Wieso man saufen muss, um die WM zu retten

Juni 9, 2006 · Posted in Artikel, Weltgeschehen · Comment 

Heute Abend geht es los. Endlich rollt der Ball. Egal, wie genervt man zuletzt vom der WM-Dauerberieselung war: Bei jedem Fußballfan kommt spätestens jetzt das Kribbeln auf.

Doch kaum steht der ersehnte Anpfiff bevor, plagen den echten Schlachtenbummler schon die nächsten Sorgen. Denn natürlich möchte man die WM nicht bloß unbeteiligt mitverfolgen. Man will nicht eines Tages im Juli erfahren: Guatemala ist Weltmeister (Wer sich jetzt wundert: Die Lateinamerikaner mussten kurzfristig einspringen für Deutschland, das sich weigerte, seine Vorrundenspiele zu bestreiten, weil Pfeifen wie Costa Rica, Ecuador und Polen überhaupt nicht in die “akribische Vorbereitung auf dieses Großereignis” passen und die “total positive Entwicklung unserer jungen Truppe” stören und wir diesmal ja außerdem “auch die Großen schlagen wollen”). Nein, man will die WM erleben. Im besten Fall sogar: beeinflussen, etwas beitragen, Teil des Turniers werden.

Es gibt da ganz verschiedene Wege. Man kann es halten wie der Hamburger Sebastian Schweppe. Der war quer durch die Republik 5000 Kilometer zu Fuß unterwegs und besuchte dabei alle WM-Spielorte. Seine Botschaft: “Ich glaube dran.” Keine Frage: Dieser Mann ist mit der WM verschmolzen, er hat seine Pflicht und Schuldigkeit getan, seinen Beitrag geleistet. Er begnügt sich nicht mit Passivität, er schreitet zur Tat.

Wer es ihm gleich tun möchte, hat noch mehr Möglichkeiten. Natürlich kann man einfach ins Stadion gehen (wenn man denn ein Ticket bekommen hat) und seine Elf anfeuern. Man kann auch auf faulen Zauber zurückgreifen, wie es angeblich die Anhänger von Trinidad und Tobago versuchen, die Hühnerknochen und andere okkulte Gegenstände in der Nähe der Häuser von englischen Spielern vergraben haben sollen.

Oder man opfert sich auf, für all die Freunde, die bei uns zu Gast sind. Für die gibt es nämlich bald kein offizielles WM-Bier mehr. Denn es gibt (Trapattoni möge uns diese These verzeihen) zu wenig “Flasche leer”. Deshalb hat Bitburger nun alle Biertrinker zum schleunigen Verzehr aller Vorräte und zur sofortigen Rückgabe ihres Leerguts aufgerufen. Wir dachten zwar, dass Bitburger nur noch aus riesigen Gläsern getrunken wird, die am Brandenburger Tor von Oliver Bier(!)hoff bewacht werden, aber da lagen wir wohl falsch. Produktionsleiter Thomas Lauer klärt auf: Um die Bierversorgung während der WM sicherstellen zu können, brauche die Brauerei dringend leere Flaschen. Also: Tragen Sie etwas bei zum Gelingen der Weltmeisterschaft! Saufen Sie sich die WM schön, aber schnell! Heute Abend geht es los.

In der Bitburger-Werbung müssen sie auch schon aus Gläsern trinken:

Hingehört: The Cardigans – “Super Extra Gravity”

Juni 9, 2006 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

Auch auf "Super Extra Gravity" bleibt Trost das Leitmotiv der Cardigans.

Künstler The Cardigans
Album Super Extra Gravity
Label Stockholm Records
Erscheinungsjahr 2005
Bewertung ****

Ein schöner Konzert-Moment war das. Die Band wirkte ein bisschen unmotiviert, abwesend. Kein Wunder: Während die Cardigans beim Southside-Festival auf der Bühne standen, spielte die schwedische Fußballnationalmannschaft im WM-Achtelfinale gegen Deutschland. Viele der Festival-Besucher wollten lieber das Spiel sehen als den Auftritt des Quartetts aus Malmö. Und auch die Cardigans selbst hätten wohl lieber Fußball geschaut als eine dezimierte Fan-Schar zu beglücken.

Und dann, nach Godspell und Carnival, als es schon 2:0 für Deutschland stand, passierte es: Die Band bekam Lust auf die eigene Musik. Und Nina Persson, zuvor etwas schnippisch und offensichtlich noch immer viel zu schwer an der Bürde der Frontfrau tragend, lehnte sich plötzlich in ihre eigenen Songs – und fand Trost.

Das ist noch immer das dominierende Motiv ihrer Songs. Auch auf Super Extra Gravity gibt Persson die Enttäuschte, Zweifelnde, Machtlose, Ausgelieferte, Verlassene. Diese Opfer-Attitüde, dieses Anklagen ohne Ziel, diese Selbstverleugnung thematisiert sie spätestens seit ihrem Ausflug ins A-Camp ständig. Man hätte längst genug davon – wenn man nicht mit ihr fühlen würde. Und wenn sie ihr Jammern nicht schon wieder in so herrlich elegante Songs gepackt hätte.

Schon im Opener Losing A Friend passiert das symptomatisch: Nina ist wieder der Velierer, und auch noch selbst schuld. “My mistake / to lose you”, singt sie. Doch da ist kein Ton zu viel in der bedrückenden Strophe, dann schwingt sich die Melodie auf, strotzt vor Stolz, und entläd sich in einer Gitarre, die alle Ungerechtigkeit der Welt anklagt. Die Single I Need Some Fine Wine And You, You Need To Be Nicer ist unfassbar kraftvoll, auch wenn sich alle Beteiligten hier in jedem Moment zurückzunehmen scheinen. Wie ein ganzes Rudel von Kampfhunden, das an seinen Leinen zerrt – und dem völlig egal ist, auf wen es los geht, wenn es sich erst einmal befreit hat.

Der düstere Rausschmeißer And Then You Kissed Me II schlägt die Brücke zum letzten Album Long Gone Before Daylight. Im Vergleich dazu ist der Sound hier wieder etwas weniger opulent und ein Stück härter, besonders deutlich beim trotzigen Little Black Cloud oder dem robusten Drip Drop Teardrop.

Auch das schwelgerische Don’t Blame Your Daughters lässt die Cardigans wie eine untrennbare und zwingende Einheit klingen, so wunderbar greift hier alles ineinander. Auf In The Round entwickelt die Band eine herrlich subtile Dynamik. Und der Walzer Overload ist gar ein kurzer Moment der Selbstvergessenheit, beinahe eine Ahnung von Glück – würde nicht auch da schon wieder der Morgen danach lauern.

Der Clip zu Don’t Blame Your Daughter sieht aus wie ein Märchen der Gebrüder Grimm:

Die Cardigans bei MySpace.