Durchgelesen: Clemens Stadlbauer – “Quotenkiller”
| Autor | Clemens Stadlbauer |
| Titel | Quotenkiller |
| Verlag | Haymon |
| Erscheinungsjahr | 2003 |
| Bewertung | ***1/2 |
Dass man sterben muss, ist betrüblich genug. Aber ausgerechnet bei einem Mariah-Carey-Stück zu sterben, muss die Hölle sein. Das findet auch Tommy. Er nimmt noch einmal alle Kraft zusammen, um den Regler zu schieben, die Rolling Stones ertönen, dann verlassen ihn die Lebensgeister.
Tommy ist Radio-DJ und gerade während seiner Sendung mitten im Sender erschlagen worden. Die Szene steht am Anfang von “Quotenkiller”, dem ersten Roman des Österreichers Clemens Stadlbauer. Der 40-Jährige hat selbst reichlich Radio-Erfahrung. Und dass er weiß, wovon er spricht, merkt man in seinem Buch sehr schnell. Liebhaberei und Geschmack haben im Radio schon längst nichts mehr zu suchen. Stattdessen geht es um Quote, Karrieren und Dienstleistung.
Herrlich deutlich wird das in der Szene, als ein Kollege den blutüberströmten Tommy im Studio findet, aber zunächst noch die Nachrichten spricht (die Uhrzeit erfordert es) und dann, als er endlich den Rettungsdienst rufen will, aus lauter Gewohnheit zunächst die Nummer der Pressestelle wählt, die mitten in der Nacht natürlich nicht mehr besetzt ist.
Stadlbauers Einblicke in den Sender, in den Journalismus und die Journalisten, sind erhellend, manchmal schonungslos, aber auch nie frei von Klischees. Zudem lässt der Autor keine Gelegenheit für ein noch so geschmackloses Wortspiel oder einen hoffnungslos abgestandenen Kalauer aus (eben ganz der Radio-Mann). Da scheint dann mitunter Gerhard Delling Pate gestanden zu haben, was Sätze wie “Seinen Samenstau war Tony nicht losgeworden, jetzt ging ihm dafür auch noch der Verkehrsstau am Außenring fürchterlich auf die Eier” oder “Doch im Gegensatz zu Tom Cruise, der stets zielsicher wie die gleichnamige Missile am Ort des Geschehens einzutreffen pflegte, irrte er herum wie ein Abfangjäger des österreichischen Bundesheeres auf der Suche nach dem Feind.” zur Folge hat.
Auch die (zugegebenermaßen treffend geschilderte) Wiener Schickeria, in der sich die durchweg reichen und schönen Protagonsiten des Buches herumtreiben, droht nach einem Drittel des Buches langweilig zu werden.
Doch gerade da gibt Stadlbauer seiner Handlung eine interessante Wendung und verlegt den Kriminalroman in ein sizilianisches Fischerdorf.
Der Autor überzeugt nun (meist) mit cleveren Zitaten, originellen Ideen und einer irrwitzigen Pointe und entwickelt so eine (manchmal zu) spektakuläre, in ihren besten Momenten sogar atemlose Geschichte. Um davon allerdings gefesselt zu sein, muss man eher Musik- denn Krimifan sein. Denn auf Plausibilität legt Stadlbauer keinen Wert. Aber wie heißt es so schön: You can’t always get what you want.
Beste Stelle: “Tommy switchte sich durch die fünfzig Knöpfe der Telefonanlage und lauschte den verschiedenen Gesprächen, die da die Leitungen zum Glühen brachten. Meist waren bescheuerte Hörer dran, die irgendeinen Musikwunsch äußerten, wobei sie größtenteils nach Titeln fragten, die auf der Hitstation ohnehin auf und ab gespielt wurden, was für ihn ungefähr so sinnvoll war, wie wenn sich ein Lawinenverschütteter Schneefall wünschte. Aber gut, Tommy hatte es aufgegeben, sich über die Intelligenz der Hörer den Kopf zu zerbrechen.”
Hingehört: Black Eyed Peas – “Elephunk”
| Künstler | Black Eyed Peas |
| Album | Elephunk |
| Label | Interscope |
| Erscheinungsjahr | 2003 |
| Bewertung | ***1/2 |
Natürlich Philadelphia. Schon die Roots, Ursula Rucker, Jill Scott oder India.Arie kamen dorther und machten angenehm von sich reden. Dann war “der neue Philly-Sound” sogar dem Rolling Stone eine Story wert. Die Ostküsten-Metropole “setzt auf musikalische Virtuosität und politisiert in der Tradition der Bürgerrechtsbewegung”, stand dort zu lesen. Die Musiker seien “Menschen mit schwarzem Geschichts- und Selbstbewusstsein”. Und nun kommen die Black Eyed Peas und setzen dem Ganzen die Krone auf.
Sie weisen auf Elephunk ebenfalls die aktuellen Tugenden ihrer Heimatstadt nach: echte Instrumente, echte Anliegen, echte Gemeinschaft. Dass sie ob dieses Albums als die neuen Fugees gefeiert werden, ist nichtmal übertrieben.
Hands Up macht den Auftakt und zeigt gleich: Hier sind Leute am Werk, die nicht nur die richtigen Samples auswählen können (mexikanische Trompeten und bluesige Gitarren), sondern diese auch zu einem stimmigen Sound zusammenfügen können. Man kann dazu auch sagen: komponieren. Labor Day (It’s A Holiday) bringt noch etwas mehr Schwung in den Laden, samplet James Brown und verweist clever auf Madonna.
