Hingehört: Dire Straits – “The Bug”
| Künstler | Dire Straits |
| Single | The Bug |
| Label | Phonogram |
| Erscheinungsjahr | 1992 |
| Bewertung | **** |
Vier Klassiker für zwölf Mark, das nenne ich doch mal ein ordentliches Preis-Leistungs-Verhältnis. Die Single The Bug ist vom On Every Street-Album, könnte aber auch jeder anderen Dire-Straits-Platte entsprungen sein. Zeitlos arrangiert, mir robustem Beat, Saxophon und Handclaps. Eine Laus, die sich sofort im Ohr festsetzt und nicht mehr so schnell verschwindet.
Was auch für die beiden Klassiker Twistin´ By The Pool und Walk Of Life gilt, beide ebenfalls auf dieser 12″ vertreten. Außerdem: Expresso Love. Das Intro mit Garagen-Gitarre und Klavier, fast wie beim Boss, dass setzt das Schlagzeug mit einem Wirbel ein, ganz genau wie bei Springsteen. “I feel so good ´cause I feel so good, and I feel so good ´cause it feels so right.”
Enorm entspannt, wie es die Schweizer wohl mögen: The Bug live in Basel:
Hingehört: The Beta Band – “Hot Shots 2″
| Künstler | Beta Band |
| Album | Hot Shots II |
| Label | Regal Recordings |
| Erscheinungsjahr | 2001 |
| Bewertung | **** |
Von einer Band, deren Manager Brian Cannon ist, hätte man wirklich eine hübschere Verpackung erwarten dürfen. Immerhin hat der Mann sämtliche Design-Fragen für Oasis gelöst, und zwar mit Auszeichnung. Nun ist eine seltsame Explosion auf dem Cover, mit hässlicher Rundschrift.
Aber auf Aussehen hat das Quartett ohnehin nie Wert gelegt. “An image of the countryside says more about the Beta Band than a pictue of us”, haben sie einmal ihre Aversion gegen Portraitfotos begründet. Und da ist durchaus was dran. Denn an dieser Gruppe ist wenig konventionell, an ihrer Musik ist wenig konkret. “We´re not interested in becoming pop stars. We´re just into the art of sounds.”
Diese Kunst beherrscht das Quartett auf Hot Shots II meisterhaft. Alle Platten sind rund, aber diese Platte ist runder. Schon der Opener Squares mit dem herrlich warmen Daydream-Sample bezaubert, ist schläfrig und doch funky. At Sharp singt Steve Mason in andere Sphären. Selten klang elektronische Musik so analog, so organisch wie hier. Human Being heißt passenderweise der dritte Track. Erhebend und hoffnungsvoll am Beginn, dann plötzlich mit richtigem Schlagzeug, Doors-Orgel und fast schon Rock.
Gitarren gibt es auch in Gone. Aber hier brettern sie nicht als Akkord-Wand, sondern springen in einzelnen Tönen um den trägen Gesang herum, links und rechts, als ob sie ihn necken wollten. Doch der lässt sich nicht aus seiner Melancholie locken. Dragon ist der bis dahin vielleicht tanzbarste Song auf der Platte. Nach einem lichtdurchfluteten Intro setzen Bass und Schlagzeug ein, ungewohnt, weil unsynchron, aber gerade dadurch so wirkungsvoll. “Groove and funk are what it´s all about, not formulaic dance music”, heißt schließlich die Arbeitsmethode der Beta Band. Dass sie dennoch nicht das Prinzip Pop verfluchen und dass ihnen dennoch auch ein Track gelingen kann, der “Singlehit!” zumindest flüstert, beweist Broke, wieder mit Handclaps, Spieluhr und minimalistischem Bass.
Diese Vielseitigkeit macht es schwer, die Gruppe in einem Genre zu verorten. Die Beta Band ist Moody Blues, Blur zur 13-Zeit und eine Garagenband, und zwar alles innerhalb eines Songs (Quiet). Dennoch kann man ihre Lieder auf einen ganz einfachen Nenner bringen: Maschinen zum Kuscheln. Das grandiose Alleged ist genau ausgedacht, man könnte es rein intellektuell bewundern als reife Leistung des Songkonstruierens. Aber es wärmt so sehr das Herz, dass man dazu gar nicht kommt.
In Elipse erklärt uns die Beta Band dann gleich noch, wie die Welt funktioniert: “The people with the questions ask the people with the answers / but the people with the answers won´t tell the people with the questions the answers.” Dazu kann man wunderbar staunen, träumen oder tanzen. Wie sagen sie doch so schön: “It´s rhythms, it may not make you want to grin and take your shirt off. It may make you want to crawl around like a bug, but it will make you move.”
Schräg, maschinell und warm ist auch das Video zu Broke:
Hingehört: Incubus – “Morning View”
| Künstler | Incubus |
| Album | Morning View |
| Label | Epic |
| Erscheinungsjahr | 2001 |
| Bewertung | **1/2 |
Incubus-Sänger Brandon Boyd hat eine klare Vorstellung von der Entwicklung seiner Band: “With repetition would come demise.” Vorwärts soll es also gehen, bloß nicht auf der Stelle treten. Die Richtung ist dabei erst einmal egal. Für Morning View ging die Band zum Strand. Warum auch nicht?
