Hingehört: Bloc Party – “Silent Alarm”

September 28, 2006 · Posted in CD-Regal, Musik · 8 Comments 

Nichts klingt so nach 2005 wie "Silent Alarm". Und nichts klang 2005 besser.

Künstler Bloc Party
Album Silent Alarm
Label Wichita
Erscheinungsjahr 2005
Bewertung *****

Zum Album des Jahres 2005 hat der verehrte NME diese Platte gewählt. Die ganze Wucht dieser Würde wird umso klarer, wenn man sich vor Augen führt, wie stark die Konkurrenz war, wie grenzenlos großartig das Jahr 2005 für alle gewesen ist, die neue, aufregende, unabhängige Musik lieben.

Die Auszeichnung überrascht deshalb ein wenig, wenn man bedenkt, dass die britische Journaille nicht mehr ganz so verliebt in diese Band ist, die sich mittlerweile mehr als Bloc denn als Party und mehr als Silent denn als Alarm erwiesen hat – schlechte Voraussetzungen, um die Auflage zu steigern. Trotzdem führte kein Weg an Kele Okereke und seinen drei Mitstreitern vorbei.

Denn trotz all der begeisternden Newcomer wie Kaiser Chiefs, Rakes und Art Brut, trotz starker neuer Platten von Coldplay, Franz Ferdinand und Oasis kann es keinen Zweifel geben, dass Silent Alarm der verdiente Sieger ist. Zum einen verkörpert diese Platte, produziert von Paul Epworth, dem Konstrukteur des neuen britischen Indie-Sounds, nämlich ganz vorzüglich die Trends des Jahres 2005: Gang-Of-Four-Rhythmen finden sich hier, komplexe Kompositionen, denen man mit der Rubrizierung als “Art Rock” keinen Gefallen getan hat, und tolle Texte. Zum anderen – und das ist natürlich weitaus wichtiger – klingt sie trotzdem auch heute noch unfassbar frisch, packend und tief. Zeitlos.

Von Beginn an ist diese Platte ein Enigma, ein Sog, eine eigene Welt: Geheimnisvolle Gitarren versuchen in Like Eating Glass, einen komplett irren Beat zu umzingeln, und dann bricht im Refrain die ganze Gewalt purer Emotion hervor: “Like drinking poison / like eating glass.” Am Ende scheint Sänger Kele außer sich zu sein, man möchte ihn vor sich selbst beschützen – aber noch lieber möchte man ihm folgen.

Helicopter gerät zu einem einzigen Rausch der Beschleunigung, wieder mit einem atemlosen Ende – auch wenn man sich diesmal nur um die Unversehrtheit des Schlagzeugs sorgen muss. Blue Light ist ein einziges Fest: Voller Dramatik und Romantik, hoch sensibel und unwiderstehlich. She’s Hearing Voices kommt mit seinen aufgetakelten Drums im Vergleich dazu fast eiskalt daher, doch kaum weniger beeindruckend.

Das grandiose This Modern Love setzt auf ganz einfache Mittel: Call-and-Response-Gesang, eine famose Gitarrenfigur und eine sagenhafte Dynamik. So Here We Are ist herzzereißend schön und gebrochen und sanft und eigen und schlau, die Claire Danes unter den Liebesliedern. In Positive Tension schält sich aus einem chaotischen Rhythmus-Gerüst ein brachialer Vorwärtsdrang hervor. “Play it cool”, sagt Kele ganz am Ende, und es klingt, als sagt er es zu sich selbst, als erwache er gerade aus einem Fiebertraum.

So fantastisch wie Banquet könnten Franz Ferdinand vielleicht klingen, wenn sie mehr Raum im Proberaum als beim Friseur verbringen würden. Einen so intensiven, effektiven und hintergründigen Rocksong wie Plans hat man schon ewig nicht mehr gehört: Ein Thin-Lizzy-Gitarrensolo gibt es hier, einen verkleideten Discobeat und eine unvergessliche Zeile: “So kiss me before it all gets complicated.”

Der Rausschmeißer Compliments versöhnt die späten Blur mit den mittleren Radiohead. Kein Effekt wird hier eingesetzt, um eine Schwäche zu überspielen, alles stützt die kaum zu ertragende Trägheit, Intimität und Spannung des Songs.