Ab Let’s Get Retarded gibt es dann kein Halten mehr. Der Basslauf macht schwindlig, der Beat bringt Lahme zum Gehen, dazu der beste Hip-Hop-Refrain seit O.P.P. Mit Dancehall hält Hey Mama die Party am Laufen, Shut Up setzt auf leichten Disco-Flavour samt Surf-Gitarre. Auch Smells Like Funk lebt von der (hier etwas subtileren) Spannung zwischen den männlichen und weiblichen Stimmen. Latin Girls wirft derlei Zurückhaltung über Bord und wird so zur höchst verführerischen Liebeserklärung. Quasi das echte Dirty Dancing. Ähnlich sinnlich (und mit enorm entspanntem Salt’n'Pepa-Zitat) gelingt auch Sexy, trotz Zeilen wie: “I put l.o.v. in you / I like putting me in you.”
In Fly Away und Third Eye hat Sängerin Fergie ihren großen Auftritt. Nicht nur wegen der lateinamerikanischen Elemente und ihrer Phrasierung erinnert sie dabei an Nelly Furtado. Dazu gibt es das etwas müde (und sehr europäische) The Boogie That Be und das komplett fantastische (und sehr afrikanische) The Api Song. Zusammen mit Papa Roach haben sie das unvermeidlich kraftmeiernde Anxiety geschrieben.
Und dann ziert Elephunk ja noch eine andere Zusammenarbeit. Mit Justin Timberlake haben die Black Eyed Peas Where Is The Love fabriziert, einen Traum von einem Song. Welchen Beitrag der notorisch vom Glück verfolgte Schelm dabei geliefert hat, erschließt sich nicht, ist aber auch egal. Stakkato-Streicher machen den Auftakt, dann ein Rap, der aggressiv ist, ohne kalt zu sein, schließlich der Refrain, smooth und eine Offenbarung. Dazu ein herrlich schräges Gitarrensolo (!), Celli und Dramatik. Elegant.
Drummer sind durchweg durchgeknallt. Der Beweis anhand von Let’s Get Retarded:
Die Black Eyed Peas bei MySpace.
Hingehört: Belle And Sebastian – “Dear Catastrophe Waitress”
| Künstler | Belle And Sebastian |
| Album | Dear Catastrophe Waitress |
| Label | Rough Trade |
| Erscheinungsjahr | 2003 |
| Bewertung | ****1/2 |
Waren Belle And Sebastian bisher eine Daunenfeder, die vom Frühlingswind über eine Wiese gehaucht wurde, so sind sie nun Schmetterlinge. Will sagen: Sie sind unschuldig und bezaubernd und verspielt wie eh und je, bestimmen jetzt aber selbst die Richtung. Sie sind etwas greifbarer geworden, etwas kraftvoller. Natürlich nur schmetterlingskraftvoll.
Dear Catastrophe Waitress, ist deshalb vielleicht die geeignetste Platte für Belle-And-Sebastian-Einsteiger. Das hat auch mit dem neuen Produzent Trevor Horn zu tun. Er verbirgt das Kauzige etwas – und stellt dafür den großen Pop in den Vordergrund.
Das Schlagzeug, bisher eher ein Randelement im beträchtlichen Instrumentarium der Schotten, scheint schon im Opener Step Into My Office, Baby endgültig aus der zweiten Reihe hervorpreschen zu wollen. Mit kräftigen Toms beginnt das Stück und verblüfft danach mit einer Klangvielfalt und einem Ideenreichtum, wie man es vielleicht seit Sgt. Pepper nicht mehr gehört hat. Allerlei Blech- und Holzbläser erklingen da, Streicher, ein Klavier und wunderhübscher A-Capella-Gesang. Von Überfrachtung kann dabei keine Rede sein: Alles ordnet sich fein dem Song unter und stützt ihn, statt ihn zu verbergen. Dass die Texte famos sind wie eh und je, braucht wohl kaum erwähnt zu werden.
Fast fassungslos macht dann das Titelstück. Eigentlich eine fast typische kleine Hymne. Doch was spielt sich da im Hintergrund ab? Pauken, Streicher, eine ganze Revue. Ein Wirbel voller Schönklang, der an Musicals oder (Achtung!) Operetten denken lässt und die Frage aufwirft, warum sich eigentlich sonst niemand mehr so viel Mühe bei seinen Liedern gibt.
If She Wants Me ist dann eine Alltagstragödie, wie wir sie von Belle And Sebastian kennen und schätzen, natürlich auch mit einem Spruch fürs Poesiealbum: “You are too young to put all of your hopes in just one envelope.” I’m A Cuckoo bezaubert mit seiner Gitarrenmelodie und kommt so nahe an Mainstream-Pop heran, wie es Belle And Sebastian vielleicht noch nie waren. Eine herrlich wehmütige Orgel und ein selbstverständlich altmodisches Flöten-und-Saxofon-Break zieren das famose Wrapped Up In Books.
Dann wird es vollkommen größenwahnsinnig und betörend. Zunächst Lord Anthony, das Highlight der Platte. Hier noch von einem “Lied” zu sprechen, wäre eine Frechheit. Es ist ein Werk, ein Diamant, ein Himmel! Von einem kleinen Jungen singt Stuart Murdoch da, von einem Außenseiter. Er weiß, wovon er spricht, daran gibt es keinen Zweifel – bei dieser Stimme, die so zerbrechlich ist und so voller Stolz wie die Geste am Ende des Stücks: “They call you Lord Anthony, but hey – it suits you anyway / you’ll soon be old enough to leave them / and without a notion of a care / you’ll lift two fingers in the air / to linger there.”
