Durchgelesen: Benjamin von Stuckrad-Barre “Remix 2″
| Autor | Benjamin von Stuckrad-Barre |
| Titel | Remix 2. Festwertspeicher der Kontrollgesellschaft. |
| Verlag | KiWi |
| Erscheinungsjahr | 2004 |
| Bewertung | ***1/2 |
Der Titel führt in die Irre. Wer “Remix” gelesen und genossen hat und hier die Fortsetzung der Sammlung lustiger Anekdoten, famoser Glossen oder beißender Häme erwartet, wird enttäuscht.
Zwar gibt es das mitunter, meist in Form der bereits in diversen Zeitungen und Magazinen erschienenen Texte. Die “Rockliteratur” liest sich immer noch köstlich, “Oasis auf Gigantenschultern” wird wohl ewig das beste bleiben, was je über die Band geschrieben wurde. Der Besuch bei der MDR-Kuppelshow “Je t’aime” gerät ebenso unterhaltsam wie einfühlsam (eine Eigenschaft, die man von Stuckrad-Barre gar nicht erwartet hätte), gleiches gilt für “Paola und Kurt Felix”.
Doch den Großteil von “Remix 2″ machen andere Texte aus. Stuckrad-Barre setzt dabei eine Tendenz fort, was schon seine letzten Werke ausgemacht hat. Schon die Titel sprachen Bände: “Blackbox”, “Transkript”, “Deutsches Theater”, “Voicerecordings”. Der diesmal gewählte Untertitel setzt diese Reihe fort: “Festwertspeicher der Kontrollgesellschaft”. Von einem Autor im Wortsinne, also jemandem, der etwas neues aus sich selbst heraus generiert, kann hier keine Rede mehr sein.
Viel eher ist Stuckrad-Barre hier Chronist, Medium, Archivar. Er hält fest, was in Gästebücher geschrieben, auf Schulwände geschmiert und in Bäume geritzt wird. Das hat einige Längen und man kann mit einigem Recht fragen, wer so etwas eigentlich lesen will.
Trotzdem ist “Remix 2″ ein gutes und auch sehr persönliches Buch. Denn gerade der gelegentlich ausschweifende Umfang der gefundenen Zitate und die manchmal ermüdende Summe der Fundstücke lassen eines (gerade auch im Hinblick auf den Autor) ganz deutlich werden: Verwirrung. Hier wird zwischen den Zeilen immer wieder die Frage gestellt, ob es an einem selbst liegt oder an den anderen. Die Antwort ist nicht selten Kopfschütteln, immer Suche nach Halt und Orientierung. Das unterstreichen die verschiedenen Tagebuchauszüge.
Insgesamt ist “Remix 2″ kein besonders unterhaltsames Buch. Sein Wert liegt nur selten in den einzelnen Texten, sondern im Sammeleifer und in der Kunst der Kompilation. Deshalb ist es ein authentisches Dokument unserer Zeit.
Durchgelesen: Jochen Schimmang – “Carmen”
| Autor | Jochen Schimmang |
| Titel | Carmen |
| Verlag | KiWi |
| Erscheinungsjahr | 1992 |
| Bewertung | *** |
Mal ironisch, mal erotisch, wird die Geschichte des einsamen Archivars Simon Simon erzählt, der vor langer Zeit der Fleischeslust abgeschworen hat, dann aber in die Fänge der jungen Carmen gerät.
Das Buch lebt von seiner Leichtigkeit und dem, was Schimmang stets auszeichnet: Eleganz und Geist, vor allem aber eine milde Melancholie. Wie der auktoriale Erzähler auf Distanz zu den Personen bleibt, zwischen den Zeilen aber jede Menge Mitleid für sie hat, lässt gelegentlich gar an Hermann Hesse denken. Ein amüsantes kleines Büchlein.
An der besten Stelle gerät keineswegs die heißblütige Spanierin, sondern der kühle Wissenschaftler außer sich, weil er Carmen mit einem anderen Mann gesehen hat: “Rache! Habe ich nicht Augen, Sinne, Hände, Neigungen, Leidenschaften? Wenn ich eine schöne Frau sehe, die mir gefällt, bin ich nicht erregt? Wenn ich sie zu lieben beginne, habe ich nicht das Recht, um sie zu kämpfen? Wenn man mich sticht, blute ich nicht? Wenn man mir Gift gibt, und sei es mit Worten, sterbe ich nicht? Wenn man mich verspottet, mich einen Idioten nennt, soll ich mich nicht rechen? Er stolperte durch den Garten. Die Amsel hatte schon zu singen begonnen. Er stürzte auf den Baum zu, rüttelte dran, wollte hinaufklettern, um sie zu erwürgen, und sie flog davon.”
Hingehört: Jet – “Get Born”
| Künstler | Jet |
| Album | Get Born |
| Label | Elektra |
| Erscheinungsjahr | 2003 |
| Bewertung | **** |
Oh mein Gott: die Rolling fucking Stones. Das ist der erste Gedanke. Diese Platte klingt so verdammt souverän, wie man es bei einem Debütalbum kaum für möglich gehalten hätte. Get Born wimmelt von klassischen Riffs und Balladen, die dringend ins Stadion wollen (live lassen Jet das Publikum gern ganze Passagen singen und covern zudem Elvis). Auch sonst ist alles da: Die Posen sitzen, die Outfits stimmen und selbst der Bandname klingt schon nach Rocklexikon. Der NME hatte ganz recht: “Jet are rock’n'roll stars – just try stopping them”.
Das dürfte nicht so leicht werden. Eigentlich können diese vier Australier nur an einem Punkt scheitern: Sie sind zu früh zu gut. Wenn der erste Longplayer bereits wie ein Greatest-Hits-Album klingt, kann eigentlich nicht mehr viel folgen als die ewige Wiederholung all der Rock-Klischees, die (noch so ein heikler Punkt) schon ausgelutscht genug sind.
In der Tat: Aktualität und Originalität erreichen Jet nur bei einem Song: Das geniale Are You Gonna Be My Girl vereint irgendetwas von der Urgewalt des Rock’n'Roll (meinetwegen die Kinks) mit irgendetwas von heute (meinetwegen den Hives) und irgendetwas eigenem (dem Riff und der Stimme von Nic Cester).
Dieses Niveau erreichen die anderen Kracher nicht mehr, bleiben aber dabei noch immer Kracher. Das gilt für Get Me Outta Here, Last Chance und Get What You Need. Noch ein Stück besser sind das auf Subtilität pfeifende Cold Hard Bitch und Lazy Gun mit verzögertem Beat, reichlich Who-Anleihen und einem traumhaften Break.
Und dann sind da ja noch diese Balladen. Look What You’ve Done ist, gestehen wir es ruhig, fast so gut wie Stop Crying Your Heart Out. Das Country-angehauchte Move On lässt kurz an Wild Horses denken. Come Around Again schmachtet gar niedlich und bleibt dabei ganz entspannt, statt pathetisch zu werden. Timothy lässt sich schließlich völlig gehen und endet dabei in leichter Psychedelia.
Gerade ihre Fähigkeit, auch solche Schmachtfetzen zu schreiben, könnte für Jet der Schlüssel zur Welt-Karriere werden. Denn erstens werden die Mädels sie dafür lieben, zweitens hat sonst niemand aus der New-Rock-Bewegung dergleichen zu bieten. This will be played on your radio.
Hab’ ich doch gesagt, dass sie gerne die Fans singen lassen: Das wunderhübsche Look What You’ve Done, live beim Heimspiel im Melbourne:
Hingehört: Ryan Adams – “Love Is Hell 2″
| Künstler | Ryan Adams |
| EP | Love Is Hell, Part Two |
| Label | Lost Highway |
| Erscheinungsjahr | 2003 |
| Bewertung | ****1/2 |
Eine Freundin hat mir unlängst einen Sampler empfohlen mit dem Untertitel “34 songs that will save your life”. Das war nicht mal gelogen: ein Lied schöner als das andere! Im Gegenzug habe ich ihr ebenfalls eine Zusammenstellung versprochen. Arbeitstitel: “Mal du siècle”, Untertitel natürlich: “34 songs that will not save your life”. Neulich musste ich ihr leider mitteilen, dass aus meinem angekündigten Sampler nichts wird. Denn eine solche Platte sei bereits erschienen. Von Ryan Adams.
Ich bin natürlich ein großer Gegner von Selbstmorden, aber hier findet man wirklich ein paar gute Gründe dafür – und den perfekten Soundtrack dazu. AllesAllesAlles hat sich auf Love Is Hell, Part Two gegen Ryan Adams verschworen. Die Stadt ist zu anstrengend: “It’s you against me most days”, schimpt er auf My Blue Manhattan. Das Zuhause macht sich über ihn lustig: “If the walls in this room could talk / I wonder to myself: would they laugh?”, muss sich Adams in Please, Do Not Let Me Go eingestehen. Das Bett taugt auch nicht mehr als letztes Refugium: “Oh, the city rain / it floods the city streets / and in my city bed”, beginnt City Rain, City Streets. Selbst die (Tag)Träume sind eine Qual: Still I See Monsters.
Die Liebe, mein Gott, ist auch kein Trost, sondern bloß der tiefste Dorn im Fleisch: “You said you didn’t love me, it was right on time / I was just about to tell you, but okay, alright / said you didn’t love me, didn’t want a thing / English girls can be so mean”, heißt es in English Girls Approximately. Ganz am Schluss, in Hotel Chelsea Nights, kann Ryan Adams es dann kaum mehr ertragen: “I feel like getting rid of all my things / Maybe just disappear into the fog.”
Das wäre nur konsequent, könnte man meinen, spätestens wenn man den unfassbaren Bonustrack gehört hat, der Fuck The Universe heißt – und auch so klingt. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn natürlich finden sich auf Love Is Hell auch wieder genug Gründe, um am Leben zu bleiben. Denn wer weiß, ob man nach dem Tod nochmal so etwas verdammt wunderschönes zu hören bekommen wird wie das einsetzende Klavier im fantastischen Please, Do Not Let Me Go. Oder die Streicher in Thank You Louise. Oder den himmlischen Gesang in Hotel Chelsea Nights, mit viel Hall fast an Purple Rain von Prince erinnernd und keinen Deut schlechter. Oder die reizvolle Paarung der Stimmen von Ryan Adams und Marianne Faithfull in English Girls Approximately. Nachdem in diesem Stück schon die ganze Katastrophe dargestellt ist, macht Adams mit zwei Zeilen eine Tragödie daraus und zerreißt einem das Herz: “Just three words my love: you meant everything.” Der größte Moment der Platte, ganz knapp vor dem Urschrei: “Fuck you and fuck the universe”.
Natürlich ist das, wie der Slogan Love Is Hell nur halb Ernst gemeint. Beides verwünscht Adams nicht, weil er es für Illusionen hält oder unvollkommen findet. Im Gegenteil: Er weiß (oder ahnt), dass die Liebe irgendwann seine Erfüllung und die Welt einst sein Zuhause werden kann, auch wenn sie diesem Anspruch jetzt noch viel zu selten gerecht werden. Doch gerade das ist das famose (und hinterhältige) an einem Ideal: Es lässt einen immer weiterkämpfen. Und weiterleben.
Eine seltsamerweise zunächst leicht humoristische (oder stark alkoholisierte) Live-Performance des wunderhübschen Please Do Not Let Me Go aus Liverpool.
Durchgelesen: Mark Costello – “Paranoia”
| Autor | Mark Costello |
| Titel | Paranoia |
| Verlag | Goldmann |
| Erscheinungsjahr | 2002 |
| Bewertung | **** |
Mit seinem zweiten Roman hat Mark Costello in den USA einiges Aufsehen erregt. “Paranoia” wurde für den National Book Award nominiert und brachte dem Autor unter anderem Vergleiche mit Don DeLillo ein. Costello einen “Schriftsteller von hohem Rang” (Jonathan Franzen) zu nennen oder ihn gar “in die erste Riege der amerikanischen Literatur” zu erheben (Jay McInerney), ist vielleicht ein bisschen verfrüht. Auf jeden Fall hat Mark Costello aber das richtige Buch zur richtigen Zeit geschrieben.
In der Geschichte der Secret-Service-Agentin Vi Asplund, die für die Unversehrtheit des amerikanischen Vizepräsidenten zu sorgen hat, wird schnell klar, wer hier genau an Verfolgungswahn leidet: God’s own country höchstselbst. In einer handvoll Figuren gelingt es Costello, all die Traumata und Komplexe der USA zu konzentrieren. Die Indianer, Vietnam, Kennedy, der Rassismus, die Bigotterie, der New-Economy-Crash: All das schlummert unter der Oberfläche, wird nicht aufgearbeitet, sondern ignoriert oder verdrängt. Und so werden Menschen, Familien, Firmen, Parteien und Staaten zu höchst fragilen Gebilden.
Costello beeindruckt nicht nur mit einem unverstellten Blick auf sein Land, das er dabei gelegentlich schon einmal der Lächerlichkeit preis geben muss, sondern auch mit einer filigranen Konstruktion, die dem Roman erst ganz zum Schluss seine volle Wucht verleiht. Ein paar Szenen (etwa die Angst der Bodyguards vor der Menschenmenge, die Touren der Wahlhelfer) sind ganz famos arrangiert und packend erzählt, dazu gelingen Costello rührende Momente und intelligente Metaphern (etwa die Besiedlung Amerikas und das Westwärts-Streben als neues Internet-Computerspiel).
Seine größte Stärke ist allerdings, dass er nicht zu explizit wird. Es bleibt dem Leser überlassen, Querverbindungen zu erkennen und zu analysieren. Auch der elegante Witz Costellos drängt sich nirgends auf. Und schließlich wird das Ereignis, das dem Buch des Ex-Staatsanwalts seine Aktualität verleiht, nirgends erwähnt, ist aber dennoch allgegenwärtig: Dass sich Amerika seiner Verletzlichkeit seit dem 11. September noch mehr bewusst ist, sie sich als einzig verbliebene Supermacht aber nicht eingestehen kann – dies ist Costellos Botschaft und der Grund für die Paranoia seiner Charaktere.
Beste Stelle: “Peta rief zu Hause an. Die Mailbox sprang an, Peta hörte ihre eigene volle, wohltönende Telefonstimme. ‘Hier ist das Domizil der Familie Asplund-Boyle. Wenn sie Meinunsforscher sind, drücken sie bitte die Eins, um unsere Ansichten zu erfahren und rufen sie nicht noch einmal an; wenn sie ein Mensch sind drücken sie die Zwei und hinterlassen eine Nachricht. Einen schönen Tag noch. Bye!’ Peta war versucht, die Eins zu drücken, weil sie dachte, sich anzuhören, was sie glaubte, könnte vielleicht beruhigend oder aufmunternd wirken, doch der Klang ihrer eigenen Stimme genügte bereits.”
Durchgelesen: Frank Goosen – “Mein Ich und sein Leben”
| Autor | Frank Goosen |
| Titel | Mein Ich und sein Leben. Komische Geschichten |
| Verlag | Eichborn |
| Erscheinungsjahr | 2004 |
| Bewertung | ***1/2 |
Pinguine sind seltsame Tiere. Wenn sie allein rumstehen, wirken sie recht beeindruckend, souverän, ja majestätisch (machen von ihnen nennen sich sogar “Kaiser”). Aber wenn man sie als Gattung betrachtet, muss man sich doch sehr wundern. Sie sind gewissermaßen gegen ihre Natur. Schräge Vögel, sozusagen. Schließlich können sie deutlich besser schwimmen als fliegen. Und wenn sie sich dann wie in einer Massenhysterie alle gleichzeitig von ihren Brutplätzen ins eiskalte Wasser stürzen, sehen sie ziemlich doof dabei aus.
Dass Pinguine darin den Menschen ziemlich ähnlich sind, weiß Frank Goosen. Wie gut er die Menschen kennt, ihre Macken und Mängel, zeigt er in “Mein Ich und sein Leben.” Der Sammelband mit Erzählungen, Glossen, Kolumnen und Kurzgeschichten ist mit “Komische Geschichten” untertitelt; und auch damit zeigt der Bochumer (wie mit den Pinguinen auf dem Einband) einen feinen Sinn für Doppeldeutigkeit. Denn “komisch” kann sowohl “belustigend” als auch “seltsam” bedeuten. Und von seltsamen Charakteren, Moden und Orten wimmeln diese belustigenden Geschichten.
Chronologisch geordnet ergeben sie Goosens Biographie, von der Kindheit in den 1970ern bis zum Vatersein im dritten Jahrtausend. Das sind nicht nur rührende Tagebucheinträge, die auch die eigenen Spleens aufs Korn nehmen, sondern Zeitdokumente, die Allgemeingültigkeit beanspruchen können. Denn Goosen verfügt über drei große Stärken: ein waches Auge, gute Ohren und ein unfassbares Gedächtnis. So entgeht ihm kaum eine krude Abseitigkeit, keine kleine Tragödie und keine schmutzige Fantasie.
Man würde den Autor allerdings beleidigen, wenn man ihn nur als guten Beobachter bezeichnete. Der Alttag erstraht hier auch deshalb als ein Fundus an Kuriositäten, weil Goosen punktgenau formuliert und ein in langen Lesereisen geschultes Gefühl für das richtige Timing hat. So wird man es kaum schaffen “Alle meine Tiere” zu lesen, ohne laut zu lachen, die “Hochzeit mit Ginger Rogers” ob seiner punktgenauen Dialoge schätzen und erkennnen, dass die sechs Seiten von “Wie Ralle zum Film kam (und ich nicht)” deutlich unterhaltsamer sind, als die gesamte Verfilmung von Goosens Erfolgsroman “Liegen lernen.”
Beste Stelle: “Als ich schon aus dem Alter raus war, wo man an Bienchen und Blümchen glaubt, die Wahrheit über das Kinderkriegen aber noch nicht fassen konnte, habe ich meinen Vater mal gefragt, wo ich denn herkäme. Er tat so, als sei er mit wichtigen Staatsgeschäften befasst, und schickte mich zu meiner Mutter. Die schüttelte den Kopf und sagte, ich solle meinem Vater ausrichten, er solle sich nicht so anstellen.”
Durchgelesen: Salman Rushdie – “Der Boden unter ihren Füßen”
| Autor | Salman Rushdie |
| Titel | Der Boden unter ihren Füßen |
| Verlag | Kindler |
| Erscheinungsjahr | 1999 |
| Bewertung | **** |
Rushdies Rock-Roman. Ormus und Vina, die sich vom ersten Blick an verzehrend lieben, schaffen den Aufstieg aus der dritten Welt in den Rock-Olymp.
Es ist eine Geschichte von Menschen, die besessen sind. Besessen von Frauen, besessen von Männern, besessen von Liedern, von Indien, von Amerika, von Mythologie. “Obsession ist das Ausleben eines geheimen Schmerzes”, schreibt Rushdie an einer Stelle, und wenn er diesen Gedanken verfolgt, ist “Der Boden unter ihren Füßen” am stärksten und schlüssigsten. Dann hat der Autor das passende Ziel, um die Kraft seiner Sprache konzentrieren zu können, wie hier: “Ihr Wissen über mich war so tief, ihre Version so zwingend, dass sie meine verschiedenen Identitäten zusammenhielt. Um nicht den Verstand zu verlieren, wählten wir unter den diversen widerstreitenden Darstellungen unserer Ichs; ich wählte die ihren. Ich akzeptierte den Namen, den sie mir gab, und die Kritik, und die Liebe, und nannte diese Auslegung Ich.”
Dass er selbst ebenfalls ein Besessener ist, zumindest ein Faszinierter und Bewunderer, wird ebenfalls deutlich. Seine Kostproben in diesem Werk zeigen: An Salman Rushdie ist offensichtlich ein famoser Rockkritiker und mehr als passabler Songtexter verlorengegangen.
Doch leider will Rushdie auch auf reichlich Nebenschauplätzen seine Stärke beweisen, und so steckt das Buch voll von Querverweisen. Das beginnt bei der ständig parallel laufenden Orpheus-und-Eurydike-Sage und reicht weiter über jede Menge Metaphern und Anspielungen, die wahlweise musikalisch (was man auf Grund der schwachen Übersetzung nicht immer gleich merkt), politisch oder mythologisch sind. Das mündet mitunter in einer Bildungsbeflissenheit, die zwar beeindruckend ist, aber auch penetrant. Besonders, wenn sich die Figuren in ihr Selbstmitleid, ihre Orientierungslosigkeit oder ihre Coolness (von allem gibt es reichlich) hineinsteigern, wirkt das schrecklich manieriert – und stört zudem die echte Geschichte, die faszinierend genug ist.
Unterm Strich hilft es auf jeden Fall, Musikliebhaber zu sein, um das Buch gut zu finden. Dann gibt es – jenseits all der Zitate und des etwas spinnerten Erdbeben-Motivs, das nach dem famosen Beginn schnell seine Kraft und Plausibilität verliert – eine Menge zu entdecken.
Beste Stelle: “Das waren die Faktoren, die Ormus Cama aus den normalen Familienbanden befreiten. Jenen Banden, die uns ersticken, die wir aber Liebe nennen. Weil es ihm gelang, diese Bande zu lösen, wurde er – mit all den dazugehörenden Schmerzen – frei.”
Hingehört: Outkast – “Speakerboxxx/The Love Bewlow”

Da ist der Fangroschen noch was wert: "Speakerboxxx/The Love Below" ist kein Outkast-Album, sondern zwei Soloplatten.
| Künstler | Outkast |
| Album | Speakerboxxx/The Love Below |
| Label | Arista |
| Erscheinungsjahr | 2003 |
| Bewertung | ***1/2 |
Zunächst mal die Fakten: Speakerboxxx/The Love Below ist eigentlich gar kein Doppelalbum, sondern zwei Soloalben. Andre 3000 hatte The Love Below ursprünglich als sein eigenes Werk rausbringen wollen, die Plattenfirma war dagegen und schlug vor, Big Boi sollte doch einfach auch etwas beisteuern.
Als der dann Speakerboxxx im Kasten hatte, war Andre noch immer nicht mit The Love Below fertig (unter anderem kam in letzter Minute noch ein gewisses Stück namens Hey Ya! dazu), so dass Big Boi nun wiederum seine Platte solo rausbringen wollte. Schließlich waren beide Alben fertig, das Ganze erschien doch als neues Outkast-Werk, schlug ein wie eine Bombe, bekam achtfach Platin und den Grammy als Album des Jahres.
Die Trennung ist allerdings längst nicht so streng, wie diese komplizierte Entstehungsgeschichte vermuten lässt: Andre Benjamin hat an fünf der Speakerboxxx-Songs mitgeschrieben, Big Boi auch bei einem The Love Below-Stück mitgearbeitet. Von der doppeltes-Soloalbum-Konstruktion sollte man sich keineswegs täuschen lassen: Hier steht nicht bloß Outkast drauf, hier steckt auch Outkast drin. Und das bedeutet: Dem Irrsinn und Spaß sind keine Grenzen gesetzt.
Wenn man Speakerboxxx/The Love Below genau hört, bemerkt man, dass erstaunlich wenig gerappt wird. So ist der Opener Ghetto Musick eher eine Art Elektro-Scat, durchsetzt mit einem Sample von Patti LaBelle. Es folgen Unhappy (ein verdammt smoothes Soul-Irgendwas), Bowtie (bläsergestützter Sly-Stone-Funk) und The Way You Move (Santana auf Viagra und Dope).
Spätestens bei The Rooster gehen einem dann die Genres aus. Steel-Drums sind da zu hören, Bläser, das Kikeriki eines Hahns – und aus all dem entwickelt sich nicht bloß ein Groove, sondern ein Sog. Auf Bust wird dann schlicht gerockt, samt Gitarren und echten Drums. Wie Gospel klingen würde, wenn George Clinton ihn macht, lässt Church ahnen, samt Slap-Bass und Cemballo.
Das unverschämt sanfte Reset besticht mit feinem Orgel-Hook und betörenden Harmonies von Khujo Goodie, Cee-Lo und Debra Killings. Last Call ist zum Abschluss von Teil 1 schließlich ein Kracher mit Killer-Chorus.
Allerdings kann derlei Experimentierfreude auch mal tüchtig daneben gehen. So ist der düstere Break-Beat-Minimalismus von Tomb Of The Boom sehr schnell nervig. Auch Flip Flop Rock, eine Zusammenarbeit mit Killer Mike und Jay-Z, erfüllt die Erwartungen nicht, die solche Mitstreiter (und so ein Titel) wecken.
Vor solchen Fehlgriffen ist natürlich auch Andre 3000 nicht gefeit. Die Raps auf Happy Valentine’s Day tragen das ansonsten sehr reduzierte Stück nicht richtig. Spread ist auch eher hektisch als packend, She’s Alive einfach langweilig.
Allerdings frappiert auch er auf The Love Below mit enormer Vielfalt und gelegentlicher Abseitigkeit. Love Hater ist eher Swing als Rap. Als lupenreinen Pop könnte man das famos schwingende Roses und das unverschämt kuschelige Prototype bezeichnen. Immerhin enorm fantasievoll und innovativ sind Pink And Blue und Dracula’s Wedding (mit Kelis).
Über Hey Ya! muss man nicht mehr viel sagen: ein Monster von einem Song, groovy, catchy und clever. Take Off Your Cool gerät schließlich auch dank der Stimme von Norah Jones zu einem verführerischem Mix aus Jazzbar und Turntable.
Man muss angesichts solcher Songs und solchen Forscherdrangs jetzt nicht behaupten, dass Big Boi und Andre 3000 die Lennon/McCartney des HipHops sind (da stand schließlich auch immer “Lennon/McCartney” drunter, egal, wer von beiden den Song geschrieben hatte). Aber wie schon auf dem Vorgänger Stankonia nutzen Outkast den HipHop lediglich als Rahmen, um ihre musikalischen Vorlieben zu frönen und ihre abseitigen Ideen auszuleben – und reihen sich damit in die schöne Tradition der Beastie Boys oder von De La Soul ein.
Genial: Chris Rock macht aus Hey Ya! einfach Crackers. Und damit sind keine Kekse gemeint:







