Hingehört: Paul McCartney – “Chaos And Creation In The Backyard”
| Künstler | Paul McCartney |
| Album | Chaos And Creation In The Backyard |
| Label | EMI |
| Erscheinungsjahr | 2005 |
| Bewertung | *** |
Das muss man erst einmal bringen: Dem Mann, der Hey Jude und Helter Skelter geschrieben hat, ins Gesicht zu sagen, dass ein neuer Song “scheiße” ist, erfordert durchaus eine Portion Mut. Nigel Godrich wagte es. Und wenn man Paul McCartney glauben darf, brachten die Widerworte des Produzenten ein besseres Ergebnis, weil sie für ihn Ansporn waren. Chaos And Creation In The Backyard, Sir Pauls 20. Studioalbum seit dem Ende der Beatles, habe davon profitiert.
Die Paarung ist wirklich reizvoll: Auf der einen Seite Godrich, der Trendsetter und Pionier, der sich vor allem als Produzent von Radiohead einen Ruf gemacht hat als Mann mit Sinn für Tiefgang und Abseitiges. Auf der anderen Seite der ewige Paule, der schon zu Zeiten der Fab Four (wenn auch zu Unrecht) immer das Naive, Unschuldige und Oberflächliche an den Beatles verkörperte.
Will man das Aufeinandertreffen als Kampf auslegen, dann hat Paul ihn gewonnen. Der 63-Jährige spielte fast alle Instrumente selbst, ließ sich dabei auf ein paar Experimente ein (die Klaviertöne von How Kind Of You klingen wie ein Windspiel, über dem hypnotischen At The Mercy liegt ein dunkler Schleier), aber er ließ sich nicht verbiegen oder gar neu erfinden.
Das muss er auch nicht. Denn wie man einen guten Song schreibt, hat der Ex-Beatle natürlich nicht verlernt. Und die ansteigende Form, die er zuletzt mit Flaming Pie und Driving Rain zeigte, bestätigt er hier. Chaos And Creation In The Backyard ist dem Macca-Katalog würdig.
Es gibt sogar manche Stücke, die zum besten zählen, was McCartney in den vergangenen 30 Jahren hervorgebracht hat. Fine Line zum Beispiel, der schwungvolle Auftakt mit einem unsagbar eleganten Break. English Tea mit seiner opulenten Melodie und einem fantasievollen Streicher-Arrangement in bester Beatles-Tradition. Das komplexe Promise To Your Girl, bei dem Jeff Lynne seine Finger im Spiel zu haben scheint. Und vor allem: Jenny Wren, die definitiv ein Haustier hat, das Blackbird heißt.
Allerdings gibt es zu Beginn der zweiten Hälfte auch einen recht langwierigen Durchhänger. Da hat Macca dann Linda oder Heather im Kopf und ergeht sich wieder einmal in Erbauungslyrik. Natürlich ist es süß, wenn sich der 1,1-Milliarden-Euro-Paul noch immer der Kraft der Liebe ausliefert und hingibt, an die er wirklich glaubt. Aber es bringt gelegentliche musikalische Resultate, die langweilig und seicht sind wie die Lounge-Musik von A Certain Softness oder das nichtssagende Riding To Vanity Fair mit seinem Pseudo-Tiefgang.
Paul ist glücklich dabei, und das sei ihm gegönnt. Er lässt sich beim Glastonbury-Festival und beim Superbowl-Finale feiern und wird das Image des gut gelaunten Schwiegersohns mit ins Grab nehmen. McCartney weiß eben, dass er ein Mann ist, der niemandem mehr etwas beweisen muss. Auch nicht Nigel Godrich.
Sagt man zu so etwas noch unplugged? Der Clip zum bezaubernden Jenny Wren:
Durchgelesen: Iceberg Slim – “Pimp”
| Autor | Iceberg Slim |
| Titel | Pimp – Die Geschichte meines Lebens |
| Verlag | Heyne |
| Erscheinungsjahr | 1969 |
| Bewertung | **** |
Die Sprache lebt. Wörter werden erfunden, vergessen oder umgedeutet. In den heiligen Hallen der Dudenredaktion kennt man inzwischen sogar Begriffe wie “Hip-Hop”, und zwar als “eine Richtung der modernen Popmusik”. Diese Definition ist zwar falsch. Aber Fakt ist: Gerade im Rap, den der Duden mit “Hip-Hop” meint, erfreut sich die Sprache einer besonderen Vitalität.