Dann If You Find Yourself Caught In Love, ein Gospel und eine Hymne. Schließlich Roy Walker mit reichlich wahnsinnigen Klängen (vom Glockenspiel bis zum Tischtennisball) und einem Refrain, der so platt ist und doch so unwiderstehlich, dass man an die Carpenters denken muss. Diese Musik ist so schön, wie Musik sein kann, und wie sie Heinrich Heine in einem Paganini-Konzert erlebt hat. Er soll hier das Schlusswort haben, weil es so gut passt – und wegen der Schmetterlinge:
“Die Töne treiben ein heiteres Spiel, wie Schmetterlinge, wenn einer dem anderen ausweicht, sich hinter einer Blume verbirgt, endlich erhascht wird und dann mit dem anderen, leichtsinnig beglückt, im goldenen Sonnenlichte hinaufflattert.”
Das Video zum grandiosen Lord Anthony:
Belle And Sebastian bei MySpace.
Ein rabenschwarzer Abend
Auch in den neuen schwarzen Trikots hat die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ihre schwarze Serie gegen große Gegner nicht beendet. Mit einem 0:3 (0:1) gegen Europameister Frankreich beschloss die DFB-Elf das Länderspiel-Jahr und verlebte dabei in der zweiten Hälfte einen rabenschwarzen Abend.
Zugegeben: Es hätte anders kommen können. Denn die deutsche Mannschaft spielte in der ersten Halbzeit engagiert und mutig und hatte durchaus ihre Chancen. Doch Kuranyi traf nur die Latte, als er sich nach Zuspiel von Ballack gekonnt durchsetzte und dann knallhart abzog (11.). Schneider schoss nach einer schönen Kombination über die rechte Seite knapp vorbei (14.).
Den satten 18-Meter Schuss von Jeremies nach Schneider-Pass (22.), einen Kopfball von Ballack nach einer Ecke (23.) und Bobics Schuss aus spitzem Winkel nach Fehler von Lizarazu parierte Frankreichs Keeper Coupet (34.). Möglicherweise wäre das Spiel auch anders gelaufen, hätte der bereits verwarnte Sagnol nach seinem Foul an Hinkel Mitte der ersten Halbzeit Gelb-Rot gesehen.
Doch Spekulieren hilft nichts. “Am Ende zählt das Ergebnis. Und das spricht eine klare Sprache”, erkannte auch DFB-Teamchef Rudi Völler nach dem Spiel. “Gegen solche Gegner musst du die wenigen Chancen, die du bekommst, einfach nutzen. Und eine Mannschaft wie Frankreich bestraft knallhart jeden Fehler, den du machst.”
In der Tat: Während Deutschland für wenig Ertrag erneut hohen Aufwand betrieb, kamen die Franzosen über ganz wenige Stationen immer wieder brandgefährlich vor Kahns Tor. Noch etwas hatte der Europameister den Deutschen voraus: Frankreich agierte taktisch viel flexibler. Beim 1:0 kamen diese beiden Tugenden zusammen: Rechtsaußen Pires tauchte plötzlich auf links auf, spielte Lizarazu frei, dessen Flanke nickte Henry am langen Pfosten ein (21.). Schon kurz nach dem Wechsel fiel das 2:0. Henry vernaschte Wörns, war damit frei durch und brauchte nur noch auf Trezeguet quer zu legen, der keine Mühe mehr hatte.
Mit diesem Gegentreffer brach die deutsche Mannschaft völlig ein. Nicht nur die Ordnung ging nun verloren. Bei einigen fehlte auch der Wille, dieses Spiel noch umzudrehen – und bei allen der Glaube, dass dies noch möglich ist. Die Equipe Tricolore glänzte nicht einmal, sondern ergötzte sich einfach an der eigenen Ballsicherheit, wartete auf die Fehler des Gegners und schlug dann unbarmherzig zu. Während die DFB-Elf in dieser Phase nur noch Statist war, zeigte Frankreichs Offensivquartett mit Zidane, Pires, Henry und Trezeguet, was es alles drauf hat. So beim wunderschönen 3:0, als Trezeguet eine klasse Kombination über Henry und Zidane abschloss.
“Auf Wiedersehen” skandierten danach die französischen Fans – und die deutschen Zuschauer ließen sich das nicht zweimal sagen. Scharenweise verließen sie die Schalker Arena. Wer blieb, feuerte die Gäste an und musste sehen, wie die deutsche Nationalmannschaft vorgeführt wurde wie schon lange nicht mehr.
“Das Problem ist, dass von diesem Spiel nur die letzten 20 Minuten in Erinnerung bleiben. Und da war Frankreich eine Klasse besser. Zu Beginn sah das anders aus. Gerade deshalb ist es ja so schade”, so das Fazit von Rudi Völler.
Deutschland: Kahn – Friedrich – Nowotny (76. Rehmer), Wörns, Hinkel – Baumann (71. Ernst), Jeremies – Schneider (67. Freier), Ballack – Bobic (67. Klose), Kuranyi.
Frankreich: Coupet – Sagnol (61. Gallas), Thuram, Silvestre, Lizarazu – Dacourt, Makelele – Pires (73. Wiltord), Zidane – Trezeguet (83. Govou), Henry.
Schiedsrichter: Stefano Farina (Italien). Tore: 0:1 Henry (21.), 0:2 Trezeguet (55.), 0:3 Trezeguet (81.). Zuschauer: 53574. Beste Spieler: Hinkel, Ballack – Henry, Zidane, Pires. Gelbe Karten: Baumann – Sagnol, Dacourt, Pires.
Die deutsche Mannschaft in der Einzelkritik:
Oliver Kahn: Ohne Schuld an den Gegentoren und ohne Chance, seine Klasse zu zeigen.
Arne Friedrich: Hatte auf der rechten Abwehrseite jede Menge Mühe, aber auch weniger Unterstützung als Hinkel auf links. Muss das 0:1 dennoch mit auf seine Kappe nehmen. Gute Ansätze in der Offensive stellte er nach der Pause ein.
Jens Nowotny: Hatte sich sein Comeback sicher anders vorgestellt und ist längst noch nicht wieder der souveräne Chef der Abwehr. Machte aber über weite Strecken eine ordentliche Partie.
Christian Wörns: Einen Stürmer wie Henry kann man nicht komplett ausschalten. Doch Wörns bekam seinen Gegenspieler nie in den Griff. Henry machte ein Tor und bereitete zwei Treffer vor. Beim 0:2 sah der Dortmunder aus wie ein Anfänger.
Andreas Hinkel: Der Stuttgarter war der Lichtblick in der deutschen Elf, obwohl er auf der für ihn ungewohnten linken Außenbahn ranmusste. In der Defensive sicher und mit mutigen Einzelaktionen nach vorne, bei denen er aber auch einige Bälle verlor.
Frank Baumann: Hatte alle Mühe, die Löcher im deutschen Mittelfeld zu stopfen. Ungewohnt schwach in den Zweikämpfen und blass.
Jens Jeremies: Auch er hatte die Aufgabe, die Offensivaktionen der Franzosen frühzeitig zu unterbinden und erfüllte diese Aufgabe nicht. Gewährte dem ganz starken Pires viel zu große Räume. Allerdings einer der wenigen, die bis zum Schluss Zeichen setzen wollten.
Bernd Schneider: Als Spielmacher war von ihm gar nichts zu sehen. Spielte nur Sicherheitspässe. Keine Flanke, kein Dribbling und völlig zu Recht ausgewechselt.
Michael Ballack: Im ungleichen Duell mit dem überragenden Zidane hielt er zumindest in der ersten Halbzeit mit, als er Dreh- und Angelpunkt des deutschen Spiels war und bei Standards auch torgefährlich wurde. Ging im zweiten Durchgang aber wie das gesamte Team völlig unter.
Fredi Bobic: Von Anfang an ohne Bindung zum deutschen Spiel und nahe an einem Totalausfall. Hätte eher ausgewechselt werden müssen.
Kevin Kuranyi: War der gefährlichste deutsche Stürmer und hatte bei seinem Lattentreffer Pech. Wurde nach der Pause aber lustloser und selbstmitleidig.
Paul Freier: Ohne Akzente nach seiner Einwechslung.
Miroslav Klose: Sah in 25 Minuten gegen Thuram keinen Stich.
Fabian Ernst: Dem Bremer war anzumerken, dass er das Verlieren nicht mehr gewöhnt ist. Er versuchte in den letzten 20 Minuten als einer der wenigen noch, dem Spiel eine Wende zu geben.
Marko Rehmer: Der Hertha-Verteidiger fiel zum Schluss immerhin nicht mehr negativ auf.
Hingehört: Atomic Kitten – “Whole Again”
| Künstler | Atomic Kitten |
| Single | Whole Again |
| Label | Virgin |
| Erscheinungsjahr | 2001 |
| Bewertung | **** |
Das konnte kein Anfänger sein. Dieser famose Beat, diese klasse Orgel, dieser göttliche Refrain. Hinter diesem Song musste ein Profi stecken. Jemand, der schon lange weiß, wie es geht. Und in der Tat: Andrew McCluskey, einst Kopf von OMD, hat Whole Again geschrieben. Der Mann, der uns Maid Of Orleans und manch anderen Radiohit beschert hat, haut wieder einmal einen Ohrwurm raus. Whole Again ist der perfekte Popsong.
Der Clou dabei ist allerdings, wie diese Hüpfer das singen: bloß angedeutet verrucht und unfassbar tief die Strophe, himmlisch den Refrain, bereuend und unschuldig das Break. Am Schluss wird fast geschrien. Natürlich ist das eine Schnulze, aber es ist auch Inbrunst und – jawohl – Soul.
Die ausgelassene B-Seite Holiday mit Pauken und reichlich Herumalbern fällt erstaunlicherweise nur wenig ab. Wenn man so etwas sagen darf: Klingt wie frühe Spice Girls.
Eine mehr oder weniger gelungene Cover-Version von Whole Again (in jedem Fall ist sie schnell vorbei):
Ein Selbstversuch im Eishockey

Es war ein Riesenspaß. Und das Aufstehen nach einem Sturz habe ich jetzt perfekt drauf. Foto: Charlie Rolff
Ein einziges Mal in meinem Leben war ich Schlittschuhlaufen gewesen. Ich hatte damals eine Wette verloren und musste mich dann auf dem Weihnachtsmarkt zum Affen machen. Mit Glühwein tröstete mich die junge Frau, gegen die ich die Wette verloren hatte, später über die Demütigung hinweg.
Ich ahnte also schon: Das Eis ist nicht mein Geläuf. Der Gedanke an tolle Spielzüge, gekonnte Schlenzer und perfekte Direktabnahmen war dennoch reizvoll. Und vielleicht konnte man sich mit diesem Schläger ja auch irgendwie abstützen.
Beim Betreten der Eishalle in Lauterbach überwiegt trotz eines mulmigen Gefühls die Vorfreude. Es läuft gerade das Anfängertraining. Doch die Kids, die da über die Eisfläche flitzen, sehen nicht gerade wie Anfänger aus. “Lemieux” oder “Gretzky” steht auf ihren Trikots – und so wirken sie auch auf mich. Slalom, Rückwärtslaufen, Sprint – für die angeblichen Anfänger alles kein Problem. “Um so laufen zu können wie die, muss man mindestens ein Jahr trainieren”, sagt Ilona Höhl, die beim VERC Lauterbach unter anderem für das Eishockey zuständig ist. So viel Zeit habe ich leider nicht. Mit Bullys, Bauerntricks und Bodychecks würde es heute also wohl nichts mehr werden.
