“Man will wissen, was die anderen denken”
Umfragen beeinflussen die Politik. Doch in welchem Maße? Über diese Frage habe ich mit der Kommunikationswissenschaftlerin Juliana Raupp gesprochen. Sie meint: Wahlen werden durch Umfragen nicht entschieden. Trotzdem würde sich die Expertin mehr Vorsicht im Umgang mit der politischen Meinungsforschung wünschen. Sie sagt: Es muss nicht weniger Umfragen geben, sondern bessere.
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Die Macht der Umfragen
In anderen Ländern sind Umfragen kurz vor Wahlen verboten. Auch mich treibt schon lange die Frage um: Welchen Einfluss hat die politische Meinungsforschung auf die Politik, die Politiker und die Parteien? Wer hängt wie schnell sein Fähnchen in welchen Wind? Und wie verlässlich sind die Ergebnisse überhaupt? Ich habe mit einem Meinungsforscher, einer Expertin und dem Geschäftsführer der FDP gesprochen. Und zumindest herausgefunden: Richtig glücklich ist mit dem Einfluss der Umfragen auf die Politik niemand.
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Durchgelesen: Hans Bentzien – “Warum noch über die DDR reden?”
| Autor | Hans Bentzien |
| Titel | Warum noch über die DDR reden? Sophies Fragen |
| Verlag | Das Neue Berlin |
| Erscheinungsjahr | 2009 |
| Bewertung | * |
Dass Hans Bentzien, Jahrgang 1928, sein Gewissen erleichtern will, ist verständlich. Er war in der NSDAP, dann in der SED, in beiden Parteien keiner der Schlimmsten, aber doch einer, der das System mit getragen hat. Er hat im Zweiten Weltkrieg gekämpft und war Kultusminister der DDR. Er hätte wirklich ein paar spannende Dinge zu erzählen. Doch das Buch, das er geschrieben hat, ist ein Affront.
Nicht nur, dass sich hier ein Bonze in bestem DDR-Jargon die Vergangenheit schönredet. Er nutzt auch noch die mediale Aufmerksamkeit durch den 20. Jahrestag des Mauerfalls, um seine unerträgliche Geschichtsklitterung zu verkaufen. Er schafft es in seinem verzweifelten Versuch einer Rechtfertigung auch noch, sich als Stasi-Opfer darzustellen und versucht, die Wirtschaftskrise als Beleg für seine abstrusen Thesen und sein paranoides Verhältnis zur Bundesrepublik zu nutzen.
Doch auch das ist noch nicht das Schlimmste an “Warum noch über die DDR reden?” Das Schlimmste ist der Untertitel, der die Form des Buchs andeutet: “Sophies Fragen”. Bentzien gibt vor, die Fragen seiner Enkelin zur Vergangenheit zu beantworten, ihr die Wahrheit über sein Leben zu erzählen und nützliche Orientierung für die Zukunft zu geben.
Doch erstens beantwortet er die Fragen nicht, sondern nutzt sie nur als Stichwortgeber für seine Tiraden. Und zweitens benutzt er durch dieses perfide Spiel die eigene Enkelin. Sie wird instrumentalisiert, verblendet und missbraucht – genau so, wie es Bentzien mit den Jugendlichen in der DDR gemacht hat.
Durchgelesen: Chris Abani – “Graceland”
| Autor | Chris Abani |
| Titel | Graceland |
| Verlag | C.H. Beck |
| Erscheinungsjahr | 2003 |
| Bewertung | *** |
Der Titel des Buchs ist der pure Hohn. Genau wie die Namen vieler Protagonisten, die “Redemption” heißen oder “Blessing”. Denn von Anmut kann hier ebensowenig die Rede sein wie von Erlösung oder Segen. Stattdessen zeigt dieser Roman die knüppelharte, erbarmungslose und brutale Realität Nigerias.
Der Protagonist Elvis (auch so ein sprechender Name) hat Ärger mit seinem trinkenden Vater, fühlt sich halb verführt und halb bedroht von den Ablenkungen des Slums in Lagos und träumt von einer großen Karriere als Tänzer. Das einzige, was ihm Halt gibt, ist das Tagebuch seiner früh verstorbenen Mutter. Doch auch das kann ihn nicht davor bewahren, in die kriminelle Unterwelt abzutauchen – wo ein Menschenleben wenig wert ist.
Die Handlung, die sich auf verschiedenen Zeitebenen abspielt, wird immer wieder unterbrochen durch Kochrezepte aus dem Tagebuch der Mutter und Anweisungen für uralte Rituale. So gelingt es Abani, einen spannenden Kontrast aus Moderne und Tradition, aus Großstadt und Landleben, aus Aberglaube und Nihilismus aufzuzeigen.
Davon lebt das Buch ebenso wie vom gelungen-vielschichtigen Charakter des Elvis. Wenn der sich an die idyllischen Momente seiner Kindheit erinnert oder in einer Folterkammer des Militärs Höllenqualen leidet, und zwischen all dem sich selbst, einen Sinn und eine Zukunft für sein Land sucht, dann ist “Graceland” am stärksten.
Unterm Strich entsteht so ein schonungsloses Porträt des postkolonialen Afrika, das aber etwas mehr sprachliche Stärke und etwas weniger Pathos gebraucht hätte, um wirklich zu erschüttern.