Freilich sind nicht alle Stücke hier instant classics. Wir haben es, wohlgemerkt, mit einem Debütalbum zu tun. Doch auch einen eher durchschnittlichen Song wie The Pioneers machen die Unbedingtheit in Keles Stimme und die Unerbittlichkeit des Schlagzeugs zu einem Erlebnis. Luno tanzt bedrohlich auf dem schmalen Grat zwischen faszinierend und überkandidelt. Price Of Gasoline ist fast schlicht gestrickt, profitiert aber von einem enorm fantasievollen Arrangement. “We’re gonna win this”, schreit Kele darin. Er hat’s also gewusst.

Wer schon immer wissen wollte, wie man einen Hubschrauber in einem Fernsehstudio landet: Helicopter, live bei Jools Holland:

Bloc Party bei MySpace.

Süßer Müßiggang

September 25, 2006 · Posted in Artikel, Weltgeschehen · 1 Comment 
Das Hotel "Telfair" bietet viel Luxus und eine spannende Geschichte.

Das Hotel "Telfair" bietet viel Luxus und eine spannende Geschichte.

Die Männer sitzen im Schatten. Nicht auf einem Baumstumpf, einer Motorhaube oder einer Parkbank. Sie sitzen einfach so, auf dem blanken Boden. Manche hocken auch bloß, wischen sich den Schweiß von der Stirn und genießen die frische Brise, die durch den Spätsommer auf Mauritius weht.

Fremden Passanten widmen sie nur kurz ihre Aufmerksamkeit, ein kleines Lächeln, ein verstecktes Nicken. Sie wirken zufrieden. Und sie scheinen zu wissen, dass zur Mittagsstunde überall im Land Männer im Schatten sitzen, vereint im Geiste und geografisch getrennt nur durch die riesigen, allgegenwärtigen Zuckerfelder. Die ganze Insel scheint Pause zu machen. Und für Müßiggang gibt es kaum einen besseren Ort als Mauritius.

So ähnlich wie die Insel im Indischen Ozean, der die Engländer den Linksverkehr und die Franzosen ihre Sprache hinterlassen haben, muss der Garten Eden ausgesehen haben. Mark Twain hat sogar behauptet, dass Mauritius noch vor dem Himmel geschaffen worden sei – der Himmel könne allenfalls eine Kopie dieser Insel sein. Man mag kaum widersprechen: Das Klima ist tropisch, aber mild. Die Traumstrände fallen ganz sanft ins azurblau bis grün strahlende Wasser ab. Eine Kette von Korallenriffen lagert rund um das Eiland – als habe die Schöpfung der erst seit 500 Jahren besiedelten Insel eine Leibgarde zur Seite gestellt, um sie vor der Wut des Ozeans zu schützen. Doch vor allem sind es die Menschen, die den paradiesischen Eindruck rechtfertigen. Hindus, Moslems und Christen leben hier friedlich miteinander.

Einer von ihnen ist Johny St. Flour, ein gemütlicher, beinahe schüchterner Mann, der wie so viele Mauritier fast immer ein Lächeln auf den Lippen hat. Der 37-Jährige verkörpert geradezu bilderbuchmäßig, wie sich das Land in den vergangenen Jahren verändert hat: Der traditionelle Zuckerrohranbau verliert an Bedeutung, die einst etablierte Textilindustrie hat mit der Billig-Konkurrenz aus Asien zu kämpfen, doch das Geschäft mit den Urlaubern boomt – vorzugsweise mit einer besonders erlesenen Kundschaft.

Ein Fünftel aller Hotels auf Mauritius hat Fünf-Sterne-Niveau. Und jeder achte Mauritier ist mittlerweile im Tourismus-Sektor beschäftigt, der den Zuckerexport als wichtigste Einnahmequelle verdrängt hat. Johny ist heute stellvertretender Personalchef im Luxushotel “Le Telfair”. Die 15 Hektar große Anlage wurde innerhalb von nur elf Monaten im touristisch relativ wenig erschlossenen Süden der Insel errichtet – idyllisch gelegen zwischen feinem Sandstrand und dem Naturschutzgebiet Valriche.

Vor zehn Jahren wurde hier noch Zuckerrohr angebaut.”Mein Vater hat hier gearbeitet, seit er 15 war”, erzählt Johny, der auf dem Gelände des heutigen Hotels geboren wurde. “Ich kenne die Gegend bestens. Wo wir gerade sitzen, haben früher noch die Kühe geweidet”, scherzt er. Fast 2000 Mitarbeiter hatte die Bel-Ombre-Plantage damals, 1987 bekam auch Johny hier einen Job: zuerst als Pförtner, dann im Büro. “Aber irgendwann habe ich gemerkt: Zucker hat keine Zukunft.” Das war vor fünf Jahren. Johny versuchte sich kurz in der Textilbranche. Als dann im Dezember 2004 das Hotel eröffnete, erkannte er die Chance.

Nur wenige seiner ehemaligen Kollegen gingen diesen Weg. “Alle dachten, dass Zucker eine sichere Branche ist. Deshalb hat kaum jemand etwas anderes gelernt. Aber wir dürfen nicht stehen bleiben, wir müssen nach vorne schauen”, erklärt er. “Ein bisschen traurig” macht ihn der Wandel aber doch. “Die Zuckerfelder gehören einfach zu Mauritius”, sagt er und legt dabei die Hand aufs Herz.

Auch sein Geburtshaus fiel dem Neubau des Hotels mit 20 Villen zum Opfer. “So schön es hier ist, mit dem Strand und den Bergen im Hintergrund: Am liebsten war ich immer im Haus bei meiner Mutter”, erinnert er sich wehmütig. Doch dann kehrt das Lächeln in sein Gesicht zurück, und seine verschmitzten Augen leuchten: “Aber jetzt wohne ich auf dem Hotelgelände, ich habe hier meine Frau kennen gelernt, und ein Baby ist unterwegs. Ich kann mir wirklich keinen schöneren Ort vorstellen.”

Ähnliche Biografien entdeckt man überall auf der Insel. Da ist Jean-Alain Carmagnole. Er weist heute Besuchern im “L’Aventure du Sucre” den Weg. In dem sehr modernen und sehenswerten Museum in der Hauptstadt Port Louis erfährt man alles über Anbau und Verarbeitung von Zucker – und nebenbei viel über die Geschichte der Insel, die untrennbar mit der Gewinnung des “weißen Golds” verbunden ist.

Dass Zucker nicht nur verschiedene Farben, sondern auch die unterschiedlichsten Geschmäcker von fruchtig bis herb haben kann, lässt sich in einer Verkostung erfahren. Man kann alle 15 Sorten testen, die einst in der Raffinerie produziert wurden, aus der das Museum entstanden ist.

“Mein Vater hat hier gearbeitet, und ich war hier 15 Jahre lang Schlosser. Damals gab es viel Staub, viel Lärm, viel Dampf und gelegentlich auch Tote, wenn jemand in die Maschinen geriet. Da ist mir die heutige Arbeit doch lieber”, sagt Jean-Alain. Und grinsend führt er an: “Zumal wir das selbe Gehalt wie früher bekommen.”

So ähnlich muss der Garten Eden ausgesehen haben.

So ähnlich muss der Garten Eden ausgesehen haben.

Nicht unglücklich über die Veränderungen ist auch Dojer Minerve, der früher als Fischer aufs Meer fuhr, aber davon irgendwann seine Familie nicht mehr ernähren konnte. Seitdem tritt er zweimal pro Woche direkt am Strand als Musiker im “Le Telfair” auf. Elf Mitglieder hat sein Ensemble inzwischen, die meisten sind Geschwister oder Cousins von Dojer. Die Gruppe macht die Gäste mit den traditionellen Séga-Klängen bekannt: Die Männer scharren den Rhythmus mit den Füßen im Sand, die Mädchen wiegen dazu ihre Hüften. Trommeln geben den wilden Takt vor, gesungen wir auf Kreolisch. “Das ist nicht bloß Folklore für Touristen. Der Séga erklingt auch, wenn wir mit unserer Familie feiern”, betont Dojer.

Vom Hotel wurde seine Band von Anfang an unterstützt: Sie bekam Kostüme und eine Möglichkeit zum Proben. “Wir wollen hier nicht nur Geld verdienen, sondern den Menschen auch etwas zurückgeben. Wenn wir eine Infrastruktur schaffen und Leute ausbilden, können wir davon nur profitieren”, sagt Maurice Planel, der im “Telfair” für das Unterhaltungsprogramm zuständig ist.

Solche Unterstützung hat hier Tradition: Benannt ist die Hotelanlage nach Charles Telfair. Der irische Arzt kam 1810 nach Mauritius. Er machte sich nicht nur einen Namen als Botaniker, sondern war auch bei seinen Angestellten beliebt, weil er ihnen innovative Methoden beibrachte und sie gut behandelte. Die Architektur des “Telfair” erinnert mit großen Verandas, viel Holz und Keramik an den Stil der Zeit.

Das etwa 200 Jahre alte Haus, in dem Charles Telfair damals mit seiner Familie lebte, ist liebevoll restauriert worden und heute eines der exquisiten Restaurants. Die Küche ist wie das Land: Kreolische, indische, afrikanische und französische Einflüsse verschmelzen. Unbedingt probieren sollte man die Palmherzen (als Salat oder gekocht), eine Spezialität von Küchenchef Dominique Blais.

Fast noch spektakulärer ist der mächtige Fikus nebenan, der etwa ebenso alt ist wie das Herrschaftshaus. Das “Château de Bel Ombre” eignet sich auch als Ausgangspunkt für Erkundungstouren: Ganz in der Nähe kann man eine Quad-Tour durch das Valriche mit seinen Zuckerrohr-Labyrinthen starten. Auch zum 18-Loch-Golfplatz, der neben sportlichen Reizen einen tollen Ausblick auf den Ozean und die grünen Höhen des Valriche bietet, ist es nicht weit. Danach gönnt man sich im asiatisch gestalteten Spa des “Telfair” am besten eine spezielle Massage zur Golf-Nachbereitung. Schließlich ist Müßiggang nirgends so schön wie auf Mauritius.

Hingehört: Chuck Berry – “Gold”

September 21, 2006 · Posted in CD-Regal, Musik · 6 Comments 

Es gibt nur einen King of Rock'N'Roll: Chuck Berry.

Künstler Chuck Berry
Album Gold
Label Geffen
Erscheinungsjahr 2005
Bewertung ****1/2

Nichts gegen Elvis. Aber der King of Rock’n'Roll? Elvis sang sicher auch Feger vom Jailhouse Rock- oder Blue Suede Shoes-Kaliber. Aber Elvis sang (zugegebenermaßen großartig) auch Gospel und Schnulzen, Torch-Songs und Seichtpop. Als echter König des Rock’n'Roll kommt, daran lässt dieser eindrucksvolle Karriere-Überblick keinen Zweifel, eigentlich nur einer in Frage: Chuck Berry.

Der Mann aus St. Louis mag das Genre nicht erfunden haben. Aber während Stücke von Bill Haley oder Carl Perkins heute wie Oldies klingen, haben Chuck-Berry-Songs nach wie vor eine packende, direkte und bedrohliche Intensität. Im Gegensatz zu Elvis schrieb Berry auch die allermeisten seiner Songs selbst. Der King soll einmal gesagt haben: “I just wish I could express my feelings the way Chuck Berry does.”

Kein Wunder: In seinen Texten tummeln sich markante Figuren auf authentischen Schauplätzen, dazu wimmelt es von originellen Wortschöpfungen. Dies waren unterhaltsame und glaubwürdige Geschichten, mit schlauem Witz und einer ironischen Distanz, die vielen Rockern der ersten Stunde abging – was daran liegen mag, dass Berry (Jahrgang 1926) zum Start seiner Karriere schon fast 30 war. Richard Goldstein nannte ihn “America’s first rock poet” und hat damit ganz richtig erkannt: Chuck Berry hatte viel mehr zu bieten als “hormones and horsepower”.

Am Anfang stand trotzdem ein Lied vom Begehren und einem Cadillac: Maybellene, eine Eruption der Energie. Als Chuck Berry seine erste Single zum ersten Mal im Radio hörte, befand er sich natürlich: in seinem ersten neuen Auto. Der eigene Wagen ist hier nicht nur Statussymbol und Fortbewegungsmittel, sondern ein Werkzeug zur Flucht. Chuck Berry war “an artist who, no less than Jack Kerouac or his fellow Missourian, Mark Twain, envisioned ‘the road’ as a means of deliverance from all care”, schreibt Mark Humphreys hier in den Liner Notes ganz treffend.

