Draufgeschaut: Lautlose Morde

September 15, 2010 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Mit Hilfe von Sarah (Jessica Schwarz) will Andreas (Fritz Carl) die Wahrheit über den Tod seiner Frau herausfinden.

Mit Hilfe von Sarah (Jessica Schwarz) will Andreas (Fritz Carl) die Wahrheit über den Tod seiner Frau herausfinden.

Film Lautlose Morde
Produktionsland Deutschland
Jahr 2009
Spielzeit 88 Minuten
Regie Jörg Grünler
Hauptdarsteller Fritz Karl, Jessica Schwarz, Filip Peeters, Kai Scheve, Tatjana Alexander
Bewertung ***

Worum geht’s?

Seit ihr Sohn bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist, wird Julia Mersfeld in einer psychiatrischen Klinik behandelt. Ihr Mann Andreas, ein erfolgreicher Banker, kümmert sich liebevoll um sie und ist froh, dass sie auf dem Weg der Besserung ist. Doch plötzlich erhängt sich seine Frau in der Klinik. Den Verdacht, dass da etwas nicht stimmen kann, nährt Sarah – ebenfalls Patientin in der Psychiatrie, Zimmernachbarin von Julia und außerdem Ehefrau des Klinikchefs. Sie behauptet: Julia beging Selbstmord, weil in der Klinik ein neues Medikament an ihr getestet wurde, das unvorhersehbare Nebenwirkungen entwickeln kann. Obwohl Andreas gerade den Hersteller des Medikaments bei einer Fusion betreut und obwohl Sarah psychisch extrem labil ist, macht er sich gemeinsam mit ihr auf die Suche nach der Wahrheit.

Das sagt shitesite:

Zu Beginn droht Lautlose Morde in der eigenen Komplexität zu ersticken. Ein Banker mit Herz, eine Irre, die eigentlich gesund ist, ein Arzt, in dem ein Monster schlummern könnte – all das ist zunächst zu viel. Doch dann entspinnt sich ein durchaus interessantes und spannendes Netz aus Verdacht und Verrat. Das macht Lautlose Morde zu einem ungewöhnlichen Krimi, der die Spannung lange hält – auch wenn der Film die Möglichkeiten, die in der Thematik geschlummert hätten, letztlich leider nicht ausnutzt und sich eher auf die privaten Tragödien konzentriert.

Ausschnitte aus dem Film:

Hingehört: Arcade Fire – “The Suburbs”

September 15, 2010 · Posted in CD-Regal, Musik · 4 Comments 
Mit "The Suburbs" spielen Arcade Fire ein bisschen "Wunderbare Jahre", bloß in düster.

Mit "The Suburbs" spielen Arcade Fire ein bisschen "Wunderbare Jahre", bloß in düster.

Künstler Arcade Fire
Album The Suburbs
Label Merge Records
Erscheinungsjahr 2010
Bewertung ****

Meine Damen und Herren, willkommen zum Untergang! Diesmal ist es wirklich schlimm. War auf Funeral noch die dahinsiechende Verwandtschaft schuld am Gram von Arcade Fire und auf Neon Bible dann quasi George W. Bush, so sind es diesmal: die Nachbarn. Also die Umwelt. Also wir alle.

Natürlich ist das keine Überraschung. Arcade Fire sind keine Band für Überraschungen, sondern längst unstrittiger Bestandteil des Kanons jüngerer bedeutender Rockmusik. Frontmann Win Butler ist etabliert als der Hohepriester der Apokalypse, Arcade Fire sind die Überväter der kanadischen Szene, sogar David Bowie ist ein Fan, bla bla bla.

Wenn es so eine Band gibt, bei der die Frage vor dem Erscheinen eines neuen Albums nicht lautet, ob es gut ist, sondern alle lediglich darüber spekulieren, wie gut es sein wird, dann wird diese Band nach und nach zum dankbaren Opfer für alle, die gerne Ikonen zerstören. Man darf gespannt sein, ab wann das bei Arcade Fire versucht wird. Es jetzt zu wagen, wäre freilich absurd. Denn The Suburbs ist nicht nur ein echtes Album (16 höchst abwechslungsreiche Lieder mit mehr als einer Stunde Spielzeit, verschiedene Cover für einzelne Exemplare, ein verhuschtes Outro namens The Suburbs (Continued)), sondern auch schon wieder erschreckend gut. Und sehr düster.

