Interview mit Wendelin Wiedeking

Juli 29, 2006 · Posted in Interviews, Weltgeschehen · Comment 

Wendelin Wiedeking sieht den Einstieg von Porsche bei VW als "gutes Geschäft". Foto: Porsche

Unternehmenschefs sind gemeinhin nicht allzu beliebt. Sie streichen Jobs, sie erhöhen Preise, sie schließen Werke. Bei Wendelin Wiedeking, dem Vorstandsvorsitzenden von Porsche, ist das anders. Mit Gewinnmaximierung, Lohndumping oder gar Heuschreckenmentalität würde man ihn nie in Verbindung bringen. Wiedeking gilt aus kompetent, gar als populär.

Der gebürtige Westfale weiß darum, kokettiert im Gespräch sogar ein wenig damit. “Wenn ich eine Heuschrecke wäre, würde ich sagen: Da haben wir einen ganz guten Deal gemacht”, kommentiert der 53-Jährige die guten Halbjahreszahlen von Volkswagen. Bei Europas größtem Autobauer sitzt Wiedeking im Aufsichtsrat. Seit Herbst 2005 ist Porsche größter Einzelaktionär bei VW, demnächst soll die Beteiligung auf 25,1 Prozent aufgestockt werden – dann hätte Porsche eine Sperrminorität.

Die Kartellwächter haben bereits grünes Licht gegeben – zumindest in Deutschland. “Aber eine solche Erlaubnis brauchen wir mittlerweile auch aus Korea, Rumänien oder Kroatien. Und eine dieser Genehmigungen fehlt uns noch”, erklärt Wiedeking. Ob Porsche sofort nachkauft, wenn der Weg frei ist, lässt er offen: “Wir haben Optionen, die wir nur noch umzudrehen brauchen. Wann wir das tun werden, ist auch von der Kursentwicklung abhängig.”

Schon jetzt hat Porsche bei VW ein gehöriges Wort mitzureden. Neben Wiedeking sitzt mit Finanzvorstand Holger Härter ein weiterer Mann des Sportwagenbauers im Wolfsburger Aufsichtsrat. “Wir haben da Einblick in die Konzernstrategie, wir diskutieren alle notwendigen Themen mit und bringen profundes Fachwissen ein. Wir wollen den Gesundungsprozess und Umbau bei Volkswagen konstruktiv und positiv begleiten.”

Wie das konkret aussieht, bleibt allerdings sein Geheimnis. “Zu sagen: ,Diese Maßnahme bei VW war eine Anregung von uns’ oder ,Da ist unsere Handschrift zu erkennen’, davon halte ich nichts. Entscheidend ist, wie der Konzern dasteht. Und Fakt ist: Das Unternehmen ist auf einem guten Weg. VW hat sehr gute Marken, sehr gute Mitarbeiter und den klaren Willen, nach vorne zu kommen. Und VW ist schließlich nicht das einzige Unternehmen unsere Branche, das Probleme hat.”

Dass Porsche im schwierigen Markt inzwischen wieder als Aushängeschild gilt, ist auch Wiedekings Verdienst. Als der promovierte Maschinenbauer Anfang der 1990er Jahre nach Zuffenhausen zurück kam, wo er vorher schon einmal tätig gewesen war, hatte Porsche – ähnlich wie VW heute – mit hohen Kosten, mangelnder Effizienz und zu geringer Auslastung zu kämpfen. Wiedeking brachte das Unternehmen zurück auf einen profitablen Kurs. Im übermorgen zu Ende gehenden Geschäftsjahr werden die Rekordzahlen von 2005 wohl noch einmal getoppt. Beim Absatz könnte erstmals die 100.000-Stück-Marke geknackt werden.

Doch Details will Porsche erst während des Pariser Autosalons Anfang Oktober bekannt geben. “Die 100.000 ist für uns kein Dogma. Wir werden deutlich über 90.000 Einheiten absetzen, das war unser klares Ziel, und das haben wir erreicht”, verrät Wiedeking schon jetzt und kündigt an: “Es werden gute Zahlen sein. Die Märkte sind uns wohlgesonnen, die Kunden mögen unsere Autos. Wir können beruhigt in den Urlaub gehen.”

Auch im Korruptions-Skandal um den Zulieferer Faurecia muss sich Wiedeking wohl keine Sorgen machen. Die Staatsanwaltschaft hat bereits bestätigt, dass gegen Porsche bisher nicht ermittelt wird. Allerdings zählt Porsche auch zu den Kunden von Faurecia. Die Franzosen liefern beispielsweise die Armaturen für den Cayenne. “Aber diese Komponenten laufen über den VW-Einkauf, deshalb sind wir nur indirekt betroffen”, erklärt Wiedeking. Man müsse nun “rigoros vorgehen”, fordert er, warnt aber davor, die ganze Zuliefererbranche unter Generalverdacht zu stellen.

Wiedeking war selbst drei Jahre beim Wiesbadener Zulieferer Glyco tätig und weiß: “Die Kompetenz, die viele Zulieferer den Herstellern bieten, ist notwendig, um ein gutes Produkt zu machen. Das kann ein Hersteller alleine gar nicht leisten.” Wenn Lieferanten heute zum Teil mehr als die Hälfte eines Autos produzieren, bedeute dies keine Abhängigkeit der Hersteller, sondern sei eine “strategisch unabdingbare Beziehung”.

In der eigenen Strategie setzte Porsche zuletzt auf eine immer breitere Modellpalette. Doch gerade der Geländewagen Cayenne, neben den Sportwagen mittlerweile das zweite Standbein von Porsche, machte zuletzt Sorgen. In den ersten zehn Monaten des Geschäftsjahres ging der Absatz um 16 Prozent zurück. Auch andere Hersteller bleiben im einst boomenden SUV-Segment zunehmend auf ihren Autos sitzen. Wiedeking sieht dennoch eine gute Perspektive für den edlen Allradler. “Der Cayenne hat seine Liebhaber – und wir wissen, was wir mit dem Fahrzeug noch machen können.”

Insgesamt sei das Modell ein gelungener Coup gewesen. “Wir haben doppelt so viele Autos verkauft wie geplant. Wenn das kein Erfolg ist, dann muss man mir erklären, was Erfolg sein soll.” Zudem könne Porsche den Rückgang durch die Neuheiten mehr als kompensieren. “Wenn ein Modell abfällt, wachsen andere – so plant man sein Geschäft. Und auf der Sportwagenseite stehen wir mit Cayman oder dem neuen 911er im Moment sehr gut da.”

Für Aufsehen hatte der Cayenne schon gesorgt, bevor er überhaupt auf der Straße war. Für den Geländewagen baute Porsche ein neues Werk in Leipzig – ein Bekenntnis zum Standort Deutschland. Porsche verzichtete dabei auch freiwillig auf Fördermittel. Von Subventionen hält Wiedeking nach wie vor nichts – und das gilt auch für die zuletzt diskutierten Kombilohn-Modelle für ältere Arbeitnehmer. “Eigentlich ist das eine verrückte Sache: Auf der einen Seite unterstützt der Staat das Ausscheiden älterer Arbeitnehmer finanziell durch Vorruhestandsregelungen, auf der anderen Seite soll es nun Fördermaßnahmen geben, um sie wieder in Lohn und Brot zu bringen”, wundert er sich. Der Staat liege “mit seinen lenkenden Methoden völlig falsch. Zuerst muss einmal die Arbeit da sein.”

