Hingehört: Marah – “If You Didn’t Laugh, You’d Cry”
| Künstler | Marah |
| Album | If You Didn’t Laugh, You’d Cry |
| Label | Munich Records |
| Erscheinungsjahr | 2005 |
| Bewertung | ***1/2 |
“Die beste unbekannte Band der Welt”, behauptet Nick Hornby und meint damit Marah. Die aus Philadelphia stammende Band um die Brüder Serge und Dave Bielanko legt mit If You Didn’t Laugh, You’d Cry inzwischen schon ihr fünftes Album vor. Und warum sie nicht schon längst in einer Liga mit Bruce Springsteen oder zumindest Wilco spielen, bleibt dabei ein Rätsel.
Höchst abwechslungsreich sind diese Lieder, aber immer ehrlich, intensiv und aufmerksam beobachtet. Gerne auch betrunken und humorvoll – so heißt das erste Stück The Closer und lässt mit Rockabilly-Anleihen gleich eine ausgelassene Party-Stimmung aufkommen, die auch dem Harmonika-Heuler Fatboy oder dem Banjo-Bastard Sooner Or Later zu eigen ist.
In The Hustle treffen Tom Pettys Heartbreakers auf Cornershop. Die Ballade City Of Dreams lässt an Pete Droge denken. The Demon Of The White Sadness würde auch den Wallflowers gut zu Gesicht stehen. The Dishwasher’s Dream und Walt Whitman Bridge sind die Art von Songs, die man zuletzt gerne von Ryan Adams gehört hätte.
Unterm Strich ein durch und durch amerikanisches Album. Im besten Sinne.
Nick Hornby hilft auch gerne selbst mit, um Marah aus dem Status des Geheimtipps zu befreien: Eine Lesung des Autors, umrahmt von Marah-Songs:
Durchgelesen: Steve Martin – “Sehr erfreut, meine Bekanntschaft zu machen”
| Autor | Steve Martin |
| Titel | Sehr erfreut, meine Bekanntschaft zu machen |
| Verlag | Manhattan |
| Erscheinungsjahr | 2003 |
| Bewertung | ***1/2 |
Im Kino ist Steve Martin gerade in “Im Dutzend Billiger 2″ zu sehen, einem entschieden altmodischen Filmspaß. Überhaupt ist er als Komödiant eher einer vergangenen Ära zuzuordnen, als noch Charme zählte, als es noch Pointen ohne Opfer gab.
Das ist auch das hervorstechendste Merkmal von Martins zweitem Roman: Allen Figuren wird hier eine unermessliche Sympathie entgegengebracht.
Im Mittelpunkt steht ein Charakter, der kaum amüsanter sein könnte: Daniel ist Anfang 30 – und komplett neurotisch. Bordsteinkanten sind ihm ein Graus, von Zahlen, Geometrie und dem Alphabet ist er besessen, und die Lampen, die in seiner Wohnung brennen, müssen zusammen immer genau 1125 Watt haben.
Mit diesen Macken erinnert er ein wenig an die Figur, die Jack Nicholson in “Besser geht’s nicht” so famos verkörperte. Allerdings ist Daniel kein robuster Fiesling, sondern ein sensibler Gutmensch, was seine Lage nur noch schwieriger macht. Das fängt bei den Kleinigkeiten des Lebens an und hört beim Versuch einer Affäre noch lange nicht auf. “Ich wusste nicht, ob Clarissas Verhalten mir gegenüber platonisch, aristotelisch, hegelianisch oder erotisch zu verstehen war. Also lag ich einfach da, an drei Punkten mit ihre verbunden – ihre Hand auf meinem Nacken, meine Hand auf ihrem Rücken, und ihr Haar streifte meine Seite. Ich starrte an die Decke und fragte mich, wie ich in jemanden verliebt sein konnte, dessen Name kein Anagramm gab. Nach einiger Zeit zog Clarissa ihre Hand schläfrig über meine Brust und ging wieder zu ihrem Bett. Zurück blieb ein schemenhafter Eindruck, wie ein phosphoreszierender Handabdruck.” So funktioniert für Daniel Erotik.
Dass dieser Kauz bei einem Aufsatzwettbewerb als der durchschnittlichste Amerikaner gewinnt, ist eine tolle Pointe. Und wie Daniel schließlich seine Ängste überwindet und sein Selbst findet, ist wunderbar philanthropisch.
Beste Stelle: “Die Nachricht von ihrem Tod ließ mich verstörend ungerührt – eine Zeit lang jedenfalls. Ich fragte mich, ob ich wirklich verrückt sei, weil mich der Verlust nicht überwältigte und ich auch weiterhin funktionierte. Aber der Schmerz kam mit Verzögerung, in Schüben. Er kam nicht, als er hätte kommen sollen, sondern in Intervallen über eine Reihe von Tagen, über Monate. Einmal, als ich Teddy in die Luft warf, erschien er in dem Raum zwischen uns und verschwand, als Teddy wieder in meinen Händen war. Einmal hielt ich meine Hand zwischen meine Augen und die Sonne, und ich spürte, dass dies etwas mit Großmama zu tun hatte, denn sie stand zwischen mir und dem, was mich verbrannte. Es war nicht so, dass sie mir fehlte – zu der Zeit, als alles vorbei war, waren wir so weit voneinander entfernt, dass wir nur noch sporadisch Kontakt hatten. Tot oder lebendig, sie lebte in mir. Selbst jetzt, wo ihre Briefe ausbleiben, ist es so, als kämen sie immer noch, denn wenn ich das vage Gefühl habe, dass einer fällig wäre, empfinde ich denselben vertrauten Trost wie früher, wenn ich wirklich einen Brief in der Hand hielt.”
Hingehört: Tommy Lee – “Tommyland: The Ride”
| Künstler | Tommy Lee |
| Album | Tommyland: The Ride |
| Label | SPV |
| Erscheinungsjahr | 2005 |
| Bewertung | * |
Tommy Lee meint es offensichtlich ernst. “Jeder klingt gleich und sieht gleich aus. Dabei geht es in der Rockmusik doch vor allem ums Risiko”, beschreibt er den aktuellen Zustand der Szene ganz treffend. Seine Musik liegt ihm offensichtlich am Herzen.
Also wollen wir hier einmal nicht von seiner Biografie Tommyland reden, die gerade die Bestsellerlisten erreicht hat. Auch nicht von seinem legendären Sex-Video mit Pamela Anderson. Auch nicht über seinen Spitznamen The Bone. Über die unsägliche Mötley-Crüe-Reunion den Mantel des Schweigens hüllen und auch seine neue Doku-Soap Tommy Goes To College nicht erwähnen.
Es soll um die Musik gehen. Tommy Lee hat ein neues Album gemacht, es heißt Tommyland: The Ride. Was Tommy Lee dabei macht (außer trommeln, manchmal singen und auf dem ganz netten Tired über sich selbst zu lachen), wird nicht so ganz klar. Ansonsten sind Musiker von Jane’s Addiction, Good Charlotte, Nickelback, Sum 41 und Velvet Revolver darauf zu hören. Und Nick Carter von den Backstreet Boys.
Es ist die belangloseste, austauschbarste und leerste Musik, die man sich vorstellen kann. Manchmal Aerosmith-Resteverwertung (Sister Mary), manchmal gar an Hanson erinnernd (Makin Me Crazy). Und: Es klingt gleich und sieht gleich aus.
Tommy Lee kann sogar kopfüber Schlagzeug spielen. Wow.
Durchgelesen: Jakob Hein – “Vielleicht ist es sogar schön”
| Autor | Jakob Hein |
| Titel | Vielleicht ist es sogar schön |
| Verlag | Piper |
| Erscheinungsjahr | 2004 |
| Bewertung | ** |
Die Mutter stirbt. In diesen drei Wörtern kann man den gesamten Inhalt von “Vielleicht ist es sogar schön” zusammenfassen. Es ist die Handlung, die Moral, die Tragik, die Motivation hinter Jakob Heins drittem Buch.
Und doch steckt viel mehr darin, was vor allem der sehr gelungenen Form geschuldet ist: Im Wechsel schildert der Autor (der im Hauptberuf selbst Arzt ist) den Verlauf der Krankheit, die eigene Betroffenheit und Ohnmacht und rührende Erinnerungen an die Mutter. So wird aus “Vielleicht ist es sogar schön” auch die interessante Geschichte einer Familie, in der sich die Chronik des 20. Jahrhunderts zu konzentrieren scheint.