Es ist der Teenie-Traum: Das Auto als Weg in die Unabhängigkeit und Freiheit, das plötzlich ganz neue Möglichkeiten und einen ganz neuen Aktionsradius eröffnet. Es wird hier gefeiert im wilden You Can’t Catch Me, im angeberischen Blues No Money Down, der unfassbar eingängigen Dating-Hymne No Particular Place To Go, dem satt polternden Dear Dad und dem Tanz-Feger Jaguar And The Thunderbird.

Schon dieser Reigen mag thematisch eng begrenzt sein, zeigt aber auch die Bandbreite von Berrys Schaffen: Zwar ist hier alles im Geist des Rock’n'Roll geeint, dennoch beweist diese Compilation auch eine erstaunliche stilistische Vielfalt. Blues und Hillbilly bilden die Basis, aber auch Boogie Woogie und Jazz haben ihre Spuren hinterlassen. Sogar lateinamerikanische Einflüsse (Havanna Moon baut mit Calypso-Elementen eine hoch erotische Spannung auf, ausgerechnet die Hymne Rock And Roll Music setzt auf einen Rhumba-Rhythmus) sind wiederholt in Berrys Sound integriert.

Dabei setzt er aber nie auf Virtuosität, sondern stets auf Effektivität. “I’d rather have more people hear the melody and the words than a few people have a good feeling from a complex arrangement of a song”, hat Chuck Berry dieses Konzept einmal erklärt.

Und so gelingt hier eigentlich alles. Das wie von Peitschenhieben nach vorn getriebene Thirty Days. Natürlich Roll Over Beethoven, das noch immer genug Kraft hat, um eine Revolte auszulösen. Das beinahe hingerotzte Too Much Monkey Business als perfekte Projektionsfläche für genervte Teenager und gestresste Erwachsene (zwei Perspektiven, die auch Sweet Little Sixteen als charmante Hommage an das eigene Genre gekonnt verbindet). Sweet Little Rock & Roller, Johnny B. Goode, Let It Rock oder Little Queenie als die pure Kraft des Rock’n'Roll. Das (nicht erst seit der Coverversion von Homer Simpson) unsterbliche School Days und das (nicht erst durch Pulp Fiction) unvergessliche You Never Can Tell.

Neben den Klassikern sind es vor allem die weniger bekannten Stücke, die das ganze Potenzial dieses Oeuvres deutlich werden lassen. Wee Wee Hours, die B-Seite von Maybellene, ist ein fantastischer Blues, stolz und gekränkt und sensibel. Almost Grown hat einen enorm wirkungsvollen Call-And-Response-Gesang. Das famos groovende Back In The USA, das schlurfende Do You Love Me mit großartigem Background-Gesang der Marquees, das rhythmisch faszinierende Come On oder das ebenso alberne wie originelle Too Pooped To Pop sind unbedingt der Entdeckung wert.

Schließlich begeistern hier die Zweideutigkeiten, die Chuck Berry beherrschte wie kein anderer. Das fantastische Brown Eyed Handsome Man (natürlich sind die Frauen nicht nach den braunen Augen verrückt, sondern nach der dunklen Haut). I Want To Be Your Driver, in dem es (ausnahmsweise einmal) nicht ums Autofahren geht. Memphis, Tennessee, wo erst in der famosen Pointe klar wird, dass sich die Sehnsucht nicht auf die weit entfernte Geliebte, sondern auf die ebenso unerreichbare Tochter richtet. Reelin’ And Rockin’, hier zweimal vertreten: Während auf der Single-Version noch von Tanzen die Rede ist, macht die urgewaltige Live-Aufnahme deutlich, dass dies bloß eine Metapher für eine andere körperliche Betätigung ist, die man zu zweit vollzieht.

Und natürlich Berrys größter Hit, das frivole, hier als Live-Aufnahme von 1972 vertretene My Ding-A-Ling. Selbst ohne die visuellen Eindrücke, ohne die Grimmassen und den duck walk, erkennt man einen großartigen Entertainer, einen Clown, einen Mann, der seine Fans mindestens so verehrt wie das Publikum ihn. Die Single war Berrys einziger Nummer-1-Hit. Da gehört er hin.

Die selben Witze, noch immer höchst amüsant: My Ding-A-Ling:

Chuck Berry bei MySpace.

Hingehört: Fergie – “The Dutchess”

September 19, 2006 · Posted in CD-Regal, Musik · 1 Comment 

"The Dutchess" zeigt, wie gerne Fergie auf den Pop-Thron möchte.

Künstler Fergie
Album The Dutchess
Label A&M
Erscheinungsjahr 2006
Bewertung **1/2

Eine Krone trägt Fergie auf der Rückseite ihres ersten Soloalbums The Dutchess. Die Königin des Mädchen-Pops ist sie trotz 20 Millionen verkaufter Alben und knapp 1000 Konzerten mit den Black Eyed Peas zwar noch nicht. Doch den Titel einer Herzogin darf sie wohl schon für sich beanspruchen.

Und die Dame, die eigentlich Stacy Ferguson heißt, gibt sich hier reichlich Mühe, dem Thron noch ein wenig näher zu kommen. Clumsy hat ihr Bandkollege Will.I.Am enorm fantasievoll produziert. Ein Little-Richard-Sample, ein Elektro-Beat und Fergies entzückender Gesang spielen hier ganz wunderbar miteinander. Die Single London Bridge ist mit Monster-Bass und irren Bläsern ebenso brachial wie subtil.

Glamorous (mit einem starken Gast-Auftritt von Ludacris) ist perfekt arrangiert, so zuckersüß und faszinierend träge wie Sirup. Big Girls Don’t Cry hat einen famos übertriebenen Pop-Refrain. Der effektvolle Rausschmeißer Finally spielt mit Musical-Elementen und Streichern.

Trotzdem enttäuscht The Dutchess. Das liegt nicht daran, dass man bei “Sängerin einer Hip-Hop-Supergroup legt erstes Soloalbum vor” automatisch Lauryn Hill als Maßstab nimmt, der Fergie bei weitem nicht das Wasser reichen kann. Auch nicht daran, dass Here I Come sich grausam am Temptations-Klassiker Get Ready vergeht, Mary Jane Shoes ein völlig unmotivierter Reggae-Versuch ist und das von Lionel Richie mitgeschriebene All That I Got an Seichtigkeit kaum zu überbieten ist.

Es liegt daran, dass überhaupt nicht deutlich wird, warum Fergie diese Lieder gemacht hat, und warum irgendjemand sie brauchen sollte. Eine weitere Party-Platte hätte sie auch mit den Black Eyed Peas vorlegen können. Und so etwas wie Persönlichkeit wird hier nirgends erkennbar. All dies könnte genauso gut von X-Tina, Gwen Stefani, Pink oder Anastacia stammen.

Sucht man in der Stimme nach etwas Eigenem, kommt man zu der erschreckenden Einsicht, dass auch jeder Recall-Teilnehmer von Deutschland sucht den Superstar diese Lieder hätte singen können. Und sucht man in den Texten, findet sich dort allenfalls eine noch erschreckendere, materialistische und oberflächliche Selbstbeweihräucherung.

Dass sie F-E-R-G-I-E ist, buchstabiert die Herzogin hier einige Male, und das scheint auch schon die einzige Botschaft zu sein. Doch dazwischen ist: N-I-C-H-T-S.

Dieser Clip ist weit entfernt von der Champions League der Comedy, beweist aber trotzdem mehr Kreativität als Fergie auf ihrem gesamten Album: Aus Glamorous wird Hillbilly:

Fergie bei MySpace.

Hingehört: Clap Your Hands Say Yeah – “Clap Your Hands Say Yeah”

September 13, 2006 · Posted in CD-Regal, Musik · 2 Comments 

Clap Your Hands Say Yeah: irrer Country aus dem Netz.

Künstler Clap Your Hands Say Yeah
Album Clap Your Hands Say Yeah
Label Wichita
Erscheinungsjahr 2005
Bewertung ****

Es ist das alte Lied, aber lasst sie uns noch einmal singen: die Ballade von der maroden deutschen Popkultur. In Großbritannien starteten die Arctic Monkeys ihre Karriere im Internet. Eigene Songs, mit Libertines-Gitarren und Lyrikseminar-Texten, machten zuerst als Demos im Netz die Runde. Inzwischen sind die Mannen um Alex Turner im Königreich ein Household-Name.

Und Deutschland? Da kam die Gruppe Tekkan diesem Phänomen am nächsten. Allerdings war bei ihnen die Musik bei einem Schlagersong geklaut und der Text radebrechend dumm. Inzwischen interessiert sich nicht einmal mehr Stefan Raab für sie.

In den USA sorgten Clap Your Hands Say Yeah zuerst online für Furore. Das Quintett erspielte sich mit Konzerten eine eingeschworene Fangemeinde, setzte bei den Shows auch erstaunliche Stückzahlen seiner selbst aufgenommenen Songs ab und wurde schließlich über das Internet, wo es die Stücke dann auch für A&R-Männer und Hipster zu hören gab, zur großen Nummer.

Beim ersten Hören ähneln Clap Your Hands Say Yeah allerdings eher der Gruppe Tekkan. Zumindest deren, naja: Originalität ist auch hier nicht zu verkennen. Diese Platte klingt wie nichts anderes zuvor. Verschroben, irre, fremd. Mitreißend, spannend, faszinierend.

Das Intro ist schräger Gesang zu einer Leierkasten-Musik, gestützt von einer Rhythmusgruppe aus Händeklatschen (tara!) und Pauken, die so verstaubt klingen, als seien sie zuletzt eher als Hutschachteln benutzt worden. Auch Let The Cool Goddess Rust Away hat dieses geisterhafte Rumpeln, dazu den Gesang von Alec Gunsworth, der stets klingt, als würde er auf dem Weg zum Schafott seinen Henker anschreien, halb weinend, halb tobsüchtig – und in jedem Fall volltrunken und hundemüde. Is This Home On Ice hat einen willkommenen Cure-Gitarrensound, Gimmie Some Salt ist funky, allerdings nur heimlich, unter der Bettdecke.

Wie diese Bands aber tatsächlich so etwas wie Hits haben konnte, erkennt man erst, wenn man die Platte sehr, sehr oft gehört hat. Dann entwickeln Details Of The War mit seiner Mundharmonika und der Schlagzeug-Dramatik und auch der Rausschmeißer Upon This Tidal Wave Of Young Blood mit großartigem Bass einen subtilen Drive, der an Arcade Fire erinnert. The Skin Of My Yellow Country Teeth kann man sich (trotz dieses Titels) sogar in der Indie-Disco vorstellen, freilich erst zu später Stunde.

Is This Love ist leider keine Coverversion des Klassikers von Bob Marley, hat aber dafür die schöne Textzeile “We can do the Zarathustra” und ist darüberhinaus ein an Komplexität und Leidenschaft kaum zu überbietender Feger. Auch das wilde Heavy Metal lässt in diesem Punkt keine Wünsche offen: “What happened to our heavy metal? / what happened to our coat of arms? / we find that we’re stuck in the middle / picking up the pieces of our hearts”, singt Alec Gunsworth da. Mit solchen Texten und so viel Furor gelingt dann doch noch lässig der Sprung auf die Arctic-Monkeys-Seite.

Live noch ein Stückchen härter (und irrer) als auf der Platte: The Skin Of My Yellow Country Teeth:

Clap Your Hands Say Yeah bei MySpace.

Hingehört: The Silos – “Come On Like The Fast Lane”

September 5, 2006 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

The Silos haben diesmal kein Lied nach Frauen benannt. Aber ordentliche Songs gemacht.

Künstler Silos
Album Come On Like The Fast Lane
Label Blue Rose
Erscheinungsjahr 2006
Bewertung ***

Wie die internationale Gemeinde der Musikfreunde leider noch nicht weiß, bin ich Großmeister im Zusammenstellen von Liedern, die Frauennamen tragen. Ein Freund wird regelmäßig mit solchen Compilations namens Some Girls Are Bigger Than Others verwöhnt, und die Silos müssten eigentlich ein Abonnement auf diese Reihe haben. Schließlich hat das Trio um Mastermind Walter Salas-Humara unter anderem bereits Margaret, Susan, Mary, Carolina, Sheila, Carol, Henrietta und Eleanora besungen (besonders willkommen, weil mit einem exotischen Anfangsbuchstaben).

Auf Come On Like The Fast Lane jedoch: Fehlanzeige. Nichts. Keine Sarah, keine Betty, keine Pauline. Dafür aber: feine Gitarrenmusik, nicht sehr glamourös, aber mit viel Schwung und durchaus beachtlicher Raffinesse. Tell Me You Love Me hat eine entwaffnende Offenheit. I Won You Won ist im Break zum Heulen schön, in der Strophe staubtrocken und im Refrain so zupackend wie man nach ein paar Gläsern Whiskey noch sein kann.

Das herzzrreißende Fall At Your Knees gewinnt durch das Understatement der Rhythmusgruppe und die leicht windschiefe zweite Stimme enorm. Durch die faszinierende Szenerie von Keeping Score geistert eine unheimliche Pedal-Steel-Gitarre, People Are Right klingt wie Countryrock mit verdoppeltem IQ, Never Leaving ist als Rausschmeißer ein untröstlicher Tearjerker in bester Cracker-Manier. “You`re never leaving / You`re never leaving / You`re never leaving her / ´cause she’s the best thing come into your life”, singt Walter Salas-Humara darin. Ganz ohne Frauen geht es also auch diesmal nicht.

“Big In Germany” gilt zwar nicht gerade als Kompliment in den USA, trotzdem haben die Silos irgendwo hierzulande eine sehr gute Live-Version von Behind Me Now eingespielt:

The Silos bei MySpace.

Angriff von links

September 1, 2006 · Posted in Kommentare, Weltgeschehen · Comment 

Die Idee ist nicht neu. Schon Willy Brandt zählte Ingenieure und Facharbeiter zur roten Klientel. Gerhard Schröder wollte die SPD in die “neue Mitte” rücken. Nun hat Kurt Beck die Mittelschicht entdeckt. Dass er nun ganz offen um die – wie er völlig zu Recht anmerkt – vernachlässigten Leistungsträger der Gesellschaft buhlt, ist erstaunlich. Wenn Beck nicht nur auf bessere Umfrageergebnisse durch ein paar flotte Schlagworte schielt, dann ist sein Programm ein Angriff von links auf die Stammwählerschaft der Union und sogar der FDP.

Beck gibt damit sozialdemokratische Grundpositionen auf. Seine Pläne bedeuten einen Bruch mit der Tradition als sozial orientierte Arbeiterpartei – und dürften bei einigen Genossen und vor allem bei den Gewerkschaften für reichlich Ärger sorgen. Doch aus Sicht des Parteichefs ist der Blick in die Mitte richtig. Denn auch die SPD wird von links attackiert: Als Partei der kleinen Leute, als Kämpfer gegen die Bonzen, als Robin Hood der Ausgebeuteten geriert sich die Linkspartei längst überzeugender.

Gegen die Scharlatanerie von Lafontaine & Co. hat die moderne Sozialdemokratie derzeit kein Konzept – auch deshalb rutscht Beck nun nach rechts. Möglicherweise ist ihm nicht klar, dass er damit in letzter Konsequenz das solidarische Prinzip aufgibt, dass auch der etwas zählt, der weniger leistet. Vielleicht ahnt Beck auch nicht, dass er mit seinem neuen Kurs weite Teile seiner Anhängerschaft der Linkspartei preisgibt.

Doch zumindest weiß er, dass sich mit deren Konzepten die Probleme des 21. Jahrhunderts nicht bewältigen lassen. Die Seriosität – zumal einer Regierungspartei – gebietet es, nach neuen Wegen zu suchen. Zumindest ein Nachdenken über Kapitalbeteiligungen für Arbeitnehmer kann dabei ein richtiger Schritt sein. Die Seriosität gebietet es aber ebenso, den Worten auch Taten folgen zu lassen. Denn die bisherige Politik von Schwarz-Rot stellt beinahe das Gegenteil dessen dar, was Beck propagiert. Von Entlastungen für Arbeitnehmer ist zumindest nichts zu erkennen. Stattdessen erwarten die “Leistungsträger” höhere Krankenkassenbeiträge, höhere Mehrwertsteuer, höhere Kosten für die Altersvorsorge. Wenn Beck seiner neuen Zielgruppe wirklich “wieder etwas geben” will, dann könnte er mit dem Überschuss der Bundesagentur für Arbeit gleich anfangen.