Für mich gilt es zunächst einmal, einige erste Schritte zu wagen. Trainer Rudolf Thomas will mich ohne Helm nicht aufs Eis lassen. “Bei Anfängern hatten wir hier schon den Notarztwagen”, erzählt er. Das ist ja beruhigend. Schließlich bekomme ich einen Helm und öffne die Tür der Spielerbank. Mein erster Eindruck: Es ist glatter als man denkt. Ich wollte versuchen, nicht zu vorsichtig zu sein. Meine Theorie: Alle Anfänger fallen bloß deshalb ständig hin, weil sie zu zaghaft sind und umherzappeln. Die Beine immer schön zur Seite, so schwer kann das doch nicht sein.
In der Tat komme ich ganz gut voran. Der erste Versuch, die Richtung zu ändern, geht aber gleich schief. Bevor ich auf dem Hosenboden lande, kann ich mich gerade noch an der Bande festklammern. Niemand lacht, immerhin.
So geht das dann ein paar Mal. Irgendwann habe ich das Lenken raus, doch zum Bremsen muss ich noch immer gegen die Bande fahren. Jeder Versuch, etwas Neues zu probieren, wird mit einem Ausrutscher bestraft. Schließlich gehe ich vom Eis, entnervt ob meiner geringen Fortschritte. Die Anfänger trainieren derweil Slalomfahren. Ich frage mich, warum ausgerechnet sie alle so gut gepolstert sind, obwohl sie doch nie stürzen.
Vor der nächsten Trainingseinheit werde auch ich gepolstert. Es gilt, die Ausrüstung anzulegen – und das ist fast schon eine Sportart für sich. Die Spieler schleppen riesige Taschen in die Kabine. Ihre Schlittschuhe sehen aus wie neueste Errungenschaften der Raumfahrt-Technologie, einige Schläger wirken wie aus einem Mad Max-Film. Zwei Nachwuchs-Cracks trainieren schon beim Umziehen ihren Schlagschuss, indem sie mit einem Tennisball auf die Sitzbänke zielen. An der Wand hängen Poster von halbnackten Frauen. Es riecht nach Sportunterricht. Ein bisschen fühle ich mich schon wie ein Eishockeyspieler.
Einer der Jungs erklärt mir, in welcher Reihenfolge man die Riesentasche leert. Zunächst streift man sich den Schweißanzug über (warum dieser weiße Overall so heißt, werde ich später noch erfahren). Darüber kommen die Schienbeinschützer, die bis über die Knie reichen und mit Klebeband am Bein befestigt werden. Dann der Tiefschutz, die Stutzen mit Strumpfhalter, die Ellbogenpolster, der Umhang für Schultern, Rücken und Brust, schließlich die gut gefütterte Hose.
Über all diese Schützer nach das Trikot zu bekommen (passenderweise hat man mir die Nummer 13 zur Verfügung gestellt), ist gar nicht so einfach. Schließlich fehlen noch der Helm, die Handschuhe und – nicht zu vergessen – die Schlittschuhe. Die Kufen sind scharf genug, um Kartoffeln damit zu schneiden. “Gut geschnürt ist halb gewonnen”, hatte man mir gesagt. Je fester der Fuß im Schlittschuh steckt, desto mehr Stabilität hat man später auf dem Eis. Und Stabilität ist inzwischen alles, was ich mir noch erhoffe.
In kompletter Montur fällt das Eislaufen erstaunlicherweise leichter. Mit dem Schläger in der Hand bekommt man fast automatisch die richtige Körperhaltung, leicht nach vorne gebeugt. Außerdem kann man mit diesem, pardon, Stock auch kleine Ausrutscher ausbalancieren. Drahtseilakrobaten haben ja schließlich auch so ein Ding, dabei ist deren Seil nicht einmal rutschig, denke ich mir.
Als das Ausbalancieren dann doch nicht klappt, stelle ich erfreut fest, dass die Polsterung ganz ausgezeichnet funktioniert und selbst die ungelenksten Stürze kaum Schmerzen nach sich ziehen. “Ich bin jetzt 15 Jahre beim Eishockey. Und bis auf einen Schlüsselbeinbruch gab es dabei nie eine ernsthafte Verletzung”, hatte mir Schatzmeister Bertram Höhl erzählt, und das kann ich nun verstehen. Körperliche Unversehrtheit scheint die Ausrüstung zu gewährleisten.
Ich wage mich also an den Puck. Der erste Schussversuch endet mit einem lauten Schlag. Statt das Hartgummi zu treffen, habe ich ein veritables Loch ins Eis gehauen. Die Scheibe hat sich derweil nicht von der Stelle bewegt. “So einen Schläger kann auch schon mal durchbrechen”, mahnt Bastian Heinemann, der mir die Grundbegriffe erklärt.
Auch, als ich es mit etwas weniger Schwung versuche, bleibt das Schießen schwierig. Zu meiner Überraschung ist es gar kein Problem, beim Ausholen das Gleichgewicht zu halten. Stattdessen scheitere ich am Timing. Die Scheibe bewegt sich stets anders, als man denkt (meist schneller), man selbst kommt leider nicht dann zum Stehen, wenn man in der günstigsten Schussposition ist.