In einem gemütlichen Haus in Malibu entstand der Nachfolger von Make Yourself, mit dem den Kaliforniern 1999 der Durchbruch gelungen war.
Doch – wie gesagt – auf das bewährte Konzept will sich das Quintett nicht verlassen. Stattdessen hat sich die ehemalige “Ozzfest”-Band von Surfern, vom Rauschen des Ozeans und von malerischen Sonnenaufgängen zu entspannten Klängen inspirieren lassen. So werden reichlich akustische Gitarren eingesetzt (Mexico), gleich elf Streicher (Just A Phase) und sogar ein asiatisches Ko-kyu (Aqueous Transmission).
Die neue Gelassenheit tut der Band gut. Vor allem Drummer Jose Pasillas nutzt die sich bietenden Freiräume für reichlich unkonventionelle Schlagarbeit. Auch Gitarrist Mike Einziger kann jenseits der Dampfhammer-Maschinerie mit Feingefühl und Kreativität überzeugen. Am meisten aber profitiert Sänger Brandon Boyd, dem die laid-back-Passagen viel besser liegen als angeberische Kraftmeierei.
Weil sich Incubus aber nicht ganz sicher zu sein scheinen, ob sie der eingeschlagene Weg auch ans Ziel bringen wird, sind die meisten Stücke auf Morning View ein gemischtes Vergnügen, fast schizophren. Schon im Opener Nice To Know You gefällt die Strophe, doch ausgerechnet der pseudo-brachiale Refrain macht den Song kaputt.
Auch auf der Single Wish You Were Here können es Incubus nicht lassen, eine fein gezeichnete Skizze eines perfekten Moments mit einem großen Klecks aus Testosteron-Gitarren zu entstellen. Vielleicht liegt es daran, dass Brandon, Mike, Dirk und Jose damals auf der High School nie ins Football-Team durften, dass sie sich jetzt als starke Kerls aufspielen müssen. Sie hätten es nicht nötig.
Incubus gehen mächtig baden: Der Clip zu Wish You Were Here:
Hingehört: Leonard Cohen – “Songs Of Love And Hate”
| Künstler | Leonard Cohen |
| Album | Songs Of Love And Hate |
| Label | Columbia |
| Erscheinungsjahr | 1971 |
| Bewertung | ***** |
“Eine Platte wie ein schwarzes Loch”, hat Wolfgang Doebeling den Inhalt von Songs Of Love And Hate einmal auf den Punkt gebracht, und dem Mann muss man ja alles glauben.
Tatsächlich sind Gesang und Gitarre von sibirischer Kälte, die Texte voller Tod, Angst und Verzweiflung. “The crumbs of love that you offer me / they´re the crumbs I´ve left behind”, lautet die Abrechnung und “Do not dress in those rags for me, I know you are not poor” die Konsequenz von Avalanche, gesungen mit so viel Bitterkeit, dass man schaudert. Hier geht es nicht um Kleinigkeiten, hier geht es um die Existenz.
So ist Last Year´s Man voller alttestamentarischer Bilder, umrahmt von göttlichen Geigen. Lyrisch unerreicht ist auch Dress Rehearsal Rag, das keinen Stolz kennt und keine Scham. “Just take a look at your body now, there´s nothing much to save / and a bitter voice in the mirror cries: ‘Hey prince, you need a shave’ / it´s come to this / and wasn´t it a long way down?”
Für Diamonds In The Mine darf dann erstmals das Schlagzeug ran, dazu eine Slide-Gitarre und eine Stimme, wie man sie sich von Charles Bukowski vorstellt, so dreckig und gemein, so rührend und abstoßend. Auch ohne Drums ist Love Calls You By Your Name nicht weniger spannend: “I journeyed down a hundred steps, but the street is still the very same.” Das melodiös vielleicht beste Cohen-Stück überhaupt ist Famous Blue Raincoat. Die patentierten Frauenchöre schaffen ein Gemälde, die Zerbrechlichkeit von Cohens Stimme sorgt für Gänsehaut gleich quadratmeterweise.
“Let´s sing another song, boys”, beginnt das nächste Lied, und wenn Leonard Cohen den Imperativ gebraucht, kann die Ironie nicht weit sein. “Let´s leave these lovers wondering”, will er später singen, doch dabei überschlägt sich die Stimme. Zum Finale gibt es Lalala, nicht ganz so kaputt wie beim Stranger Song auf seinem Debütalbum, aber dennoch ein Hilfeschrei. Den Abschluss macht Joan Of Arc; auch sie ist nicht glücklich. “She said: I´m tired of the war / I want the kind of work I´ve had before / a wedding dress or something white / to wear upon my swolen appetite.” Wie hat Wolfgang Doebeling doch bemerkt: Selbsterkenntnis ohne Maske.
Im Alter ist der Famous Blue Raincoat kein bisschen glücklicher geworden: Eine Live-Perfomance 2009 in Lissabon:




