Rockstar ist nur noch ein Nebenjob
Art Brut? Jennifer Rostock? Virginia Jetzt!? Kennt man, wenn man sich ein wenig für Musik interessiert. Die einen waren schon auf dem Twilight-Soundtrack vertreten. Die anderen haben das Cover der deutschen Rolling Stone-Ausgabe geziert. Doch um von der Musik leben zu können, reicht das nicht.
Von einer zum normalen Preis verkauften CD bleiben dem Künstler im besten Falle rund 2,80 Euro, von einem Download im Schnitt nur etwa 6 Cent. Wenn überhaupt CDs verkauft oder Lieder legal heruntergeladen werden.
Immer mehr Musiker müssen deshalb Nebenjobs annehmen, die in Wirklichkeit ihre Hauptjobs sind. Ich habe mit einigen von ihnen über die Frage gesprochen, wie sie damit umgehen – und ob die romantische Idee vom Rockstar-Leben in Saus und Braus gestorben ist.
Den kompletten Artikel gibt es auf news.de.
Draufgeschaut: The Dark Knight
| Film | The Dark Knight |
| Produktionsland | USA |
| Jahr | 2008 |
| Spielzeit | 146 Minuten |
| Regie | Christopher Nolan |
| Hauptdarsteller | Christian Bale, Heath Ledger, Gary Oldman, Aaron Eckhart, Maggie Gyllenhaal, Michael Caine, Morgan Freeman |
| Bewertung | **** |
Worum geht’s?
Gotham hat einen neuen Staatsanwalt. Endlich haben die Bürger Hoffnung, dass mit der Kriminalität in ihrer Stadt Schluss ist. Auch Batman setzt große Stücke auf den neuen Ermittler, der die Mafia-Bosse gleich im Dutzend ins Gefängnis bringt, und unterstützt ihn nach Kräften: Wenn es den Behörden nun gelingen sollte, in der Stadt aufzuräumen, kann er sich zurückziehen und endlich ein bürgerliches Leben mit seiner Geliebten Rachel führen. Doch nicht nur das organisierte Verbrechen macht den Guten das Leben schwer. Auch der Joker will beweisen, dass die dunklen Mächte am Ende doch stärker sind.
Das sagt shitesite:
Beinahe das Beste an The Dark Knight ist das Timing: Natürlich ist der mittlerweile neunte Batman-Film ein gewohnt spannender und durchgestylter Fantasy-Thriller. Doch The Dark Knight ist viel mehr. Der Film spielt mit dem Prinzip von Terror, mit Videobotschaften, die alle in Angst und Schrecken versetzen, mit angekündigter Gewalt, mit der Berechenbarkeit der Massenpsychologie – verkörpert in der Figur des Joker, in die Heath Ledger ebenso viel abgründige Bosheit legt wie menschlichen Spieltrieb. The Dark Knight stellt letztlich auf ganz vielen Ebenen die Frage, ob man in einer schlechten Welt gut sein kann – und wenn ja: wie gut. Nicht mal ein Jahr, bevor Barack Obama seine Präsidentschaft antrat, ist das eine mehr als spannende Frage – und macht The Dark Knight nicht nur unterhaltsam, sondern auch bedeutend.
Der Trailer zum Film:
Hingehört: Absynthe Minded – “Absynthe Minded”
| Künstler | Absynthe Minded |
| Album | Absynthe Minded |
| Label | Vertigo |
| Erscheinungsjahr | 2010 |
| Bewertung | *** |
Belgien habe ich bisher in erster Linie mit leckerer Schokolade, schrägen Kinofilmen und fiesen Kinderschändern verbunden. Diese Liste muss nun wohl um schlechte Wortspiele ergänzt werden.
Denn Absynthe Minded sind Belgier – und ein derart blöder Name kann allein schon reichen, um eine Band nicht zu mögen. Bei Absynthe Minded kommt noch mehr hinzu. Auf dem pseudo-bedeutungsvollen Albumcover posieren die fünf Musiker mit dämlichen Masken, dazu stecken in dem Bild womöglich mehr Andeutungen als in der Steuererklärung eines Mafia-Bosses. Nicht zuletzt enthält auch das Begeleitschreiben der Plattenfirma ein paar eindeutige Warnsignale. Von Facettenreichtum ist da die Rede, von Gypsy-Swing, von Aufnahmen in Paris.
Ich habe mich Absynthe Minded, dem vierten Album eben jener Band aus Ghent, also durchaus skeptisch genähert. Und ich habe Recht behalten. Der achte Song, Multiple Choice, ist ein überambitionierter Stream Of Consciousness, irgendwo zwischen Noise und Jazz. Weekend in Bombay, direkt danach, ist dann nur noch Letzteres – und begeht ebenfalls den Fehler, intellektuell beeindrucken zu wollen statt durch die simple Kraft der Musik zu überzeugen. Und danach ist If You Don’t Go, I Don’t Go mit Walking Bass und Besenschlagzeug genau die Sorte Klischee-Jazz, die schon immer den Musikern mehr Spaß bereitet hat als den Zuhörern.
Ich muss aber auch zugeben: Davor und danch liefern Absynthe Minded eine durchaus überzeugende Platte ab. Das Album, das in Belgien bereits Dreifach-Gold eingefahren hat und nun auch hierzulande veröffentlicht wird, vereint in seinen besten Momenten die Virtuosität von echten Könnern mit der Spontaneität eines losen Kollektivs, versöhnt Weltmusik mit Indie und die Exzesse von Post-Rock mit der Einfachheit von Folk.
Der Auftakt Envoi ist ebenso beschwingt wie zurückgenommen, Heaven Knows wagt sich danach in mediterrane Gefilde. Acquired Taste mit seinem angedeuteten Dancebeat und dem dominanten Piano wird alle glücklich machen, die Toploader, Keane oder Eagle Eye Cherry zu Radiohits verholfen haben. My Heroics Part One ist eine schöne Klavierballade im Stile der Counting Crows, ein bisschen sexy, ein bisschen bedrückend.
Frontmann Bert Ostyn erinnert vor allem dann stark an Pete Droge, wenn er gut abgehangene Quasi-Americana-Songs mit hübschen Streicherverzierungen singt wie Papillon oder das herrliche I’ll Be Alright, in dem er sich im Refrain zur Zeile “What a beautiful story” immer höher schwingt. Wenig später klingt er in Paramount wie Jack Johnson, wenn man ihn im Keller einsperren würde (Wer hat da: “Ja, bitte!” gerufen?). Und am Schluss rufen Absynthe Minded mit dem feinen I Like When You’re Sad dank eines Trompetensolos, reichlich Lakonie und der bösen Zeile “I’m tired of all my friends / I can’t stand their loneliness” sogar Erinnerungen an Cake wach.
Nur eins lässt sich bei Absynthe Minded nicht so recht erkennen: ein Alleinstellungsmerkmal. Aber vielleicht kann dafür ja das schlechte Wortspiel herhalten.
Schlechte Wortspiele kann ich auch: Das Video zu My Heroics Part One kann man sich ja vielleicht schönsaufen:
Eine Kurzversion dieser Rezension gibt es auch bei news.de.
Durchgelesen: Roger Boyes – “My Dear Krauts”
| Autor | Roger Boyes |
| Titel | My Dear Krauts |
| Verlag | Ullstein |
| Erscheinungsjahr | 2006 |
| Bewertung | ***1/2 |
Man muss gar nicht den Fußball ins Spiel bringen, und kann trotzdem eine ewig lange Liste deutsch-britischer Missverständnisse erstellen. Bedenkt man, dass die beiden Länder nicht einmal Nachbarn sind, ist es umso erstaunlicher, wie eifrig sie ihre Ressentiments pflegen.
Roger Boyes, Deutschland-Korrespondent der ehrwürdigen Londoner Times, bestellt in My Dear Krauts also ein Feld, das schon Generationen vor ihm gepflügt, zerbombt und mit ihren Stollenschuhen ruiniert haben. Trotzdem gelingt dem fast 60-Jährigen ein sehr lohnender, höchst amüsanter Blick auf die nationalen Befindlichkeiten beiderseits des Ärmelkanals.
Kein Wunder: Boyes ist ein echter Kenner (und heimlicher Liebhaber) der Deutschen: Schon in den 1970er Jahren berichtete er aus Bonn an die Themse; nach Einsätzen in anderen Ländern schreibt er seit 1993 aus Berlin wieder für die Times. “Die Versetzung nach Deutschland war vermutlich meine letzte Chance, wieder Spaß am Job zu finden: die ständige Herausforderung, das Interesse an einer Gesellschaft zu wecken, die beschlossen hatte, langweilig zu sein! Deutschland war ein faszinierend neurotisches Land, das sich für normal hielt.”
Natürlich setzt Boyes auf Klischees, ob es die schreckliche Küche, die Hitler-Besessenheit oder die Unerbittlichkeit der Finanzbehörden ist (jeweils in Deutschland und England). Natürlich hat er den unnachahmlich ironischen Tonfall, den noch immer niemand so elegant und treffsicher beherrscht wie die Briten.
Trotzdem ist My Dear Krauts mehr als bloß eine Anleitung zum gegenseitigen Missverstehen. Im Gegenteil: Boyes zeigt sich in seinen Anekdoten, die stets lose miteinander verbunden sind, erstaunlich privat, beispielsweise wenn er aus den entlarvend verbitterten Briefen seines Vaters zitiert. Und vor allem macht er deutlich, warum er sich so oft über die Deutschen wundern muss: weil er um die Selbstgerechtheit und Verschrobenheit der eigenen Nation und die Unrettbarkeit der Beziehung zwischen den beiden Völkern weiß.
My Dear Krauts führt so vor Augen, wie viel beide Länder in Wirklichkeit verbindet und wie einfach es für Deutsche und Briten eigentlich wäre, sich einander anzunähern – wenn sie es denn wollten. Doch die Stagnation in der Beziehung, die hier immer wieder unter dem Schlagwort “don’t mention the war” geführt wird, ist selbst gewählt. Im nationalen Selbstbild ist die Abneigung gegen den jeweils anderen ein ähnlich kauziger, gepflegter und überflüssiger Wesenszug wie die Freude an Bier oder Fußball. Sie hat nichts mehr mit der einstigen, echten Feindschaft zu tun, sondern wird als kulturelles Relikt am Leben erhalten, als harmloser Spaß.
Deutsche und Engländer pöbeln, streiten und konkurrieren eben nicht mehr um Kolonien, in der Wirtschaft oder auf den Schlachtfeldern, sondern bloß noch auf dem Fußballplatz oder durch kleine Sticheleien im Feuilleton wie die von Roger Boyes. Auch My Dear Krauts sollte somit nicht als Provokation empfunden werden. Sondern als Baustein für die Völkerverständigung.
Beste Stelle: “An Frau Beckenbenders Arm befand sich eine unbekannte Gestalt, die sich bei ihr untergehakt hatte: ein rundlicher Mann mit Doppelkinn und Monokel, der um einiges kürzer war als Frau Beckenbender. Er sah aus, wie Bankmanager aussahen, bevor sie anfingen, Men’s Health zu lesen und sich mit Wachs die Brusthaare zu entfernen. Wohlhabend und wohlgenährt.”
Hingehört: Brokof – “Softly, Softly, Catchee Monkey”
| Künstler | Brokof |
| Album | Softly, Softly, Catchee Monkey |
| Label | Goldrausch Records |
| Erscheinungsjahr | 2010 |
| Bewertung | ***1/2 |
“Ganz ruhig, Brauner” will uns der Albumtitel sagen. Oder aber (für alle, die mit Richard Wagner nicht so viel anfangen können): “Ganz entspannt, immer schön langsam.”
Das führt allerdings gewaltig in die Irre. Denn Softly, Softly, Catchee Monkey ist ein Album, mit dem man sofort warm wird. Voller Hymnen, Pop-Sensibilität, Ausgelassenheit. Wilco, die Long Winters oder Pedro The Lion heißen die Paten.
Die hier tätigen Musiker heißen Fabian Leistner, Arne Berger, Rocco Weise und Christian Kohler. Viel mehr ist über sie kaum zu erfahren – außer, dass sie seit 2007 zusammen als Brokof musizieren und in Berlin gemeinsam ein Tonstudio betreiben. Das hört man Softly, Softly, Catchee Monkey durchaus an: Die Platte ist extrem ausgereift, hat aber trotzdem die Unbekümmertheit eines Debüts.
Welcher aus dem Quartett der Sänger ist, bleibt leider ein Geheimnis. In jedem Fall erinnert seine Stimme aber stark an Markus Acher von The Notwist und Karl Wallinger von World Party. Auch das führt dazu, dass man sich hier unmittelbar zuhause fühlt. Devils & Sharks kommt zum Auftakt mit Kneipenklavier und Mundharmonika daher und verbreitet so eine famose Heiterkeit. Danach wird Smile sogar noch besser: Die Gitarre scheint ihre eigene Freiheit zu feiern, indem sie zu einem Polkabeat auf dem Tisch tanzt, der Rest ist pure Euphorie. Ein Hit.
Danach gibt es Gitarren-Wände (This Place), elegante Melodien (Queen Of Dirt) und Lo-Fi-Lovesongs (Lonesome Times) satt, manchmal stoisch wie Velvet Underground, manchmal ganz virtuos wie bei Electric Soft Parade, manchmal fast so durchgeknallt wie Clap Your Hands Say Yeah. Niemals werden Brokof dabei aufdringlich – und das macht Softly, Softly, Catchee Monkey um so beeindruckender.
Die Frage, wer nun eigentlich der Sänger ist, beantwortet auch das sehr unterhaltsame Video zu Smile leider nicht:
Draufgeschaut: Alice Cooper – Theatre Of Death
| Film | Alice Cooper. Theatre Of Death. Live At Hammersmith 2009 |
| Produktionsland | USA/Großbritannien |
| Jahr | 2010 |
| Spielzeit | 92 Minuten |
| Regie | Alice Cooper |
| Hauptdarsteller | Alice Cooper |
| Bewertung | **** |
Worum geht’s?
Die heute erscheinende DVD ist ein Mitschnitt des letzten Konzerts von Alice Coopers Welttournee im vergangenen Jahr, aufgenommen im Hammersmith Apollo in London.
Das sagt shitesite:
Man sollte nicht zu viel reflektieren, analysieren und interpretieren, wenn man zu einem Alice-Cooper-Konzert geht. Man sollte bei Hits wie Poison oder School’s Out einfach mitsingen, sich amüsieren und genießen. Denn auch wenn der mittlerweile 62-Jährige am 4. November seine Deutschland-Tour beginnen wird, kann man sich auf eine der unterhaltsamsten und schrägsten Shows freuen, die es im Musikbusiness zu sehen gibt. Ein Konzert von Alice Cooper ist Hardrock-Fest und Musical, Klassentreffen und Halloween-Party.
Wer dabei einfach nur feiert, muss dennoch nicht befürchten, eine (oder mehrere) der zusätzlichen Ebenen zu verpassen, die diese Show zweifelsohne hat. Denn für das Reflektieren, Analysieren und Interpretieren gibt es am Ende der Tour mit schöner Verlässlichkeit eine DVD. So wie Theatre Of Death.
Die Dokumentation macht nicht nur Sinn, weil man dann tatsächlich in Ruhe all die hintergründigen Elemente dieses Grusel-Spektakels entdecken kann. Die mittlerweile neunte DVD in der Karriere von Alice Cooper zeigt auch erneut, wie wichtig das visuelle Element nun einmal für sein Schaffen ist. «Vor uns gab es niemanden, der Rock’n’Roll wirklich als Showbiz betrachtet hat, als Spektakel nicht nur für die Ohren, sondern auch für die Augen. Erst wir haben angefangen, die ganze Bühne zu beleuchten. Das Geschehen auf der Bühne war plötzlich bunt und bewegt – und nicht bloß ein toter Vorhang im Hintergrund», erläutert mir Cooper diesen Ansatz unlängst im Interview. Sein Ziel sei es immer gewesen, die Liedtexte auf der Bühne lebendig werden zu lassen.
Das belegt auch Theatre Of Death. Alice Cooper sieht zu Beginn aus, als sei er gerade aus der Gruft gestiegen und habe sich auf dem Weg nach oben durch einen ganzen Berg von Nieten wühlen müssen. Am Ende wirkt sein Outfit, als hätte Captain Jack Sparrow den Kleiderschrank von Jeanette Biedermann geplündert. Schon im vierten Song wird Cooper in eine Zwangsjacke gesteckt, einen Song später erfolgt die erste von insgesamt vier Hinrichtungen.
Natürlich kennt man diese Anspielungen auf Sado-Maso, den Gestus von Geisteskranken und die Posen von Diktatoren aus früheren Shows. Doch von ihrer Wirkung haben sie nichts verloren. Selbst wenn er bei Go To Hell einen Teufelstanz mit Rasseln aufführt, besteht kein Zweifel: Alice Cooper ist kein Gaukler. Er ist ein Mann, der in erschreckender Konsequenz das auf die Bühne bringt, wovor die bürgerliche Gesellschaft am meisten Angst hat: Sex und Gewalt, im besten Falle miteinander vermischt. Das ist nichts weniger als die Quintessenz von Rock’n’Roll.
Alice Cooper ist die Stimme der Verdammten, des Monsters in jedem von uns. In den besten Momenten seiner Show führt er sein eigenes Publikum (und damit uns alle) vor, unsere Gier, Lust, Frustration. «Wir sind alle die Nahrung des Teufels», singt er in einem Lied – und die Fans lieben ihn dafür: Sie haben sich selbst verkleidet, haben die Flaggen ihrer Heimatländer mitgebracht – die erste Reihe im Hammersmith Apollo sieht selbst aus wie eine ziemlich schräge Muppet-Show.
Natürlich trägt zum Spaß auch die Musik des Theatre Of Death bei, die sich auf der beiliegenden Audio-CD befindet. Zunächst glaubt man zwar, bei Alice Cooper eine kleine Plauze zu erkennen – doch die ist natürlich nur Teil der zahlreichen Spezialeffekte. Stimmlich ist der König des Schock-Rock in guter Form, sein Gesang ist mit dem Alter sogar noch ein bisschen fieser und gefährlicher geworden. Die deutlich jüngere Begleitband bekommt ein bisschen Freiheit (und verschafft dem Altmeister ein paar Verschnaufpausen), ohne jemals wirklich zu vergessen, wer der Star der Show ist.
Und schließlich offenbart die DVD jede Menge Humor. Wenn der 62-jährige Alice Cooper sich ausgerechnet bei der Jugendhymne I’m Eighteen auf eine Krücke (natürlich aus menschlichen Knochen) stützt oder beim grandiosen Rausschmeißer Under My Wheels kurz seine eigene Rolle als Kinderschreck aufs Korn nimmt, dann wird deutlich: Diese Show kennt nicht nur Grusel und Horror. Sie kennt auch Reue und Strafe. Und Augenzwinkern.
Ein paar Szenen aus der Show:
Eine Rezension der DVD mit Fotostrecke zu Alice Cooper gibt es auch bei news.de.
Hingehört: Leilanautik – “Unser schöner Realismus”
| Künstler | Leilanautik |
| Album | Unser schöner Realismus |
| Label | Rhinozorro |
| Erscheinungsjahr | 2010 |
| Bewertung | **1/2 |
Die Rückkehr der Neuen Deutschen Welle wurde schon 2003 prophezeit, als Wir Sind Helden & Co. für Furore sorgten. Natürlich war das ein Missverständnis. Denn viele, die im Gefolge der Helden kamen, hatten nichts mit New Wave am Hut, aber viel mit Pop, sogar Schlager.
Vielleicht liegt es am Klimawandel, dass es so lange gedauert hat. Aber jetzt ist die Neue Neue Deutsche Welle wirklich da. Mit Leilanautik. Deren zweites Album Unser schöner Realismus erinnert nicht nur im Titel an die frühen 1980er in diesen Landen. Es gibt auch eine klare Sozialisation im Punk, großen Spaß am Schrägen und das Wissen um die Macht des Tanzbaren, der mit Anleihen bei Funk, Ska und HipHop an Gang Of Four, die Arctic Monkeys oder The Police denken lässt.
Das Presse-Info zu Unser schöner Realismus, dem Nachfolger des bereits 2006 erschienenen Debüts Bunte Jahre, nennt zudem Rio Reiser als Bezugspunkt, auch wenn das ein wenig in die Irre führt. Das Erbe für dessen hemmungslose Poesie haben dann doch eher Wir Sind Helden angetreten. Die vier Hamburger von Leilanautik übernehmen aber den Agit-Part, für den einst Ton Steine Scherben standen – und den Wir Sind Helden auf dem aktuellen Album Bring Mich Nach Hause weggelassen haben.
„Wach auf / Pass auf“ heißen schon die ersten Zeilen im Opener Durchs Drehkreuz. Wenig später: „Wir fordern auf / steht jetzt auf / es muss etwas geschehen / wir haben eine Meinung / und wir haben den Mut / es verändert sich nichts / wenn wir stehen bleiben.“ Das Clevere daran: Die vergleichsweise eindeutigen und strengen Texte werden abgefedert durch eine durchaus launige und eingängige Verpackung mit zackigem Rhythmus und der Stimme von Sänger Martin, der als vokaler Doppelgänger von Frank Spilker (Die Sterne) durchgehen könnte.
Auch Der Optimist oder Die Welt alleine retten könnten all jene glücklich machen, die nach ideologischen Grundsatzdebatten lieber zum Tanzen in die Indie-Disco gehen, als endlich wirklich mit der Revolution zu beginnen. Es gibt viele Imperative und ein bisschen Romantik (Lieblingsgeschichten). Vieles gelingt, anderes bleibt textlich krude oder musikalisch nicht zündend wie der Titelsong oder das vergleichsweise wilde Holz. Insgesamt aber: sehr anständig. In jeder Hinsicht.
Auf dem letzten Album schickten Leilanautik noch ein Nashorn auf die 1000 km lange Reise durch Hamburg:
Draufgeschaut: Capote
| Film | Capote |
| Produktionsland | USA/Kanada |
| Jahr | 2005 |
| Spielzeit | 110 Minuten |
| Regie | Bennett Miller |
| Hauptdarsteller | Philip Seymour Hoffman, Catherine Keener, Clifton Collins Jr., Bruce Greenwood, Chris Cooper |
| Bewertung | **** |
Worum geht’s?
Kansas, Ende der 1950er Jahre: Auf einer Farm wird ein schreckliches Verbrechen verübt. Eine ganze Familie wird ausgelöscht. Schon bald werden zwei Verdächtige gefasst und des vierfachen Mordes angeklagt. Der Journalist und Schriftsteller Truman Capote erkennt in ihrem Fall eine spannende Geschichte. Er recherchiert die Hintergründe – und gewinnt das Vertrauen von Perry Smith, einem der Angeklagten. Schnell wird daraus ein Verhältnis gegenseitiger Abhängigkeit: Capote braucht den Gefangenen, um seine Geschichte zu Ende erzählen zu können. Und Perry Smith braucht die Hilfe des berühmten Autors, um der Todesstrafe zu entgehen.
Das sagt shitesite:
Der Film, der die Entstehungsgeschichte von In Cold Blood erzählt, ist eine sehr gelungene Mischung aus Krimi, Psychogramm und Biographie – und wird damit dem Buch perfekt gerecht, mit dem Truman Capote nicht nur das Genre des Tatsachenromans erfand, sondern auch zum berühmtesten Schriftsteller Amerikas wurde (und letztlich seine Karriere zerstörte). Natürlich steht und fällt ein solches Konzept mit der Besetzung der Titelrolle, und Philip Seymour Hoffman gibt den Capote fast besser als Capote selbst. Er ist eitler Partylöwe und großzügiger Charmeur, perfider Menschenjäger und berechnender Selbstvermarkter, Manipulator und Sensibelchen. Mit wenigen Szenen und in durchweg düsteren Farben schafft es Capote, die ganze (innere wie äußere) Zwiespaltigkeit dieses Autors zu zeigen, ohne jemals in Eindimensionalität, Melodrama oder gar eine Bewertung seines Charakters zu verfallen. Wenn Truman Capote die Särge öffnet, um sich die Opfer anschauen zu können, dann steckt dahinter ein ungeheures Recherchefieber, ein todsicheres Gespür für die Story, die Pointe, den Abgrund. Aber es zeigt auch, wie skrupellos er war. Truman Capote wird gezeichnet als der Superreporter mit perfektem Gedächtnis, unbändigem Arbeitseifer und unwiderstehlichem Charme, aber auch als ein Autor, der genau weiß, dass sein Werk nicht nur Kunst ist, sondern auch Business – und im Fall von Perry Smith auch eine persönliche Beziehung. Dass sich Capote bei seinen Gesprächen mit dem zum Tode Verurteilten genau auf der Linie zwischen einfühlsam und mitfühlend bewegt, macht diese Dialoge ungeheuer faszinierend. Er selbst schildert diese Spannung im Film als die Diskrepanz zwischen Bodensatz und Konversativem, zwischen denen es doch eine Schnittmenge gebe. Capote ist genau diese Schnittmenge: Der Film zeigt den Mensch im Monster, das Monster im Menschen und die Moral in der Mitte.
Der Trailer zum Film:
Hingehört: Eric Eckhart – “This Is Where It Starts”
| Künstler | Eric Eckhart |
| Album | This Is Where It Starts |
| Label | A Headful Of Bees |
| Erscheinungsjahr | 2010 |
| Bewertung | *** |
Singer-Songwriter haben ein Problem: Eigentlich will niemand so gerne “Singer-Songwriter” genannt werden. Entweder klingt es nach einem alten Sack, der ein Lamento über die guten, alten Zeiten ans nächste reiht. Oder es klingt nach einem Jungspund, der zu viele Platten von alten Säcken gehört hat und nun seinerseits den Zeiten nachtrauert, als man der heimlich Angebeteten noch auf dem Fahrrad nachstellen musste – und nicht im Cyberspace.
Eric Eckhart ist Singer-Songwriter. Eric Eckhart ist 41 Jahre alt. Und er singt in Bring Me Down, dem zweiten Stück seines Albums This Is Where It Starts, die reichlich selbstmitleidige Zeile “I feel this heartache / will bring me down, down.” Trotzdem fällt er nicht in die Kategorie langweilig.
Dafür gibt es zwei Gründe. Der erste ist Dave Hingerty. Der beweist hier reichlich Wucht und Klasse am Schlagzeug. Und zwar nicht nur bei den zackigeren Momenten wie Better Way, einem Bluesrock mit schrägen Trompeten, oder Open Up, das an die längst verblichenen Rembrandts denken lässt. Eric Eckhart setzt auch in den sanfteren, stillen Momenten auf die Kraft des Schlagzeugs – ein großer Vorteil gegenüber vielen seiner Kollegen. Einzig das heitere All My Life bleibt ohne Drums, ansonsten wird hier auch dann (im wahrsten Sinne des Wortes) auf die Pauke gehauen, wenn es beschaulich, streng akustisch bleibt wie in I’m Gone.
Der zweite Grund ist Eric Eckharts Stimme. Darin steckt so viel Zuversicht, Hoffnung und unverschämte Jugendlichkeit wie das sonst etwa nur Tim Wheeler von Ash, Evan Dando von den Lemonheads oder Ben Kweller hinbekommen, an den man bei diesem sehr eingängigen Mix aus Indie-Rock, Pop und etwas Country an vielen Stellen denken muss. Womöglich liegt das daran, dass Eckhart ein Spätberufener ist. Zwar steht er schon seit 25 Jahren regelmäßig auf der Bühne. Aber erst mit Mitte 30 zog er aus West Virginia nach Berlin, um dort Vollzeitmusiker zu werden. This Is Where It Starts ist sein Debütalbum – und eine sehr gelungene, schwungvolle, reife Interpretation der Kategorie “Singer-Songwriter”.
Das Video zu Happy beweist: Eric Eckhart klingt nicht nur sehr jugendlich, er hat auch kindische Hobbys:
Eine Kurzversion dieser Rezension gibt es auch bei news.de.
Draufgeschaut: Freischwimmer
| Film | Freischwimmer |
| Produktionsland | Deutschland |
| Jahr | 2007 |
| Spielzeit | 103 Minuten |
| Regie | Andreas Kleinert |
| Hauptdarsteller | Frederick Lau, August Diehl, Fritzi Haberlandt, Dagmar Manzel, Alice Dwyer, Devid Striesow, Traute Hoess, Jürgen Tarrach |
| Bewertung | ***1/2 |
Worum geht’s?
Robert ist nicht nur einer der beliebtesten Schüler am Kafka-Gymnasium, sondern auch der beste Schwimmer der Schule. Doch kurz nach einem Wettkampf fällt er tot um. Als sich abzeichnet, dass er vergiftet wurde, stehen plötzlich ganz viele unter Verdacht: Hat seine Freundin Regine etwas damit zu tun? Oder der Kunstlehrer Herr Wegner, der sich von Robert drangsaliert fühlt? Welches Geheimnis behält der schüchterne Rico für sich, der Roberts Todeskampf gefilmt hat? Und welche Rolle spielt der Sportlehrer Herr Sammer, der eine Affäre mit Ricos Mutter hat? Aus Verstrickungen und Verdächtigungen entsteht eine Stimmung, die nicht nur die Schule in Aufruhr versetzt, sondern die Beschaulichkeit im ganzen Ort zerstört.
Das sagt shitesite:
Famos besetzt und grandios gespielt zeigt Freischwimmer, wie nah das Grauen für uns alle ist – egal, wie gutbürgerlich die Fassade auch wirken mag. Die Stilisierung des Örtchens in der (womöglichen) schwäbischen Pampa als Musterbeispiel von Provinzmief wird zwar zu Beginn von Freischwimmer ein wenig übertrieben. Auch die Pointe am Ende ist ein wenig zu cleverclever. Doch wie rasant es denn in der Beziehung fast aller Figuren zur Eskalation kommt, ist in dieser Kombination aus Krimi und Psychodrama packend, schlüssig und letztlich schockierend erzählt. Sehr stark: Frederick Lau als Einzelgänger auf der Suche nach Orientierung und Rache. Ein Ereignis: August Diehl als düsterer Pseudo-Pädagoge.
Der Trailer zum Film:










