Hingehört: “Kontor – House Of House”
| Künstler | Diverse |
| Album | Kontor: House Of House |
| Label | Kontor |
| Erscheinungsjahr | 2006 |
| Bewertung | **1/2 |
Wer genug Red Bull getrunken hat, um zweieinhalb Stunden nonstop auf einer House-Party tanzen zu können, der findet mit dem neuesten Sampler des Kontor-Labels den passenden Soundtrack. Kontor: House Of House liefert auf zwei CDs einen aktuellen Überblick über das Genre, von Detroit bis nach Frankreich, von satten Four-To-The-Floor-Stampfern bis hin zu poppigen Vocal-Tracks.
Mit Armand Van Helden, Spiller, Tom Novy oder den Basement Jaxx sind einige Stars der Szene vertreten, doch die Highlights liefern andere: By My Side von Flanders (toller Name!) ist ein wirbelwindiger Hit im Moloko-Stil. Michael Grays Borderline geht fast noch mehr ins Ohr als in die Beine. Wonderland Avenue schicken ein ziemlich faszinierendes White Horse ins Rennen, Sixty-9 vs. Discodrive zaubern einen irren Rainbow in den Himmel und Rocco Nocera führt eine ziemlich spektakuläre Reaction herbei.
The Eggs Walking Away ist minimalistisch, steckt aber trotzdem voller guter Ideen. Supermode lassen in Tell Me Why zwei Hits von Bronski Beat so verschmelzen, als hätten die schon immer zusammengehört. Die Stimme von Valeska lässt Easy von Trick & Kubic recht sexy werden. Kurd Mavericks The Rub hat eine gekonnte Daft-Punk-Dramatik.
Das Tracklisting ist etwas lieblos, so dass die Sache erst gegen Ende der ersten CD langsam in Schwung kommt, die zweite Scheibe ist dann aber ein echtes Vergnügen. Auf einer guten Party hebt sich der DJ die Kracher eben auch für den Schluss auf. Denn da kommen bekanntlich die besten Gäste.
Supermode verschmelzen in Tell Me Why tatsächlich Bronski Beat mit Bronski Beat:
Ein 20-Milliarden-Euro-Markt

Barbara Weiler (hier mit Fraktionskollegen Gilles Savary) brachte den PPP-Entwurf ins EU-Parlament ein. Foto: Europäisches Parlament
Den Bürostuhl, auf dem Ulrich Theis sitzt, hat er nicht selbst ausgesucht. Auch sein Arbeitgeber, die Stadt Gladbeck, hatte keinen Einfluss auf die Maserung der Schreibtische oder das Design der Tapete. Mobiliar und Inneneinrichtung stellt der Baukonzern Hochtief. Denn der hat das neue Verwaltungsgebäude errichtet und wird es in den nächsten 25 Jahren auch betreiben. In Gladbeck steht damit das erste im öffentlichen Auftrag privat finanzierte und anschließend auch betriebene Rathaus Deutschlands.
Das gerade abgeschlossene Bauvorhaben ist eines der so genannten Public-Private Partnership (PPP)-Projekte. Immer öfter arbeiten Kommunen auf diese Weise mit Unternehmen zusammen. Aus den öffentlichen Haushalten fließt ein fester Geldbetrag an die Unternehmen. Diese renovieren im Gegenzug Schulen, planen den Straßenbau, betreiben Fußballstadien oder bauen neue Rathäuser – öffentliche Leistungen, die bislang allein in staatlicher Verantwortung lagen. “In Zeiten knapper Kassen sind die Kommunen fast gezwungen, diesen Weg zu gehen”, sagt Ulrich Theis, der die Organisationsabteilung der Stadt Gladbeck leitet. “Viele Projekte könnten sonst gar nicht realisiert werden.”
Als in der Ruhrgebietsstadt die Frage nach der Finanzierung des neuen Gebäudes aufkam, ließ die Stadtverwaltung zunächst eine Studie erstellen. Ergebnis: Bau und Betrieb an einen Konzern abzugeben kommt die Stadt 14 Prozent billiger als den Rathaus-Anbau selbst zu bewältigen. Nach Angaben von Hochtief muss die Stadt über die gesamte Laufzeit des Vertrags 44 Millionen Euro zahlen. Laut Theis erfolgt dies über eine Rate von 146.000 Euro, die 25 Jahre lang jeden Monat gezahlt wird. Rund zwei Drittel davon werden für die Finanzierung fällig, ein Drittel entfällt auf den Betrieb, in dem beispielsweise Instandhaltung, Hausmeisterdienste und Energiekosten enthalten sind.
Hochtief bekam den Auftrag über eine europaweite Ausschreibung. 20 Monate brauchte der Konzern, um die alten Bürotürme abzureißen und das neue Gebäude hochzuziehen. “An der kurzen Bauzeit sieht man: Solche Firmen haben ein ganz anderes Know-how und viel größere Ressourcen als die Kommune”, meint Theis.
Für die Baubranche sind PPPs ein Riesengeschäft: Bis 2010 könnten auf diese Weise öffentliche Aufträge in einer Größenordnung von 20 Milliarden Euro vergeben werden, schätzen Experten. Doch oftmals stehen diesen Investitionen noch juristische Hürden im Weg: Zwei Drittel aller bisher realisierten PPP-Projekte hatten mit rechtlichen Schwierigkeiten zu kämpfen, insbesondere beim Vergabe- und Vertragsrecht.
Dieser Problematik nahm sich gestern das Europäische Parlament in Straßburg an. Die Fuldaer Europaabgeordnete Barbara Weiler (SPD) brachte einen Bericht ein, der für mehr Rechtssicherheit der Kommunen sorgen soll. “Was wir anstreben ist: mehr garantierter Wettbewerb für die Unternehmen und mehr garantierter Spielraum für die Kommunen”, sagte Weiler vorm Parlament. Die unsichere Rechtslage, die etwa durch Urteile des Europäischen Gerichtshofs entstanden sei, blockiere dringend notwendige Investitionen.
Das Parlament nahm den Weiler-Bericht mit großer Mehrheit an. Nur in einem Punkt konnte sich die SPD-Abgeordnete nicht durchsetzen: Zu institutionalisierten PPPs – gemeinsamen Wirtschaftsgebilden zwischen privaten und öffentlichen Partnern, beispielsweise Stadtwerken oder Verkehrsbetrieben, die nicht vollständig der öffentlichen Hand gehören – hatte ihre Fraktion ein neues Gesetz verlangt. Doch stattdessen soll nun eine interpretierende Mitteilung der EU-Kommission für mehr Klarheit in diesem Bereich sorgen.
Konservative und Liberale im EU-Parlament wollten das Gesetz ebenso verhindern wie Jacques Barrot, EU-Kommissar für Regionalpolitik. Der Franzose befürchtet, zusätzliche Vorschriften könnten insbesondere in den neuen Mitgliedsstaaten Investitionen blockieren.
Ansonsten herrschte Einigkeit. Allerdings soll nicht überall streng nach den Richtlinien des freien Binnenmarkts verfahren werden. Die Neuregelung bei PPPs soll zwar Fairness und Transparenz bei der Auftragsvergabe gewährleisten und damit Korruption verhindern. Doch gerade die Zusammenarbeit von kleinen Kommunen will Weiler nicht behindern. Wenn zwei Gemeinden beispielsweise bei der Wasserversorgung zusammenarbeiten oder einen Sportplatz gemeinsam bauen wollen, müsse deshalb keine Ausschreibung erfolgen. “Interkommunale Zusammenarbeit ist für die Kommunen die beste, oft auch die einzige Möglichkeit, ihre Infrastruktur zu modernisieren”, begründet die Grünen-Abgeordnete Heide Rühle diese Herangehensweise. Und Weiler fügt an: “Rekommunalisierung ist wünschenswert.”
Damit stößt sie auf ein zentrales Problem von PPPs: Kritiker dieses Modells sprechen von einer schleichenden Privatisierung. Auch könnten PPPs eingesetzt werden, um die öffentlichen Haushalte auf dem Papier besser aussehen zu lassen. Schließlich sei nicht klar, was passiert, wenn die Privatunternehmen die Verträge nicht einhalten oder Leistungen nicht erbringen. Auch in Gladbeck prüft man noch, ob das neue Gebäude den gestellten Anforderungen entspricht. “Bisher gibt es kaum etwas auszusetzen. Aber wir sind auch gerade erst eingezogen”, sagt Ulrich Theis.
Er verrät übrigens: Der Bürgermeister von Gladbeck sitzt weiterhin im historischen Rathaus neben dem neuen Gebäude. Und auf seinem eigenen Sessel.
Ein Fiasko
Die vorläufige Bilanz der Erntehelferregelung ist desaströs: Ein Zehntel der bisherigen Saisonarbeiter sollte in diesem Jahr durch Arbeitslose ersetzt werden, hatten Agrarminister Horst Seehofer und Arbeitsminister Franz Müntefering vereinbart. Statt untätig herumzusitzen, könnten die Erwerbslosen genauso gut bei Obsternte, Weinlese und Spargelstechen mittun, war ihr vordergründig einleuchtender Gedanke. Doch das Ergebnis ist ein Fiasko.
In erster Linie für die Bauern: Sie haben zum Teil schon weniger angebaut, weil sie mit Arbeitskräftemangel rechneten – wie sich herausstellte, völlig zu Recht. Wegen fehlenden Personals wurde weniger geerntet, zum Teil vergammelten die Früchte auf den Flächen. Einige Landwirte stehen nach Verbandsangaben wegen dieser Ausfälle sogar vor dem Ruin – damit sind weitere Arbeitsplätze gefährdet.
Einbußen brachte die neue Regelung auch für zahlreiche der bisherigen Helfer, die oft aus Polen stammen. Selbst wenn sie sich bisher als arbeitswillig bewährt hatten und zum Teil bereits jahrelange Erfahrung mitbrachten, konnten manche von ihnen in dieser Saison nicht ihr Einkommen aufbessern, weil ihre Stelle für einen deutschen Arbeitslosen reserviert war, der dann – laut Statistik des Bauernverbandes – in zwei von drei Fällen gar nicht kam.
Ein schlechtes Licht werfen diese Zahlen auch auf die Arbeitslosen. Ihr Leistungswille und ihre Belastbarkeit erscheinen zumindest fragwürdig. Doch man macht es sich zu einfach, wenn man die schockierende Bilanz den vermeintlichen Drückebergern in die Schuhe schiebt. Die allermeisten Arbeitslosen haben eine ordentliche Ausbildung und mitunter beachtliche Berufserfahrung. Dass sie sich fragen, warum sie plötzlich als Hilfsarbeiter in einem völlig fremden Metier eingesetzt werden sollen, ist nachvollziehbar.
Ein Fiasko ist die Erntehelfer-Bilanz deshalb vor allem für die Politik. Sie hat es nicht nur versäumt, dafür zu sorgen, dass qualifizierte Jobs in Deutschland entstehen können und erhalten bleiben. Sie muss nun auch noch erkennen, dass man Beschäftigung nicht zwangsverordnen kann, dass das Anforderungsprofil der Betriebe zu den Fähigkeiten und Interessen der Bewerber passen muss – ein Aspekt, der auch in der Diskussion um die Ausbildungsplatzabgabe zu selten berücksichtigt wird. Und vor allem muss die Politik aufhören, die Erwerbslosen bloß als Manövriermasse zu betrachten, die mal bei der Ernte, mal beim Straßenfegen und mal als Hilfslehrer eingesetzt werden kann. Arbeitsmarktpolitik muss mehr sein als Beschäftigungstherapie. Sie muss auf eine individuelle und qualifizierte Auseinandersetzung mit den Betroffenen ausgerichtet sein. Dann dürfte auch deren Motivation wieder steigen.
Hingehört: Nate James – “Set The Tone”
| Künstler | Nate James |
| Album | Set The Tone |
| Label | Edel |
| Erscheinungsjahr | 2006 |
| Bewertung | **1/2 |
Knapp acht Minuten lang ist Set The Tone eine Verheißung. Der in den USA geborene, inzwischen aber in Großbritannien tätige (und äußerst beliebte) Nate James klingt da beinahe wie jemand, der den Soul von Stevie Wonder, das Talent von Prince und den Pop-Appeal von Michael Jackson in sich vereint.
Denn so unverschämt leichtfüßigen, mitreißenden, eingängigen Funk wie den Opener Said I’d Show You hat man schon lange nicht mehr gehört. Danach verstärkt The Message – ebenso sexy, tanzbar, selbstsicher, euphorisch und clever – den Eindruck, dass man es hier mit einer ganz großen Entdeckung zu tun hat.
Doch danach macht sich bei diesem Debüt der Alcopop-Effekt bemerkbar: Der erste Eindruck ist fantastisch, doch danach kommt nicht mehr viel. Universal (zum Glück keine Hymne auf die Plattenfirma, für die Nate James eine Weile als Komponist gearbeitet hat) hat noch ordentlichen Schwung, Justify Me ist eine ziemlich niedliche Schnulze. Der Rest entspricht bloß noch gehobenem Jamiroquai-Standard oder ist gar Funk von der Stange, wie man ihn auf jedem Stadtfest hören kann.
Auch wenn Nate am Schluss zu nett wird: Man sollte ihn im Auge behalten.
Nate James ist definitiv ein Klassizist, wie der Clip zu The Message beweist:
Hingehört: Gus Black – “Autumn Days”
| Künstler | Gus Black |
| Album | Autumn Days (official bootleg) |
| Label | India Records |
| Erscheinungsjahr | 2006 |
| Bewertung | **1/2 |
Genau ein Jahr nach Autumn Days, dem vierten Album von Gus Black, erscheint hier zu Lande Autumn Days – The Official Bootleg Album. Der Ausgangspunkt dafür war eine Radio-Session in Kalifornien, nach deren überzeugenden Resultaten die Idee für ein beinahe rein akustisches, quasi Live-Album geboren war.
Der Singer-Songwriter reduziert dabei die ohnehin nicht gerade üppig arrangierten Stücke auf das Wesentliche, und die Ergebnisse erinnern ob der Stimme und des spartanischen Klangbilds an Donovans Comeback-Platte Sutras (so bei der zerbrechlichen Version des Titelstücks mit schmachtenden Streichern, dem behutsam pulsierenden Devil Spine und dem sagenhaft sachten Long Beach), gelegentlich sogar an Nick Drake (Certain Kind Of Light, Weekend Soldier).
Dazu gibt es geschmackvolle Coverversionen: Neil Youngs Birds (aufgenommen bei einem Soundcheck in Berlin) macht sich Black ebenso souverän zu Eigen wie die REM-Ballade You Are The Everything. Bob Dylans Positively 4th Street gerät zwar etwas zu zahm, dafür ist die Interpretation von Blue Oyster Cults düsterem Stampfer Don’t Fear The Reaper im gespenstisch-minimalistischen Gewand eine echte Entdeckung. Im nächsten Jahr soll es von Gus Black auch wieder neues Material geben.
Certain Kind Of Light, live in Köln:
Selbstbedienung
Für das nächste Jahr haben die Ministerpräsidenten endlich eine Reform der GEZ-Gebühr versprochen. Höchste Zeit: Als 1976 das noch heute gültige System der Finanzierung eingeführt wurde, gab es weder Videotext noch Privatsender, weder Internet noch UMTS-Handys. Eine Neuregelung ist somit schon aufgrund der technologischen Entwicklung überfällig.
Die Entscheidung der Länder, künftig auch für internetfähige Mobiltelefone und Computer eine Rundfunkgebühr zu verlangen, lässt für die Reform der GEZ allerdings wenig Gutes vermuten. Das Votum aus Bad Pyrmont ist halbherzig und kurzsichtig. Es ignoriert überdies viele Probleme im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und stärkt die Selbstbedienungsmentalität bei ARD und ZDF.
Die jetzt erneut angewandte Regelung, die vom Bereithalten eines Empfangsgeräts ausgeht, ist schlicht und ergreifend absurd. Es ist, als würde jeder, der einen Briefkasten hat, auch verpflichtet, eine Zeitung zu abonnieren. Niemand käme auf die Idee, von jedem Autobesitzer Maut zu verlangen, auch wenn der gar nicht auf entsprechenden Straßen fährt – doch bei der GEZ gilt genau dieses Prinzip. Auf diese Weise nehmen ARD und ZDF mehr als sieben Milliarden Euro ein. Davon könnte man 35 Mal die Dresdner Frauenkirche wieder aufbauen – jedes Jahr.
Dieser Luxus ist um so unsinniger, wenn man sieht, was die öffentlich-rechtlichen Sender für Programme produzieren. Eben das Gesetz, das ihnen die Finanzierung durch Gebühren ermöglicht, verpflichtet sie nämlich auch zu qualitativ hochwertigen Inhalten. Davon kann schon lange keine Rede mehr sein. Ein Großteil der Gebühren wird für seichteste Unterhaltung, Übertragungsrechte von Sportereignissen und Gagen für abgehalfterte Stars ausgegeben. Innovative Formate haben ARD und ZDF im Fernsehen schon ewig nicht mehr hervorgebracht, im Radio ist das Imitieren der Privatsender noch schlimmer. Alles, was ein bisschen Anspruch hat, wird in Nischen abgedrängt – zu Arte und 3sat oder ins Nachtprogramm.
ARD und ZDF verspielen damit nicht nur die Berechtigung, überhaupt Gebühren zu verlangen, sie vernachlässigen auch ihre öffentliche Aufgabe und ihre Rolle in der Demokratie.
Wenn die Intendanten nun um ihre Budgets bangen, geschieht ihnen das ganz recht. Im für sie schlimmsten Fall wird in Zukunft wie bei der Telefonrechnung verfahren – nur die Sendungen, die man tatsächlich verfolgt hat, werden bezahlt. Technisch ist das längst möglich. Die bessere Lösung wäre eine Finanzierung über Steuern. Zwar scheuen Politiker naturgemäß die Einführung neuer Steuern und würden lieber weiter von einer Gebühr oder Abgabe sprechen. Doch de facto ist die GEZ-Gebühr bereits jetzt eine Steuer, weil sie nämlich unabhängig von der tatsächlichen Inanspruchnahme der Leistung erhoben wird.
Auch die Staatsferne des öffentlich-rechtlichen Rundfunks muss durch eine Steuerfinanzierung nicht per se gefährdet sein – zumal sie angesichts der Besetzung von Rundfunkräten und der Einflussnahme von Landesregierungen schon heute nur mangelhaft realisiert ist. In jedem Fall sollte der für 2008 geplante neue Rundfunkstaatsvertrag nicht nur die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks neu regeln, sondern auch dafür sorgen, dass dieser seiner Aufgabe wieder nachkommt. Und dazu gehören neben Unterhaltung auch: Information, Bildung und Beratung.
Hingehört: Albert Hammond Jr. – “Yours To Keep”
| Künstler | Albert Hammond Jr |
| Album | Yours To Keep |
| Label | Rough Trade |
| Erscheinungsjahr | 2006 |
| Bewertung | **** |
Sie muss arg betrüblich sein, die Existenz als Gitarrist hinter einem alle Aufmerksamkeit aufsaugenden Indie-Frontmann. Doch die Schrammelmänner und Saitenkünstler von James Iha (belanglos) über John Frusciante (peinlich) bis hin zu Graham Coxon (großartig) haben längst die ultimative Waffe für den Gegenangriff gefunden: das Soloalbum.
Was bietet dieser kleine Nebenjob auch nicht alles für Möglichkeiten! Man kann der Welt zeigen, wie gut man wirklich sein Instrument beherrscht und welch entscheidenden Beitrag man im Gefüge der Gruppe leistet. Mann kann ganz andere Einflüsse und Vorlieben zur Geltung kommen lassen, als es die Band je erlauben würde. Man kann seine geradezu überschäumende Schaffenskraft dokumentieren. Und vor allem kann man zeigen, dass man auch singen kann. Zumindest im besten Fall ist das so.
Dieser Fall heißt Albert Hammond Jr. Im Hauptberuf ist er längst nicht mehr Sohn von Albert Hammond (der Mann, der It Never Rains In Southern California und Free Electric Band geschrieben hat), sondern Gitarrist bei den Strokes. Weil ihn das Tolleplattenmachen, Tollevideosdrehen, Tollekonzertegeben und Mittollenmenschenausgehen offensichtlich nicht auslastet, hat der Wuschelkopf nun eine tolle Soloplatte namens Yours To Keep aufgenommen.
Ein paar Stargäste sind dabei: Ben Kweller, Sean Lennon und Jody Porter von den Fountains Of Wayne. Auch Strokes-Sänger Julian Casablancas hat seinen Auftritt, man muss also wohl kaum befürchten, dass dieser Solo-Ausflug der Anfang vom Ende der Band sein wird.
Trotz der prominenten Unterstützung ist Yours To Keep ganz und gar das Werk von Albert Hammond Jr. – und macht umso klarer, wie wichtig dieser Mann für die Strokes ist. Es gibt hier den patentierten Schrammelsound der New Yorker (das famose Back To The 101), auch die fantasievoll verschachtelten Gitarrenläufe (In Transit) und die einfallsreichen Rhythmen (Holiday).
Doch Yours To Keep ist viel verspielter und abwechslungsreicher als alles, was die Strokes bisher abgeliefert haben. Das liegt auch daran, dass Hammond kein Problem damit hat, seine sanfte Seite zu zeigen, mit bezaubernden Schlafliedern aus dem Wolkenkuckucksheim (Cartoon Music For Superheroes), an John Lennon geschulten Beziehungsdramen wie Scared und Blue Skies, charmantem Frühlings-Pop wie Bright Young Thing und gar an die ausgelassensten Momente von Travis erinnernden Humpty-Dumpty-Nummern wie Call An Ambulance.
Absoluter Höhepunkt ist der brodelnde Rausschmeißer Hard To Live (In The City), der ständig Schwung holt, ohne recht in Fahrt zu kommen und dann in einem Reggae-Finale samt angeschwipsten Bläsern mündet.
Dass Albert Hammond Jr. die treibende kreative Kraft hinter den Strokes ist, wird nach dieser Platte niemand mehr anzuzweifeln wagen. Der Papa kann stolz sein. Und der Frontmann sollte um seinen Job fürchten.
Hard To Live In The City – das meint wohl New York. Dort spielt Albert Hammond Jr. eine geniale Live-Version:
Albert Hammond Jr. bei MySpace.
Hingehört: Gov’t Mule – “High And Mighty”
| Künstler | Gov’t Mule |
| Album | High And Mighty |
| Label | Blue Rose |
| Erscheinungsjahr | 2006 |
| Bewertung | ** |
Unter pubertierenden Jungen gibt es ein angeblich sehr beliebtes Spiel, bei dem sich die Knaben im Kreis um einen Keks aufstellen und dann um die Wette auf den Keks wichsen. So ähnlich funktioniert eine Jam-Session. Die Musiker sind die Wichser. Und der Zuhörer ist der Keks.
Gov’t Mule aus New York entstanden 1994, natürlich, bei einer Jam-Session rund um Mastermind Warren Haynes von den Allman Brothers. Die meisten Songs auf High And Mighty sind live im Studio aufgenommen und basieren unüberhörbar ebenfalls auf Jams. Deshalb sind hier natürlich alle Stücke etwa zwei Minuten zu lang, um all die “Schaut her, was ich kann”-Solos unterzubringen. Und Refrains verabscheuen Gov’t Mule so sehr wie ein Redneck die Homo-Ehe.
Trotzdem wird die Platte ihre Freunde, vielleicht sogar Bewunderer finden. Denn eine Kombination aus gnadenlosem Beat und mächtigem Riff wie im Opener Mr. High And Mighty entfaltet noch in jedem Kontext ihre Kraft. Danach erinnert Brand New Angel an Audioslave, allerdings ohne deren Kompaktheit und rhythmische Raffinesse.
Mehr als die bekannte Saitenkunst von Warren Haynes beeindruckt aber die Wandelbarkeit seiner Stimme. In den ruhigeren Stücken (das etwas träge So Weak So Strong, das angenehm zurückgenommene Child Of The Earth, das Trübsal-getränkte Nothing Again, das inspirierte Endless Parade) erinnert sie an Ed Kowalczyk von Live, auch den Hardrock-Shouter und das Blues-Reibeisen hat er locker drauf.
Für alle, deren musikalisches Universum sich zwischen AC/DC, Lynyrd Skynyrd und Led Zeppelin ausbreitet, muss er ein Held sein – und diese Platte ein Fest. Allen anderen bleibt es selbst überlassen, ob sie gern Zeuge bei Muckertum und Schwanzvergleich sein wollen.
Die größte Lavalampe der Welt: Mr. High And Mighty, live in Chicago:
Hingehört: Ben Folds – “Supersunnyspeedgraphic”
| Künstler | Ben Folds |
| Album | Supersunnyspeedgraphic |
| Label | Sony |
| Erscheinungsjahr | 2006 |
| Bewertung | ***1/2 |
Man darf sich fragen, was das zu bedeuten hat. Wenn Künstler ein Werk vorlegen, um es dann wenig später selbst wieder zu verändern, zu hinterfragen, zu erweitern. Es mag der Versuch sein, das eigene Schaffen aktuell zu halten. Vielleicht bloß Unzufriedenheit mit der ersten Version. Oder das Auskosten der eigenen kreativen Freiheit.
Bei Ben Folds spielen wahrscheinlich alle drei Argumente zusammen. Auf Supersunnyspeedgraphic liefert er in leicht bearbeiteten Versionen die besten Stücke seiner letzten EPs, die nur im Internet zu bekommen waren, und seines Schaffens mit dem Nebenprojekt The Bens. Kein echtes Album also, aber eine runde Sache.
Der mittlerweile auch schon 40-Jährige genießt den Freiraum und versucht sich mit hörbarem Spaß an höchst unterhaltsamen Coverversionen. Der Cure-Klassiker In Between Days klingt hier, als würde eine Horde pogo-hungriger Zombies in einem Saloon einfallen. Songs Of Love (Divine Comedy) vereint Walzer-Schwung mit Streicher-Grandezza. Get Your Hands Off My Woman gerät noch hysterischer als auf der EP (und als in der Vorlage von The Darkness).
Der Höhepunkt ist Bitches Ain’t Shit, das es irgendwie schafft, gleichzeitig eine Hommage an und eine Persiflage auf Dr. Dre zu sein. Wie sich der Piano-Mann hier in seiner sanftesten Flüster-Stimme im Gangster-Jargon ergeht, ist famos amüsant.
Folds ist allerdings nicht nur auf Klamauk aus. In All U Can Eat zeigt er sich als aufmerksamer Beobachter – eine Rolle, die er schon mit Ben Folds Five perfekt ausfüllte. Auch das schmissige There’s Always Someone Cooler Than You und das berückende Learn To Live With What You Are haben ein paar brauchbare Tipps für das harte Leben da draußen parat.
Vor allem aber macht er in tollen Liedern wie dem grandios sentimentalen Rausschmeißer Still und dem fantastischen Bruised klar, dass kein anderer Songwriter seiner Generation so schlau, so rührend und so wahrhaftig über Herzscheiße singen kann wie er.
Mit dieser Brille und diesem Hut wird die Coverversion von Bitches Ain’t Shit noch ein bisschen skurriler:
Durchgelesen: Annie Wang – “Peking Girls”
| Autor | Annie Wang |
| Titel | Peking Girls |
| Verlag | Aufbau |
| Erscheinungsjahr | 2006 |
| Bewertung | **1/2 |
Es sind fünf Buchstaben, die bei “Peking Girls” in die Irre führen. “Roman” steht auf dem Buchcover, doch es gibt hier weder Plot noch Spannungsbogen. Denn eigentlich ist dies eine Sammlung von Kolumnen, die Annie Wang für die “Washington Post” geschrieben hat.
Hat man sich einmal damit abgefunden, kann man aber dennoch interessante Einblicke in das Leben von Maos Enkeln (und vor allem: Enkelinnen) gewinnen. Denn die Erzählerin Niuniu verkehrt vor allem in der High Society, unter Pekings Neureichen und Altkadern. “Es scheint, als gäbe es nur zwei Sorten von Menschen: solche, die Macht und Reichtum hofieren, und solche, die aufgrund ihrer Macht und ihres Reichtums hofiert werden”, ist eine der Erkenntnisse.
Anderswo wird es weniger tiefgründig. Dann spielt sich das Geschehen auf dem Niveau und mit den Themen von “Sex And The City” ab. Es geht dann um die neu gewonnene Freizügigkeit, die angesagtesten Designerlabels, kulinarische Trends und Fortschritte im Bereich der plastischen Chirurgie. “Sexuell unkonform zu sein ist cool, solange man politisch konform ist”, stellt Annie Wang fest.
Nicht alles hier ist so prägnant formuliert, doch es ist gerade die Fülle des Materials, die einen Eindruck von den Sehnsüchten und Mechanismen dieses Riesenreiches vermittelt. Und es ist das Spannungsverhältnis zwischen dem alten, kommunistischen China, dem noch älteren Kaiserreich und der Postmoderne, die das Reich der Mitte nicht nur erreicht, sondern förmlich vergewaltigt hat, aus der diese Texte ihre Spannung beziehen.
Beste Stelle: “Auch Ann ist alleinstehend und für eine Beziehung gewissermaßen überqualifiziert.”