Mehr noch: Durch Vorgaben wie beim Kündigungsschutz habe der Gesetzgeber selbst Hürden aufgebaut, die es für Unternehmen schwer machen, ältere Arbeitnehmer einzustellen. “Das ist das größte Problem, daher kommt die Zurückhaltung. Ein Arbeitsplatz ist heute eine hohe Investition, gerade im Mittelstand. Und deshalb scheuen viele dieses Risiko. Daran werden auch 20 Prozent Subventionen nichts ändern.”

Das ganze Anreizsystem fördere bloß eine Mitnahmementalität bei den Unternehmen. “Wenn man einen Napf hinstellt, findet sich immer ein Hund, der daraus frisst. Aber etwas bewegen kann man damit nicht.”

Durchgelesen: William Maxwell – “Also dann bis morgen”

Juli 28, 2006 · Posted in Bücher, Bücherregal · Comment 

"Also dann bis morgen" ist ein Träumchen.

Autor William Maxwell
Titel Also dann bis morgen
Verlag Fischer
Erscheinungsjahr 1980
Bewertung ****

Ein Roman ist dies eigentlich nicht, eher eine Erinnerung, ein Traum. Besser noch: ein Träumchen. Eine Miniatur.

Es ist die Geschichte einer Freundschaft, ungeheuer subtil und lakonisch erzählt. Maxwells Erzählhaltung entspricht meistens einem ungläubigen, beinahe auch unbeteiligten Kopfschütteln. Obwohl hier zwei Familien zerbrechen und ein Mord geschieht, sind alle Beteiligten doch “Mehr oder weniger unschuldige Geschöpfe”, wie ein Kapitel heißt. Niemandem wird ein Vorwurf gemacht, niemand bekommt mehr Sympathie als die anderen.

Gerade diese Distanz ist es, mit der Maxwell die Dramatik und die Tragödien hinter dem Geschehen nur noch schauerlicher macht. Auch wenn es bloß 163 Seiten sind, muss “Also dann bis morgen” doch als ein großes Werk des amerikanischen Realismus gelten.

Beste Stelle: “Zwischen diesen Krisen lebten sie wie jedes andere verheiratete Paar. Man hätte an ihrer Stimme, wenn sie sagte: ‘Ich decke jetzt den Tisch, Lloyd’, oder an seiner Stimme, wenn er sagte: ,Reich mir bitte Salz und Pfeffer’ nicht erkennen können, dass irgend etwas nicht stimmte. Er fragte sich, ob andere Männer gegenüber ihren Frauen genauso empfanden oder ob nur er es war. Er war fast vierzig Jahre alt, und in letzter Zeit schien ihm, als lebe er schon sehr lange und als wäre so ziemlich alles, was ihm geschehen könnte, bereits geschehen.”

Das ewige Warten in Havanna

Juli 22, 2006 · Posted in Artikel, Weltgeschehen · Comment 
Er will weg aus Kuba: Juan Carlos im Fresas Y Chocolat.

Er will weg aus Kuba: Juan Carlos im Fresas Y Chocolat.

Martin Luther war nie in Havanna. Doch fast könnte man meinen, der Reformator sei einst unter Palmen gewandelt, habe sich durch den Smog gequält, sei durch die engen Gassen spaziert. Denn der Wittenberger Mönch hat die vielleicht wichtigste Tugend für die mehr als zwei Millionen Einwohner der kubanischen Hauptstadt formuliert: “Auf dieser Welt muss entweder bald gestorben oder geduldig gelebt werden.”

Man muss in Havanna kein Spanisch können, keinen Son tanzen, keinen Mojito zubereiten. Aber man muss warten können. Als Tourist wartet man auf die nächste frische Brise, auf den Aufzug im Hotel oder auf eine kleine Lücke im endlosen Strom der uralten Autos, die sich die sieben Kilometer lange Hafenpromenade Malecon entlangschlängeln.

Als Habanero ist noch mehr als eine Engelsgeduld und gutes Sitzfleisch gefragt. Wer in Havanna lebt, lernt Demut – und Warten. Warten auf den nächsten Bus, der nach Feierabend zurück in die Vororte fährt. Warten auf Ersatzteile fürs Auto. Warten auf Zement, um die Hurrikan-Schäden beseitigen zu können, warten auf die längst überfällige Benzinlieferung, warten auf das Ende des Stromausfalls.

Kuba ist noch immer eine Mangelwirtschaft, und Havanna wirkt wie ein Museum des Sozialismus: Einkaufsregale sind leer, an den Parkbänken fehlen fast immer ein paar Latten, kaum verkehrstüchtige Autos, die von den Kubanern liebevoll “die Überlebenden” genannt werden, blasen ihren Lärm und Gestank ungefiltert in die Stadt. Das einzige, was frisch gemalert ist, sind die Propaganda-Sprüche der Kommunistischen Partei auf den Häuserwänden. Der Erzfeind USA wird verdammt, der Revolutionsheld Che Guevara gefeiert.

Seit 1959 regiert Fidel Castro die Insel, und erst vor Ort versteht man, warum er sich so lange an der Macht halten konnte. Es ist eine Mischung aus Zufriedenheit und Gleichgültigkeit in seinem Volk, die ihn stützt. Es ist der Stolz auf ein Land, das unter den Entwicklungsländern noch immer zu den wohlhabendsten zählt, das ein vorbildliches Gesundheitssystem sein Eigen nennt und hinsichtlich der Bildungsstandards manchen westlichen Staat hinter sich lässt.

Und es ist die tägliche Erfahrung, nur ein ganz kleines Rädchen in einem riesigen Getriebe zu sein. Die Schriftstellerin Zoé Valdés nennt die Kubaner “Mönche eines blinden Gehorsams”. Erlebt man die bis zur Selbstverleugnung reichende Demut der Habaneros, dann versteht man, was sie meint. “Wir leben hier wie die wilden Tiere, warten, warten, warten, bis uns der Karren holt… der zum Karneval oder der zur Beerdigung.”

Einer, der nicht mehr warten wollte, ist Juan Carlos Acosta-Casillo. Er ist in Havanna geboren, seine Großeltern und Eltern waren überzeugte Anhänger der Revolution, Sozialisten durch und durch. Doch irgendwann hielt es Juan Carlos nicht mehr aus auf “der schönsten Insel, die Menschenaugen je gesehen haben” (Christoph Kolumbus beim Anblick Kubas). Nach dem Entdecker ist der Friedhof benannt, auf dem Juan Carlos jeden Tag des Grab seiner Mutter besucht. Auf dem “Cemetario de Colón” erzählt er mir seine Lebensgeschichte.

Als Juan Carlos 16 Jahre alt war und seine Baseball-Mannschaft ein Gastspiel in Toronto bestritt, setzte er sich ab. Er heiratete eine Stripperin und lebte 15 Jahre lang in den USA. Als Baseballprofi bei den Kansas City Royals verdiente er sein Geld, studierte später in Miami. Als seine Mutter im Sterben lag, ging er zurück nach Kuba. Doch die Eltern hatten längst mit ihm gebrochen, mit dem Vater wechselt er noch heute kein Wort.

Als Landesverräter war es auch schwer für ihn, einen Job zu finden. Er trainierte ehrenamtlich eine Baseballmannschaft, schließlich bekam er eine Stelle als Physiotherapeut, wo er sieben Euro im Monat verdient. Juan Carlos zeigt auf seine Schuhe: Die Sohlen sind fast nicht mehr vorhanden, der Absatz notdürftig angeklebt. “Neue Schuhe kosten 70 Euro”, erklärt er.

“Bis zum Zusammenbruch des Ostblocks ging es uns gut. Aber jetzt sind wir auf die Barmherzigkeit der Touristen angewiesen, um unsere Familien ernähren zu können”, sagt Juan Carlos. Ihm fehlt nicht so sehr der Wohlstand, sondern viel eher die Freiheit. “Hier sagen sie Dir, was Du tun sollst, wie und wann.”