Zudem muss man sich derart auf die kleine Scheibe konzentrieren, dass man kaum mehr schauen kann, wo das Tor überhaupt steht. Beim fünften Anlauf treffe ich immerhin schon einmal den Pfosten. Der siebte Versuch ist dann gar im Tor. Ein platzierter Flachschuss aus spitzem Winkel, der mich in spontanen Jubel samt Becker-Faust ausbrechen lässt. “Sowas macht man beim Eishockey eigentlich nicht”, belehrt mich Bastian Heinemann, der sonst bei den Kassel Huskies trainiert.
Grund zum Jubeln habe ich danach ohnehin nicht mehr viel. Mit der Anstrengung (der Schweißanzug macht seinem Namen alle Ehre) lässt leider die Kraft nach und ich knicke immer öfter weg, was jede koordinierte Bewegung auf dem Eis unmöglich macht. Zumindest eines beherrsche ich am Ende der Trainingseinheit aber in Perfektion: das Aufstehen nach einem Sturz.
Er habe schon untalentierte Schützlinge gehabt, tröstet Bastian, als wir vom Eis gehen. Das kann ich kaum glauben. Ein Riesenspaß war es dennoch. Und beim nächsten Weihnachtsmarkt werde ich mich vielleicht sogar wieder aufs Eis wagen – auch ohne Wette.
Hingehört: Bob Dylan – “Blood On The Tracks”
| Künstler | Bob Dylan |
| Album | Blood On The Tracks |
| Label | Columbia |
| Erscheinungsjahr | 1975 |
| Bewertung | ****1/2 |
“I cannot understand how people can enjoy such pain”, hat Bob Dylan einmal über Blood On The Tracks gesagt und damit gleich formuliert, was dieser Platte so unbarmherzig seinen Stempel aufdrückt: der Schmerz. Hinter Dylan lagen gerade die erste Tour seit sieben Jahren und die Trennung von Ehefrau Sara.
Der Erfolg der Konzerte, die künstlerische Selbstbestätigung, und die persönliche Niederlage, der Zwang zum Neubeginn, prägen Blood On The Tracks. Für die Village Voice ist “die ganze Platte der furchtbare Schrei eines Mannes, der von seiner eigenen Freiheit zerrissen wird.” Da ist eine Menge dran.
Der Sound ist zunächst etwas ungewöhnlich, klinischer als auf seinen letzten Großtaten. Sogar die Stimme klingt etwas sauberer. Nur die Mundharmonika ist schief wie eh und je, und natürlich die Stimmung. “We drove that car as far as we could” singt Dylan im ersten Stück, gibt den alten Hobo und findet als einzige Konstante, dass er Tangled Up In Blue ist.
Wunderbar subtil umgarnen sich Gitarre und Bass in Simple Twist Of Fate. Dylan möchte so gerne gelassen und schicksalsergeben sein, aber er sein Stolz zwingt ihn, doch dagegen anzukämpfen. Dieses Spannungsverhältnis ist allgegenwärtig. Auch in You’re A Big Girl Now gibt er erst am Schluss auf (und den Schmerz zu): “I’m going out of my mind / (…) ever since we’ve been apart.” Im gemeingefährlichen Idiot Wind taucht es wieder auf: “It was gravity which pulled us down / and destiny which broke us apart.”
Im famosen You’re Gonna Make Me Lonesome When You Go versucht Bob Dylan, sein Selbstmitleid und seine Trauer durch kleine Scherze und scheinbare Klischees zu verbergen – und scheitert famos.
Erst am Ende gibt er die Verstellung auf, lässt die Scham sausen. Bloß der Titel klingt noch lakonisch und alltäglich: If You See Her, Say Hello. Dahinter verbergen sich Abgründe, Tränen und durchwachte Nächte. Kaum ein Song hat diesen Schmerz jemals besser ausgedrückt. “Say for me that I’m alright / though things get kind of slow / she might think that I’ve forgotten her / don’t tell her it isn’t so.” Dylan liefert sich vollkommen aus, seine Stimme zerfetzt einem das Herz. Der Text bringt das Dilemma auf den Punkt: Er bewundert sie gerade dafür, dass sie stark und einsichtig genug war, ihn zu verlassen – und vermisst sie deshalb umso mehr.
Als hätte er sich in die Sehnsucht hineingesteigert und würde sich nun erst recht erinnern, folgt danach Shelter From The Storm, das Highlight der Platte. Ganz sachte schwingt sich das Stück auf, bis es schwebt und leuchtet. “She walked up to me so gracefully / and took my crown of thorns / come in, she said, I’ll give you / shelter from the storm.”
Erstmals seit Blonde On Blonde war dies endlich wieder eine Dylan-Platte wie aus einem Guss. Oder wie der Rolling Stone es nannte: “Mehr als nur ein Lebenszeichen.”
KT Tunstall macht sich Tangled Up In Blue zu eigen:
Hingehört: Bob Dylan – “Greatest Hits”
| Künstler | Bob Dylan |
| Album | Greatest Hits |
| Label | Columbia |
| Erscheinungsjahr | 1967 |
| Bewertung | ***** |
Was soll man sagen? Zwölf Songs sind auf der Hülle aufgelistet, darunter Blowin In The Wind, It Ain’t Me Babe, Mr Tambourine Man, It’s All Over Now, Baby Blue und Like A Rolling Stone. Darunter steht: “All tracks written by B. Dylan.” Dieser Bob Dylan war bei Erscheinen der Werkschau gerade 26 Jahre alt und hatte schon ein Dutzend Monumente hingelegt.
Klassiker wie Blowin In The Wind, das den Auftakt macht. “It was just another song I wrote”, meinte der Meister einst dazu, doch mit diesem Urteil steht er ziemlich alleine da. Für seinen Biograph Gottfried Blumenstein ist es “als Lied ein Jahrhundertereignis, vergleichbar mit Luthers Choral Eine feste Burg ist unser Gott, der Marseillaise und der Internationalen“. Laut Nik Cohn haben diese 2:51 Minuten “den Pop erwachsen gemacht, ihm Verstand gegeben”.