Die Fantastischen Vier waren einst “Zu geil für diese Welt” und verliehen dem Wort “geil” damit eine neue Bedeutung, die der Duden vorsichtshalber in seiner unnachahmlichen Diktion erklärt: “Jugendsprache auch für großartig, toll”. Drei Jungs aus dem Norden lieferten kurz darauf “Die Definition von fett”, was gar nichts mit dem Leibesumfang zu tun hat und längst von Kids im ganzen Land als Synonym für “klasse” verstanden wird.
Jüngst fand wieder so ein Rap-Wort Eingang in den nationalen Sprachschatz: Pimp. Schwergewichtige Experten machen in einer Fernsehserie aus schrottreifen Autos echte Luxuskarossen, und diese Show heißt “Pimp My Ride”. Auch “Pimp My Fahrrad” wird schon gesendet, angeblich soll es in Hamburg sogar eine Show namens “Pimp My Bollerwagen” geben. Wofür “pimp” dabei steht, ist klar: “aufmotzen”.
Eigentlich aber wieder falsch. Denn “Pimp” ist natürlich kein Verb, sondern ein Substantiv und heißt “Zuhälter”. Das ist die nüchterne Übersetzung. Was “Pimp” aber eigentlich bedeutet, in der Kulturgeschichte Amerikas, in der Mentalität der Schwarzen und im Rap sowieso, das steht in “Pimp”, der Autobiographie von Iceberg Slim, die erstmals 1969 erschien und nun wieder auf deutsch vorliegt.
Iceberg Slim, der eigentlich Robert Beck heißt, begann in den 1930er Jahren seine Karriere im Rotlichtmilieu, die ihm beachtlichen Reichtum und drei Aufenthalte im Gefängnis einbrachte. Ende der 1950er Jahre zog er sich zurück und schrieb fortan über sein Leben als Zuhälter. Zwölf Millionen Exemplare wurden von seinen Büchern verkauft, “Pimp” ist sein bedeutendstes Werk.
Es ist eine Orgie von Sex, Gewalt und Drogen, schonungslos und brutal in der Darstellung, ebenso faszinierend wie abschreckend in der Wirkung. Vor allem aber lässt “Pimp” erkennen, was Iceberg Slim auf die schiefe Bahn brachte: Es ist die Gier nach Bestätigung in einer Welt, in der er sich wie ein Gefangener vorkommt. Es ist das Wissen, dass nur der Reichtum ihm Anerkennung in der Welt der Weißen bringen kann.
Diese Mentalität ist es, die den Begriff in den Rap brachte, wo sich die erfolgreichsten Künstler heute als Pimps brüsten. 50 Cent hat einen Song namens “Pimp” aufgenommen, Snoop Dogg ein Stück namens “Pimp slapp’d”. Die dazugehörigen Alben heißen “Get Rich Or Die Tryin” und “Paid Tha Cost To Be Da Boss”. Wie nah sie daran am Lebensweg von Iceberg Slim sind, wissen die beiden nur zu gut. Und wie aktuell die Problematik ist, hat unlängst erst der Hurrikan “Katrina” wieder gezeigt.
Kunst statt Kanonen
Wladimir setzt sich wieder. Er nimmt einen Lappen und macht den Pinsel sauber. “Natürlich ist es etwas eng hier. Und eigentlich ist es für ein Atelier auch ein bisschen zu dunkel. Aber wir haben uns daran gewöhnt”, sagt er über seinen Arbeitsplatz. Der ist in der Tat reichlich ungewöhnlich. Gemeinsam mit zwei Kollegen teilt sich Wladimir Kovac seit zwölf Jahren ein Atelier direkt am Ufer der Donau. Genauer gesagt: in der Festung Petrovaradin, hoch über Novi Sad, der zweitgrößten Stadt Serbiens.
Die Bastion Österreich-Ungarns gegen den Ansturm der Türken wurde ab 1692 nach Plänen des französischen Architekten Sébastien Vauban gebaut. Heute hat die 112 Hektar große Anlage, in der einst 30.000 Soldaten ihren Dienst taten, keine militärische Funktion mehr. Kunst und Kultur haben Krieg und Kanonen auf der k.u.k.-Festung verdrängt. Jeden Sommer findet hier das Musikfestival Exit statt, im ehemaligen Waffenlager ist das Stadtmuseum eingezogen, und durch die 12.000 Schießscharten kann man höchstens noch einen lohnenswerten Blick auf die Donau und die Silhouette von Novi Sad am anderen Ufer des Flusses werfen. Die Räume entlang der Festungsmauer stehen kostenlos als Ateliers und Wohnungen für Künstler zur Verfügung.
Das Panorama, das er direkt vor seiner Tür findet, inspiriert Wladimir Kovac nur selten. “Ich male eigentlich keine Landschaften”, sagt er. Trotzdem weiß er die Lage seines Ateliers mit einer schief in den Angeln hängenden Holztür und dem strengen Geruch von Lösungsmitteln zu schätzen: “Das Beste daran ist, dass man viele andere Künstler in der Nachbarschaft hat.”
In der Tat hat sich hier eine illustre Gesellschaft eingenistet. Insgesamt 88 durchnummerierte Ateliers gibt es. Der Komponist Sascha lebt und arbeitet hier, der nebenbei auch Professor an der Musikhochschule in Novi Sad ist. Die Frauen von Atelier 61 weben bis zu sechs Monate lang an einem ihrer kunstvollen Teppiche. Und der Maler Živojin Miškov hat nach Stationen in Belgrad, Paris und Südamerika seine neue künstlerische Heimat in der ehemaligen Festung gefunden.
Ob er nun dort malt, wo früher vielleicht Gefangene gefoltert oder Verwundete gepflegt wurden? “Nein, nein. Das hier war damals die Bäckerei von Petrovaradin”, erklärt der 80-Jährige schmunzelnd. Gemeinsam mit seiner Frau lebt er seit 14 Jahren in dem kleinen Raum, ein Zwischenboden unterteilt Wohn- und Arbeitsfläche. Herd und Radio sind der einzige Luxus im oberen Stock. Unten stapeln sich die Bilder. Neben Motiven aus aller Welt ist auch eine Stadtansicht von Novi Sad dabei. Aber auch Živojin Miškov geht nicht mit der Staffelei vor die Tür. “Dafür brauche ich nicht raus. Ich kenne die Stadt gut genug.”
Novi Sad entstand vor gut 300 Jahren am Fuß der Festung und entwickelte sich schnell zu einem kulturellen Zentrum im Norden Serbiens. 1826 wurde hier die erste Bibliothek des Landes gegründet, die älteste noch existierende Literaturzeitschrift Europas (Letopis) wird in Novi Sad herausgegeben. Zwei Galerien zeigen Gemälde und Grafiken, in der Innenstadt lockt das serbische Nationaltheater die Besucher. “Serbisches Athen” wird die Stadt deshalb auch genannt, die heute 300.000 Einwohner hat.
Viele davon sind Studenten, die Novi Sad einen quirligen, lebendigen und jungen Charakter geben. Es wird viel geschweißt, gehämmert und gebaut. Fast jeder, mit dem man spricht, hat eine Geschäftsidee, will sich verwirklichen: Aufbruchstimmung. Es gibt viele hübsche Restaurants, eine sehenswerte Marienkirche im neugotischen Stil und eine imposante Synagoge.
Gleich neben dem schicken Rathaus liegt das “Hotel Vojvodina”; hier hat einst Albert Einstein mit seiner Frau Mileva Maric gegessen, die aus Novi Sad stammt. Schon bei ihrem Besuch standen die Spezialitäten auf der Speisekarte, die man in der Region noch heute serviert.
Am besten probiert man sie im urgemütlichen Restaurant “Sokace”. Die Holzwände sind dekoriert mit historischen Uniformen und Urkunden. Jemand vom Personal oder einer der Stammgäste greift sicher zum Akkordeon. Noch vor dem Essen sollte man unbedingt den hausgemachten Quittenschnaps (Dunjovaca) probieren. Alternativ gibt es natürlich auch Sliwowitz, frischen Fisch aus der Donau, Paprika, köstliche Weine und viel Fleisch. In der Vojvodina isst man zünftig – und reichlich. Wer das “Sokace” verlässt, kann sich sicher sein: Er ist (Novi) satt.
Wer sich danach ins muntere Nachtleben stürzt und sich darüber wundert, dass selbst mitten in der Woche die Straßen noch bis weit nach Mitternacht bevölkert sind, dem liefert Vinko Stojic die Erklärung. “Heute ist heute”, sagt er. So laute das Motto vieler Serben. Jahrhundertelang beherrschten Türken, Österreicher oder Sowjets dieses Land. Nun feiern die Serben ihre Unabhängigkeit und Freiheit um so ausgiebiger. “Živeli – auf Ihr Wohl”, sagt Vinko.
Wenn die Serben trinken – und sie trinken gerne -, dann feiern sie den Moment, aber sie spülen damit auch immer eine schlimme Vergangenheit weg. Fast alle hier haben den blutigen Bürgerkrieg noch erlebt. Die Ermordung von Ministerpräsident Zoran Djindjic ist gerade zweieinhalb Jahre her. Doch nach Spuren des Krieges muss man in Novi Sad schon intensiv suchen. Zwei der vier Donaubrücken, die bei Nato-Luftangriffen 1999 zerstört wurden, sind noch nicht wieder aufgebaut. Dass sie fehlen, erkennt man allerdings erst beim genauen Blick auf den Stadtplan. Oder auf den alten Bildern der Maler in der Festung über der Stadt.
Durchgelesen: Jacques Le Goff – “Die Geburt Europas im Mittelalter”
| Autor | Jacques Le Goff |
| Titel | Die Geburt Europas im Mittelalter |
| Verlag | C. H. Beck |
| Erscheinungsjahr | 2003 |
| Bewertung | *** |
Was ist Europa? Die EU? Die Fläche von der Atlantikküste bis zum Ural? Gar nicht so leicht zu beantworten.
Warum das so ist, erklärt der französische Historiker Jacques Le Goff in seinem Buch. Denn Europa ist für ihn “Idee und Gestalt”, zeichnet sich aus durch die Dialektik der Einheit (der Christenheit) und Vielfalt (der Nationen).
Eine ähnlich weiche und doch einleuchtende Antwort hatte auch der ungarische Mediävist Gabor Klaniczay schon einmal gegeben. Er hat “ein Mitteleuropa gefunden, das (…) einen nach Osten unbegrenzten Raum darstellt, der sich vom Westen her entwickelt”. Das also ist Europa.
Doch seit wann gibt es dieses Europa, seit wann wird es als Kontinent wahrgenommen, seit wann fühlen sich seine Einwohner einander zugehörig, seit wann nennen sie sich Europäer? Diesen Fragen geht “Die Geburt Europas im Mittelalter” nach. Auch hier lautet die Antwort: Alles ist im Fluss. Gerade deshalb kann man Le Goffs Einteilung in vier Phasen von der Empfängnis bis zum Herbst des Mittelalters hinterfragen. Dennoch zeigt seine Darstellung eindrucksvoll die Kraft der Ideen in der langen Dauer.
Le Goff zeigt Vordenker und Quertreiber, Traditionsstränge und Brüche. Wirtschaft und Religion spielen dabei eine Rolle, aber auch Tischsitten und Sprache. Sein Buch zeigt ein Europa, das hell und lebendig ist – und das sich inmitten von Innovationen gleich selbst mit erfindet.
Wenn die Hüllen fallen
Der graue Stoff schimmert im abgedimmten Licht. Er gleitet ein Stückchen tiefer, knisternd. Kurz ist ein Blick auf die Schulter zu erhaschen, wohlgeformt und markant. Die leise Musik im Hintergrund soll entspannen, doch in diesem Moment der äußersten Erregung muss sie damit scheitern. Der Stoff gleitet noch ein Stückchen tiefer, sanft und ganz langsam. Darunter ist fast nichts zu erkennen, aber viel zu erahnen: himmlische Rundungen, perfekte Proportionen.
Noch ein Stückchen tiefer. Gleich ist der Scheitelpunkt dieser herrlichen Kurve erreicht, dann wird die Seide den Halt verlieren, unaufhaltsam ins Bodenlose stürzen und endlich, endlich den Blick freigeben auf das, was sich die Fantasie schon in den schönsten Farben, mit den Linien eines Modigliani, bis ins kleinste Detail ausgemalt hat.
Und dann steht sie da, hüllenlos, in voller Pracht: eine smaragdgrüne Raubkatze. Der neue Jaguar XK Coupé. Während die Musik lauter wird, die Besucher der IAA in Frankfurt klatschen und der Wagen bei seiner Weltpremiere sogleich ein Blitzlichtgewitter über sich ergehen lassen muss, verschwindet Pierre Griesel mit einigen Quadratmetern grauer Seide hinter den Kulissen. Er musste gemeinsam mit einer Hostess den Wagen von seiner edlen Zeltgarage befreien. Mit der nötigen Theatralik, streng synchron und auf die Sekunde genau.
“Proben durften wir die Enthüllung nicht, sonst wäre das Auto dabei ja zu sehen gewesen”, erzählt Pierre Griesel, der im Hauptberuf Schauspieler ist und beispielsweise als Pierce-Brosnan-Double sein Geld verdient. Immerhin hat er mit seiner Kollegin aber kurz den richtigen Weg zum Auto und die beste Standposition trainieren können. “Das Wichtigste ist, dass man nicht ausrutscht. Wir haben extra noch die Schuhsohlen aufgeraut”, sagt der 35-jährige Wiesbadener.