Als Revolutionsheld allgegenwärtig: Che Guevara.

Als Revolutionsheld allgegenwärtig: Che Guevara.

Deshalb will er wieder weg. Inzwischen ist er 43 – zu alt und zu weise, um sich auf einem Autoreifen über den Golf von Mexiko zu wagen. Hunderte junge Kubaner versuchen jedes Jahr auf diese Weise die Flucht, die wenigsten von ihnen erreichen Florida lebend. Juan Carlos sucht einen anderen Weg. Er liebt Havanna, diese Stadt, die – wie der Schriftsteller Abilio Estévez treffend bemerkt – zwei Eindrücke zugleich erweckt: “den einer Stadt, die bombardiert wurde und nur auf den leisesten Regenschauer wartet, auf den geringsten Windstoß, um zu einem Steinhaufen zusammenzufallen; und den einer prächtigen, ewigen Stadt, gerade erst gebaut, als Geschenk an die Unsterblichkeit.” Juan Carlos liebt den Malecon, der sich in den Sommernächten zu einem Karneval aus Musik, Tanz und viel Rum entwickelt. Er liebt die Altstadt, das lebendige Treiben auf der Plaza de Armas, den morbiden Mafia-Flair im Vedado, die Kolonialbauten, die streunenden Katzen. Aber für ein Ticket in den Westen würde er fast alles tun, “sogar eine deutsche Frau ohne Arme und ohne Beine heiraten. Und glaub’ mir: Ich würde sie sehr, sehr glücklich machen”, schwört Juan Carlos.

Er kennt allerlei Geschichten zu den meist schneeweißen Marmorgräbern, die den Friedhof Montparnasse in Paris als “zu Stein gewordene Eitelkeit” (Milan Kundera) noch in den Schatten stellen. Juan Carlos erzählt von den Revolutionshelden, die hier in Reih und Glied beerdigt sind, von Pilar Martin, die mit ihrem letzten Atemzug 1925 noch ein Domino-Spiel gewann und von Amelia Goyri, die 1901 mit ihrem Kind zwischen den Beinen begraben wurde und heute als Heilige verehrt wird.

Als das Thema “Politik” aufkommt, will er aber weg vom Friedhof. “Hier können wir darüber nicht reden”, flüstert er. Als einstiger Republikflüchtling wird er nach eigenen Angaben noch immer beobachtet. Erst im Café “Fresas y chocolat”, benannt nach dem kubanischen Kino-Erfolg und nicht weit weg von der Stelle, wo Fidel Castro mit einer siebeneinhalbstündigen Rede die Revolution nach Havanna brachte, fühlt er sich sicher genug, um offen zu sprechen. “Im Westen des Landes gibt es immer mehr Leute, die Fidel hinterfragen und von ihm die Nase voll haben. Aber die Ost-Kubaner lieben ihn noch, da würden sie für ihn sterben. Und Fidel hat immer noch das Charisma. Wenn Fidel mit Dir redet, wird er Dich überzeugen”, meint Juan Carlos.

Was passiert mit dem Land, wenn der Diktator einmal nicht mehr am Leben ist? “Das nennen wir in Kuba die Eine-Million-Dollar-Frage”, sagt Juan Carlos. Eine Antwort hat auch er nicht. Wenn es ganz schlimm kommt, könnte es Blutvergießen geben, vielleicht öffnet sich das Land auch für Investoren aus dem Westen. Juan Carlos zuckt mit den Schultern. Und wartet.

Hingehört: Belle And Sebastian – “The Life Pursuit”

Juli 19, 2006 · Posted in CD-Regal, Musik · 3 Comments 

"The Life Pursuit": Selbstmitleid is over.

