Interview mit Blockflöte des Todes

September 30, 2010 · Posted in Interviews, Weltgeschehen · Comment 
Matthias Schrei versteckt in seinen Songs auch Tiefgang - doch das wird oft nicht erkannt.

Matthias Schrei versteckt in seinen Songs auch Tiefgang - doch das wird oft nicht erkannt.

Wenn Stefan Raab zum Bundesvision Song Contest ruft, dann werden selbst ausgemachte Föderalismus-Gegner zu Lokalpatrioten.  Mit Ich+Ich, Selig oder Unheilig gibt es in diesem Jahr viele etablierte Künstler, die sicher zu den Favoriten zählen. Doch der Sangeswettstreit wird morgen Abend auch wieder Abseitiges bieten. Sachsen beispielsweise, im vergangenen Jahr dank Polarkreis 18 noch auf Platz 2, zieht mit einem reichlich skurrilen Außenseiter ins Rennen.

Blockflöte des Todes sind definitiv der schrägste Vertreter beim Bundesvision Song Contest und zwar gleich in mehrfacher Hinsicht. Da ist nicht nur der seltsame Bandname. Da ist auch das Lied, das sie singen werden. Es heißt Alles wird teurer – und es geht darin um Kokain aus fairem Handel. Da ist die nicht unbedeutende Tatsache, dass die Musiker in Berlin wohnen, aber für Sachsen antreten. Und da ist Sänger Matthias Schrei, der amüsante, hintergründige Texte unter anderem darüber singt, dass er nur ein Bein hat. Ich habe ihn (zur Beruhigung für alle Lokalpatrioten: er ist zumindest in Chemnitz geboren) nach dem Konzert von Blockflöte des Todes als Vorband von Katze in der Leipziger Moritzbastei zum Interview getroffen.

Von einem Auftritt beim Bundesvision Song Contest träumen sicherlich viele Nachwuchsbands. Siehst Du die Show eher unter dem Motto “interessante Erfahrung” oder als echtes Sprungbrett, an dem viele Hoffnungen hängen?

Schrei: Da hängen keine Hoffnungen dran. Das war eher ein Witz, dass wir uns da beworben haben. Als wir dann genommen wurden, war es für mich lange Zeit so, dass ich mich darüber gefreut habe, aber nicht darauf. Aber es war dann sehr lustig, als Vegetarier auf den Metzger Stefan Raab zu treffen. Zum Glück habe ich dann aber doch nicht mein “Metzger sind Mörder”-T-Shirt angezogen, denn Stefan Raab war wirklich sehr nett. Und auch das Catering war sehr lecker.

Der Song Alles wird teurer ist eine Art Stammtisch-Blues-Lamento aus Sicht eines Drogensüchtigen. Welche Chancen hat der Song?

Schrei: Ehrlich gesagt rechne ich damit, ausgebuht zu werden. Selbst in Sachsen sind ja manche Leute sauer, dass wir antreten. Weil sie befürchten, dass Sachsen dann nicht so gut abschneiden wird wie im vergangenen Jahr. Und weil sie sich aufregen, dass ich eigentlich aus Berlin komme. Unser Lied wird von vielen nicht verstanden. Auftrieb für unsere Karriere gibt es trotzdem schon jetzt. Wir bemerken das zum Beispiel bei den Downloads. Nach den ersten Fernsehauftritten waren beispielsweise bei iTunes und Amazon unter den Top 100.

So etwas kann aber auch zur Gefahr für die Credibility werden. Fürchtest Du, dass sich die Fans der ersten Stunde über einen Auftritt bei Stefan Raab aufregen könnten?

Schrei: Kredibilität und Blockflöte des Todes sind Sachen, die sowieso nicht zusammenpassen. Ich habe jahrelang versucht, vernünftige Musik zu machen, aber daraus ist nichts geworden. Dann habe ich mich eines Tages hingesetzt und gesagt: Jetzt probiere ich es eben mal mit Schwachsinn und schaue, wie weit mich das bringt. Und dann passieren plötzlich solche Dinge wie der Bundesvision Song Contest oder die Tatsache, dass ich mit den Produzenten von Silbermond zusammenarbeite. Das ist natürlich eine Menge Arbeit mit sich, und auch Entbehrungen. Aber ich habe gerade sehr, sehr viel Spaß in meinem Leben.

Mein Eindruck ist, dass deutsche Künstler besonders gerne auf Humor setzen, wenn sie Popmusik machen. Vielleicht, weil es noch die Unsicherheit gibt, ob das wirklich funktioniert, wenn man diesen doppelten Boden nicht hat?

Schrei: Das stimmt sicher. Es gibt aber mittlerweile auch viele Künstler, die nicht auf diese Strategie setzen und komplett ernsthafte Sachen machen. Silbermond zum Beispiel, oder Juli. Dann gibt es ein paar Bands, die das ein bisschen machen, wie Madsen oder Wir sind Helden, die ernsthaft sind, aber viel mit Wortspielen arbeiten. Es ist wirklich schwer, deutschsprachige Popmusik zu machen, ohne peinlich zu wirken. Auf Humor zu setzen, fällt da sicher leichter. Max Goldt hat das mal gesagt: Menschen zum Lachen zu bringen ist doch viel leichter als der ganze Rest. In meinen Texten versuche ich durchaus, nach und nach immer mehr Tiefgang einzubauen. Aber das wird nicht von allen erkannt. Das nächste Album wird deshalb sicher ein bisschen ernster. Es gibt noch Humor, aber die Albernheit ist dann weg.

Die Lustigkeit ist also nur eine Notlösung und Du würdest eigentlich lieber Musik ohne Augenzwinkern machen?

Schrei: Ich habe eine ganze Schublade voller solcher Songs. Aber ich habe gemerkt, dass das für mich als Mensch nicht so gut funktioniert. Deshalb spiele ich auch nicht mehr alleine, sondern mit einer Band. Ich will über Sachen singen, die ich erlebt habe oder die ich recherchieren kann. Ich will kritisieren, aber ich will nicht jammern wie so viele in der Singer-Songwriter-Szene. Ein stückweit ist das Komponieren für mich auch Verarbeitung, gerade beim ersten Album war das so. Vielleicht kamen manche Zeilen auch zustande, weil ich nach der Sache mit dem Beim noch auf heftigen, opiat-artigen Schmerzmitteln war (lacht).  Humor ist für mich aber auch wichtig, weil ich die Welt nicht mehr ernstnehmen kann. Ich fühle mich einfach ein bisschen machtlos. Es gibt so viele Probleme, mit denen man sich beschäftigen müsste, aber gleichzeitig habe ich schon Probleme, meinen Alltag auf die Reihe zu kriegen.

Welche Perspektive gibt es für Blockflöte des Todes? Willst Du damit eines Tages richtig viel Geld verdienen? Oder muss man sich solche Träume heutzutage ohnehin abschminken?

Schrei: Bei mir war es eher so, dass ich mir wegen des Unfalls mit dem Bein alles andere abschminken musste. Ich wollte mal Erzieher werden, aber das geht jetzt nicht mehr. Das soll nicht esoterisch klingen, aber alle anderen Pläne haben sich zerschlagen, als ob ich irgendwie gezwungen werden sollte, mich auf die Musik zu konzentrieren. Deshalb setze ich jetzt alles auf diese Karte, mit Blockflöte des Todes, aber auch als Songwriter für andere Künstler.

Es gibt keinen Plan B?

Schrei: Es gibt auch keinen Plan A. Ich fange einfach immer Sachen an und schaue dann, wie lange das gut geht. Wenn ich immer schon eine andere Strategie im Hinterkopf hätte, könnte ich mich wahrscheinlich nicht so hundertprozentig auf das fokussieren, womit ich gerade beschäftigt bin.

Blockflöte des Todes spielen Alles wird teurer live in der Moritzbastei Leipzig:

Blockflöte des Todes bei MySpace.

Ein Porträt von Blockflöte des Todes mit Auszügen aus diesem Interview gibt es auch auf news.de.

Draufgeschaut: Geboren am 4. Juli

September 29, 2010 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Ron Kovic (Tom Cruise) ist stolz auf sein Land - auch nach dem Vietnamkrieg.

Ron Kovic (Tom Cruise) ist stolz auf sein Land - auch nach dem Vietnamkrieg.

Film Geboren am 4. Juli
Produktionsland USA
Jahr 1989
Spielzeit 138 Minuten
Regie Oliver Stone
Hauptdarsteller Tom Cruise, Tom Berenger, Stephen Baldwin
Bewertung ***

Worum geht’s?

Ron Kovic ist ein stolzer Amerikaner – nicht nur, weil er am Nationalfeiertag geboren ist. Sofort nach dem Schulabschluss meldet er sich freiwillig zum Dienst bei den US-Marines und wird in den Krieg nach Vietnam geschickt. Nach einer Verwundung dort kehrt er im Rollstuhl in die Heimat zurück – und beginnt erst jetzt, den Krieg zu hinterfragen.

Das sagt shitesite:

Anders als in Platoon wenige Jahre zuvor spielt in Geboren am 4. Juli, das auf einer wahren Geschichte beruht, nur ein Bruchteil der Handlung in Vietnam. Oliver Stone lässt sich stattdessen reichlich Zeit, um eine enorme Fallhöhe aufzubauen. Die Parade zu Beginn des Films zeigt bereits all den Patriotismus, Stolz und Heldenmut, der seiner Geschichte zugrunde liegt. Ron Kovic träumt von Ruhm, Ehre und Unverwundbarkeit, und auch sonst liefert die Exposition alle Zutaten, die es für die Klischee-Falle braucht: Jugendliebe, Abschlussball, Gruppenzwang. Doch dann wird Geboren am 4. Juli schnell besser. Vor allem der mittlere Teil, der Kovics Zeit im Lazarett nach seiner Verwundung zeigt, beeindruckt und wird letztlich essentiell. Denn erst hier wird die Figur voll und ganz erkennbar: Kovic ist ein unbändiger Optimist, ein echter Kämpfer, ein unverbesserlicher Patriot. Er ist Anfang 20 und sein Leben ist vorbei – doch er will so lange wie nur möglich an das System, die Sache, den Sinn glauben. Erst, als er wahrnimmt, wie sich sein Heimatland während des Kriegs verändert hat, kippt seine Stimmung. Ihm wird klar: Seine Einsamkeit ist nicht nur eine körperliche, durch die Verstümmelung bedingte, sondern eine gesellschaftliche. So kriegt Geboren am 4. Juli, auch dank einiger sehr intensiver Szenen, letztlich doch noch den Bogen zur großen Moral dieser Geschichte: Die größte Tapferkeit ist es manchmal, einen Fehler einzugestehen.

Der Trailer zum Film:

Wie wenig darf’s denn sein?

September 29, 2010 · Posted in Bewegtbild, TV · Comment 
Streithähne: Martin Lindner und Sahra Wagenknecht.

Streithähne: Martin Lindner und Sahra Wagenknecht.

Was für sexuelle Fantasien haben eigentlich FDP-Bundestagsabgeordnete? Wo geht Arnuld Baring hin, wenn er sich mal richtig ausschlafen will? Und wie viel Geld gibt die Redaktion dem Praktikanten mit, wenn sie ihn zum Einkaufen zu Lidl schickt? All diese Antworten beantwortete gestern Abend Menschen bei Maischberger. Dabei sollte es doch eigentlich um Hartz IV gehen und um die Frage, wie wenig man den Armen noch zumuten kann, ohne ihnen die Würde zu rauben. Immerhin: RTL-Restauranttester Christian Rach sorgte für ein bisschen Realität in der Talkrunde. Und Sandra Maischberger überzeugte gerade deshalb, weil sie nicht neutral blieb, als ihre Gäste anfingen, Mist zu erzählen.

Den kompletten Artikel gibt es bei news.de.

Hingehört: Ninja Tune XX

September 28, 2010 · Posted in CD-Regal, Musik · 1 Comment 
20 Jahre im Dienste des Beats: Ninja Tune feiert sich selbst.

20 Jahre im Dienste des Beats: Ninja Tune feiert sich selbst.

Künstler Diverse
Album Ninja Tune XX
Label Ninja Tune
Erscheinungsjahr 2010
Bewertung ***

Die schönsten Geburtstagsgeschenke macht man sich manchmal selbst. Eine Feier mit allen Freunden, ein Tag ganz alleine, ein Kurzurlaub. Auch Jonathan More und Matt Black, die Gründer von Ninja Tune scheinen das zu wissen. Zum Zehnjährigen ihres Labels hatten sie im Jahr 2000 die Compilation Xen Cuts herausgebracht.

Wer rechnen kann, der ahnt schon: Nun wird 20-jähriges gefeiert. Und zwar noch ein bisschen üppiger. Für den schnellen Überblick gibt es Ninja Tune XX. 20 Years Of Beats And Pieces als zwei Doppel-CDs. Wer richtig einsteigen will in die Materie, für den steht ein Box-Set mit 6 CDs, 6 Vinyl-Singles, Buch, Poster und Sticker bereit.

Die Entdeckungsreise durch den Output von Ninja Tune ist durchaus lohnend. Als Moore und Black, damals besser bekannt als Coldcut, das Label 1990 gründeten, führten sie nichts Geringeres im Schilde als die gesamte Musikwelt zu revolutionieren. Ein klein wenig ist das gelungen. Ihre Idee, alles ineinander übergehen zu lassen und damit auch Begriffe wie “Track”, “Autor”, “Remixer” oder “DJ” verschmelzen zu lassen, war zukunftsweisend – quasi Open Souce in Musikform.

Natürlich bereitete Ninja Tune den Nährboden für TripHop (vor allem mit der 1995er Compilation Ninja Cuts), aber auch für Englands HipHop haben die Macher viel geleistet (wie die Entdeckung von Roots Manuva), und in jüngerer Vergangenheit öffnet sich Ninja Tune immer mehr auch für Bands und Solokünstler im mehr oder weniger klassischen Sinn wie Pop Levi oder The Heavy.

Doch man muss kein Musikhistoriker sein, um die Innovationsfreude, Bandbreite und stilprägende Kraft des Labels zu erkennen. Man kann auch einfach Ninja Tune XX hören. Da ist gleich zum Auftakt Fools von Two Fingers, das so ähnlich klingt wie die Einmarschmusik von Godzilla, wenn der spontan bei der WWF einsteigen würde. Oder Want U Now, eine Zusammenarbeit von Toddla T und Ms Dynamite, die Zukunftsreggae mit Dancepop und HipHop vereint. Die Endless Galaxy des Jaga Jazzist, die deutlich macht, wie James-Bond-Themes klingen würden, wenn der Agent plötzlich in Science-Fiction-Filmen unterwegs wäre.

Natürlich gibt es TripHop (Diplos Summer’s Gonna Hurt You, The Bug mit Catch A Fire), aber auch sexy Pop, der mal an Catatonia (Lou Rhodes mit One Good Thing) denken lässt, mal an Moloko (die Post Suite des Floating Points Ensemble) und moderne Kaffehausmusik wie das extrem entspannte Woebegone von The Long Lost, das karibisch angehauchte Wonder When von Bonobo & Andreya Triana oder das zerbrechliche Soft Room von Lorn.

Vor allem aber zeigt Ninja Tunes XX, wie sehr das Label den britischen Rap geformt hat. Big Dada Sound setzen mit Signs auf in jeder Hinsicht schräge Klänge wie The Streets. Spank Rock wandeln mit dem eher klassischen What It Look Like auf den Spuren beispielsweise von Lupe Fiasco, Jammers Highspeed-HipHop One Over Me würde auch Dizzee Rascal bestens gefallen.

Unterm Strich steht ein spannender Überblick über eine mutige und niemals satte Veröffentlichungspolitik. Man darf gespannt sein auf das nächste X.

Ein Video-Mix der Songs auf Ninja Tune XX:

Ninja Tune bei MySpace.

Der kritische Blick: Fünf Euro für die Gerechtigkeit

September 27, 2010 · Posted in Ich, Kommentare, Videos, Weltgeschehen · Comment 

Als das Bundesverfassungsgericht eine Neuberechnung der Hartz-IV-Regelsätze beschlossen hatte, jubelten viele. Endlich würde es mehr Geld geben! Doch das ist ein Missverständnis. Neuberechnung bedeutet eben nicht automatisch Erhöhung. Dass es nun bloß fünf Euro obendrauf geben soll, ist natürlich für viele zu wenig, die jeden Monat um ihre Auskommen kämpfen müssen. Aber auch die Karlsruher Richter haben betont: Bei der Frage nach dem korrekten Regelsatz geht es auch um die Gerechtigkeit denen gegenüber, die jeden Tag zur Arbeit gehen. Ich meine: Die wahren Probleme bei Hartz IV liegen anderswo.

Mehr Kommentare zu aktuellen Themen gibt es bei den News.de-Videos.

Viel Finanzen, wenig Mitgefühl

September 27, 2010 · Posted in Bewegtbild, TV · Comment 
Anne Will wurde diesmal Nachhilfe angeboten.

Anne Will wurde diesmal Nachhilfe angeboten.

Es wird für meinen Geschmack viel zu oft nur über Geld gesprochen in der Politik. Wenn eigentlich Ideen, grundlegende Reformen oder gar Mut und Offenheit gefragt wären, dann heißt die Lösung oft nur: hier ein paar Euro mehr, dort ein paar Prozent weniger. Es werden Steuersenkungen versprochen, Schulden kleingeredet oder Statistiken verdreht. Alle reden immer nur übers Geld. Trotz des Themas Die «Hartz-Gesellschaft» – Ist Nehmen seliger denn Geben? hatte gestern Abend bei Anne Will aber erfreulicherweise niemand Lust dazu. Außer Anne Will.

Und das führte dazu, dass die Debatte nie richtig zu den Problemen kam, die wirklich wichtig bei Hartz IV sind: Anerkennung, Würde und vor allem Bildung. Stattdessen ritt Anne Will immer wieder auf der Frage nach den 5 Euro rum, als sei dies eine Call-In-Show. Ursula von der Leyen lachte über Klaus Ernst und ein Pfarrer war die Stimme der Vernunft.

Den kompletten Artikel mit einer Fotostrecke zur Karriere von Anne Will gibt es bei news.de.

Draufgeschaut: Bully

September 26, 2010 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Ihren Frust feiern die Kids in "Bully" einfach weg.

Ihren Frust feiern die Kids in "Bully" einfach weg.

Film Bully
Produktionsland USA
Jahr 2003
Spielzeit 113 Minuten
Regie Larry Clark
Hauptdarsteller Nick Stahl, Lisa Connelly, Brad Renfro, Michael Pitt, Bijou Phillips, Leo Fitzpatrick
Bewertung ***1/2

Worum geht’s?

Von Kindesbeinen an sind Marty und Bobby beste Freunde. Doch ihre Beziehung ist in mehrfacher Hinsicht unausgewogen: Marty hat keinen Schulabschluss und findet allenfalls am Surfen Spaß, Bobby kommt aus gutem Hause und soll aufs College gehen. Außerdem muss Marty seit Jahren den Terror von Bobby ertragen, der ihn immer wieder schlägt und demütigt. Als Marty seine neue Freundin Rachel kennenlernt, rüttelt sie ihn wach: Er soll sich nicht länger wie ein Hund behandeln lassen. Als Bobby dann auch noch ihre beste Freundin Ali vergewaltigt, beschließen alle zusammen: Sie werden Bobby töten.

Das sagt shitesite:

Auf Larry Clark ist auch bei Bully Verlass: Schon das vierte Wort des Films heißt “Megaschwanz”, und es gibt wieder jede Menge kaputte Kids, deren Leben aus brutalen Computerspielen, miesen Drogen, düsterem Gangsta-Rap und spontanem Sex besteht – während ihre ahnungslosen Eltern noch eine Moral predigen, die es nicht einmal erlaubt, “scheiße” zu sagen. Doch im Gegensatz zu seinen früheren Filmen gibt es diesmal (wohl auch, weil die Handlung auf einer wahren Geschichte beruht) einen vergleichsweise stringenten Plot und eine noch überdeutlichere Moral: Bully erzählt vom Konflikt der Generationen. Der Standard-Lebensentwurf von Vollzeitjob, Familie und Eigenheim, der für die Eltern das einzige ist, wofür es sich zu leben lohnt, ist für ihre Kinder eine Horrorvision. Bobby verkörpert dabei genau diese Perspektive (die Marty und seine Freunde nicht haben) und dieses System (das für sie der Feind ist), obwohl Bobby selbst das System hasst. Dass die Kids in Bully dann abgebrüht und zugedröhnt genug sind, um einen Mord zu begehen, aber nicht cool genug, um die Tat zu verarbeiten (oder gar die Verantwortung dafür zu übernehmen), ist eine etwas plumpe, aber sehr wirkungsvolle Botschaft. Ebenso wie Clarks Bildsprache: Wenn sich alles dreht oder es Hot Pants in Großaufnahme gibt, dann ist nicht schwer zu erkennen, dass die Kamera hier wieder den Blick eines lüsternen Teenagers einnimmt. Doch es ist Larry Clarks große Stärke, dass er diesen Blick noch immer hat – und keine Angst davor, ihn auf der Leinwand zu zeigen.

Der Trailer zum Film:

Video-Interview mit OMD

September 25, 2010 · Posted in Ich, Interviews, Videos, Weltgeschehen · 1 Comment 

Kurz vor ihrer Autogrammstunde in Leipzig habe ich Paul Humphreys und Andy McCluskey von OMD in ihrem Hotel getroffen. Sie erwiesen sich als höchst sympathisch und humorvoll. Und zeigen, dass sie durchaus wissen, wie gefährlich es sein kann, wenn Helden der Achtziger zurückkehren und sich an einem neuen Album versuchen, wie sie es mit History Of Modern getan haben. Außerdem sprechen OMD in dem dreiteiligen Interview über Robyn, ihr altes Equipment, Atomic Kitten und die Frage, was die Leute so sehr an den Achtzigern fasziniert.

OMD bei MySpace.

Interview mit OMD

September 25, 2010 · Posted in Interviews, Weltgeschehen · 3 Comments 
Paul Humphreys (links) und Andy McCluskey sind seit mehr als 30 Jahren der Kern von OMD.

Paul Humphreys (links) und Andy McCluskey sind seit mehr als 30 Jahren der Kern von OMD.

OMD waren erst Elektro-Experimentalisten. Dann Pop-Profis. Dann getrennt. Nun haben Andy McCluskey und Paul Humphreys mit History Of Modern ihr erstes gemeinsames Album seit 1989 und das erste Platte unter dem Namen OMD seit 1996 veröffentlicht. Ich habe sie zum Interview getroffen – und ihnen dabei entlockt, was sie von der Bewunderung der Killers halten, wieso sie nach der Reunion fünf Jahre gebraucht haben, um eine neue Platte folgen zu lassen, und warum sie Oasis nicht leiden können. Und außerdem verraten OMD noch, dass sie sich schon oft gewünscht haben, ihrer Band einen etwas weniger dämlichen Namen als “Orchestral Manoeuvres In The Dark” gegeben zu haben – und was es mit Hitlerz Underpantz auf sich hat.

Das komplette Interview mit einem kleinen Video des Gesprächs gibt es auf news.de.

Außerdem gibt es das komplette Interview auch als Video bei YouTube: Teil 1, Teil 2 und Teil 3.

Katze + Blockflöte des Todes, Moritzbastei, Leipzig

September 24, 2010 · Posted in Live, Musik · 2 Comments 
Schlau, witzig, packend: Katze sind Helden.

Schlau, witzig, packend: Katze sind Helden.

Ich bin kein Freund von Tieren, schon gar nicht von Haustieren. Aber ich liebe Katze. Spätestens seit einer famosen Show im Ilses Erika, als Katze noch zu dritt waren, Minki Warhol noch Hotpants trug und die ganze Band vor der Show jede Menge Sekt trank. Und dann Songs auf die Bühne brachte, die so schlau, witzig und eingängig waren, dass man unbedingt sagen musste: Sie sind Helden. Und sich nach dem Konzert sofort das Album Von hinten! kaufte.

So war es auch diesmal wieder. Katze sind inzwischen durch Bassistin Karen Bulage verstärkt. Aber noch immer ein Fest. Sänger Klaus Cornfield hatte einst schon als kauziger Kopf der legendären Throw That Beat In The Garbagecan bewiesen, dass er Pop so gut verstanden hat wie niemand sonst in Deutschland. Auch bei Katze singt er mit dieser irre (und wer hier sagt: “nervig”, der muss ein Hund sein) hohen Stimme und wird fast ein bisschen erdrückt von seiner großen Gibson-Gitarre. Aber er haut Hits raus, die keinen Zweifel daran lassen, dass er zu den besten Songwritern seiner Generation zählt. Minki Warhol (diesmal in einem Sonic-Youth-T-Shirt, das an den Seiten nur von Klebeband zusammengehalten wird) ist der perfekte Gegenpart dazu: groß, sexy und in allen Momenten, in denen sie nicht singt, fast wie abwesend. Das ergibt zusammen grandiose Unterhaltung.

Ein Beweis? Das erste Lied des Katze-Konzerts beginnt mit den schönen Textzeilen “Some alien from outer space / must have fucked my mother.” Dazu gibt es viele Hits, bei denen die handgezählten 46 Zuschauer gerne mitsingen, und am Schluss eine Umarmung von Klaus für eine Dame im Publikum, die besonders ausdauernd getanzt hat. Ein irre hoher Anteil der kleinen Fan-Schar kauft danach am Merchandising-Stand das neue Katze-Album Du bist meine Freunde (ich auch). Und dazwischen gibt es charmante Ansagen wie die Anekdote, wie Klaus wegen eines Bap-Konzerts den Zug verpasst hat. Oder die Warnung “Janek braucht es!”, weil der Drummer von Anfang an oben ohne spielt.

Auch vorher gibt es nackte Haut zu sehen: Blockflöte des Todes, Vertreter Sachsens beim demnächst anstehenden Bundesvision Song Contest, eröffnen den Abend. Und als Sänger Matthias Schrei ganz am Ende sein T-Shirt ablegt, gibt er zu, dass “an dieser Stelle normalerweise ‘Anziehen’-Rufe kommen”. Es ist ein durchaus typischer Spruch für ihn: Die Musik von Blockflöte des Todes ist voller Humor und Selbstironie, aber auch mit einer gehörigen Portion Masochismus versehen. Denn da ist ja noch die Sache mit dem Bein: Die Tatsache, dass er eine Prothese trägt, thematisiert Matthias Schrei immer wieder. Bei MySpace heißt das Motto von Blockflöte des Todes “one leg band”. Und in seinen herrlichen Texten singt Schrei vom “Mücken zerdrücken / mit meinen Krücken”, einem Volkshochschulkurs, in dem man Selbstmord lernt oder anderweitig  amüsantem Umgang mit den Folgen einer Amputation.

“Es ist wirklich schwer, Popsongs mit deutschen Texten zu machen, ohne peinlich zu wirken. Und wahrscheinlich versuchen viele Künstler deshalb, ein bisschen witzig zu sein. Wie Max Goldt mal gesagt hat: Menschen zum Lachen zu bringen, ist immer noch am einfachsten”, erklärt mir Matthias Schrei nach der Show im Interview diese Herangehensweise. “Aber ich versuche, den Songs nach und nach ein bisschen mehr Tiefgang zu geben. Leider wird das nicht immer erkannt.”

Der Auftritt von Blockflöte des Todes wird zwar von Equipment-Problemen (“Ich bin der Meister der selbst verursachten technischen Defekte”), einer etwas heiseren Stimme und einer schlimmen Krawatte getrübt. Doch als Matthias Schrei sich mit den Worten “Entschuldigung, macht’s gut” verabschiedet, muss die Antwort ganz klar heißen: nicht dafür.

Katze spielen Ich bin Dein größter Anhänger live in der Moritzbastei Leipzig:

Katze bei MySpace.

Blockflöte des Todes bei MySpace.

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