Als der Wagen enthüllt ist, verschwindet das graue Tuch hinter der Bühne und liegt dort unbeachtet herum. Eine sterbliche Hülle ist der Fetzen, den eine britische Spezialfirma hergestellt hat, aber nicht: Der Stoff wird gewaschen und für weitere Präsentationen wieder verwendet. Dann wird die Hülle wieder die Blicke auf sich ziehen. Sie liegt zwischen dem Geheimnis und der Offenbarung, sie ist die dünne Schicht zwischen brennender Gier und Erlösung der Besucher.
Auch für die Autohersteller ist die Enthüllung der große Augenblick – letztlich sogar der Moment, um den sich die ganze Messe dreht. “Wir freuen uns darauf. Es macht stolz, wenn das Auto, an dem man so lange gearbeitet hat, endlich für alle sichtbar ist und Applaus bekommt”, erzählt Holger Wittenberg, der den Stand des koreanischen Herstellers Kia in Halle 4 leitet. “Das ist sehr genau vorbereitet. Das Design des Standes, die Position der Autos, die Prominenten, die man zur Präsentation einlädt – das alles muss genau zum Auto passen”, sagt Wittenberg.
Dementsprechend vielfältig wird der große Moment zelebriert. Bei Hyundai sind die neuen Modelle unter überdimensionalen Fußbällen versteckt. Ein zotteliger Riesenlöwe – das Maskottchen der WM 2006, die von der Autofirma gesponsert wird – startet einen Countdown, dann erblickt die neue Generation des Getz das Licht der Welt. Dazu ist der Beatles-Song “Drive My Car” zu hören. Volkswagen lässt Pauken und Trompeten erklingen, um den angemessenen Rahmen für das Cabrio Eos zu schaffen. Bei Audi gibt es Nebelschwaden, bei Mercedes begleiten artistische Einlagen die Präsentation.
Dass die Enthüllung reine Inszenierung ist (wenn auch eine sehr gekonnte), wird bei Fiat deutlich: Konzern-Boss Luca di Montezemolo zieht eigenhändig die weiße Plane von der Rallye-Version des neuen Fiat Punto Grande. Allerdings war das Auto tags zuvor schon zu sehen – völlig hüllenlos.
An einigen anderen Ständen finden sich am ersten Messetag mitunter nur vermummte Karossen. Geheimnisvolle Landschaften aus roten Felsen, Galerien mit blauen Skulpturen, Felder mit weißen Hügeln, die wie bizarre Schneeverwehungen aussehen. Wenn man nicht unbedingt gekommen ist, um die Autos darunter zu sehen, ist das durchaus ein reizvolles Bild. Der Verpackungskünstler Christo hätte an den verschiedenen Variationen seine helle Freude. Die Verhüllung von Gegenständen bringe deren eigentlichen Wert wieder ins Bewusstsein, hat er einmal gesagt. Die Verpackung zeige die Grobstrukturen, abstrahiere den Gegenstand.
In der Tat: Einige Modelle bekommen durch die Betonung der Figur, durch den Fall der Falten oder die Reflexionen des Scheinwerferlichts auf den Stoffen eine ganz eigene Anziehungskraft. Den meisten steht ihr Kleid ausgesprochen gut, bei manchen betont der Stoff tatsächlich die Reize dessen, was sich darunter verbirgt. Man muss auch an den chinesischen Philosophen Lao-Tse denken und seinen Spruch: “Alle Frauenkleider sind nur Variationen des ewigen Streites zwischen dem eingestandenen Wunsch, sich zu kleiden, und dem uneingestandenen Wunsch, sich zu entkleiden.” Und natürlich ist es bei Autos genauso.
Auch bei Suzuki hat man die Wagen für die offizielle Präsentation noch einmal angekleidet. “Wenn die Autos hier ankommen, sind sie noch ohne Hülle. Wir verpacken sie dann zur Präsentation – und nachts, damit sie nicht dreckig werden”, verrät Dominik Eiland, bei Suzuki für die Automessen zuständiger Produktmanager. Nach der IAA werden die schützenden Tücher noch mehrfach zum Einsatz kommen, etwa in Autohäusern. “Es gibt da große Unterschiede in der Qualität. Wir verwenden beispielsweise die selben Stoffe wie Porsche”, macht er deutlich. Wichtigstes Kriterium: “Das Material muss unbedingt anti-statisch sein, sonst laden sich die Autos womöglich auf.” Etwa 250 Euro kostet eines der maßgeschneiderten Kleider.