Künstler Belle And Sebastian
Album The Life Pursuit
Label Rough Trade
Erscheinungsjahr 2005
Bewertung ****

Das Leben ist schön. Wie im Film von Roberto Benigni, in dem ein Vater versucht, den Schrecken des Konzentrationslagers vor seinem Sohn zu verbergen, so funktioniert mittlerweile auch die Musik von Belle And Sebastian: Eigentlich ist alles scheiße, aber es hilft ja nichts.

Früher ließen sie sich schon einmal in Selbstmitleid (zer)gehen oder vertonten untröstliche, verdrießliche Trauerklöße. Auch heute haben die Texte oft noch die Perspektive des Verlierers und Außenseiters, doch lugt inzwischen überall nicht nur Hoffnung, sondern sogar Frohmut hervor. Vielleicht ist es die Erkenntnis, dass die Guten am Ende doch immer gewinnen, die sie zu dieser neuen Zuversicht gebracht hat. Vielleicht wird dieser Optimismus auch gestützt von der Tatsache, dass die einstigen Indie-Helden längst ein Massenpublikum (und mit ihm die materielle Sorglosigkeit) erschlossen haben.

Das liegt natürlich zum Teil am Siegeszug des Schrägen, aber vor allem daran, dass Belle And Sebastian die Schönheit ihrer Songs nicht mehr zu verbergen suchen. Produzent Trevor Horn war es beim letzten Album Dear Catastrophe Waitress, der den Stücken den nötigen Glanz verlieh. Diesmal ist Tony Hoffer für die Produktion verantwortlich, und er verfährt ganz ähnlich.

Der Auftakt Act Of The Apostle ist deshalb kein weiteres verschlurftes guter-Träumer-in-der-bösen-Schule-Stück, sondern eine Art zurückgenommener Motown, mit durchaus zupackendem Groove. Another Sunny Day ist so heiter und aufmunternd, dass es gar keinen Refrain braucht; ein Song voller Sommer und Cabrio und Federball.

The White Collar Boy mit seiner Call-and-Response-Strophe und dem Glamrock-Schlagzeug wird gar zur Hymne, beinahe zu einem Schlachtgesang. The Blues Are Still Blue ist ebenfalls erstaunlich muskulös und funky. Sukie In The Graveyard könnte gar der Soundtrack zu einer ziemlich überdrehten Zeichentrickserie sein. To Be Myself Completely besticht mit Girlgroup-Flair, Streichern und einem filigranen Piano. For The Prize Of A Cup Of Tea ist mit Flöten und Bläsern so schön, dass es schwindlig macht. Das Stalking-Fest Funny Little Frog ist fast schon ein bisschen zu plakativ und eingängig.

Der unfassbar viel Klasse ausstrahlende Rausschmeißer Mornington Crescent (über eine nicht mehr genutzte U-Bahn-Station in London) und Act Of The Apostle II (eigentlich war die Platte als Doppelalbum konzipiert) haben wieder die von früher bekannte Passivität, diese Mischung aus Sehnsucht nach Abenteuer und unüberwindbarer Trägheit: “The girls are singing about my life / but they’re not here, they’ve got the wild life.”

Auch Dress Up In You ist eine Erinnerung an die alten Belle And Sebastian. “You got lucky, you ain’t talking to me now”, trauert Sänger Stuart Murdoch da einer alten Freundin nach, die nun eine berühmte Schauspielerin ist. Wie früher ist es eine Verlierer-Ballade, voller Wut und Stolz, und dem Ausruf “So fuck them, too!”, der noch nirgends so elegant geklungen haben dürfte. Wieder haben es die anderen geschafft, und man selbst bleibt zurück. Vielleicht, weil man Pech gehabt hat oder nicht die nötige Entschlossenheit. Oder nicht die Unanständigkeit und die Ellenbogen. Eigentlich verdammt schön zu wissen, dass Belle And Sebastian es trotzdem geschafft haben.

Heiter und verspielt: Das Video zu Funny Little Frog:

Belle And Sebastian bei MySpace.

