Der defensivste Demagoge der Welt

August 31, 2010 · Posted in Bewegtbild, TV · 1 Comment 
Thilo Sarrazin war bei Beckmann ungewohnt schüchtern. Foto: NDR

Thilo Sarrazin war bei Beckmann ungewohnt schüchtern. Foto: NDR

Spektakulärer hätte Beckmann nicht aus der Sommerpause zurückkehren können. Zu Gast war Thilo Sarrazin, Meister der Provokation, König des Sommerlochs – genau an dem Tag, an dem er sein Skandalbuch Deutschland schafft sich ab vorgestellt hat. Womöglich war die Redaktion selbst von der Dimension des Interesses überrascht, denn leider entschied man sich nicht dafür, Beckmann nur mit Sarrazin ist Studio zu setzen. Das wäre ein wirklich spannendes Format geworden. Stattdessen wurde es reichlich absurd. Unter anderem waren noch vier weitere Gäste da, die aber niemanden recht interessierten. Beckmann hatte hingegen keinerlei Lust auf seine Stargast, sondern nur auf seine eigene Eitelkeit.

Den vollständigen Artikel mit einer Fotostrecke mit den schlimmsten Sprüchen von Thilo Sarrazin gibt es bei news.de.

Der kritische Blick: Was soll der ganze 3D-Scheiß?

August 30, 2010 · Posted in Ich, Kommentare, Videos, Weltgeschehen · Comment 

Im Kino sollen Special Effects schon lange über einen Mangel an guten Schauspielern, originellen Ideen und spannenden Geschichten hinwegtäuschen. Jetzt kommt auch noch der 3D-Hype dazu. Und davon lassen sich sogar die sonst so innovationsfeindlichen Tageszeitungen anstecken. Erst erschien die Berliner Zeitung in 3D, am Wochenende auch noch Bild. Ich frage mich: Was soll das? Und musste feststellen: Jetzt wird einem beim Lesen sogar schlecht, wenn man die Nachrichten gar nicht liest.

Mehr Kommentare zu aktuellen Themen gibt es bei den News.de-Videos.

Der kritische Blick: Anonymisierte Bewerbungen bringen nichts

August 29, 2010 · Posted in Ich, Kommentare, Videos, Weltgeschehen · Comment 

Mit anonymisierten Bewerbungen soll in einem Modellprojekt Diskriminierung verhindert werden. Statt um Alter, Aussehen oder Geschlecht soll es nur um die Qualifikation gehen. Ich meine: Das Anliegen ist ehrenwert. Aber der Weg dahin ist der falsche. Wer ernsthaft behauptet, durch ein paar geschwärzte Stellen kämen mehr Frauen oder Ausländer an neue Jobs, ist nicht nur verlogen. Er verkennt auch die Praxis.

Mehr Kommentare zu aktuellen Themen gibt es bei den News.de-Videos.

Draufgeschaut: 8 Mile

August 29, 2010 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
B-Rabbit (Eminem, rechts) will sich als Rapper Respekt verschaffen.

B-Rabbit (Eminem, rechts) will sich als Rapper Respekt verschaffen.

Film 8 Mile
Produktionsland USA
Jahr 2002
Spielzeit 106 Minuten
Regie Curtis Hanson
Hauptdarsteller Eminem, Kim Basinger, Mekhi Phifer, Brittany Murphy, Evan Jones
Bewertung ****

Worum geht’s?

Jimmy Smith hat den selben Traum wie alle in seiner Gegend: Er will raus aus Detroit. Er träumt von einer großen Karriere als Rapper unter dem Künstlernamen B-Rabbit. Aber als einziger Weißer in der Rapszene wird er nicht ernst genommen – und auch seine Mutter, seine Freundin und seine Kumpels machen ihm das Leben nicht gerade einfacher.

Das sagt shitesite:

8 Mile hätte mächtig schief gehen können. Rapper sind schließlich nicht gerade die letzten, die man der unerträglichen Selbstbeweihräucherung und der spinnerten Idee, sie könnten auch schauspielern, verdächtigen würde. Doch der Film ist ein Volltreffer. Nicht nur, weil Eminem hier durchaus mimisches Talent beweist. Sondern auch, weil in den Battle-Szenen Gott sei Dank komplett auf Untertitel gesetzt wird. Und vor allem, weil die Macher nicht der Versuchung erliegen, aus 8 Mile ein typisches Hollywood-Aufstiegsmärchen zu machen. Der Film endet, bevor die Hauptfigur ganz groß rauskommt, er endet sogar ohne ein Happy End im klassischen Sinne. Vor allem aber ist 8 Mile so authentisch, wie man es in Hollywood nur sein kann: Kim Basinger als kaputte Trailer-Park-Mutter, sinnloses Ballern und totaler Opportunismus angesichts der kleinsten Chance, dem Elend zu entfliehen – das ist wohl ein ziemlich originalgetreues, nichts beschönigendes Bild des Milieus, in dem Eminem aufwuchs. Er verkörpert das ultimative HipHop-Prinzip: Rap ist sein Werkzeug, um sich Respekt zu verschaffen. In 8 Mile wird (wie auch bei Eminems Musik) besonders deutlich, welche Kraft dieses Werkzeug haben kann, weil er ein Außenseiter ist, ein Kämpfer – und weiß.

Der Trailer zum Film:

Draufgeschaut: Prozac Nation

August 29, 2010 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Elizabeth (Christina Ricci) leidet an einer Schreibblockade.

Elizabeth (Christina Ricci) leidet an einer Schreibblockade.

Film Prozac Nation
Produktionsland USA
Jahr 2001
Spielzeit 99 Minuten
Regie Erik Skjoldbjaerg
Hauptdarsteller Christina Ricci, Jason Biggs, Anne Heche, Michelle Williams, Jonathan Rhys-Meyers, Jessica Lange, Lou Reed
Bewertung ***

Worum geht’s?

Elisabeth ist kurz davor, ihr Journalistik-Studium in Harvard zu beginnen. Ihre Mutter ist mächtig stolz auf die Tochter, und zunächst scheint auch alles großartig zu laufen: Elisabeth findet schnell Freunde, gewinnt einen Preis für eine Konzert-Rezension und soll für den Rolling Stone arbeiten. Doch dann wird sie immer mehr von Zweifeln geplagt. Schließlich kann sie gar nicht mehr schreiben – und sucht einen Ausweg, um die Geister der Vergangenheit zu besiegen.

Das sagt shitesite:

Als Psychogramm hätte Prozac Nation, das auf einer wahren Geschichte beruht, sicher besser funktioniert denn als Anklage gegen eine ganze Gesellschaft. Wie eine junge Studentin hier zerbricht angesichts des Drucks, den ihre eigenen Träume und die Erwartungen ihres Umfelds ihr aufbürden, wird schonungslos seziert. Eine Mutter, die nicht damit klar kommt, dass ihre Tochter erwachsen wird. Ein Vater, der sich aus der Verantwortung stiehlt und trotzdem der angehimmelte Daddy bleiben will. Eine Elite-Uni, an der es Mitte der 1980er Jahre nur um Drogen und Sex geht – all das ist gut geeignet, um den Protagonisten den Spiegel vorzuhalten. Niemand hat in Prozac Nation den Mut oder die Mittel, dem eigenen Versagen ins Gesicht zu blicken. All das ist leider aber auch ein bisschen zu prototypisch, um zu bewegen statt nur zu deprimieren.

Der Trailer zum Film:

Interview mit The Big Pink

August 28, 2010 · Posted in Interviews, Weltgeschehen · 2 Comments 
So müssen Rockstars aussehen: Milo Cordell und Robbie Furze: blass, verkatert, übernächtigt.

So müssen Rockstars aussehen: Milo Cordell und Robbie Furze: blass, verkatert, übernächtigt.

Mit dem Hit Dominos haben The Big Pink eine der Hymnen des Festivalsommers geschrieben. Morgen Abend wird er für sie beim Festival in Leeds zu Ende gehen. Und wahrscheinlich werden sie dort ähnlich kaputt aussehen wie beim Melt, wo ich Robbie Furze und Milo Cordell zum Interview getroffen habe: völlig kaputt, übernächtigt und saucool. Das Gespräch war nicht nur amüsant, weil ein riesiger Grashüpfer zwischendurch eine Attacke auf meinen Hinterkopf gestartet hat (Milo: “Wow, that was a big one!”). The Big Pink haben mir auch verraten, dass zumindest einer von ihnen Festivals eigentlich idiotisch findet. Dass jedes Konzert ein bisschen wie Sex ist. Und dass Backstage unter Musikern jede Menge Mist erzählt wird, von dem dann später niemand mehr etwas wissen will.

Das komplette Interview gibt es bei news.de.

The Big Pink bei MySpace.

Hingehört: Wir sind Helden – “Bring mich nach Hause”

August 27, 2010 · Posted in CD-Regal, Musik · 2 Comments 
Mit "Bring mich nach Hause" holen sich Wir sind Helden ihre Band zurück.

Mit "Bring mich nach Hause" holen sich Wir sind Helden ihre Band zurück.

Künstler Wir sind Helden
Album Bring mich nach Hause
Label Columbia
Erscheinungsjahr 2010
Bewertung ***1/2

Es gibt wohl nicht viel, was Fußballfans und Kunststudentinnen, FDP-Wähler und Attac-Anhänger, Sekretärinnen aus Stralsund und Vorstandschefs aus Stuttgart verbindet. Wir sind Helden sind dieser gemeinsame Nenner. Sie sind auch die einzige deutsche Popgruppe, die im vergangenen Jahrzehnt beinahe ekstatisches Kritikerlob mit durchweg beeindruckenden Verkaufszahlen verbinden konnte.

„Wir sind Helden“? Das war am Beginn ihrer Karriere eine dreiste Anmaßung. Inzwischen ist es längst eine Selbstverständlichkeit: ausverkaufte Tourneen, Nummer-1-Hits, treu ergebene Fans. Ab jetzt kann es für die Band eigentlich nur noch bergab gehen. Die gute Nachricht ist: Das ist okay so. Wir sind Helden wissen es. Sie wollen es sogar.

Nach dem forschen Debüt Die Reklamation (2003) und dem im Rausch des Aufstiegs entstandenen Nachfolger Von hier an blind (2005) hatten sich Wir sind Helden schon mit dem letzten Album Soundso (2007) ein wenig widerspenstig gezeigt. Da gab es schräge Elemente, böse Seitenhiebe und unterm Strich immer wieder den Versuch, sich gegen die Vereinnahmung zu wehren.

Bring mich nach Hause, das heute erscheinende vierte Album von Wir sind Helden, setzt diesen Weg fort. Nach rund 49 Minuten weiß man gar nicht, wen sie zuerst abschütteln wollen: die Leute, die von Wir sind Helden zu viel erwarten (Identifikation, Trost, Weltverbesserung) oder die Fans, die sich mit zu wenig begnügen würden (ein paar nette Liedchen, die man im Autoradio, beim Junggesellinnenabschied oder im Fitnessstudio hören kann)?

Für die politische Fraktion gibt es diesmal deutlich weniger Slogans. Kein Guten Tag, auch kein Die Konkurrenz. Drei Stücke, die man als Lieder zur Lage der Nation hätte interpretieren können, sind im letzten Moment rausgeflogen, erzählte mir Keyboarder Jean-Michel Tourette im Interview beim Highfield-Festival. „Alles ist alles“ und „Ein Kuss ist ein Kuss“ lauten die ebenso mysteriösen wie nichtssagenden Botschaften in den ersten beiden Liedern. “Es gibt nichts, was wir tun könnten / außer uns auszuruhen” heißt es gar ganz zum Schluss der Platte.

Auch die Mitträller-Fraktion wird bei Bring mich nach Hause zunächst in die Röhre gucken. Fast nichts geht hier sofort ins Ohr wie einst Nur ein Wort, Aurelie oder Soundso. „Vielleicht ist dieses Album ein bisschen weniger ,Haha’ und dafür ein wenig mehr ,Hmmm’”, beschreibt Sängerin Judith Holofernes die neue Grundstimmung ganz treffend.

Dazu trägt auch die Instrumentierung bei. Es gibt deutlich weniger Synthies, dafür mehr echte Instrumente. Wir sind Helden haben viel Neues gelernt, fleißig geprobt und dadurch wieder richtig Lust aufs Musizieren bekommen. Der englische Produzent Ian Davenport (Band of Skulls, Supergrass, Badly Drawn Boy) hat das Ergebnis wunderbar in Form gegossen. Noch nie klangen Wir sind Helden so ungekünstelt wie hier. Noch nie klangen sie auch so sehr wie eine lebendige, verschworene Einheit.

Das beste Beispiel dafür ist Dramatiker. Mit mediterranem Flair und einem Text voller albern-verspielter Wortakrobatik, wie es sie sonst nur im HipHop gibt  (Dramatiker wird hier beispielsweise auf Statiker, Bar dicker, Haar schicker und Starkicker gereimt), zählt das Stück zwar zu den schwächsten auf Bring mich nach Hause. Trotzdem ist das Vergnügen unüberhörbar, das Judith Holofernes, Jean-Michel Tourette, Mark Tavassol und Pola Roy dabei hatten.

Auch die schlicht zu langsamen Kreise, das etwas zu beliebige Flucht in Ketten und die Seventies-Jam-Session Im Auge des Sturms überzeugen nicht völlig. Trotzdem ist Bring mich nach Hause ein sehr gelungenes Album. Die Ballade von Wolfgang und Brigitte ist ein betörend schönes Liebeslied über die 68er und die Folgen, über Naivität und Abgeklärtheit und über die Tatsache, dass Sex und Liebe eben nicht dasselbe sind. Der Kirmespop von 23.55: Alles auf Anfang hat genug Hitpotenzial, um junge Menschen tatsächlich zum Kauf eines Akkordeons bewegen zu können.

Die Träume anderer Leute, das mit dem Kontrast aus wuchtigem Schlagzeug und süßem Glockenspiel an die Shout Out Louds erinnert, ist allen Ernstes ein moderner Antwort-Song auf Schlaf, Kindchen, schlaf. Mit dem herzzerreißenden Meine Freundin war im Koma beweist Judith Holofernes, dass sie noch immer schlicht die beste deutsche Texterin ist. Sie braucht nur die Idee, ein exotisches Urlaubsziel durch das Wort “Koma” zu ersetzen, um ein unfassbar weises und berührendes Lied über Ohnmacht, Reue und Glaube zu schreiben. Und das singt sie auch noch mit einer Stimme, die so unschuldig klingt, als ob sie nichts vom Bösen in der Welt weiß, und doch so traurig und zerbrechlich, als habe sie dem Teufel direkt in die Augen geschaut.

Schließlich ist da noch der wundervolle Titelsong, der im Zuhause keineswegs nur Geborgenheit sucht, sondern auch ein kleines bisschen Selbstzerstörung. Auch das zeigt: Ihre Bühnendekoration mag inzwischen aus Wohnzimmerlampen bestehen, die Band auf Tour von einer eigenen Nanny begleitet werden und Wir sind Helden auf dem Albumcover wie für ein Familienporträt posieren. Bring mich nach Hause ist trotzdem kein Rückzug ins Private im Sinne einer Nabelschau. Eher geht es darum, wieder einen Kontext zu finden, in dem man sich orientieren kann, in dem man sich auskennt, in dem man sich nicht auf ewig isoliert, aber eben auch mal die Tür zu machen kann. Wir sind Helden haben die Platte für niemand anders gemacht als für sich selbst. Es ist Die Reklamation 2.0 – diesmal nicht im Sinne von Wir kommen, um uns zu beschweren, sondern mit der Parole: Guten Tag, ich will meine Band zurück.

Schon wieder eine Wohnzimmer-Deko: Die Vorab-Single Alles in einer Akustik-Version:

Wir sind Helden bei MySpace.

Hingehört: Hurts – “Happiness”

August 26, 2010 · Posted in CD-Regal, Musik · 9 Comments 
Sieht aus wie 80er, klingt auch so: "Happiness" von Hurts.

Sieht aus wie 80er, klingt auch so: "Happiness" von Hurts.

Künstler Hurts
Album Happiness
Label Four Music
Erscheinungsjahr 2010
Bewertung ****

Eigentlich braucht man nur 48 Sekunden, um Hurts zu kennen. Dann ist die erste Stophe des ersten Lieds Silver Lining vorbei – undSänger Theo Hutchcraft hat bereits alle Register seines Könnens gezogen. Der 23-Jährige berichtet, stöhnt, croont, provoziert, schmeichelt – alles mit wenigen Nuancen seiner Stimme.

Auch die Musik hat in dieser kurzen Zeit schon Zeichen gesetzt: Happiness, das morgen erscheinende Debütalbum von Hurts, beginnt mit Maschinenbeats, einem Compterbass und einem Sound wie von einem verzerrten Xylophon. Ganz klinisch – und doch voller Atmosphäre. So wie Tears For Fears, Frankie Goes To Hollywood oder Depeche Mode. Mit der Disco-Verliebtheit der Pet Shop Boys (Sunday). Mit der kühlen Eleganz von Human League (Better Than Love). So wie die Achtziger nun einmal waren.

Das Jahrzehnt, in dem die CD, der Videorekorder und die Pastelltöne ihren Siegeszug antraten, ist der wichtigste Bezugspunkt für die Musik von Hurts. Denn das Duo aus Manchester sieht mit schicken Anzügen, reichlich Gel in den Haaren und noch mehr Lust an der eigenen Inszenierung nicht nur aus wie die selbstverliebtesten der Popstars aus den Eighties. Hurts klingen auch so.

Trotzdem gibt es zwei wichtige Unterschiede. Den Look tragen Hutchcraft und  Keyboarder Adam Anderson nicht aus Arroganz, sondern quasi aus Selbstverteidigung. «Die einzige Möglichkeit, an diesem furchtbaren Ort nicht seine Würde und seinen Stolz zu verlieren, ist etwas Elegantes anzuziehen und so gut wie möglich auszusehen», erzählt Hutchcraft im Interview mit der Nachrichtenagentur ddp über die verzweifelten Jahre als Arbeitsloser in Manchester.

Auch die Musik ist bei genauerem Hinhören allenfalls eine gebrochene Version der Achtziger. Das Jahrzehnt von Madonna, Michael Jackson und Prince war so etwas wie der Barock des Pop – es durfte extrem verspielt und immer ein bisschen mehr sein. Mehr Instrumente, mehr Tonspuren, mehr Kostüme, mehr Einflüsse, mehr Zitate, mehr Selbstvermarktung. Hurts wissen um diese Möglichkeiten, machen aber nur sehr dosiert von ihnen Gebrauch.

Happiness bietet deshalb keinen Pomp, sondern sehr reduzierte Musik. Bestes Beispiel ist Water, das letzte Lied des Albums. Die Ballade kommt ungeheuer opulent, raumgreifend und großspurig daher. In Wirklichkeit sind aber neben den göttlichen Streichern nur ein Klavier und die barmende Stimme von Hutchcraft zu hören.

Auch der Hit Wonderful Life (noch eine Eighties-Referenz, wenn man an das One-Hit-Wonder Black denkt) ist Beweis dafür: Nach zwei Dritteln ist das irgendwo im Hintergrund ein Instrument zu hören, das nicht schlimmer Achtziger sein könnte, wenn es Schulterpolster und einen Drei-Tage-Bart hätte: ein Saxophon. Doch wo es in jedem Eighties-Hit ein Solo gehabt hätte, erklingen hier nur ein paar einzelne, halb verwehte Töne.

Es ist diese Stilsicherheit von Anderson, die das Album so gelungen macht. Und die Stimme von Hutchcraft, die immer poliert klingt, und doch voller Gefühl steckt – und voller Optimismus. Steht die Kombination aus Achtzigern + Manchester dank des Erbes von Joy Division und den Smiths sonst eher für Depression, werden hier das packende  Blood, Tears & Gold oder Stay mit seinem Gospelchor zu Hymnen an das Leben.

«Das ganze Album dreht sich um die Suche nach Glück und Zufriedenheit», erklärt Hutchcraft. «Diese Suche ist oft schmerzvoll, aber es gibt immer ein Licht am Ende des Tunnels. Das wollen wir mit unseren Songs ausdrücken, denn so haben wir es selbst erlebt.» In jedem Fall sollte man also auch nach Sekunde 48 noch dranbleiben. Denn die Sache mit der Happiness darf man bei Hurts ganz wörtlich nehmen.

Auch im Video zu Wonderful Life passen Eighties-Attitüde und Minimalismus perfekt zusammen:

Hurts bei MySpace.

Diesen Text gibt es auch bei news.de.

Das einzig wahre A-Team

August 25, 2010 · Posted in Blog, Ich · Comment 
Das echte A-Team - nicht zu toppen.

Das echte A-Team - nicht zu toppen.

Der gestrige Abend war sehr unterhaltsam, litt aber unter einer seltsamen Fehlbesetzung. Nein, ich meine nicht Petri Pasanen als Linksverteidiger bei Werder Bremens Krimi in der Champions-League-Qualifikation.

Ich rede vom A-Team. Gestern habe ich mir den ganz amüsanten Kinofilm angeschaut. Und neben etwas zu viel militärisch-amerikanischem Pathos litt der Film vor allem unter der Besetzung. Wer – wie ich – mit dem A-Team aufgewachsen ist und auf dem Schulhof die besten Szenen aus dem Vorabendprogramm nachgespielt hat, der hat höhere Ansprüche an die Reinkarnation dieser Kult-Truppe. Deshalb hier: meine Idealbesetzung für die A-Team-Kinoversion:

Leslie Nielsen als Hannibal Smith. Mister Nackte Kanone heißt zwar ganz ähnlich wie Liam Neeson, hat aber eine deutlich größere Ähnlichkeit mit dem Original-Hannibal aus der Fernsehserie (George Peppard). Er ist auch fast genauso alt. Zugegeben: Mit mittlerweile 84 hätte Leslie Nielsen ein bisschen trainieren müssen, um die Stuntszenen zu bewältigen. Trotzdem hätte man ihm die Verschmitzheit, Weisheit und auch das Draufgängertum besser abgenommen als Liam Neeson. Noch ein Bonus: Die Rolle als Hannibal wäre für Leslie Nielsen quasi der Wechsel ins ernste Fach geworden – wer kann das bei einem Auftritt im A-Team schon von sich behaupten?

Arnold Schwarzenegger als B.A. Ein Koloss mit riesigen Kräften und dem Herz am rechten Fleck? Ein bisschen dämlich, aber voller Loyalität? Immer mit einem frechen Spruch auf den Lippen, aber auch mit sentimentalen Momenten? Niemand hätte für diese Rolle besser gepasst als Arnie. Zugegeben: Er ist nicht schwarz. Aber wenn die Produzent des A-Team-Films sogar Panzer fliegen lassen können, dann dürfte das für sie doch das geringste Problem sein.

Sascha Hehn als Face. Wer soll sonst den blonden Beau vom Dienst, den schießwütigen Seitenscheitel spielen? Helge Schneider?

Jim Carrey als Murdoch. Das ist ohne Frage der schwierigste (und reizvollste) Part. Meine erste Idee war Weird Al Yankovic. Aber Jim Carrey könnte als Murdoch endlich mal wieder seine Grimassenfähigkeit ausleben. Und im Kreise netter Kameraden vielleicht sogar seine privaten Probleme vergessen.

Der Trailer zum aktuellen A-Team-Film:

Die Macht der Schnauzbärte

August 24, 2010 · Posted in Bewegtbild, TV · Comment 
Harry S. Morgan wollte im Osten Amateurpornos drehen. Foto: MDR/LE Vision

Harry S. Morgan wollte im Osten Amateurpornos drehen. Foto: MDR/LE Vision

Wende und kein Ende. Nach 1989 – Aufbruch ins Ungewisse lässt der MDR nun in einer dreiteiligen Dokumentation das Jahr der Wiedervereinigung wieder auferstehen. 1990 – Aufbruch zur Einheit bietet viel bisher unveröffentlichtes Filmmaterial aus den Tagen, als die Menschen noch Schnauzbart und Dauerwelle trugen, aber auch voller Stolz und Gründergeist waren. Die Doku-Reihe, deren erster Teil heute um 22.05 Uhr zu sehen sein wird, ist manchmal bewegend, manchmal aber auch belanglos. In jedem Fall aber: ein guter Anlass, sich zu fragen, was 20 Jahre später eigentlich aus der Idee des pragmatischen, unkonventionellen, freundlichen Miteinander geworden ist.

Die komplette Rezension gibt es auf news.de.

Nächste Seite »