Und da ist sie wieder: die Parallele zur Frau. Die Enthüllung ist ein Striptease. Wenn auf der IAA die Hüllen fallen, stecken zwar nur Metall und Technik unter der grauen Seide, und man muss schon Autoliebhaber sein, um darin etwas Erotisches zu sehen. Man kann aber auch einer Expertin von Jaguar glauben. Die weiß nämlich, woraus die Auto-Hüllen auf der IAA bestehen: “Es ist das selbe Material wie für Damenunterwäsche.”
Warum David Beckham nicht an allem Schuld ist
David Beckham hat viele schlimme Trends gesetzt. Die Renaissance des Irokesen-Schnitts. Das Rasieren der Brusthaare. Metrosexualität. Elfmeterverschießen. Von all den Moden, für die der englische Fußballer verantwortlich gemacht werden muss, ist aber eine eindeutig die schlimmste: die Unsitte, seine Kinder nach der Stadt der Geburt oder gar der Zeugung zu benennen.
Brooklyn, Romeo und Cruz heißen die Söhne des Kickers. Andere ahmen die Benamung nach dem Ort der Besamung inzwischen nach: Wo Paris Hilton entstanden ist, können Sie sich ja denken. Der kleine Racker von Verona Pooth (sie ist übrigens nicht in Italien, sondern in Bolivien geboren) darf sich sein Leben lang über den schönen Namen San Diego freuen.
Das alles wäre noch zu verkraften. Allerdings dient die Welt der Reichen und Schönen ja oft als Vorbild für Lieschen Müller und Otto Normalverbraucher. Nicht auszudenken, was dies für Folgen haben könnte: Junge Paare könnten ihren Nachwuchs Uttrichshausen, Fulda oder Großenlüder nennen! Und wer möchte schon gerne Müs heißen?
Nun könnte man meinen, dies seien neumodische Macken, Auswüchse des 21. Jahrhunderts. Aber Renee Jackaman kann das Gegenteil beweisen. Sie findet ihren eigenen Namen “eher blöde” und forschte deshalb, ob sich die Geschmäcker der Eltern auch früher schon derlei verirrten. Die Durchsicht der Geburts- und Heiratsregister von Cornwall ergab eine eindeutige Antwort: Eltern wie die Beckhams gab es auch schon vor dreihundert Jahren.
Denn die Liste der dämlichen Namen ist schier unendlich. Da haben Eltern tatsächlich Silly Woodcock (Dummer Holzschwanz) oder Gentle Fudge (Sanfter Pfusch) als Namen ihrer Kinder angegeben. Auch Philadelphia Bunnyface, Elizabeth Disco und Levi Jeans stehen in den Büchern.
Noch amüsanter muss die Lektüre der Heiratsregister gewesen sein. In Cornwall gab es 1663 tatsächlich eine Hochzeit zwischen Frau Haut und Herrn Knochen. 1711 fanden dann Herr Schwein und Frau Schinken zueinander.
Wen der Nachwuchs der Stars von heute einmal heiraten wird, wissen wir nicht. Aber eins ist sicher: Wenn Brooklyn Beckham wieder einmal von seinen Mitschülern gehänselt wird oder San Diego Pooth bei jeder Passkontrolle schon das Grinsen der Beamten ahnt, dann können sie Trost in den historischen Akten von Cornwall finden. Wenigstens heißen sie nicht Bunnyface. Oder Uttrichshausen.
Durchgelesen: Kati Naumann – Alte Liebe
| Autor | Kati Naumann |
| Titel | Alte Liebe |
| Verlag | Edition Büchergilde |
| Erscheinungsjahr | 2005 |
| Bewertung | *** |
Der Plot ist schnell erzählt: Eine Frau in dem Alter, das man bei einem Mann “die besten Jahre” nennen würde, versauert in einem Vorort von Leipzig. Auch zehn Jahre nach der Wende ist sie noch nicht recht im neuen Zeitalter angekommen. In ihrer Orientierungs- und Hilflosigkeit ist sie aber doch offen und flexibel – wie ein Blatt im Wind, den sie dann prompt auch wiederholt als Orakel zu Rate zieht und als Fingerzeig für wichtige Entscheidungen nutzt.
Die einzige Aufregung in ihrem Leben sind Blitzer an roten Ampeln. Und Haushaltsauflösungen, bei denen sie immer wieder Ramsch und Antiquitäten ersteht, gegen den Willen ihres staubtrockenen Mannes.
Dabei stößt sie auf ein Paket mit Liebesbriefen, die ein deutscher Soldat im Zweiten Weltkrieg von der Front nach Hause geschrieben hat. Sie vertieft sich in die Geschichte und findet schließlich den Autor der Briefe. Gemeinsam mit einer neuen Nachbarin (Teenager und Grufti) bringt er ihr Leben durcheinander. Zu beiden entwickelt sich eine semi-erotische Beziehung mit seltsamer Rollenverteilung, schließlich nimmt sie sich beide zum Vorbild und trifft am Ende erstmals eine Entscheidung.
Auch wenn die Blicke in ihr Innenleben manches mal zu gut ausgeleuchtet sind, werden der Weg und die Motivation, die dahin führen, sehr deutlich. Vor allem die Banalität des Alltags, von Kati Naumann beinahe als erdrückendes Sittenbild entworfen, trägt dazu bei. Die ewige Wiederkehr von Putzen, Arbeiten und Busfahren, das Leben in einer Ehe, die Romantik schon längst durch Routine ersetzt hat, lässt die ganze Sehnsucht der Protagonistin nach Abwechslung, ihre (manchmal etwas kleingeistig wirkende) Gier nach der kleinsten Attraktion verständlich werden.
Am Ende ist es ein Sieg der Größe des Individuums gegen die Welt der Konvention. Wenn auch ein ganz kleiner Sieg.
Bruder Löwenherz
Lamborghini: Der Name hat Klang. Aggressivität schwingt darin mit, Temperament und rassige Sportlichkeit. In dieser Sparte sieht sich auch Seat. Gemeinsam mit Lamborghini und Audi bilden die Spanier die sportliche Südgruppe im VW-Konzern.
“Wir sind die sportliche Einsteigermarke im deutschen Markt. Wer ein emotionales, sportliches Auto sucht, kommt zu uns”, sagt Michael Grosche, Geschäftsführer von Seat Deutschland. Er weiß aber auch, dass Seat zwar im selben Spektrum wie Lamborghini tätig ist, sich aber hinsichtlich des Renommees lange Zeit am verkehrten Ende wiederfand. “Hinterhofatmosphäre” und “Billig-Image”, sind die Stichworte, die Grosche nennt, wenn es um die Anfangstage der Marke geht. Aus dieser Ecke hat sich Seat inzwischen gelöst. Die Kunden sind zufriedener, die Autos sicherer geworden.
Nun soll der nächste Schritt folgen. Die spanische VW-Tochter strebt dabei nicht nur eine bessere Selbstdarstellung an, sondern auch einen größeren Marktanteil in Deutschland. Zwei Prozent (aktuell: 1,8 Prozent) sind mittelfristig das Ziel, gibt Grosche vor. Eine entscheidende Rolle beim anvisierten Aufschwung kommt dem Leon zu, der bisher für ein Drittel der Seat-Umsätze sorgt. Und so setzte man bei der Überarbeitung der fünftürigen Steilhecklimousine auf “die Kernwerte der Marke”, wie Grosche erklärt. Als da wären: Emotionalität und Sportlichkeit zum günstigen Preis.
All das bietet der Leon in der Tat. Die neue Optik – Scheinwerfer in Form von Luchsaugen unter Klarglasabdeckungen, drei große Kühlluftöffnungen in der tiefen Frontschürze, Heckspoiler, versteckte Türgriffe hinten, direkt an der Tür angebrachte (allerdings ein ganzes Stück zu klein geratene) Außenspiegel – unterstreicht die Sportlichkeit und Individualität des Autos.
Die Motoren sind bereits aus Toledo und Altea bekannt. Als Diesel stehen 105 und 140 PS starke Aggregate aus dem VW-Baukasten zur Verfügung, für die es bis Ende des Jahres auch Partikelfilter für 565 Euro geben soll. Bei den drei Benzinern reicht das Spektrum von 102 bis 185 PS (der Top-Motor mit Turbolader wird zwar erst zum Ende des Jahres ausgeliefert, kann aber schon bestellt werden).
Den neuen Leon gibt es in den beiden Ausstattungslinien “Reference” (ab 15.690 Euro) und “Stylance” (mit Leichtmetallrädern, Klimaanlage, CD-Player und Tempomat ab 18.090 Euro). Zusätzlich kann jeweils ein Sportpaket bestellt werden.
Wer zu einem der stärkeren Antriebe greift, kann seine sportlichen Ambitionen im Leon voll ausleben. So bietet der Zweiliter-FSI bereits eine ordentliche Beschleunigung (8,8 Sekunden von Null auf Hundert) und eine Spitzengeschwindigkeit von 210 km/h. Was diese trockenen Zahlen allerdings nicht ausdrücken: Der Leon macht Spaß, lädt förmlich ein zu schnellen Slides und sportlichen Manövern. Neben Lenkung und Schaltung trägt die verbesserte Fahrwerksabstimmung zur neuen Agilität bei.