Vor allem aber ist das Buch wohl Heins Therapie, um mit dem Verlust klar zu kommen. Deshalb sind viele der Rückblenden zwar rührend, aber zu privat, um für unbeteiligte Leser bedeutsam zu sein. Und (wohl mit Bedacht) nicht privat genug, um faszinierend zu werden, lebendige Figuren entstehen zu lassen. Deshalb ist dieses Buch, für alle außer Jakob Hein, nur ein schwacher Trost.
An der besten Stelle besucht der Erzähler mit seiner Mutter zum ersten Mal die jüdische Gemeinde in Ostberlin: “Viele waren wie wir auf der Suche nach ihrer Vergangenheit, auf der Suche nach Spuren ihrer eigenen Familiengeschichte, die sie nie gekannt hatten. Einige waren Kinder von Juden, die Deutschland nie verlassen und doch überlebt hatten. Einige waren Kinder überzeugter jüdischer Kommunisten, deren Eltern beim Aufbau des besseren, fortschrittlichen Deutschlands hatten mithelfen wollen und deren Kinder nun in Ostdeutschland festsaßen. Das Glücksgefühl des Überlebens hatten vor vierzig Jahren andere gespürt. Die hier Anwesenden fragten sich ein oder zwei Generationen später, was sie nun anfangen sollten mit diesem Überleben.”
Hingehört: The Flames – “Strike A Light”
| Künstler | The Flames |
| Album | Strike A Light |
| Label | Edel |
| Erscheinungsjahr | 2005 |
| Bewertung | ** |
Mächtig heiß müsste es hier zugehen. Schließlich heißt die Band “The Flames”, das Album Strike A Light und der erste Song gleich Twist Fever. Doch die Platte der vier Mannheimer ist leider allenfalls eine lauwarme Angelegenheit.
Das liegt daran, dass sich die Band nicht recht entscheiden kann, ob sie einfach partytauglichen Retro-Rock spielen will oder den Pfad weitergehen soll, den der Überraschungshit Everytime ihnen einst eröffnet hatte. Oder sich vielleicht doch lieber auf Eigenkompositionen und Vielfalt einlassen soll.
Und so stehen nun gelungene Coverversionen (Green Tambourine lässt wie einige andere Stücke die Vorliebe des Quartetts für Psychedelik erkennen) neben misslungenen (Out Of My Head einen Buddy-Holly-Anstrich zu verpassen, geht in die Hose). Zackige Werke aus eigener Feder (Lonely könnte fast von Johnny & the Hurricanes stammen, wäre da nicht diese Stimme, die eher an Dick Brave & the Backbeats erinnert; Golden Gun ist ein mehr als passabler James-Bond-Theme-Versuch) stehen neben Totalausfällen (Seventeen dürfte nicht viel mehr auslösen als Karies). Und eine Neuaufnahme von Everytime ist natürlich auch dabei.
Live können die Flames derlei Unausgegorenheiten sicher leichter überspielen. Auf Platte brauchen sie nächstes Mal weniger Feuer – und mehr Fokus.
Noch einmal der Afri-Cola-Spot, der die Flames berühmt gemacht hat:
Durchgelesen: Zoé Valdes – “Das tägliche Nichts”
| Autor | Zoé Valdés |
| Titel | Das tägliche Nichts |
| Verlag | btb |
| Erscheinungsjahr | 1995 |
| Bewertung | ***1/2 |
“Eine wütende Liebeserklärung an das Land ihrer Väter”, nennt der “Spiegel” diesen Roman. In der Tat verarbeitet Zoé Valdés, 1959 auf Kuba geboren und inzwischen in Paris lebend, hier vor allem ihre Beziehung zu dieser “Insel, die das Paradies aufbauen wollte und die Hölle geschaffen hat”, wie es gleich zu Beginn von “Das tägliche Nichts” so schön heißt.
Auch hier ist das vor allem die Erkenntnis, unter einem falschen Stern geboren zu sein – ein Sehnen, nach anderen Orten und anderen Zeiten. “Erinnerst du dich noch?” will sie an einer Stelle wissen, und dann fallen ihr so viele Dinge ein, die es nur in der besseren Vergangenheit gab, dass diese Frage gleich zwei Seiten füllt.
In der Gegenwart bleibt ihr nicht sehr viel, außer ihrem Fahrrad, ihren Liebhabern und der Einsicht: “In den Filmen, in den Büchern, im Leben der anderen war die Liebe nicht so.” Die Freunde sind weg, die Eltern verblendet, der Glaube an die richtige Sache hat sich aufgelöst. Der Rest ist “Das tägliche Nichts”, in dem man sich gut einrichten kann, an dem man aber doch verzweifeln muss, von Valdés klar, eindringlich und sinnlich geschildert.
Beste Stelle: “Denk an mich, wenn es dich aber schwach macht, an mich zu denken, dann vergiss mich, ich werde verstehen.”
Hingehört: Annie – “Anniemal”
| Künstler | Annie |
| Album | Anniemal |
| Label | 679 Recordings |
| Erscheinungsjahr | 2005 |
| Bewertung | ***1/2 |
Der Name verführt natürlich zu Wortspielen. Aber das Debüt von Annie ist keine Anniethology geworden. Auch kein Annieversary. Es heißt auch nicht Anniemation, Anniebody oder gar (Achtung!) Annie One. Sondern Anniemal.
Was die “perfect Scandinavian Pop Princess” (der Guardian über die Norwegerin) wohl für ein Vierbeiner sein könnte? Auf die Frage gibt es nur eine Antwort: Annie ist nicht bloß ein Tier. Sie ist ein ganzer Zoo – oder ein Dschungel, wie sie uns im Intro auch gleich warnt.
Und dann legt sie los, als Pfau und Panther, eitel und aggressiv, hinterlistig und majestätisch. Chewing Gum heißt das Stück – und es ist das beste Stück Elektro-Pop seit Ewigkeiten. Die Stimme ist reine Koketterie, der Text voller Widerhaken, die Beats von Richard X treffen sicherer ihr Ziel als eine Cruise Missile – und richten hinsichtlich der Zurechnungsfähigkeit spätestens im Killer-Refrain auch ähnlichen Schaden an.
Ein Kracher von ähnlichem Format ist Me Plus One, wieder von Richard X geschrieben, noch eingängiger, noch unwiderstehlicher. Annies Stimme ist so unfassbar schulmädchensüß, dass man sich unwillkürlich gegen Erziehungsberechtigte und Karies schützen will. Doch dann kommt der Bababa-Teil und zerstreut solche Bedenken mühelos. Dies ist einfach nur noch Pop-Genuss in seiner höchsten Form, clever, sexy und elegant, und tatsächlich: “life affirming in every sense”, wie Q festgestellt hat.
Dieses Level erreichen die anderen Songs nicht, das wäre auch übermenschlich und gar nicht auszuhalten. Trotzdem gibt es noch viel zu entdecken, auch wenn man unter die Oberfläche und nach den Details schauen muss, um fündig zu werden. Wie ein Trüffelschwein, quasi.
Belohnt wird man dann mit Heartbeat, mit einem Gesang zum Dahinschmelzen, pulsierendem Bass und gelegentlichen Motown-Referenzen. Oder mit dem komplexen Titelsong, der in Eighties-Zitaten schwelgt und kurz den Verdacht nahelegt, Annie sei vielleicht die Gwen Stefani des denkenden Mannes. Oder mit dem entspannten Funk-Vibe von No Easy Love. Oder mit Greatest Hit, das in fast klassischem Disco-Sound und verdammt verführerisch daherkommt. Oder dem hinreißenden My Best Friend, in dem Annie beinahe den sterbenden Schwan gibt.
Vor allem aber mit Come Together, einer fast achtminütigen Elektropop-Synfonie, die sich vom hauchzarten Intro über einen Mörder-Groove und filigrane Orgel-Melodien hin zur puren Dancefloor-Ekstase steigert.
Am Schluss weiß man dann doch, was Annie für ein Tier ist: ein Chamäleon.
Jede Menge Annies hat Popworld für die Aufzeichnung von Chewing Gum aufgetrieben:
Hingehört: Yonderboi – “Splendid Isolation”
| Künstler | Yonderboi |
| Album | Splendid Isolation |
| Label | Chrysalis |
| Erscheinungsjahr | 2005 |
| Bewertung | ** |
People Always Talk About The Weather heißt ein Stück auf dem zweiten Album des 24-jährigen László Fogarasi alias Yonderboi. So belanglos wie diese Erkenntnis (und so belanglos wie die Gespräche über das Wetter) ist auch die Musik des Ungarn auf Splendid Isolation.
Das muss allerdings noch längst kein vernichtendes Urteil sein. Denn im Bereich der elektronischen Musik, den der Yonderboi beackert, geht es nicht um Bedeutung und Tiefe. Hier dürfen Sounds auch um ihrer selbst Willen existieren, sogar in Splendid Isolation. Und so ist das Album nicht bloß Klangtapete, aber über weite Strecken doch Kulisse.
Vielschichtig geht es zu wie im spannenden Trains In The Night oder im erwähnten Song über den Wetter-Small-Talk, meist auch etwas düster, fremd und geheimnisvoll. Die Bilder, die dazu im Kopf entstehen, sind jedenfalls schwarz-weiß. Und die musikalischen Assoziationen erinnern fast an ein Who-Is-Who der elektronischen Musik.
Gleich zum Start ruft All We Go To Hell mit rückwärts laufenden Kinderstimmen Erinnerungen an Deep Forest und auch Enigma wach. Die Beta Band scheint beim federnd leichten Badly Broken Butterflies eine Inspiration gewesen zu sein. Love Hides lässt gar an eine imaginäre Supergroup denken: Eine an Dave Gahan gemahnende Stimme singt da über einen Pet-Shop-Boys-Beat, am Ende gesellen sich auch noch New-Order-Gitarren hinzu.
Das alles ist sehr hübsch, mit viel Fantasie und handwerklich makellos gemacht. Nur die Frage nach dem “Warum” beantwortet Splendid Isolation nicht.
Für das Video von People Always Talk About The Weather hat der Yonderboi auch gleich selbst Regie geführt:
Hingehört: Die Toten Hosen – “Nur zu Besuch – Unplugged”
| Künstler | Die Toten Hosen |
| Album | Nur zu Besuch: Unplugged im Wiener Burgtheater |
| Label | JKP |
| Erscheinungsjahr | 2005 |
| Bewertung | **1/2 |
Im altehrwürdigen Wiener Burgtheater haben die Toten Hosen ihr Nur zu Besuch – Unplugged aufgenommen und halten damit offiziell Einzug in die deutsche Pop-Aristokratie von MTVs Gnaden. Nach Herbert Grönemeyer, den Fantastischen Vier und den Ärzten sind die Düsseldorfer der vierte deutsche Act, der sich ohne Stecker und Kabel präsentieren darf.
Wer befürchtet, dass damit auch Saft, Power und Spannung raus sind, wird früh eines besseren belehrt: Der Ramones-Kracher Blitzkrieg Bop ist eine gelungene Pointe gleich zum Start und die beste von drei Coverversionen (Guns of Brixton von The Clash wird durch nerviges Mitklatschen der Zuschauer entwürdigt, Hand In Hand von den Beatsteaks fehlt die nötige Präzision, auch sonst wird hier einige Male deutlich, dass die musikalischen Fähigkeiten der Band begrenzt sind).
Natürlich gibt es auch die üblichen Verdächtigen, also Balladen wie Böser Wolf oder Nur zu Besuch. Dazu einige Klassiker in neuen Arrangements, wobei vor allem das energische Wünsch Dir was und Opelgang als Klavier-Ballade à la Bruce Springsteen überzeugen. Und vier neue Stücke. Während Der Bofrost Mann nur halblustig und Der letzte Kuss eine eher mediokre Ballade ist, lassen Weltmeister (als Schlachtgesang schlechter als Bayern, aber dafür mit doppeltem Boden) und vor allem Popmusik (musikalisch sehr nahe am Walkampf, textlich eine fein selbstironische Reflexion) aufhorchen.
Ganz am Schluss überraschen die Hosen mit einer Lounge-Version von Eisgekühlter Bommerlunder. Und machen damit wieder deutlich, dass sie immer dann am besten sind, wenn sie sich selbst nicht ganz so wichtig nehmen.
So viel Selbstironie war selten bei den Toten Hosen: Popmusik ist auch unplugged ein Kracher:
Nichts IS unmöglich
Bill Murray sitzt schon wieder auf dem Sofa. Murray schaut mürrisch. Er kann gar nicht anders. Er hat inzwischen nur noch diesen einen Gesichtsausdruck, der am Lauf der Dinge zweifelt, und dessen Unabänderlichkeit doch akzeptiert. Ein ganzes Stück Weisheit steckt darin, aber kein bisschen Glück.
Was ihn bedrückt: Er sitzt in Japan und versteht weder Land noch Leute. Das ständige Lächeln, die grellen Farben, das Karaoke-Singen, die Sucht nach Neuem – all das ist ihm fremd, Lost in Translation, wie der grandiose Film heißt, in dem Murray sich in Tokio wie ein Außerirdischer fühlt.
Es ist diese Mischung aus Traditionsbewusstsein und Technologiewahn, die auf Nichtjapaner wie Murray befremdlich wirkt. Und die bei Lexus, der Edelmarke von Toyota, zur Firmenphilosophie erhoben wurde. So soll die hauseigene Designlinie “L-Finesse”, schon beim E-Klasse-Konkurrenten GS umgesetzt und nun auch auf den kleineren IS angewandt, nicht bloß knackige und markante Autos hervorbringen. Sie soll auch “wesentliche Grundzüge der japanischen Kunst und Kultur” integrieren, Ästhetik und Werte des Landes vermitteln.
Das ist vielleicht ein bisschen viel verlangt von einem Fahrzeug. In jedem Fall aber ist der Lexus IS ein bildschönes Auto geworden. Durch seine flache Dachlinie und extrem kurze Überhänge vorne strahlt er Eleganz, Klasse und Dynamik aus – schon im Stand.
Beim Fahren macht die Limousine deutlich, was “Premium” in der Mittelklasse bedeutet: sagenhafte Laufruhe. Verarbeitungsqualität, bei der man die Japaner auf ihrer Suche nach Perfektion schon sehr nahe am Ziel wähnt. Hervorragender Bedienkomfort. Und eine Serienausstattung, die mit zehn Airbags (Lexus-Pressesprecher Karsten Rehmann: “Da werden Crashtests für die Dummies zur Kissenschlacht”), ABS, ESP, Tempomat, Klimaanlage sowie einer exzellenten Audioanlage die Konkurrenten wie Audi A4, 3er BMW oder die Mercedes-C-Klasse in den Schatten stellt.
Bemäkeln kann man am IS (neben der unverständlichen Praxis, die meisten Extras nur im Paket zu verkaufen) eigentlich nur das geringe Platzangebot für Kopf und Beine im Fond. Aber dort will man ohnehin nicht sitzen – sondern am Steuer. Das Lenkrad möchte man nie mehr loslassen, das vorzügliche neue Sechsgang-Getriebe macht Schalten zum Vergnügen. So überzeugt der IS auch in punkto Fahrspaß, wozu auch das straff abgestimmte Fahrwerk beiträgt.
Zwar stehen für den europäischen Markt nur zwei Motorisierungen zur Wahl, doch die sind laut Rehmann “genau auf die Zielgruppe zugeschnitten”. Erstmals gibt es einen Lexus mit Selbstzünder. Der 2,2-Liter Dieselmotor mit 177 PS und serienmäßigem Partikelfilter ist aus dem Toyota Avensis bekannt. Die gering erscheinende Leistung macht der Vierzylinder durch Drehmoment wett: 400 Newtonmeter sind der Spitzenwert in der Klasse. Zweite Antriebsvariante ist ein Sechszylinder-Benziner mit 2,5 Litern Hubraum. 208 PS liegen beim IS 250 an der Hinterachse an, im Gegensatz zum Diesel gibt es hier auch eine Automatik.
Auch hinsichtlich der Sicherheit wird die Nippon-Neuheit höchsten Ansprüchen gerecht: Einen Zweikammer-Beifahrer-Airbag hat kein anderer Hersteller, den richtigen Abstand zum Vordermann regelt der Lexus IS auf Wunsch (gegen 3400 Euro Aufpreis und nur beim Benziner) per Radar von selbst, das integrierte Fahrdynamik-Management VDIM greift in Grenzsituationen subtil, aber wirkungsvoll ein.
Die ausgewogene Mischung aus Komfort und Dynamik, aus Eleganz und Kraft, mag besonders japanisch sein. Auf jeden Fall ist sie beim Lexus IS Weltklasse. Und man sitzt noch lieber darin als Bill Murray auf seinem Sofa.










