Hingehört: Marbles – “Expo”

August 30, 2005 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

"Expo" bietet Indie mit Elektro - immerhin kein Reinfall wie die Weltausstellung.

Künstler Marbles
Album Expo
Label Fargo
Erscheinungsjahr 2005
Bewertung ***

Nach der Sonne sehnt sich in diesen Tagen so mancher. Auch Robert Schneider. Der Frontmann der Apples in Stereo legt nun das zweite Album seines Soloprojekts Marbles vor. Und gleich zwei Lieder drehen sich da um die Sonne. Das wunderhübsche Hello Sun ruft die Beach Boys (wen sonst?) auf den Plan und bedankt sich artig für (was sonst?) Licht und Wärme. Move On nimmt die Sonne dann als Vorbild für das eigene Leben: Immer wandert sie weiter, und immer strahlt sie dabei.

Ansonsten gibt es auf Expo knapp eine halbe Stunde gefällige Indie-Sounds mit reichlich elektronischem Einschlag, mal melancholisch (When You Open), mal zackig (Cruel Sound), gerne auch instrumental. Der richtige Soundtrack für den Sommer im Solarium.

Ein bisschen Magic und die Kunst der Computer-Animation:

Marbles bei MySpace.

Der Himmel für PS-Junkies

August 30, 2005 · Posted in Artikel, Weltgeschehen · Comment 
Irgendwo hierdrin stecken acht Zylinder und 400 PS.

Irgendwo hierdrin stecken acht Zylinder und 400 PS.

Eigentlich fährt man mit dem Auto, um irgendwo hinzukommen. Man kommt nicht irgendwo hin, um Auto zu fahren. Schon gar nicht im Urlaub. Es sei denn: Es ist ein ganz besonderes Auto. Und eine ganz besondere Reise. Für Autonarren und PS-Junkies womöglich sogar ein unvergesslicher, himmlischer Trip.

Das Ziel klingt zunächst ganz irdisch: Mannheim. Allerdings hat die Stadt am Neckar durchaus ihre Reize – nicht nur, aber gerade für Motor-Fans. Schließlich war es hier, wo Carl Benz 1886 das Patent für das erste Automobil der Welt anmeldete, nachdem er zuvor schon Aufsehen erregende Testfahrten durch Mannheims Straßen unternommen hatte. Noch heute ist der Erfinder in der Stadt allgegenwärtig. Und man kann auch heute noch auf den Straßen Mannheims Aufsehen erregen – wenn man denn das richtige Auto fährt.

Einen feuerroten Flitzer zum Beispiel, mit acht kräftig pumpenden Zylindern und 400 wilden Pferdestärken, die das Geschoss in viereinhalb Sekunden von 0 auf 100 Stundenkilometer beschleunigen. Etwas sachlicher ausgedrückt: einen Ferrari 360 Modena.

Schön und gut, möchte man meinen. Freilich fällt man mit so einem roten Renner auf. Bloß kann man sich ein Auto zum Preis eines kleinen Einfamilienhauses als Normalsterblicher eben leider nicht leisten. Zumindest hineinschnuppern in die Welt der Traumautos kann man aber. Das Maritim Parkhotel in Mannheim bietet nun ein Paket mit zwei Übernachtungen an – Ferrari inklusive.

Einen Tag lang steht dem Gast der Modena für Ausfahrten zur Verfügung. Das Besondere daran: Ein Fahrlehrer ist mit an Bord. Das ist auch ratsam, denn technische Finessen wie die Tiptronic-Schaltung bedürfen durchaus einer Erklärung. Außerdem kann der Trainer über eigene Pedale notfalls eingreifen, wenn ein ungeübter Fahrer die Kontrolle über das wertvolle Kraftpaket zu verlieren droht.

Jens Seybold hat allerdings nur ganz selten mit verhinderten Rennfahrern zu tun, die im Ferrari den Rausch der Geschwindigkeit erleben wollen. “Natürlich gibt es einige, die vorher eine große Lippe riskieren. Aber wenn sie dann drin sitzen und das Lenkrad in der Hand haben, dann spürt man auch bei denen, dass sie Respekt vor dem Auto haben”, erzählt er. Gemeinsam mit Stefan Fischer betreibt er das Netzwerk “Just Drive It”, das an über 100 Fahrschulen in Deutschland kleine Trainingseinheiten im Ferrari anbietet und nun auch Partner des Mannheimer Maritim Parkhotels ist. “Den meisten Leuten merkt man die Aufregung an, wenn sie zum ersten Mal in so einem Auto sitzen”, sagt Jens Seybold.

Kein Wunder: Blankes Metall blitzt einem von dort entgegen, wo die Pedale sind. Die Sitzposition erinnert an einen Liegestuhl. Genau im Blick hat man den Drehzahlmesser für die bis zu 6000 Touren. Und dann ist da ja noch das schwarze Pferdchen auf gelbem Grund, das in der Mitte des Lenkrads prangt. Formel-1-Feeling kommt schon auf, bevor der Motor überhaupt läuft.

Dann drehe ich den Zündschlüssel um, den vorher schon so viele schweißnasse Hände umgedreht haben. Doch die erste Aufregung erweist sich als unbegründet: Das erwartete Losjauchzen des Motors bleibt aus, es gibt auch keine Vibrationen oder plötzlich blinkenden Lämpchen. Man richtet einfach die Spiegel, löst die Handbremse, setzt den Blinker und fährt los. Die nächste Überraschung: Der Ferrari ist handzahm. Der Wagen prescht keineswegs gleich davon, wenn man ein bisschen aufs Gas tippt, sondern reagiert gelassen.

Man kann einen Ferrari also auch ganz entspannt fahren, sogar mit der innerorts zulässigen Höchstgeschwindigkeit – wenn man denn die 50 auf dem Tacho findet. Wo bei meinem Auto die 50 steht, ist hier schon längst die 100-Stundenkilometer-Marke überschritten. Wie ich jetzt erst bemerke, reicht die Skala bis zu ebenso verheißungsvollen wie beängstigenden 340 km/h.

Diesem Wert nähert sich die Nadel dann auf der Autobahn. Und nun zeigt der Italiener, dass er doch ein Heißsporn ist. Während andere Autos respektvoll Platz machen, kann der Ferrari seine ganze Pracht entfalten. Rasantes Tempo. Eine sagenhafte Beschleunigung. Vor allem aber: ein Höllensound. “Die 70 lassen wir jetzt mal 70 sein. Tritt mal richtig drauf”, sagt Jens an meiner Seite, kurz bevor wir unter einer Brücke durchfahren. Wann hört man schon einmal diesen Satz von einem Fahrlehrer?, wundere ich mich und gebe Gas.

Was sich dann abspielt, als wir unter der Brücke sind, lässt sich mit Worten kaum beschreiben. Der Ferrari lässt einen Brunftschrei los, der von den Wänden noch verstärkt wird. Er röhrt und grunzt und brüllt – ein Geräusch von entfesselter Kraft und wilder Männlichkeit. Nie hätte ich geglaubt, dass ein Auto so klingen kann.

Das Adrenalin wirkt auch auf der Rückfahrt zum Hotel noch nach. Da kann man beim Aussteigen aus dem tief liegenden Wagen schon einmal ins Stolpern kommen – die Straße ist schließlich auch erstaunlich nahe am Sitz. Jens Seybold ist derlei Missgeschicke gewohnt. Er strahlt nach jeder Tour mit dem Ferrari immer noch fast genauso wie seine Fahrschüler. “Ich habe schon eine Menge Spaß an dem Job”, sagt er. Das überrascht nicht – hat er den meisten seiner Kunden doch nichts weniger als einen Traum erfüllt.

Auch ohne den Ferrari bietet die Reise für Motor-Fans reizvolle Ziele. Im Mannheimer Landesmuseum für Technik und Arbeit geht es selbstverständlich auch um die Geschichte des Autos. Und zum Hockenheimring ist es ebenfalls nicht weit. Dort kann man bei einem Fahrsicherheitstraining seine eigenen Grenzen (und die der Technik) erleben. Von der richtigen Sitzposition bis zur Crash-Simulation auf nasser Fahrbahn wird alles geboten. Beim Fahren mit einem VW Golf, der statt Hinterreifen die Räder eines Einkaufswagens (und dementsprechend wenig Haftung) hat, kommt neben dem Trainingseffekt sogar Spaß auf.

Nicht zuletzt kann man die Zeit auch im traditionsreichen Hotel in bester Lage genießen: Den Ausblick auf den Friedrichsplatz mit Mannheims Wahrzeichen, dem Wasserturm. Einen leckeren Cocktail an der Bar. Oder einen Plausch mit Hoteldirektor Bernd Ringer. Der kennt sich übrigens schon aus familiären Gründen mit Autos aus: Seine Ur-Ur-Großmutter war Bertha Benz, die Ehefrau von Carl. Mannheim hat eben Benzin im Blut.

Schmeiß Dein Handy weg!

August 27, 2005 · Posted in Artikel, Weltgeschehen · Comment 
Voll motiviert: Der "Bulle von Ölz" beim Vorentscheid.

Voll motiviert: Der "Bulle von Ölz" beim Vorentscheid.

Die spinnen, die Finnen. Ist ja bekannt. Dennoch schaffen sie es immer wieder, den Rest der Welt mit neuen Skurrilitäten zu überraschen. Solchen wie den Leningrad Cowboys. Oder Nordic Walking. Oder Handyweitwurf.
Jawohl: An diesem Wochenende findet in Savonlinna auf der kleinen Insel Riihisaari bereits zum fünften Mal die Weltmeisterschaft in dieser Sportart statt. Wie alle Beteiligten beteuern, handelt es sich dabei keineswegs um eine Protestaktion gegen moderne Kommunikationsmittel (auch wenn ein bisschen Wut über den Crazy Frog für die Athleten sicherlich motivierend sein kann). Der Erfinder der Sportart hat zuvor auch keinen fatalen Anruf vom Finanzamt oder eine schicksalsträchtige SMS von der Schwiegermutter bekommen. Stattdessen entstand der Gedanke einer Handyweitwurf-Meisterschaft im Rahmen der Sponsorensuche für einen anderen abseitigen Wettstreit: die Luftgitarren-Meisterschaft.

Die Macher dieser Veranstaltung fragten auf der Suche nach Sponsoren auch bei einem Handy-Hersteller an. Und dieser meinte, dass er eher das Weitwerfen von Mobiltelefonen unterstützen würde als das Spielen der Luftgitarre. Wegen der wenig eleganten Absage nahm man ihn prompt beim Wort und organisierte eine Meisterschaft. Der Sponsor machte zwar einen Rückzieher, die Titelkämpfe wurden aber trotzdem ausgetragen.

Es gibt in Finnland inzwischen sogar verschiedene Disziplinen: Im klassischen Schleuderwurf über die Schulter gewann im letzten Jahr Ville Piippo mit der Weltrekordweite von 82,55 Metern. Weltmeister werden auch im Freistil (in dem es lediglich um originelle Wurftechnik geht, die von einer Jury mit Punkten bewertet wird), bei den Junioren und in Teams ermittelt. Telefone ohne Akkus oder mit Klappmechanismus sind – Ehrensache – nicht zugelassen.

Allerdings spinnen die Österreicher auch. Zumindest Micky Klemsch. Der ist nämlich ebenfalls dem Handyweitwurf verfallen und hat es bis zum Landesmeister gebracht. “Ich werde in Finnland als Favorit gehandelt”, sagt er. Das überrascht, denn bisher war der Sport fest in finnischer Hand. Bei der WM im vergangenen Jahr waren nur sechs Nicht-Finnen unter den ersten 50. “Dieses Jahr wird die internationale Beteiligung aber weitaus breiter sein, da die Berichterstattung im vergangenen Jahr nach der WM große Wellen geschlagen hat”, erwartet Klemsch.

Sein körperliches und mentales Training habe er jetzt ein Jahr lang nur auf diesen Event hin getrimmt – und dabei sogar einen Sponsor gefunden: Die Vorarlberger Bäckerei Ölz ist auf seinem T-Shirt vertreten. Passenderweise hat er sich für den WM-Antritt auch einen Künstlernamen gesucht: “Der Bulle von Ölz”.

Natürlich will ich nicht verschweigen: Die Deutschen spinnen auch. Gleich 322 Teilnehmer aus fünf Ländern kamen vor kurzem zur Handyweitwurf-EM nach Kamenz-Thonberg in Sachsen. Stefan Großmann aus Vaihingen hat mit 62,41 Metern den Titel errungen.

Mehr als 20 Meter unter dem Weltrekord also – sind die Deutschen so weit weg von den Spitzenkräften? Weit gefehlt: Grund für die geringeren Weiten sind andere Regeln. Weil die Deutschen eben ordentlich sind, wurde bei der EM in Kamenz nämlich in drei verschiedene Gewichtsklassen (die Handys, nicht die Werfer) unterteilt. Weil die Deutschen gerne Auto fahren, gibt es nach ihren Statuten beispielsweise auch eine Klasse C+, in der Autotelefone das Fliegen lernen.

“Wir haben wirklich ganz andere Regeln. Die Finnen schmeißen ja mit Akkus”, erklärt Nico Morawa die feinen Unterschiede. Der Sachse hat am 17. Oktober vergangenen Jahres mit 67,50 Metern die Bestweite in seiner Disziplin aufgestellt und ist außerdem Vizepräsident der “Vereinigung Deutscher Handywerfer e.V.” Seit fünf Jahren gibt es diesen Verband.

Die Entstehungsgeschichte ist mindestens genauso originell wie die der finnischen Konkurrenz. “Ich habe früher in einem Geschäft für Mobiltelefone gearbeitet. Das war zu der Zeit, als die Call-Ya-Angebote aufkamen und die Leute alle keine Verträge mehr haben wollten. Damit kamen die Kunden dann nicht klar. Oft kamen sie zurück und fragten: Wie funktioniert denn dieses Ding? Was soll ich damit machen? Da haben wir irgendwann geantwortet: Schmeißen Sie es doch einfach im hohen Bogen weg”, erzählt Morawa.

Als an einem Tag so viele Geräte zurückgegeben wurden, dass eine ganze Kiste voll war, machte er die Ankündigung dann gemeinsam mit einem Kollegen wahr: “Wir gingen auf den Sportplatz und schmissen die Dinger so weit es ging. Das war die beste Frustbewältigung.” Allerdings kam gleich erneute Enttäuschung auf: Von den Weiten, die Morawa in der Schule mit dem Schlagball erzielt hatte, blieb er nun mit dem Handy weit entfernt. “Ein ungeübter Werfer schafft höchstens 15 bis 20 Meter”, warnt er.

Es erfordere viel Training, bis man einmal an der 60-Meter-Marke kratzen kann. “Dabei geht es gar nicht so sehr um Kraft. In erster Linie ist das eine Frage der Technik”, so Morawa. Der Rekordhalter gibt auch gleich einen Tipp: Man muss das Telefon so werfen wie einen Stein, den man auf dem Wasser tanzen lassen will.

Eine Frage der Technik ist das Handywerfen aber auch noch in anderer Hinsicht. Denn nicht alle Telefone sind für große Weiten geeignet. “Anfänger greifen fast immer in die Kiste mit Nokia und Siemens, weil das die Marktführer sind. Aber Motorola und Ericsson haben viel bessere Flugeigenschaften”, verrät Morawa zur richtigen Wahl des Wurfobjekts.

Die Geräte werden bei den Wettkämpfen vom Verband gestellt. 350 Handys stehen im Moment zur Verfügung, meist ausrangierte oder defekte Telefone von Mitgliedern oder Firmen aus der Gegend. “Einige davon funktionieren auch noch. Aber das sind dann teilweise riesige Briketts von 1994, mit denen sich heute keiner mehr auf die Straße traut”, so Morawa. Einen Vorteil hätten die veralteten Geräte allerdings: Sie sind sehr robust. “Wir haben Telefone, mit denen wir schon seit fünf Jahren werfen. Bis auf ein paar kleine Kratzer halten die das aus. Das ist bei moderneren Handys mit Klappmechanismus nicht mehr der Fall. Nach ein paar Würfen sind die kaputt”, erzählt Morawa. Allen Telefonen werde vor dem Werfen der Akku entnommen. Das sei der größte Unterschied zur WM in Finnland.

Die deutschen Farben wird dort Thomas Chedor aus Nachrodt vertreten. Er gewann als absoluter Handywurf-Neuling die nationale Vorausscheidung im Juni in Bielefeld mit 77,44 Metern und rechnet sich bei der WM durchaus etwas aus. “Ich fahre da hin, um zu gewinnen”, kündigte er auf der Fähre nach Finnland an (wo ich ihn, ebenso wie zuvor Nico Morawa, erstaunlicherweise auf seinem Handy erreiche). “Ich gehe mit sportlichem Ehrgeiz an die Sache ran. Zu viel Druck will ich mir aber auch nicht machen”, lautet seine Devise.

Seit seiner Qualifikation hat er sich “nicht gezielt vorbereitet, aber zwischenzeitlich ein bisschen geworfen”. Die Trainingsgeräte stellten seine Nachbarn, die in der Mobilfunkbranche arbeiten. “Ich habe festgestellt, dass die Weite sehr vom Handy abhängt. Mit manchen komme ich bloß 15 Meter weit”, erzählt Chedor, der auf kleine Nokia-Geräte schwört.

Das nächste Highlight seiner Karriere könnte die WM 2006 in Deutschland werden. Gemeint ist ausnahmsweise nicht das Fußball-Großereignis, sondern – natürlich – der globale Wettstreit der Handywerfer. Wenn es nach Nico Morawa geht, bekommen die Finnen nämlich im nächsten Jahr Konkurrenz. Denn der WM im hohen Norden steht man beim deutschen Verband skeptisch gegenüber. “Ich finde es ein bisschen unfair, dass die WM jedes Jahr in Finnland stattfindet. Für viele Werfer ist es nicht möglich, dort teilzunehmen”, meint er. Deshalb will Morawa, der auch Vizepräsident der International Association of Mobile Phone Throwers ist, im nächsten Jahr eine eigene WM in Deutschland auf die Beine stellen. Zahlreiche Teilnehmer aus der Bundesrepublik, Österreich, Polen und den Niederlanden haben schon ihre Unterstützung angekündigt. Fragt sich bloß noch, wer nun am meisten spinnt.

Hingehört: Black Rebel Motorcycle Club – “Howl”

August 24, 2005 · Posted in CD-Regal, Musik · 3 Comments 

"Howl" zeigt einen ganz neuen BRMC - und ist trotzdem retro.

Künstler Black Rebel Motorcycle Club
Album Howl
Label Echo/Play it again Sam
Erscheinungsjahr 2005
Bewertung ***

Howl? Da war doch was? Genau: Allen Ginsberg. Vor ziemlich genau 50 Jahren schrieb der Beat-Poet dieses Gedicht. Drei lange Strophen, ein Mahlstrom, ein Aufschrei, ein Urknall.

Auf den inzwischen verstorbenen Dichter verweist der Black Rebel Motorcycle Club nicht zufällig. Die Texte seien auf dieser Platte viel wichtiger als bisher, betont Robert Levon Been, der früher Robert Turner hieß: “Ich würde mir wünschen, dass sich die Leute wieder an der Zeit orientieren, als Worte und Poesie und Schreiben noch wirklich etwas bedeutet haben. Das ist schon ‘ne Weile her.” Deshalb habe man versucht, den Geist der Beat-Generation, die Aufbruchstimmung der 1950er und 1960er Jahre auf dem neuen Album anklingen zu lassen.

Von den Jungs, die ihren Namen in einem Marlon-Brando-Film gefunden haben, als erste die alten Lederjacken der Ramones wieder schick machten und ihren Durchbruch zum guten Teil der Unterstützung einer ebenfalls nicht gerade innovationswütigen Band (Oasis) zu verdanken haben, nun also noch mehr Retro? Ja und nein. Denn Howl ist nichts anderes als die Neuerfindung des Black Rebel Motorcycle Club. Allerdings auf uralten Fundamenten.

Statt Punk-Optik, E-Gitarrenwänden und Jesus And Mary Chain heißen die neuen Koordinaten Blues, Country und Folk. Auch wenn der britische Drummer Nick Jago (das zwischenzeitige Verwürfnis war nicht der einzige Ärger, den die Band seit der letzten Platte hatte) wieder an Bord ist: Der BRMC ist nun durch und durch amerikanisch.

Wer noch grandiose Kracher wie Love Burns, Stop oder Whatever Happened To My Rock’N'Roll im Ohr hat, für den wird Howl zunächst ein Schock sein. Nicht tonnenschwer, sondern mit hörbarer Leichtigkeit geht es hier zu. So ganz unerwartet kommt der neue Sound des BRMC aber gar nicht: Auf dem Vorgänger deutete das zarte And I’m Aching schon an, wohin die Reise geht. Und auch bei ihren letzten Live-Auftritten holten Turner und Hayes immer öfter die Akustik-Gitarre raus.

Sie ist dann auch hier das dominierende Instrument. Dem Opener Shuffle Your Feet verleiht sie einen lässigen Schwung und Ain’t No Easy Way einen erstaunlichen Stomp. Dazu gibt es klassische Folk-Stücke, die Bob Dylan oder Bruce Springsteen gut stehen würden.

Der Rausschmeißer The Line und der Titelsong erinnern dagegen an Radiohead. Wie bei Ginsbergs Howl geht es ums Ankämpfen gegen den Untergang, gegen die Leere. “I just want to be one true thing that don’t fade / I don’t want to give up tomorrow”, heißt es, durchaus überzeugend. Überhaupt steht dem Trio die neue Tiefgründigkeit erstaunlich gut: War der BRMC früher cool as fuck, werden diesmal Schwächen und Blößen gezeigt. Die Sonnenbrille ist weg, der Blick geht direkt durch die Augen – in die Seele.

Am eindrucksvollsten gelingt das bei Promise, getragen vom Piano, elegisch, romantisch, mürrisch. Leonard Cohen wäre stolz auf so einen Song. Auf dessen Platte Death Of A Lady’s Man hat übrigens ein prominenter Gast im Hintergrund gesungen: ein gewisser Allen Ginsberg.

Alles versinkt im Rot: Eine rührende Live-Version von Promise aus Vancouver:

Der BRMC bei MySpace.

Triumph der Vernunft

August 20, 2005 · Posted in Artikel, Weltgeschehen · Comment 
Gelungene Verjüngungskur: der neue Jetta. Foto: VW

Gelungene Verjüngungskur: der neue Jetta. Foto: VW

Der Jetta heißt wieder Jetta. Mit anderen Bezeichnungen (seit 1991 Vento, seit 1998 Bora) hatte Volkswagen zuletzt vergeblich versucht, das angestaubte Image seiner kompakten Limousine loszuwerden und jüngere Käufer (in Deutschland sind die Jetta-Kunden im Schnitt 53 Jahre alt) zu gewinnen. In der fünften Modellgeneration, die seit gestern bei den deutschen Händlern steht, gibt es nun wieder den alten Namen – aber ein Auto, das mit dem letzten Jetta eigentlich nichts mehr gemeinsam hat.

Das fällt schon auf den ersten Blick auf. Das neue Design lässt den Jetta deutlich frischer aussehen. Die Verwandtschaft zu Golf, Passat und sogar zum ganz großen Bruder Phaeton lässt sich mehr als erahnen. Das Profil ist coupéhafter, die am Golf angelehnte Frontpartie mit dem in Chrom gehaltenen Kühlergrill deutlich bulliger geworden. Das geht allerdings auf Kosten der Individualität: Sein vielleicht nicht attraktives, aber unverwechselbares Gesicht hat der Jetta verloren.

Ein ganz anderes Auto ist der Jetta auch gegenüber dem Bora – vor allem, was die Dimensionen angeht: 18 Zentimeter länger (4,55 Meter), auch etwas höher und breiter. Ebenfalls gewachsen sind der mehr als üppige Kofferraum (527 Liter, also annähernd so viel wie in der Mercedes-S-Klasse) und der Radstand (um 6,5 Zentimeter auf 2,58 Meter). Davon profitieren die Insassen: Vorne herrscht ein luxuriöses Platzangebot, auch hinten lässt sich bequem reisen – selbst auf längeren Strecken.

Da hat der Viertürer ohnehin seine größten Stärken. Hinsichtlich des Komforts lässt der Jetta in seiner Klasse wenig Wünsche offen. Die Sitze vorn sind bequem und geben auch nach der Seite den nötigen Halt, die Straßenlage ist sehr stabil und souverän, das übersichtliche Cockpit erklärt die Bedienung der wichtigsten Funktionen selbst, Lenkung und Schaltung sind präzise, mit einem Verbrauch um die fünf Liter auf der Autobahn (Werksangabe für den 105-PS-Diesel) und einem 55-Liter-Tank ist auch die Reichweite beachtlich. Vor allem bei Nutzung des Tempomats ist somit stressfreies Fahren angesagt.

Weitere kleine Freuden: Die Rückbank ist spielend leicht umzuklappen (wodurch sich bis zu 1,90 Meter lange Ladung transportieren lässt). Für die Dieselmotoren und den Zweiliter-FSI-Turbo gibt es das vorzügliche Doppelkupplungsgetriebe DSG. Viele Taschen und Fächer (unter anderem unter den Vordersitzen) sorgen für Ordnung im Auto. Das gegenüber der US-Version (dort gibt es den Jetta schon seit Anfang des Jahres zu kaufen) etwas härter abgestimmte Fahrwerk ist ein guter Kompromiss aus Komfort und Agilität. Dazu kommt ein ordentliches Sicherheitspaket (sechs Airbags, ESP und LED-Rückleuchten sind serienmäßig).

Im Detail steckt beim Jetta manchmal allerdings auch der Teufel: Die Mittelarmlehne, die aus der Rückbank ausgeklappt werden kann, wirkt etwas labil. Die Halterungen für Flaschen in den Türen sind eine gute Idee, im Sitzen aber schwer zu erreichen. Die niedrige Sitzposition wird nicht jedermanns Sache sein. Wer gerne etwas sportlicher unterwegs ist, wird ein weiteres Manko feststellen: Der Jetta ist mit den aus dem Golf bekannten Vierzylinder-Motoren ausgestattet. Insgesamt sollen sieben Aggregate (vier Benziner und drei Diesel, für die es ab Herbst Rußpartikelfilter geben soll) zur Auswahl stehen. Das Leistungsspektrum reicht von 102 bis 200 PS. Aber selbst bei den stärkeren Versionen wie dem 150-PS-FSI würde man sich mehr Spritzigkeit wünschen.

Dies sind allerdings Marginalien einer insgesamt sehr gelungenen Verjüngungskur. Und der potenzielle Jetta-Käufer ist ohnehin nicht auf der Suche nach einem heißen Sportwagen oder spektakulärer Optik. Immerhin das ist noch wie eh und je: Der Jetta bleibt ein Vernunftauto.

Der Stachel sitzt tief

August 12, 2005 · Posted in Kommentare, Weltgeschehen · Comment 

Edmund Stoiber will nicht, dass noch einmal eine Bundestagswahl im Osten entschieden wird. Diese Aussage des CSU-Chefs zeugt, wenige Tage nach Jörg Schönbohms unqualifizierten Bemerkungen über angeblich höhere Gewaltbereitschaft im Osten, nicht nur von wenig Sensibilität, sondern auch von denkbar schlechtem Timing.

Der Fehltritt lässt erahnen, wie tief bei Stoiber der Stachel seiner Niederlage vor drei Jahren noch sitzt, als die Flut im Osten Gerhard Schröder zurück ins Kanzleramt spülte. Stoibers Aussage zeigt aber noch mehr: Erstens das Muffensausen der Union. Angesichts schlechter werdender Umfragewerte sehen CDU und CSU ihre Felle davonschwimmen.

Die Fehler bei sich selbst zu suchen, kommt Stoiber nicht in den Sinn. Peinliche Versprecher sind dabei eher verzeihlich als die Tatsache, dass es die Union nach sieben Jahren in der Opposition und vier Wochen vor der Neuwahl noch immer nicht geschafft hat, einen überzeugenden programmatischen Gegenentwurf zur Politik von Rot-Grün vorzulegen. Stattdessen sucht man einen Sündenbock für den Abwärtstrend – und wird bei der vor allem in den neuen Ländern populären Linkspartei fündig.

Zweitens offenbart Stoiber erneut ein problematisches Verhältnis zu seinem eigenen Land. “Wäre es überall so wie in Bayern, hätten wir keine Probleme”, behauptet er. Nichts gegen Heimatverbundenheit. Doch angesichts dieses Weltbilds fragt man sich, ob Stoiber wirklich etwas am “Schicksal Deutschlands” liegt, oder ob es ihm bloß um das Schicksal seines Deutschlands geht. Die Unterscheidung zwischen “uns” und “denen” ist zumindest ein seltsames Nationalbewusstsein.

Und dass die neuen Bundesländer dabei allenfalls noch als lästiges Anhängsel gelten, ist ein Skandal. Denn neben der Arroganz, die Stoiber damit an den Tag legt, zeugt diese Einstellung auch davon, dass Bayerns Ministerpräsident den Osten offensichtlich abgeschrieben hat. Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Problemen dort findet nicht statt. Stattdessen will Stoiber die “Frustrierten” da drüben am liebsten loswerden, so scheint es. Dass die Union mit überzogenen Versprechen von blühenden Landschaften selbst zu dieser Frustration beigetragen hat, vergisst er dabei.

Drittens zeigt Stoiber ein erschreckendes Demokratieverständnis. Über das Schicksal Deutschlands entscheidet eben nicht ein Ministerpräsident. Über das Schicksal Deutschlands (und über ihr eigenes) entscheiden die Wähler. Dass dies seit der Wiedervereinigung auch für die Wähler im Osten gilt, ist kein Manko, sondern ein Geschenk. Wenn Stoiber das nicht passt, wenn er am liebsten nur die Westdeutschen oder nur die Bayern wählen lassen würde, erinnert er damit gefährlich an die stalinistischen Machthaber, denen Bertolt Brecht einst empfahl, sich doch ein neues Volk zu wählen.