Auch jenseits der historischen Dimension beeindruckt die unscheinbare Perfektion des Stücks. Die Message wird nicht in Metaphern versteckt, die Struktur ist leicht berechenbar, die Melodie lächerlich einfach. Das macht den Song künstlerisch so gelungen und in der Wirkung so massenkompatibel, in der Summe also zur Hymne.
Dieselbe Transparenz machen auch das Anziehende von It Ain’t Me Babe (hier bis zur Schonungslosigkeit gesteigert) und The Times They Are A-Changin (hier plakativ und voller eindrucksvoller Bilder) aus.
Schnell war er nach solchen Songs “the man who defined his generation” (New York Times). Weil er aber nicht den Führer spielen wollte, flüchtete sich Bob Dylan in unerreichten Impressionismus wie Mr Tambourine Man und ins Private. Herbeiassoziierte Bilderfluten paaren sich da mit ganz konkreten Gehässigkeiten, ob in She Belongs To Me, oder It’s All Over Now, Baby Blue. Es gehört Genie dazu, dabei nicht beliebig zu werden, sondern unverwechselbar.
Schließlich zeigt er auch seine Seite als Rocker und Rabauke. Ob Subterranean Homesick Blues, Rainy Day Women Nos. 12 & 35 oder Like A Rolling Stone: Aufrütteln will er noch immer. “Er war immer ein Störer des Friedens, auch des eigenen Friedens”, hatte Jack Nicholson bei Dylans Einführung in die Rock’n'Roll Hall of Fame ganz richtig behauptet. So hat sich Dylan immer verweigert, gewehrt und sich einen Spaß daraus gemacht, Erwartungen nicht zu erfüllen. Das hat in seiner Musik die Spannung gehalten und ihm zugleich neue Perspektiven eröffnet.
Vielleicht war es dieser fast kindliche Trotz, der ihn stets voran getrieben hat. Nicht umsonst ist Dylan dann am besten, wenn er nachtritt, beleidigt ist oder um seinen majestätischen Stolz kämpft. One Of Us Must Know zeugt davon, I Want You und natürlich Just Like A Woman. Was für eine Platte.
Van Morrison singt It’s All Over Now, Baby Blue live beim Rockpalast:
Interview mit Barbara Lochbihler

Barbara Lochbihler wirft den USA schwere Menschenrechtsverletzungen vor. Foto: obs/amnesty international
Durch den Kampf gegen den Terror nach den Anschlägen des 11. September 2001 hat sich die Menschenrechtslage verschärft. “Die Debatte über die Sicherheitspolitik ist so vorherrschend, dass Menschenrechte in einigen Regionen hinten angestellt wurden”, sagt Barbara Lochbihler, seit 1999 Generalsekretärin von Amnesty International Deutschland.
Amnesty International stelle das Sicherheitsbedürfnis der Bürger “gar nicht in Abrede. Sicherheit ist ein öffentliches Gut, das der Staat produzieren muss. Nur tut er das, indem er die Grundfeste angreift?”, fragt sich Lochbihler. Sie schließt sich der Ansicht von Außenminister Joschka Fischer (Grüne) an, wonach auch in bedrohlichen Situationen nicht von den gesetzlich garantierten Rechten abgewichen werden sollte. Lochbihler: “Es darf keinen Menschenrechts-Rabatt geben.”
Das Folterverbot oder die Zusage, nicht in ein Land abgeschoben zu werden, in dem die Todesstrafe droht, müssten unantastbar bleiben und auch für Terroristen gelten: “Diese Attentäter müssen gefasst und zur Verantwortung gezogen werden. Aber sie sind auch Menschen und verlieren ihre Menschenrechte nicht.”
Doch der Bekämpfung des Terrorismus werde inzwischen häufig die Priorität über geltendes Recht eingeräumt. Ungeliebte Minderheiten wie die Muslime in China würden von der Regierung einfach als Terroristen bezeichnet und dann drangsaliert. Auch in Tschetschenien habe das russische Militär angebliche Verbindungen der Unabhängigkeitskämpfer zur El Kaida benutzt, “um ein ganzes Volk zu tyrannisieren. Der Kampf gegen den Terrorismus ist dabei aber nur ein vorgeschobenes Argument”, sagt die 44-Jährige.
“Ohne Scham” treten ihrer Ansicht nach die USA auf, die unter dem Mantel der Terrorbekämpfung “massiv Menschenrecht und Völkerrecht gebrochen haben” und internationale Grundsätze ignorierten. Angesichts des Kriegs gegen den Terror will sie ihre Empörung gar nicht verbergen. “Die USA begehen Menschenrechtsverletzungen und sind auch noch stolz darauf, es zu tun. Die Legitimation, diesen Kampf auch für die Menschenrechte zu führen, ist an den Haaren herbeigezogen. Diese Instrumentalisierung und der selektive Einsatz schaden dem Menschenrechtsanliegen”, sagt sie.
Als Beispiel nennt sie gefangene Afghanen, die seit Monaten in Guantanamo Bay und Bagram einsitzen, ohne bisher den Grund ihrer Anklage erfahren zu haben. Da Amnesty International bisher eine Besichtigung der Gefangenenlager verweigert wurde, könne nicht ausgeschlossen werden, dass dort auch Folterungen stattfinden.
Schwerpunkt der Arbeit von Amnesty International im Irak sei derzeit das Dokumentieren von Eigentumsverhältnissen und das Forcieren der Justizreform. Daneben gelte es, Menschen Klarheit über den Verbleib ihrer vermissten Angehörigen zu verschaffen. “Oft wurden Menschen hingerichtet, ohne dass die Familie nachher informiert wurde”, erklärt Lochbihler. Wenn sie schildert, wie Iraker in der Nähe von Gefängnissen mit bloßen Händen nach möglichen Überresten graben, merkt man ihr die Betroffenheit an.
Auch in Afghanistan habe die Beseitigung des Taliban-Regimes noch nicht zu einer Verbesserung der Menschenrechtssituation geführt: “Das Land ist voller Angst.” Oft entstünden Konflikte, weil die Bevölkerung kein Vertrauen in einheimische Sicherheitskräfte hat. Lochbihler kann nicht ausschließen, “dass die Kampfhandlungen zunehmen werden”. Dennoch hat sich Amnesty International gegen eine Ausdehnung des Isaf-Einsatzes und die Entsendung deutscher Truppen nach Kundus ausgesprochen. “Mehr Sicherheit ist notwendig. Aber man darf Sicherheit nicht nur militärisch definieren”, begründet sie diese Position.
Menschrechte seien allerdings nicht nur in Krisenregionen bedroht, sondern auch hierzulande. Nach dem Regierungswechsel 1998 hätten sich zwar die Strukturen verbessert. Die Einrichtung des Deutschen Menschrechtsinstituts, das zwischen Wirtschaft, Regierung und Nichtregierungsorganisationen vermitteln soll, der aufgewertete Ausschuss für Menschrechte und humanitäre Hilfe im Bundestag oder der eigene Arbeitskreis für Menschenrechte in der Opposition seien Beispiele hierfür.
Dennoch gebe es auch in Deutschland Menschrechtsverletzungen. Unter anderem ist das Recht auf Asyl nach Ansicht von Amnesty International erst dann in vollem Maße gewährleistet, wenn nichtstaatliche Verfolgung (also durch Organisationen wie die Taliban, die keine anerkannte Regierung waren) und geschlechtsspezifische Verfolgung (Bedrohung mit Genitalverstümmelung oder Zwangsheirat in der Heimat) anerkannt werden. “Das durchzusetzen, ist ein steiniger Acker”, seufzt die Generalsekretärin.
Ein weiteres Problem stelle nach wie vor der “Korpsgeist bei der Polizei” dar. Misshandlungen und Folter bei der Arbeit von Polizisten würden durch dieses Phänomen nicht selten gedeckt. “In der Schwere lassen diese Vorfälle nicht nach, aber in der Menge”, schildert Lochbihler die Tendenz. Kurz merkt man ihr die Resignation vor den Mühlen der Bürokratie an, wenn sie auf dieses Thema zu sprechen kommt oder berichtet, wie schwierig es sein kann, einen Termin beim Innenministerium zu bekommen. Statt den Menschenrechtsstandard in Deutschland auf EU-Level anzuheben, agiere die Bundesregierung “sehr kleinspurig und rückwärts gerichtet”.
Problematisch sei die Menschenrechtssituation auch bei einigen EU-Beitrittskandidaten. “Zum Beispiel in Weißrussland müssen noch enorme Reformen angestrebt werden”, sagt sie. Das reiche von nicht realisierter Meinungsfreiheit über die Zustände in den Gefängnissen bis hin zur Todesstrafe: “Wenn ich mit dem Botschafter spreche und er mir erklärt, dass sein Volk die Todesstrafe braucht, zeigt das, dass dort noch ein ganz anderes Verständnis von Herrschaft und Obrigkeit herrscht.” Dennoch begrüßt sie das Streben zahlreicher ehemaliger Ostblock-Staaten in die europäische Gemeinschaft. “Für uns ist deren Ansinnen, in die EU zu kommen, ein sehr guter Hebel, um dort einen Verhaltenswandel herbeizuführen”, so die 44-Jährige, die Sozialpädagogik, Politikwissenschaft, Volkswirtschaft und Internationales Recht studiert hat.
Für eben diesen Verhaltenswandel hat Amnesty International ihrer Ansicht nach bereits häufig gesorgt. Lochbihler muss nicht lange überlegen, wenn es gilt, konkrete Erfolge ihrer Organisation zu benennen. So gebe es keine klassischen Militärdiktaturen mehr in Lateinamerika. Zahlreiche Menschenrechtskonventionen seien weiterentwickelt und angeregt worden. Viele Menschen seien aus der Haft befreit und vor Folter bewahrt wurden. Selbst da, wo noch Menschenrechte verletzt werden, habe die Arbeit von Amnesty International bereits Wirkung gezeigt. “Wir haben dazu beigetragen, dass kein Machthaber mehr stolz ist auf seine Menschenrechtsverletzungen.”
Die Arbeitsweise der Organisation ist dabei im Wandel. Derzeit wird das System der “Early Warning” praktiziert, Amnesty International möchte also möglichst frühzeitig auf Menschenrechtsverletzungen hinweisen. “Wir stellen unsere Ergebnisse jedem, der sie hören will, und auch denen, die sie nicht hören wollen, zur Verfügung”, erklärt Lochbihler. Während die Tätergruppe – Polizei, Geheimdienst, Justiz und Militär – ähnlich geblieben sei, handele es sich bei den Opfern von Menschenrechtsverletzungen “immer weniger um klassische politische Gefangene, sondern immer mehr um Verlierer der wirtschaftlichen Globalisierungsprozesse”. Auch deshalb werde man in Zukunft möglicherweise “strategisch relevanter vorgehen” und sich auf aktuelle Krisengebiete konzentrieren. “Schließlich haben wir auch eine Verantwortung dafür, was in 20 Jahren sein wird.”