Schon im ersten Lied, dem durchaus beschwingten Titelsong, wird ein Krieg der Vorstädte befürchtet. Der Powerpop von Ready To Start ist mit Blut getränkt, in Rococo bleibt von den Träumen der Jugend nur Asche und Verbitterung übrig, City With No Children thematisiert nicht nur die drohende Entvölkerung, sondern entwirft gleich das Szenario eines Weltkriegs. Wie ein sagenhaft verängstigter Neil Young klingt Win Butler auf Sprawl I (Flatland), in dem er sich an den traurigsten Tag seines Lebens erinnert. Das Musikerdasein macht auch keinen Spaß mehr, wie Month Of May vermuten lässt, in dem Arcade Fire quasi den Punkrock entdecken. Auch Half Light II (No Celebration) hat keinerlei Anlass zur Hoffnung: “When we watched the markets crash / The promises we made were torn.”

Nach dem Trauertaumel von Funeral und der Gesellschaftsanalyse von Neon Bible tragen Arcade Fire den Schrecken nun wieder ins Private – in die Nachbarschaft, die eine Heimat, eine Kindheit, eine Welt repräsentiert, die längst nicht mehr existiert. “Now our lifes are changing fast” heißt es in We Used To Wait (ausgerechnet zu einem denkbar unmodernen Keyboardsound aus den Anfangstagen der elektronischen Musik) – und das ist keineswegs bloß eine Feststellung, sondern ein Lamento, ein Bangen. Der Reim dazu heißt dann auch: “Hope that something pure can last.”

Modern Man mit seiner lakonischen Gitarre und den irren Taktwechseln und Suburban War, das mit Byrds-Jangle, der Sepia-Erinnerung an Bilder aus der Jugend und ganz viel Sehnsucht am Ende quasi eine akustische Version von Wunderbare Jahre ist, sind die besten Beispiele für diese Entwurzelung, dieses Nichtmehrverstehen, diese Sinnsuche, die nur noch einen Atemzug von einer Revolution, einem Amoklauf oder der bedingungslosen Kapitulation entfernt ist.

Trotzdem gibt es hier auch Hoffnung, ein klein wenig zumindest. Win Butler singt diesmal fast alles allein, es gibt kaum noch Chöre, deutlich weniger Orgel und statt Bombast auch mal reduzierte Momente wie Wasted Hours. Und sogar Schwung, Licht, Erlösung. In Deep Blue steckt zumindest eine Ahnung von Sorglosigkeit. Sprawl II (Mountains Beyond Mountains), in dem man die Stimme von Régine Chassagne beinahe mit dem Wort “Girlie” in Verbindung bringen möchte, ist dann sogar so etwas wie ein Discohit, wenn auch ein skeptischer.

So wird The Suburbs zum Soundtrack der Endzeit – und zugleich zur Arche Noah für alle, die sich nach einer besseren Zukunft sehnen.

Ein bisschen wie die Strokes ohne Farbe (und mit fiesen Frisuren): Der Clip zu Ready To Start:

Arcade Fire bei MySpace.

Durchgelesen: Daniel Price – “Hype”

September 15, 2010 · Posted in Bücher, Bücherregal · 1 Comment 
Daniel Price wirft mit "Hype" einen schonungslosen Blick auf die PR-Branche.

Daniel Price wirft mit "Hype" einen schonungslosen Blick auf die PR-Branche.

Autor Daniel Price
Titel Hype
Originaltitel Slick
Verlag S. Fischer
Erscheinungsjahr 2004
Bewertung ****

PR ist eine schlimme Sache. Man muss nicht allzu sehr übertreiben, um darin die Geißel der Menschheit zu erkennen. Und das sage ich nicht nur als Journalist, für den PR per se so etwas wie der Erzfeind ist. Es gilt auch als Verbraucher, als Bürger, als Mensch.

PR macht nichts anderes als: lügen. Nicht immer im strengsten Sinne des Wortes, sondern oft auch in abgewandelter Form, durch Auslassungen, Ablenkungsmanöver, Agenda Setting. Aber niemand wird ernsthaft bezweifeln, dass es die Aufgabe von PR ist, von der Wirklichkeit abzulenken, also von der Wahrheit.

In Form von Marketing setzt sie die (an sich wunderbar fairen und transparenten) Spielregeln des Marktes außer Kraft. Marketing gibt denen Macht, die schon groß oder besonders clever sind und hilft ihnen so, kleinere oder unscheinbarere Konkurrenten aus dem Blickfeld (und somit letztlich vom Markt) verschwinden zu lassen. Marketing generiert zudem eine Nachfrage, die es ohne Marketing gar nicht gebe (also für Sachen, die kein Mensch braucht). Unterm Strich heißt das: Es schadet dem Verbraucher bei seinem Versuch, das beste Produkt oder die beste Dienstleistung zum besten Preis für sein Geld zu bekommen.

In Form von Spindoctors wird mit PR in der Politik systematische Augenwischerei betrieben. Es werden Debatten gelenkt oder abgewürgt, Themen gesetzt oder ignoriert, Experten erfunden und Statistiken so zurechtgebogen, wie man sie braucht. Unterm Strich heißt das: Sie schadet dem Bürger bei seinem Versuch, sich eine objektive Meinung zu bilden.

Mit Hype wirft Daniel Price einen schonungslosen, sehr erhellenden Blick auf die Macht und Machenschaften der PR. Er tut das nicht in Form eines investigativen Sachbuchs (wie beispielsweise Sheldon Rampton und John Stauber, die mit ihren Werken sehr deutlich gemacht haben, wie mit PR gezielte Desinformation betrieben wird), sondern als Roman. Das entspricht nicht nur besser seinen Fähigkeiten (der gebürtige New Yorker hat unter anderem Drehbücher geschrieben). Es ist auch in punkto Marketing ein cleverer Schachzug.

Denn statt einer langweiligen Betrachtung über die durchaus komplexe Materie hat Price hier ein hoch unterhaltsames Buch voller irrer Wendungen vorgelegt. Er erzählt die Geschichte des PR-Profis Scott Singer. Der ist mit allen Wassern gewaschen, was ihm den Spitznamen “Slick” einbringt (wie der Originaltitel des Romans lautet). Doch diesmal hat er einen besonders heiklen Auftrag: Nach einem Amoklauf an einer Schule soll er Hunta, einen berühmten HipHop-Star, vom Vorwurf reinwaschen, mit seiner Musik für das Massaker verantwortlich zu sein.

Das Buch könnte also kaum mehr Pop sein, zumal der Autor sich auch auf echte Ereignisse (Columbine und die anschließende Hexenjagd auf Marilyn Manson) und echte Personen (Hunta wird als Zögling von Tupac Shakur eingeführt) bezieht.

Price versteht es (ebenso wie seine Hauptfigur Scott Singer) nicht nur geschickt, mit den Ängsten und Vorurteilen der Öffentlichkeit zu spielen. Er seziert auch das Musikbusiness, seine skrupellose Gier, seinen unbarmherzigen Konkurrenzkampf, seinen eklatanten Mangel an Loyalität. Und natürlich die perfiden Methoden der PR-Branche. Damit wird Hype enorm doppelbödig und findet so die perfekte Form für die Materie. An einer Stelle erklärt Scott Singer recht eindrücklich seine Philosophie: „Das ist der Unterschied zwischen einem Zyniker und einem Skeptiker. Zyniker glauben blind jede Information, die ihr mangelndes Vertrauen in die Menschheit bestätigt. Skeptiker stellen alles infrage, sogar die schlechten Nachrichten. Zyniker sind von den Medien leicht zu kontrollieren. Skeptiker nicht.“

Gelegentlich wird die Abgewichstheit der Charaktere zwar nervig (und vor allem unglaubwürdig), denn kein Mensch hat in jeder Situation einen derart passenden coolen Spruch auf den Lippen wie Scott Singer. Das macht Price aber wett, indem er eine Parallelhandlung inszeniert, die schließlich ebenso spannend wird wie Singers dienstlicher Auftrag. Der Mann, der in seinem Job nicht nur die Medien, sondern quasi eine ganze Nation manipuliert, ist in seinem Privatleben selbst in höchstem Maße anfällig für Manipulation. Das Buch gewinnt am Ende seine enorme Spannung gerade dadurch, dass Scott Singer immer stärker schwankt zwischen Vernunft und Gefühl. Das macht ihn menschlich – und Hype zu einem enormen Vergnügen.

Beste Stelle: „Als ich die Tür schloss, schaltete Jean die Innenbeleuchtung ein. Sie trug eine ärmellose weiße Bluse, eine türkise Caprihose und alte weiße Turnschuhe. Ihr kurzes schwarzes Haar hatte sie mit einem grünen Plastikband zurückgebunden. Sie war eher für den Frühjahrsputz als für einen Abend in der Stadt gekleidet. Okay, sie war also nicht gerade modebewusst, aber die Art, wie sie in ihrem eigenen Kontinuum lebte, völlig außer Reichweite von Marie Claire oder Laura Ashley, hatte was Wunderbares. Keine ihrer Unsicherheiten, keine ihrer Neurosen wurde von den Medien genährt. Sie war eine ganz eigenständige Chaotin.“