinbar abwesend durch die Haare fährt, es haut einen schlicht um – auch wenn sie es vorher womöglich geprobt hat.
Nach den ersten beiden alten Hits und dem neuen Hit Radio, allesamt klasse Popsongs, ist es Zeit für einen Kontrapunkt, den das instrumentale Toss The Feathers liefert. Das Traditional wirkt zunächst etwas deplatziert, sorgt aber dafür, dass die Spannung nicht verloren geht. Denn so sehr man die Corrs loben mag – besonders abwechslungsreich ist ihre Musik nicht. Das merkt man allerdings nur bei den wenigen Stücken, bei denen Melodie und Atmosphäre nicht verzaubern, wie im misslungenem REM-Cover Everybody Hurts.
Aber oft genug ist man schon nach wenigen Tönen hin und weg: Wegen der Harmonies und der funky Gitarre in Forgiven, Not Forgotten etwa. Wegen des Zusammenspiels von Flöte und Geige auf Little Wing, der Dramaturgie von Queen Of Hollywood, dem “olá” und der Piccolo-Trompete in Old Town oder dem Akkordeon und der Power von So Young. Genauso bezaubernd wie alles, wirklich alles an At Your Side. Ein Song wie der Frühling.
Überhaupt: Diese Platte macht einen lächeln, tanzen und singen. Und es gibt wahrlich Schlimmeres. Nicht alles ist Harmonie, aber alles ist positiv. Das macht die Corrs angreifbar für Zyniker, aber es macht sie auch zum Trostpflaster für Menschen, die noch nicht alle Hoffnung verloren haben.
Das vollkommen bezaubernde At Your Side:
Hingehört: The Cardigans – “First Band On The Moon”
| Künstler | The Cardigans |
| Album | First Band On The Moon |
| Label | Stockholm Records |
| Erscheinungsjahr | 1996 |
| Bewertung | **** |
Nehmen wir doch mal an, die NASA oder Reinhold Messner oder sonstwer, der notorisch unterbeschäftigt ist, entdeckt plötzlich Leben auf dem Mond. Kleine, goldene Käfer mit drei azurblauen Augen und nur einem Bein, nicht besonders intelligent, aber musisch ungemein sensibel. Und um den Mondgoldkäfern eine Freude zu machen, beschließt der US-Senat oder der DFB oder sonstwer, der unglaublich viel zu sagen hat, dass man eine Band auf den Erdtrabanten schicken sollte, um dort ein Konzert vor unseren Universumsnachbarn zu geben.
Nun muss natürlich eine schwierige Wahl getroffen werden. Man hat ja damals auch nicht irgendwelche Menschen, Affen und Hunde ins All geschickt, sondern ganz bestimmte Menschen, Affen und Hunde, mit ganz besonderen Eigenschaften und Fähigkeiten. Welche Band also soll es denn sein, die uns Erdlinge repräsentiert? Eine, die Englisch singt, natürlich, die schick aussieht, nett ist und für manches Abenteuer zu haben: die Cardigans. Warum eigentlich nicht?
Sie könnten jede Menge feiner Melodien mit in ihr Raumschiff packen, gute Laune und gleich noch ein halbes Orchester. Der erste Song des Konzerts wäre Your New Cuckoo, gleich mit Flöten und Streichern und zum Tanzen. Die Mondgoldkäfer würden sich auf ihrem einen Bein lustig bewegen und dann beim nächsten Stück, das Been It heißen könnte, sogar versuchen, ein wenig mit ihren winzig kleinen Köpfen zu wackeln.
Bei Heartbreaker würden sie dann aber ganz schön ihre drei azurblauen Augen verdrehen und sich fragen, wie diese riesenhaften Menschen denn so traurig sein können. Vielleicht liegt es ja daran, dass sie vier Beine haben, aber zwei davon einfach so nutzlos in der Luft herumbaumeln. Dabei versucht die Erdlingsfrau doch so sehr, es ihnen zu erklären: “Vacant and free / yeah, that is me / just tell me how and I´ll please you for free / tell me I´m good / I know I´m bad / lies make me feel fine, although it is sad.” In Happy Meal II könnten sie dann die Kehrseite der Medaille beschreiben, um das sensible Publikum nicht zu verschrecken. “No one can be / happier than me.” Bei Never Recover würde die Terra-Band dann richtig Gas geben, und die Mondgoldkäfer würden sich lustig im Kreis drehen, bis sie ganz bescheuert werden davon, nur noch seltsam kakophonische Töne vernehmen und schließlich auf den Rücken fallen.
Auf diesen Moment haben die Erdlinge insgeheim gewartet, denn jetzt können sie ihre Überlegenheit mit Hilfe von Step On Me demonstrieren. “You´ll break that foot that you´re standing on / I´ll walk with the other one.” Der glorreich erhebende Refrain sorgt unterdessen dafür, dass sich die Mondgoldkäfer mit Hilfe einiger Artgenossen wieder berappeln. Ganz hinten im Saal ist deutlich ein Käferpärchen zu erkennen, das sich bei dieser Hilfsaktion wohl wiedergefunden hat. “I can´t care ´bout anything but you”, sagt der Käfermann, und die Käferfrau sprüht ihm heimlich das Wort Lovefool auf den Panzer.
Vorn wird mittlerweile fleißig Einfuß-Disco-Fox getanzt, und die Käfer-Security hat alle Hände voll zu tun, die Situation unter Kontrolle zu halten. Beim wunderbaren Losers kommen dann aber selbst den hartgesottenen Ordnern die Tränen. Um sie zu trösten, entschließt sich die Band, ihren Coversong Ironman heute nicht in der Black-Sabbath-Version zu spielen, sondern das Stück in eine Art japanischen Lounge-Swing zu verwandeln. Die Text verstehen die Mondgoldkäfer ja ohnehin nicht.
Deshalb werden sie Great Divide auch für ein Lied über eine fröhliche Kindheit oder einen unbeschwerten Sommernachmittag halten, nicht für ein Stück mit der bitteren Erkenntnis, dass es nicht mehr weiter geht. Das halbe Orchester spielt dazu, als hätte es langsam Heimweh nach der Erde und so macht sich die Band an ihr letztes Lied. Längst haben sich alle Mondgoldkäfer in die singende Menschenfrau verliebt (außer dem Lovefool hinten in der Ecke), und auch die Erdlinge haben die Mondbewohner ein wenig lieb gewonnen. Deshalb wird es zum Abschluss in Choke noch einmal richtig dramatisch. “We´ll never have the guts to discover / we´ll choke on it and die…” Dann steigen die fünf Erdlinge in ihr Raumschiff, dazu jubiliert das halbe Orchester. Und die Mondgoldkäfer klatschen.
Die Morning Benders haben ein ganz wunderbares Cover von Lovefool auf Lager:
Hingehört: The Doors – “Greatest Hits, Volume 3″
| Künstler | The Doors |
| Album | Greatest Hits, Volume 3 |
| Label | Duchesse |
| Erscheinungsjahr | 1990 |
| Bewertung | ***1/2 |
Was sich bei der zweiten Auflage der Greatest Hits schon andeutete, wird hier offenbar: Die Doors waren sicher eine gute Band, an Einfluss eher noch unterschätzt denn zu hoch bewertet. Doch dieser Einfluss bestand nicht vordergründig in ihren Songs, und schon gar nicht in Hits. Die Doors waren immer eine Album-Band, für die leidigen Singles mussten die Originalversionen oft rigoros gekürzt werden, und so sucht man Chart-Topper oder Stücke, die noch heute im Oldie-Radio gespielt würden, auf Greatest Hits, Volume 3 vergebens.
Das liegt nicht etwa daran, dass sich die Zeiten, Moden und Trends gegen die Band gewendet hätten, sondern schlicht und ergreifend an den Songs. Robbie Kriegers Touch Me kokettiert mit Cemballos, Streichern und Bläsern, bleibt aber dennoch zu düster für die Hitparaden. Auch Jim Morrisons Shaman´s Blues im 3/4-Takt ist zu sperrig für Jedermann.
Längst hatte sich der Sänger in andere Sphären verabschiedet. “Can you give me sanctuary / I must find a place to hide”, barmt er am Anfang des einfach unfassbaren The Soft Parade, doch Schutz und Schirm hat er nirgends mehr gefunden. Eine Band, die jetzt mindestens progressiv, vielleicht sogar Avantgarde war und ein Sänger, der lieber Dichter gewesen wäre, konnten zusammen so ziemlich alles fabrizieren, nur keine Hits. Donovan-ähnliche Kammermusik war jetzt für die Doors möglich (Wishful, Sinful), Porträts mit Kinks-Anleihen (Love Street), Stillleben mit Rückwärts-Elementen (I Can´t See Your Face In My Mind), Rockabilly-Skizzen (Easy Ride), sogar Mini-Operetten (Yes, The River Knows), Slow-Motion-Hardrock (Wild Child) und Big-Band-Balladen (Tell All The People).
Zum Schluss gibt es sinnigerweise When The Music´s Over, einen 11-Minuten-Höllenritt. Die Strophe typisch mit nur zwei Akkorden, monotonem Bass und Schlagzeug, aber kreativer Gitarre und Orgel, das Solo ein einziger Sturm, danach viel Improvisation und noch mehr Lücken. Kurz bevor der Song im Nichts verschwindet, schließlich der Befehl zum Großangriff: “We want the world, and we want it now.”
Live (und in Farbe!): When The Music’s Over:
Hingehört: Virgo – “Virgo”
| Künstler | Virgo |
| Album | Virgo |
| Label | SPV |
| Erscheinungsjahr | 2001 |
| Bewertung | 1/2 |
Wenn Headbanger in Wirklichkeit Weicheier sind, dann kommt so etwas dabei heraus wie Virgo. André Matos und Sascha Paeth wirkten früher in den Metal-Combos Angra und Heaven´s Gate mit. Jetzt haben sie sich zusammengetan, um ihrer wahren Leidenschaft zu frönen. “Virgo” heißen das Projekt und das Debütalbum, das “Rock mit den unterschiedlichsten Einflüssen” bieten soll, also das Spektrum zwischen Bryan Adams und Extreme abdeckt.
Die Platte ist durchaus ambitioniert, es wurde kompetent musiziert und aufwendig produziert. Doch es fragt sich nur: Warum? Die Musik ist prätentiös, die Lyrik infantil. Orchester, Chöre und Effekte können nicht kaschieren, dass die Songs kaum Potenzial und null Seele haben. So regiert der Kitsch. Selbst die Single Baby Doll entwickelt höchstens Pseudo-Power, hat aber immerhin denn Vorteil, das kürzeste Stück auf der Platte zu sein. Jungfräulich und unberührt scheint hier vor allem die Geschmackssicherheit der Musiker zu sein.
Immerhin den Machern hat es Spaß gemacht, wie der Clip zu Baby Doll vermuten lässt:
Virgo sind nicht bei MySpace. Ist auch besser so. Aber Andre Matos hat ein Profil.
Hingehört: Therapy? – “Shameless”
| Künstler | Therapy? |
| Album | Shameless |
| Label | Motor |
| Erscheinungsjahr | 2001 |
| Bewertung | *1/2 |
Punkpopmetalbands gibt es wie Sand am Meer. Therapy? schafften es Anfang der 1990er dennoch erstaunlich schnell, sich aus der Masse herauszuheben. Die Nordiren boten zwar auch nur Wut in E-Dur, doch Sänger und Gitarrist Andy Cairns bewies dabei ein feines Gefühl für Melodien und Dynamik, Drummer Fyfe Ewing verhalf der Band mit dem Einsatz von Timbales zu einem ganz eigenen Sound.
Mit der Shortsharpshock-EP konnten sie erstmals ein größeres Publikum für sich gewinnen, die folgenden LPs Troublegum und Infernal Love zeigten die Band auf ihrem kreativen und kommerziellen Höhepunkt. Kraftvolle Platten voll von zielloser Aggression, Neurosen und Rasierklingen.
Es folgten Umbesetzungen und immer obskurere Songs wie die letzte Duftmarke der Band, die Single Church Of Noise, immerhin schon von 1998. Danach ein Best Of-Album – und nun mit Shameless wohl die Neuorientierung. Keine Celli mehr, keine Elektronik, sondern Gitarre, Schlagzeug, Bass.
Seattle-Veteran Jack Endino erschien dem Quartett der richtige Produzent dafür zu sein. Tatsächlich verpasst er Therapy? einen reduzierten Sound. Das Problem dabei ist, dass die Songs dieses sparsame Korsett nur noch selten füllen können. Vieles klingt wie die Ramones in der Musikschule, manches wie die Stooges ohne Power, anderes wie Motörhead mit Manieren.
Nur ganz selten aber klingt die Band wie Therapy? In This One´s For You etwa, das um ein Zitat von Francis Bacon herumgebaut wurde. Oder im atmosphärisch gelungenen Stalk & Slash.
Andy Cairns ist offensichtlich ein Teil seiner Inspiration abhanden gekommen, was schlicht daran liegen könnte, dass er inzwischen ein ausgeglichenerer, glücklicherer und reicherer Mann ist. So ist die Wut gekünstelt, die Aggressivität herbeigeredet, die Verzweiflung geschauspielert. Auch große Riffs und frische Melodien sucht man vergebens. Der Schritt zurück ins Glied.
Zumindest der Songtitel könnte von den Ramones sein: Der Clip zu Gimme Back My Brain:
Hingehört: The Doors – “Greatest Hits, Volume 2″
| Künstler | The Doors |
| Album | Greatest Hits, Volume 2 |
| Label | Duchesse |
| Erscheinungsjahr | 1991 |
| Bewertung | **1/2 |
Wenige Bands können von einem so immensen Nachruhm zehren wie die Doors. Noch immer füllen die Ex-Mitglieder mit ihren neuen Projekten die Hallen, noch immer pilgern jährlich Tausende zu Jim Morrisons Grab in Paris, noch immer prosperieren weltweit etliche Doors-Coverbands.
Einen neuen Aufschwung erlebte die Musik der Band durch Oliver Stones Verfilmung ihrer Geschichte. Light My Fire war plötzlich wieder in den Charts, die Doors dreißig Jahre nach ihrer Gründung wieder omnipräsent. In einer der Schlüsselszenen des Films jagt Val Kimer als Jim Morrison halbnackt eine noch weniger bekleidete Frau durch ein Zimmer. Draußen ist es finstere Nacht, und drinnen lodert das Feuer. Blut und Sex, Drogen und Hexen sind im Spiel in einem nicht aufzulösenden Strudel der Emotionen und Instinkte.
Genau auf diese Weise funktionieren die Doors in ihren manischsten Momenten, wie dem Schluss von Spanish Caravan, das sich immer schneller dreht, als ob es einen hinausschleudern will, dadurch aber immer anziehender wird.
Die Wiederholung spielt in der Musik der Doors überhaupt eine große Rolle. Das indianische Mantra My Wild Love kann als Prototyp für weitere Lieder gesehen werden, die ebenfalls nicht auf Abwechslung setzen, sondern auf Gehirnwäsche durch Quantität. “Get together, one more time”, heißt es am Ende des beängstigenden Five To One immer wieder. Wo so viel Menge, Stolz und Wille ist, da gibt es kein Nachgeben oder Verzeihen. So wird auch im famosen Love Me Two Times nicht gefragt, sondern gefordert.
Was auch für die Singles gilt. Hello, I Love You etwa, im Refrain fast funky, bei der Strophe fast ein Marsch. Oder das melodisch bestes Doors-Stück überhaupt, People Are Strange, das wie viele Lieder auf Greatest Hits, Volume 2 Assoziationen an Musical-Nummern weckt. Jim Morrisons Texte sind enorm visuell, die Umsetzung seltsam optisch wie im Drama von The Unknown Soldier, der Reise auf dem Moonlight Drive oder dem revuehaften Walzer Wintertime Love.
Nicht halb so konzentriert ist Not To Touch The Earth, das geheimnisvoll beginnt und in Ekstase endet. Alles-oder-Nichts-Musik.
Die Leute von Laboratoire Garnier sind sicher sehr traurig, dass sie Jim Morrison nicht mehr als Testimonial gewinnen können: Ein haariger Clip zu People Are Strange:










