Durchgelesen: Hermann Hesse – “Klingsors letzter Sommer”

November 30, 2004 · Posted in Bücher, Bücherregal · Comment 

In "Klingsors letzter Sommer" ist Hesses Sprache schillernd und prächtig wie selten.

Autor Hermann Hesse
Titel Klingsors letzter Sommer
Verlag Suhrkamp
Erscheinungsjahr 1920
Bewertung ****

Klingsor ist Maler. Man muss das nicht der Handlung entnehmen. Man kann es auch der Form anmerken. Hesses Sprache ist hier so schillernd und prächtig wie selten. Man kann beinahe die Farbkleckse zwischen den Zeilen ausmachen und die Palette des Künstlers inmitten satter Landschaften leuchten sehen.

Diese Buntheit fällt vor allem im Vergleich zu “Roßhalde” auf, Hesses anderem Maler-Roman. Freilich gibt es auch Parallelen, vor allem das Scheitern, das auch Klingsor zur Verzweiflung und künstlerischen Höhenflügen treibt.

Sein Scheitern beruht nicht auf Unfähigkeit, sondern auf der Unmöglichkeit des Verzichts. Klingsor liebt das Leben, er erkennt, was für ein grandioses Versprechen es ist – und er sieht nicht ein, warum er dabei irgendwelche Abstriche machen sollte: “Warum gab es Zeit? Warum immer nur dieses idiotische Nacheinander, und kein brausendes, sättigendes Zugleich?”

Am Schluss weiß er, dass er der Welt nichts besseres geben kann als sich selbst (und ein Selbstporträt). Diese Erkenntnis ist fast schon eine Gnade.

Beste Stelle: “Freude durchzuckte ihn und tiefe Schöpfungswonne wie ein feuchtes frohlockendes Gewitter, bis Schmerz ihn wieder zu Boden warf und ihm die Scherben seines Lebens und seiner Kunst ins Gesicht schmiss. Er betete vor seinem Bild, und er spie es an. Er war irrsinnig, wie jeder Schöpfer irrsinnig ist.”

Hingehört: Saybia – “These Are The Days”

November 5, 2004 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

Saybia setzen mit "These Are The Days" auf den A-ha-Moment.

Künstler Saybia
Album These Are The Days
Label Capitol
Erscheinungsjahr 2004
Bewertung ****

Im Vorprogramm der falschen Band zu touren, kann einem ziemlich schnell die Karriere ruinieren. Fragen Sie mal Brainpool. Die hatten 1995 eine tolle Platte im Gepäck, mit der sie zuhause schon groß abgesahnt hatten, und machten sich dann als Anheizer für die Mit-Skandinavier Roxette auf Weltreise. Weil deren Publikum nicht die richtige Zielgruppe für punkigen Powerpop war, hatte sich die Sache mit dem großen Durchbruch dann bald erledigt.

Saybia scheinen daraus nichts gelernt zu haben. Sie hatten 2002 eine tolle Platte im Gepäck, mit der sie zuhause schon groß abgesahnt hatten, und machten sich dann als Anheizer für die Mit-Skadinavier A-ha auf Europareise. Doch bei ihnen ging es gut.

Das wundert nicht. Denn die Musik der fünf Dänen dürfte eigentlich jeden überzeugen, der gerne einen guten Popsong hört. Kleine Orientierungshilfe: Danish Dynamite sind Saybia auch auf ihrem zweiten Album These Are The Days nun wirklich nicht. Meist geht es beschaulich und akustisch zu, gar ein Akkordeon ist zu hören. These Are The Days lässt öfter an Embrace, Coldplay und Keane denken – und wimmelt von Hits.

Brilliant Sky ist ein famoser Opener, so energisch wie eingängig. Das darauf folgende Bend The Rules hat die Emphase und Raffinesse der besten Travis-Songs. Ein weiterer Höhepunkt ist die Gitarrenpracht von Haunted House.

Der Refrain von Stranded klebt in den Gehörgängen wie ein Kaugummi am Schuh. Und wenn Sänger Sören Huss dabei seine Stimme in höchste Höhen schraubt, klingt er tatsächlich ein bisschen wie Morten Harket.

Ob Saybia mit These Are The Days nun die Welt erobern werden, steht in den Sternen, wie es in dem Lied so schön heißt. Auf die Hilfe von A-ha sollten sie mit so einem starken Album jedenfalls künftig verzichten können.

Das Video zu Bend The Rules scheint irgendwie von Schluze gets the Blues inspiriert:

Saybia bei MySpace.

Durchgelesen: Hermann Hesse – “Klein und Wagner”

November 3, 2004 · Posted in Bücher, Bücherregal · Comment 

Überall wo Freude ist, lässt Hesse in "Klein und Wagner" den Abgrund lauern.

Autor Hermann Hesse
Titel Klein und Wagner
Verlag Suhrkamp
Erscheinungsjahr 1920
Bewertung ***1/2

Die Handlung ist schnell erzählt: Der einstige Spießbürger Klein unterschlägt Geld, fliegt auf, verlässt Frau und Kinder und versucht unter anderem Namen dies alles zu vergessen und vieles nachzuholen.

Es ist eines von Hesses frühesten Werken, und eines seiner kürzesten. Dennoch ist schon alles da: das Scheitern an der bürgerlichen Welt, die Flucht in die Schweiz, der alte Mann, die junge Frau. Natürlich auch: die Zweifel, die Fragen, das Haltsuchen.

“Niemals seit seiner Jugendzeit war Klein so unmittelbar und so einsam seinen Gefühlen überlassen gewesen, niemals so in der Fremde, niemals so nackt und senkrecht unter der unerbittlichen Sonne des Schicksals. Immer war er mit irgend etwas beschäftigt gewesen, mit etwas anderm als mit sich selbst, immer hatte er zu tun und zu sorgen gehabt, um Geld, um Beförderung im Amt, um Frieden im Hause, um Schulgeschichten und Kinderkrankheiten; immer waren große, heilige Pflichten des Bürgers, des Gatten, des Vaters, um ihn her gestanden, in ihrem Schutz und Schatten hatte er gelebt, ihnen hatte er Opfer gebracht, von ihnen her war seinem Leben Rechtfertigung und Sinn gekommen. Jetzt hing er plötzlich nackt im Weltraum, er allein Sonne und Mond gegenüber, und fühlt die Luft um sich dünn und eisig”, wird gleich am Anfang das Dilemma beschrieben: Die Flucht ist Befreiung und Bedrückung zugleich.

Der nach außen hin brave Klein fühlt sich dem Künstler und Visionär Richard Wagner zugetan, den er in seiner Jugend liebte, empfindet aber auch Faszination für einen Amokläufer gleichen Namens, dessen Tat ihn in seinen Träumen immer wieder begegnet. Diese Zerrissenheit ist allgegenwärtig. Überall, wo Freude ist, lauert sofort der Abgrund.

“Wenige Dinge waren es, die einem halfen, wenige, die trösteten und das Leben erleichterten; diese wenigen Dinge zu kennen war wichtig. (…) Das Denken war wohl auch so ein tröstliches Ding, das einem wohltat und leben half. Aber nicht jedes Denken! O nein, es gab ein Denken, das war Qual und Wahnsinn. Es gab ein Denken, das wühlte schmerzvoll im Unabänderlichen und führte zu nichts als Ekel, Angst und Lebensüberdruss. Ein anderes Denken war es, das man suchen und lernen musste. War es überhaupt ein Denken? Es war ein Zustand, eine innere Verfassung, die immer nur Augenblicke dauerte und durch angestrengtes Denkenwollen nur zerstört wurde. In diesem höchst wünschenswerten Zustand hatte man Einfälle, Erinnerungen, Visionen, Phantasien, Einsichten von besonderer Art”, heißt es. Und: “Wenn er nur eines gewusst hätte: ob diese Unsicherheit, diese Not, diese Verzweiflung mitten in der Freude, dieses Denkenmüssen und Fragenmüssen auch in anderen Menschen so war, oder nur in ihm allein, in dem Sonderling Klein?”

Diese Schizophrenie gipfelt schließlich in Kleins Selbstmord, der zur Symbiose der sich widersprechenden Elemente wird. Wie detaillert das Sterben Kleins geschildert ist, wie unermesslich tief dieser Rausch, dieser Taumel, dieser Sog geschildert ist, den der Sterbende als Weg zu Glück und Elösung empfindet, das ist wahrlich groß.

Beste Stelle: “Es selbst hatte vor kurzem, in einem Traum, eine Frau mit dem Messer erstochen, weil ihr entstelltes Gesicht ihm unerträglich gewesen war. Entstellt war freilich jedes Gesicht, das man liebte, entstellt und grausam aufreizend, wenn es nicht mehr log, wenn es schwieg, wenn es schlief. Da sah man ihm auf den Grund und sah nichts von Liebe darin, wie man auch im eigenen Herzen nichts von Liebe fand, wenn man auf den Grund sah. Da war nur Lebensgier und Angst, und aus Angst, aus dummer Kinderangst vor der Kälte, vor dem Alleinsein, vor dem Tod floh man zueinander, küsste sich, umarmte sich, rieb Wange an Wange, legte Bein zu Bein, warf neue Menschen in die Welt. So war es.”