Malta

Juli 19, 2006 · Posted in Fotos, Ich · Comment 

Geschichte, Sonne, Strand: Es gibt ein paar gute Gründe für Malta. Auch wer weder Aquavit noch Kreuzfahrer mag, kann sich hier durchaus wohlfühlen. Nur Landschaft sollte man nicht erwarten: Außer Fels und Wasser gibt es nicht viel.

Nicht willkommen

Juli 12, 2006 · Posted in Kommentare, Weltgeschehen · Comment 

George W. Bush ist nicht nur der mächtigste Mann der Welt, sondern auch einer der unbeliebtesten. Mehr als 30 Organisationen werden gegen den US-Präsidenten und seine Politik demonstrieren, wenn er heute Abend in Mecklenburg-Vorpommern landet und dann drei Tage lang Gast im Wahlkreis von Bundeskanzlerin Angela Merkel sein wird. 13.000 Sicherheitskräfte werden Bush schützen – auf jeden Einwohner von Heiligendamm, wo der US-Präsident residieren wird, kommen damit 44 Polizisten. Keine Frage: George W. Bush ist nicht willkommen.

Das liegt nicht daran, dass Bush angeblich nur der Stargast einer “CDU-Fete” sein soll, wie die anderen Parteien kurz vor der Landtagswahl kritisieren. Es liegt auch nicht daran, dass für den Privatbesuch eines einzelnen Mannes praktisch das gesamte öffentliche Leben in Nordvorpommern lahmgelegt werden soll. Es liegt auch nicht daran, dass – legt man die Erfahrungen von Bushs letzter Stippvisite in Mainz zu Grunde – für die Sicherheitsmaßnahmen Kosten in Höhe von mindestens fünf Millionen Euro entstehen werden, für die der Steuerzahler aufkommen muss. Es liegt daran, dass Bush für viele Deutsche noch immer eine schlimme Politik verkörpert: den unter Vorspiegelung falscher Tatsachen geführten Irak-Krieg, die Menschenrechtsverletzungen in Guantánamo, Willkürakte wie Abhöraktionen oder die CIA-Flüge.

Und es liegt daran, dass sich der Sinn dieses Besuchs nicht erschließt. Wenn man einen Test für den G-8-Gipfel in Heiligendamm im kommenden Jahr im Auge hat, dann ist George Bush ein ziemlich prominenter Dummy und dann ist der Probenaufwand in jeder Hinsicht überzogen. Wenn Angela Merkel dem US-Präsidenten zeigen will, wie der deutsche Osten 17 Jahre nach der Wende aussieht, dann vergisst sie, dass Bush bei einem solchen Maß von Abschirmung und Vorbereitung nichts anderes zu sehen bekommen wird als potemkinsche Dörfer. Wenn die Kanzlerin ihren Wahlkreis in den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit rücken will, dann ist ein derart umstrittener Gast erst recht nicht die klügste Wahl – sollten die Proteste gegen Bush eskalieren, wäre das eine denkbar schlechte Werbung für Nordvorpommern.

Und sollte Merkel das Ende der Eiszeit in den deutsch-amerikanischen Beziehungen illustrieren wollen, dann schätzt sie die Stimmung im Land völlig falsch ein. Beim Anblick von George W. Bush ist wohl nach wie vor den wenigsten Deutschen nach begeistertem Fähnchenschwenken zumute.

Durchgelesen: Dietmar Sous – “Filme mit Studentinnen und einer Hausfrau”

Juli 12, 2006 · Posted in Bücher, Bücherregal · Comment 

Dietmar Sous könnte der deutsche Nick Hornby sein.

Autor Dietmar Sous
Titel Filme mit Studentinnen und einer Hausfrau
Verlag Europäische Verlagsanstalt
Erscheinungsjahr 2006
Bewertung ***1/2

Musik (“Vomittag eines Rock’n'Roll-Beraters”, 2004) und Fußball (“Abschied vom Mittelstürmer”, 2001) sind zwei der Lieblingsthemen von Dietmar Sous. Trotzdem ist er – zum Glück – nicht bloß der deutsche Nick Hornby. Sous, 1954 im Rheinland geboren und mittlerweile in Belgien lebend, hat seine ganz eigene Sprache gefunden. Sehr lakonisch, sehr scharf und sehr unterhaltsam.

Jetzt legt er mit “Filme mit Studentinnen und einer Hausfrau” vier Erzählungen vor, die einige Gemeinsamkeiten haben. Es sind Geschichten von Verlierer-Figuren (natürlich hat die Hausfrau aus dem Titel “kein Haus und keinen Mann”) mit ganz viel Moral und ganz wenig Anstand. Und es geht um Systeme, die sich selbst korrumpieren und außer Kontrolle geraten.

Diese Fehlfunktionen seziert Sous knapp und gekonnt: ein Pornofilmer wird mit der Fortpflanzung konfrontiert; ein Weihnachtshasser sehnt sich plötzlich den Heilgabend herbei; berechtigte Beschwerden eines Häftlings führen zu noch mehr Erniedrigung durch die Wärter; Fußballfans hoffen darauf, dass ihr Verein nicht aufsteigt.

Die Protagonisten sind manchmal beinahe Stereotypen, aber es geht Sous mindestens ebenso sehr um die Milieus wie um die Menschen. Trotz gelegentlicher Klischees sind seine Erzählungen niemals billig, immer überraschend und bei “Die Schwester des Kameramanns” sogar ergreifend.

Beste Stelle: “Brender begrüßte mich wie jemand, der Pferde mit mir stehlen wollte, doch nachdem ich ihn gebeten hatte, die Schuhe auszuziehen, schaute er mich an, als kämen höchstens noch Zwergkaninchen in Frage.”

Hingehört: Woven Hand – “Mosaic”

Juli 7, 2006 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

Das "Mosaic" von Woven Hand ist das Gegenteil von Heiterkeit.

Künstler Woven Hand
Album Mosaic
Label Glitterhouse
Erscheinungsjahr 2006
Bewertung **1/2

Heiterkeit sei die Substanz jeder Kunst, schreibt Hermann Hesse im Glasperlenspiel. Egal wie traurig oder verzweifelt der Künstler sei – sein Werk bringe doch immer Licht und Erbauung.

Hermann Hesse kannte allerdings David Eugene Edwards nicht. Ein Aufeinandertreffen des Dichters mit dem ehemaligen Chef von 16 Horsepower wäre sicherlich höchst interessant gewesen. Und selbst wenn es Edwards in der Diskussion noch nicht gelungen wäre, ihn von seiner Aussage abzubringen – spätestens beim Hören des neuen Woven-Hand-Albums Mosaic hätte Hesse sicherlich sofort zugegeben, dass er sich geirrt hat.

Denn Heiterkeit fehlt hier nicht nur, sie ist gar nicht existent, nicht einmal eine Möglichkeit, eine Vorstellung. Dies ist die Musik der Apokalypse. Edwards singt seine Texte voll heiligem Zorn mit einer Stimme, die an einen chronischen Fieberwahn denken lässt, mahnend und mehrfach gebrochen, vergleichbar nur mit ähnlichen Dunkelmännern wie Ian Curtis oder Gary Numan.

Die Musik dazu klingt, als sei sie von der Hauskapelle der Titanic eingespielt worden, oder nach Feierabend in einem sibirischen Gefangenenlager entstanden. Dies wäre kaum zu ertragen, träfe die Melancholie hier nicht auf eine wunderbare Musikalität, wie sie vielleicht nur David Eugene Edwards besitzt.

Noch ein bisschen düsterer: Woven Hand covern Ain’t No Sunshine:

Woven Hand bei MySpace.