Dabei bleibt der Bruder Löwenherz beherrschbar. In Extremsituationen helfen ESP und eine stabilisierende Lenkunterstützung sehr sensibel, die Spur zu halten. Besonders beeindruckt die Dual-Rate-Servobremse: Bei mehr Druck aufs Pedal nimmt die Wirkung überproportional zu. Damit lässt sich die Verzögerungskraft bei Kurvenfahrt genau dosieren, im Notfall kommt das Auto aber auch in Nullkommanix zum Stehen. Für mehr Sicherheit sorgen auch die sechs Airbags, ABS und Reifenkontrollanzeige (inzwischen in allen Ausstattungsvarianten serienmäßig), neue Kopfstützen und bessere Materialien für die Karosserie. Dazu gibt es mehr Platz, für die Passagiere im Fond beispielsweise sechs Zentimeter zusätzliche Beinfreiheit.
Der neue Leon ist bei weitem kein Lamborghini für Arme, sondern ein echter Seat geworden. Und das darf man durchaus als Kompliment verstehen.
Hingehört: White Hassle – “Your Language”
| Künstler | White Hassle |
| Album | Your Language |
| Label | Fargo |
| Erscheinungsjahr | 2005 |
| Bewertung | *** |
Manchmal reichen ein paar Begriffe, und man weiß Bescheid. Auch im Fall von White Hassle. Matador: Auf diesem Label erschien 1997 das Debütalbum des Trios. John Peel: Der DJ lud die New Yorker zu einer Session ein. Pavement und Spoon: Mit diesen Klassebands teilten White Hassle bereits eine Bühne. Können also nicht so schlecht sein, die Jungs.
Manchmal reichen auch ein paar Wörter, und man weiß Bescheid. “Ich liebe dich” zum Beispiel, “Je t’aime” oder “Jag älska dig”. Der Satz zählt zu den ersten (und oft einzigen), die man in einer fremden Sprache lernt. Und White Hassle stellen sich auf ihrem neuen Album Your Language zuerst die unterhaltsame Frage, wie “I love you” wohl in dieser seltsamen Gegend heißt. Dieser Start gibt die Richtung vor: eklektizistische Gitarrenmusik, mutige Leichtfüßigkeit, moderner Garage-Blues.
Das akustische Star Position bezaubert gleich im Anschluss. Ambrosia Parsley (im Hauptberuf Sängerin bei Shivaree) glänzt als Duettpartnerin beim verdammt cleveren You’d Be Surprised. In das waidwunde Neon, Not The Night oder das rustikale Sweet Eloise werden sich Fans von Ryan Adams oder Cracker sofort verlieben.
Manchmal reichen schon zwölf Songs, und man weiß Bescheid: feine Band.
Im Clip zu She’s Dead scheinen White Hassle die Sprache des HipHop lernen zu wollen, was nicht ganz klappt:
Hingehört: Tokio Hotel – “Monsun EP”
| Künstler | Tokio Hotel |
| EP | Monsun |
| Label | Island |
| Erscheinungsjahr | 2005 |
| Bewertung | ** |
Von Fünfzehnjährigen sollte man eigentlich einen unerhörten Sound voller Gier und Wut und Schwung erwarten, der alles Etablierte wegbläst.
Kriegt man von Tokio Hotel aber nicht. Stattdessen liefert das Quartett aus Magdeburg (alle vier zusammen sind genauso alt wie Paul McCartney alleine) mit der Monsun EP ein Debüt, das erstaunlich abgeklärt, anständig und professionell klingt. Was nicht verwundert, denn für die Musik ist nicht die Band, sondern ein Team aus alten Produzentenhasen zuständig.
Sie haben dem Chart-Spitzenreiter Monsun eine feine Dramaturgie verpasst, die auch gut zu Echt gepasst hätte. Sänger Bill Kaulitz bringt außer seiner Mädchenstimme aber immerhin ein paar nette Textideen ein, in der Ballade Rette Mich und vor allem in Freunde Sein, dem besten Song des Mini-Werks.
Wenn das Milchgesicht im an Such A Surge erinnernden Schrei allerdings versucht, verwegen daherzukommen, klingt das fast schon niedlich. Aber Teenagern darf man das verzeihen. Sie dürfen sich am Moment erfreuen, ohne weiten Horizont. Wie singen sie selbst: “Leb die Sekunde / Hier und jetzt / Halt sie fest.”
Das einzig wahre Tokio-Hotel-Interview:










