Hingehört: D-Sound – “My Today”

April 5, 2006 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

Man sollte Aufzüge in Norwegen meiden. Dort könnte "My Today" erklingen.

Künstler D-Sound
Album My Today
Label Edel
Erscheinungsjahr 2006
Bewertung *1/2

Musik sei die Negation der Sprache, das Anti-Wort, hat Milan Kundera in Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins geschrieben. So hat er das aber sicherlich nicht gemeint: Die Texte von D-Sound sind ebenfalls gar nicht vorhanden. Zwar gibt es hier Worte, aber keinen Inhalt.

Hülsen und Slogans wie “Sing it!” und “Try this!” verkleben den ersten Song Universally, auch sonst wird auf den Songs des Trios mit einer Infantilität gereimt, wie man sie allenfalls Zwölfjährigen durchgehen lassen würde, die gerade ihr erstes Wochenende im Denk-Positiv-Workshop hinter sich haben.

Man ist deshalb schon dankbar, dass der zweite Song so konsequent ist und mit “Dida da dadada” beginnt, und dann kann man auch die Stärken des deutsch-norwegischen Trios erkennen. Da ist zunächst einmal die Stimme von Sängerin Simone (gebürtig aus Freiburg): einschmeichelnd, angenehm und doch markant. Dazu kommt die Musikalität von Schlagzeuger Kim Ofstad und Bassist Jonny Sjo, die sich am Berkeley College of Music kennen gelernt haben. Und schließlich eine ausgeprägte Vorliebe für luftig-leichten Pop mit Black-Music-Einschlag.

Damit haben D-Sound nicht nur die Norweger (dort erreichen ihre Platten Platin-Status) für sich begeistern können, sondern auch renommierte Kolaborateure gewonnen. Tony Momrelle von Soul II Soul singt auf der netten Single Birthday mit, der sonst eher maulfaule Jazz-Liebling Till Brönner leiht dem sanften Sigh ebenfalls seine Stimme, und natürlich seine Trompete.

Jazz findet sich auch sonst hier gekommt angedeutet, ebenso wie Funk und Soul. Handwerklich ist das alles bestens gemacht, nur die Substanz fehlt. Schöne Musik für den Aufzug. Oder die Tanzschule.

Ein Heimspiel für Sängerin Simone: Birthday live im Jazzhaus in Freiburg:

D-Sound sind (Gott sei Dank) nicht bei MySpace.

Hingehört: The Strokes – “First Impressions Of Earth”

April 5, 2006 · Posted in CD-Regal, Musik · 3 Comments 

Auf "First Impressions Of Earth" sind die Strokes plötzlich fein durchdacht.

Künstler Strokes
Album First Impressions Of Earth
Label RCA
Erscheinungsjahr 2006
Bewertung ****

Der erste Eindruck war schon immer eine Stärke der Strokes. Die Vorab-Singles: stets wunderbare Teaser, die neugierig und euphorisch machten. Die Album-Opener: niemals weniger als ein Manifest. Doch diesmal, auf First Impressions Of Earth, haben sie sich selbst übertroffen.

You Only Live Once eröffnet den dritten Longplayer, und es ist schlicht der beste Song, den die fünf New Yorker je gemacht haben. Ein in alle Richtungen ausgreifendes Schlagzeug von Fab Moretti, feine Triolen auf der Gitarre von Nick Valensi, ein kongeniales Solo von Albert Hammond Jr., Melodie und Beat streiten 189 Sekunden lang darum, wer nun eingängiger ist. Und dazu dieser Gesang, der nur eine Frage auslöst: Was ist eigentlich mit Julian Casablancas passiert?

Die Antwort liefert Juice Box: Jemand hat den Eisblock geschmolzen. “You’re so cold” stellt der Sänger nun sogar immer wieder erschreckt fest. Er hat die Sonnenbrille abgenommen und die Handschuhe ausgezogen, er hat nun keine Scheu mehr, sich zu zeigen und ins Zeug zu legen. Und so begleitet er den Monster-Bass, der aus einer amerikanischen Cop-Serie zu stammen scheint, mit einer Stimme voller Feuer, Schmerz und – jawohl – Leidenschaft. In Fear Of Sleep schreit er gar, geht aus sich heraus und klagt an: “You’re no fun”.

Das sind also die neuen Strokes: Sie klingen noch immer nicht motiviert, aber sie sind nun konzentriert und ehrgeizig. Sie haben kein Problem damit, allen zu zeigen, was sie gelernt haben. “Work hard, play hard”, hat Julian als neue Devise ausgegeben.

Die Strokes-Sound 3.0 ist deshalb nicht mehr absichtlich hingerotzt wie auf Is This It, sondern fein durchdacht, klar gegliedert und toll gespielt. Das gilt für die Disco-Andeutungen auf On The Other Side, die komplexen Melodiosität von Red Light, den offensiven Breitwand-Sound von Electricityscape oder die Metal-Referenzen von Heart In A Cage (die Sologitarre und das Tom- und Becken-lastige Schlagzeug).

Kopfschütteln der anderen Art ruft Razorblade hervor, das ziemlich unverfroren Bary Manilows Mandy zitiert. Ask Me Anything verzichtet gar komplett auf Gitarren und Drums, das Eleanor Rigby der Strokes. Eine rabiate Rasanz wie die besten Stücke auf Room On Fire entwickelt 15 Minutes, inklusive einer sehr patenten Pogues-Imitation.

Natürlich ist das noch weit weg von Introspektion oder gar Seelenschau. Die Texte bleiben gewohnt enigmatisch, Coolness muss nach wie vor die Herangehensweise und das Fundament sein. Aber die Strokes haben erkannt, dass es man durch sture Wiederholung einer einstmals rätselhaften Formel nicht besonders undurchschaubar und geheimnisvoll bleibt. Sondern durch Überraschung.

Tatsächlich ohne Handschuh und Sonnenbrille, und auch sonst perfekt: You Only Live Once, live bei Jools Holland:

The Strokes bei MySpace.

Hingehört: Shout Out Louds – “Howl Howl Gaff Gaff”

April 5, 2006 · Posted in CD-Regal, Musik · 1 Comment 

Für die Shout Out Louds ist "Howl Howl Gaff Gaff" zugleich ein Debüt und ein Best-Of.

Künstler Shout Out Louds
Album Howl Howl Gaff Gaff
Label Capitol
Erscheinungsjahr 2005
Bewertung ****

Wenn es gut genug für die Hives war, dann dürfte es auch uns nicht schaden, haben sich die Shout Out Louds bei Howl Howl Gaff Gaff wohl gedacht. Denn ähnlich wie ihre Landsleute packt das Quintett aus Schweden nun einige in der Heimat bereits auf EP erschienene Songs zusammen, um daraus ihr internationales Debüt zu stricken.

Vielleicht auch deshalb hat Howl Howl Gaff Gaff zwar den Furor und die Frische eines Erstlingswerks, klingt zugleich aber auch abgeklärt und elaboriert.

Passend heißt der erste Song auch gleich The Comeback. Die Stimme von Sänger Adam Olenius erinnert manchmal an Robert Smith von The Cure (wie auf der Selbstvergewisserung There’s Nothing), noch öfter an Conor Oberst. Auch die Kings Of Leon klingen an (mit denen die Shout Out Louds schon auf Tour waren), und die Strokes (deren Gitarrist Albert Hammond Jr. die Schweden als seine neue Lieblingsband bezeichnet).

Von den New Yorker Kollegen haben die Shout Out Louds die Mischung aus Trägheit und Schmiss übernommen, die beispielsweise Very Loud auszeichnet – der Song, der den Schweden 2002 den Durchbruch brachte. Auf A Track And A Train bezaubert Bebban Stenborg mit ihrem Xylophon und noch süßerem Gesang. Die besten Stücke (Shut Your Eyes, 100° und vor allem Please Please Please) sind so euphorisch, übermütig, verführerisch und abenteuerlustig, dass sie einen ganzen Sommer ersetzen.

Am Schluss wirken die Jungspunde fast wie alte Hasen: Seagull ist ein geheimnisvoll flötendes Monster, das auch nach sechseinhalb Minuten noch nicht aufgibt, ein durchaus in der Nähe von Arcade Fire anzusiedelndes Epos – und ein unfassbarer Schlusspunkt für ein famoses Album.

Kein schlechter Start: The Comeback live bei David Letterman:

Die Shout Out Louds bei MySpace.