Interview mit Dag För Dag

Im Interview verrieten Dag För Dag, dass sie eigentlich keine EPs mögen - obwohl sie gerade erst eine veröffentlicht haben.
Dag För Dag sind ein Duo, bei dem wenig so ist, wie es scheint. Der Bandname ist schwedisch, doch die Mitglieder sind Amerikaner. Ein Mann und eine Frau singen über Liebe, Schmerz, Wut – doch ihr Zusammenspiel hat nichts Erotisches, denn Sarah und Jacob Snavely sind Zwillinge. Sie haben gerade eine kostenlose EP namens Release veröffentlicht, doch sie mögen dieses Format eigentlich gar nicht. Und Dag För Dag sind auf Tour mit ihren Freunden von den Shout Out Louds – doch mit deren ebenso melancholischem wie euphorisierendem Indiepop hat ihr Sound wenig gemein.
Immerhin ein Klischee stimmt: Das symbiotische Einverständnis, das man Zwillingen oft unterstellt, zeigen Sarah und Jacob im Interview auf jeden Fall. Ich treffe sie vor dem Konzert im Varieté am Steintor in Halle. Dag För Dag sprechen über Babys auf Tour, das Missverständnis Shoegaze und einen Bandnamen, den sie selbst kaum aussprechen können. Und sie sind sich dabei (fast) immer einig.
Wie läuft die Tour?
Jacob: Sehr gut. Gestern hatten wir frei und wir haben den Tag hier in Halle verbracht. Wir haben uns ein wenig die Stadt angeschaut und sind über den Markt geschlendert.
Hast Du ein nettes Souvenir gefunden?
Jacob: Nein, die haben nur Töpferei und solchen Kram verkauft, das war nichts für mich. Stimmt nicht: Ich habe eine alte Postkarte von Halle gekauft. Es scheint eine sehr interessante Stadt zu sein, ziemlich unberührt. Mit vielen alten Gebäuden, aber auch genug Platz dazwischen.
Sarah: Mir kommt die Stadt fast ein bisschen schizophren vor. Es gibt viele hübsche, kleine Läden und auf der anderen Seite ein paar echt überdimensionierte Gebäude.
Zu den Shout Out Louds habt ihr eine wirklich innige Beziehung geben. Ist es nicht gefährlich, wenn man dann so viel Zeit zusammen auf so engem Raum verbringt? Man könnte sich ja auf Tour plötzlich auf die Nerven gehen oder lauter schlechte Eigenschaften entdecken, die bisher verborgen waren. Ein bisschen wie ein junges Liebespaar, das zum ersten Mal in eine gemeinsame Wohnung zieht.
Sarah: Wir waren ja schon einmal zusammen auf Tour. Außerdem bin ich einmal für Bebban eingesprungen, als sie nicht mit den Shout Out Louds auf Tour gehen konnte. Wir wussten also, worauf wir uns einlassen. Wir sind wirklich sehr gute Freunde, wir haben denselben Proberaum und sehen uns auch die ganze Zeit, wenn wir in Stockholm sind. Und Ted, der Bassist der Shout Out Louds, ist schließlich der Vater meines Kindes.
Oh, das wusste ich nicht. Ich dachte, er dreht nur Eure Videos.
Jacob: Man muss uns auch schon ziemlich gut kennen, um das rauszufinden.
Obwohl ihr euch so gut versteht, ist die Musik doch ziemlich unterschiedlich. Ist das eher reizvoll, wenn ihr zusammen auf Tour seid, oder gibt es auch schon einmal seltsame Reaktionen, wenn ihr das Vorprogramm für die Shout Out Louds bestreitet?
Jacob: Wir waren schon mit wirklich vielen Bands unterwegs, und das Publikum der Shout Out Louds ist vielleicht ein bisschen mehr irritiert von unserem Sound als andere Zuschauer. Aber wir freuen uns einfach, dass wir vor Leuten spielen können. Jedes Publikum ist eine Ehre für uns.
Sarah: Manchmal ist es schwierig, weil wir diesen lauten, krachigen Sound mit vielen Kanten haben und die Shout Out Louds doch eher glatter, angenehmer sind. Aber auch wenn wir nur einen Teil des Publikums erreichen können, ist das schon ein Erfolg für uns. Ich finde es jedes Mal irre, dass wir auch bei diesen Shows noch CDs und T-Shirts verkaufen. Das zeigt: Musik ist Musik – und sie kann es immer schaffen, die Leute anzusprechen und zu überraschen.
Ist es spannender, wenn man ganz anders ist als die Hauptband? Oder macht es mehr Spaß, wenn man sicher sein kann, dass man den Geschmack des Publikums trifft?
Jacob: Das ist schwer zu sagen. Wir haben da ganz Unterschiedliches erlebt. Die Tour mit Wolf Parade war super, sie sind wirklich Vorbilder für mich. Auch A Place To Bury Strangers sind sehr sympathische Typen. Aber das Schönste wäre ehrlich gesagt, wenn wir als nächstes unsere eigene Tour als Headliner machen könnten.
Sarah: Es ist einfach etwas anderes, wenn man für seine eigenen Fans spielt. Auch wenn dann vielleicht nur 75 Leute kommen.
Wer wird denn dann der Support-Act für Dag För Dag sein?
Sarah: Madonna!
Jacob: Ich wollte eigentlich Britney Spears sagen. Das müssen wir wohl noch ausdiskutieren. (lacht)
Sarah: Es wäre auch cool, wenn die Shout Out Louds unsere Vorgruppe wären. Vielleicht gibt es ein paar Länder, in denen wir erfolgreicher sind und sie auf diese Weise ein bisschen unterstützen können – so wie sie es für uns getan haben.
Du hast Wolf Parade als eines der Vorbilder für Dag För Dag genannt. Was sind eure anderen Einflüsse? Meine erste Assoziation beim Hören von Boo war Shoegaze.
Sarah: Das hören wir oft.
Mögt ihr diese Kategorisierung oder wollt ihr mit Shoegaze lieber nichts zu tun haben?
Jacob: Wenn man unter Shoegaze so etwas versteht wie My Bloody Valentine, dann kann ich sehr gut damit leben. Ich liebe My Bloody Valentine! Was uns verbindet ist sicher der Anspruch, mit dem Klang unserer Instrumente eine bestimmte Atmosphäre zu erzeugen. Manchmal reicht dazu ein Ton, den man ganz lange hält. Ich denke, einige Leute, die das Album gehört haben, werden uns Shoegaze nennen. Wenn sie uns aber live gesehen haben, nennen sie uns Rock. Unsere Show ist wirklich sehr energetisch. Wir springen rum, wir schwitzen – das ist nicht gerade Shoegaze.
Gibt es andere Vorbilder, an denen ihr euch orientiert?
Jacob: Vielleicht das Meer? (lacht) Nein, im Ernst. Ich mag The National, schon seit langer Zeit. Die frühen Platten von Modest Mouse gefallen mir auch.
Sarah: Ich mag Prog. Diese deutsche Band Neu! – das ist klasse. Und natürlich PJ Harvey, die meinen Gesangsstil sehr beeinflusst hat.
Seid ihr euch in der Regel einig, welche Musik ihr mögt?
Jacob: Ja.
Sarah: Auf jeden Fall, wir haben einen sehr ähnlichen Geschmack.
Liegt das daran, dass ihr als Geschwister mit denselben Einflüssen aufgewachsen seid?
Sarah: Ich weiß nicht. Wir waren in unserer Kindheit ja nur eine zeitlang zusammen, und dann waren wir getrennt. Vielleicht ist das eher eine genetische Sache. Oder eine amerikanische.
Jacob: Wir haben uns sieben Jahre lang nicht gesehen, und als wir uns dann wieder begegnet sind und zusammen Musik gehört haben, war da sofort eine Verbindung.
Sarah: Meistens merken wir das am deutlichsten bei den Sachen, die wir nicht mögen. Viele unsere Freunde sind ganz begeistert von Belle & Sebastian. Und wir haben beide gesagt: Das klingt mir alles ein bisschen zu süß. Lasst uns lieber ein bisschen Krach machen.
Wenn eure musikalische Sozialisation so durch und durch amerikanisch war, hat das Leben in Schweden dann euren Sound verändert?
Sarah: Ja. Die Schweden haben ein bisschen mehr Fokus und Struktur in unseren Sound gebracht. Vorher waren wir viel offener, experimenteller. Und jetzt sagen die Produzenten öfters mal: Lasst uns diesen Teil des Lieds weglassen, lasst uns zum Punkt kommen. Das hat uns geholfen.
Was gefällt euch sonst an Schweden?
Sarah: Die saubere Luft. Ich habe vorher in London gelebt, und der Smog dort ist wirklich schrecklich. Und es ist natürlich toll, dass überall so viel Grün ist. Selbst in Stockholm, in dieser wunderschönen Stadt, muss man nur zwei Minuten laufen und kann dann irgendwo Blaubeeren pflücken. Das ist herrlich.
Jacob: Ich mag vor allem die Menschen. Schweden ist wirklich so etwas wie eine funktionierende Version von Sozialismus. Jeder kümmert sich um seine Nachbarn, der Staat kümmert sich um die Armen. In Amerika gibt es das nicht, da ist alles völlig außer Kontrolle.
Für Musiker dürfte es auch sehr angenehm sein, dass es vom schwedischen Staat großzügige Subventionen für Künstler gibt. Profitiert ihr davon?
Jacob: Wenn Du Schweden schon großzügig findest, solltest Du mal nach Norwegen gehen! Die geben unglaublich viel Geld aus, um junge Bands zu fördern.
Wahrscheinlich versuchen sie wieder einmal, die Schweden hinter sich zu lassen.
Jacob (lacht): Wahrscheinlich. Aber wir haben nicht allzu viel von diesen Subventionen. Die Regierung bezahlt für unseren Proberaum, das ist alles. Sonst kriegen wir nichts mehr – zumindest, seit sie rausgefunden haben, dass wir keine Schweden sind.
Sarah: Das ist wirklich seltsam für uns. Denn wenn wir im Ausland sind, werden wir überall als schwedische Band betrachtet. Nur in Schweden sieht man uns als amerikanische Band. Wahrscheinlich sollten wir endlich einmal anfangen und richtig Schwedisch lernen.
Euer Bandname “Dag För Dag” wäre ja ein guter Anfang.
Sarah: Das stimmt. Wenn wir „Dag För Dag“ sagen, denken die Leute immer, wir sprechen von Hunden, weil sie „Dog För Dog“ verstehen. Das Å ist echt schwer auszusprechen.
Warum habt ihr dann diesen Namen gewählt?
Jacob: Wir brauchten einen Namen, und wir hatten wirklich keine besseren Ideen. „Dag För Dag“ habe ich dann in einem Vokabeltrainer gefunden und dachte mir: Warum nennen wir uns nicht so?
Sarah: Es sind zwei Worte, die sich gegenseitig spiegeln. Das passt zu uns. Und es sieht gut aus. Wir waren uns bloß nicht so recht im Klaren darüber, wie kitschig es für manche klingt. Viele Schweden halten uns wegen dieses Namens erst einmal für eine christliche Band, die irgendetwas von Jesus singt, den man lieben kann, Tag für Tag oder so.
Jacob: Ich habe kürzlich noch einmal darüber nachgedacht, ob wir uns nicht besser „Boo“ nennen sollten, so wie das erste Album. Das ist vielleicht ein besserer Name. Aber dafür ist es jetzt wohl zu spät.
Boo ist erst im März erschienen, nun gibt es mit Release bereits eine neue EP. Seid ihr fleißiger als andere Bands? Oder warum geht das bei Dag För Dag so schnell?
Jacob: Wir haben einfach eine Menge Lieder. Wir schreiben sehr schnell. Das Problem ist eher, dass wir viele Ideen gleich wieder vergessen, weil wir dann schon wieder neue Sachen schreiben. Es ist wirklich schwer, die Songs herauszufinden und irgendwie festzuhalten, die auf Dauer bestehen können. Aber die Sachen auf Release hatten wir schon längst aufgenommen. Die waren einfach noch übrig.
Sicherlich könnt ihr auch ein bisschen schneller arbeiten, weil ihr nur zu zweit seid und nicht alles ewig lang mit allen anderen in der Band diskutieren müsst.
Sarah: Das stimmt. Und es kommt noch etwas dazu: Man muss auch erst einmal alle an einem Ort zusammen bekommen. Das ist für uns natürlich leichter – und jedes Mal, wenn wir uns sehen, schreiben wir einen neuen Song.
Sind EPs dann eine gute Möglichkeit, euren Output aktuell unter die Leute zu bringen? Immerhin ist Release schon eure zweite EP?
Jacob: Das ist eher Zufall. Ehrlich gesagt mag ich EPs nicht besonders. Wenn es nach mir geht, werden wir so schnell keine EP mehr veröffentlichen. Sie gehen leider oft unter. Vor allem die Presse nimmt sie nicht richtig wahr, und deshalb würde ich viel lieber Alben machen statt EPs. Aber bei Release war die Idee, dass wir den Fans einfach etwas zurück geben wollten, und dafür eignen sich diese fünf Songs sehr gut. Und wir wollten neue Leute für unsere Musik interessieren. Die EP ist eine gute Heranführung an Dag För Dag – und deshalb ist sie auch kostenlos.
Und für wann ist das nächste Album geplant?
Sarah: Das kommt ein bisschen drauf an, wie lange wir jetzt auf Tour sind. Ich würde gerne im Frühjahr wieder ins Studio gehen und ein neues Album aufnehmen. Aber wenn die Tour gut läuft, hängen wir vielleicht noch einmal eine ganze Reihe von Konzerten dran. Als Boo herauskam, war mein Sohn gerade zur Welt gekommen. Deshalb konnten wir da nicht auf Tour gehen. Und jetzt holen wir das alles nach. Und außerdem finden wir heraus, wie groß die Nachfrage ist.
Die Nachfrage ist sicher noch nicht groß genug, damit ihr von eurer Musik leben könnt. Was macht ihr, um eure Rechnungen bezahlen zu können?
Jacob: Ich komponiere zum Beispiel Musik für Werbespots.
Sarah: Ich arbeite freiberuflich als Übersetzerin. Ich mache zum Beispiel Untertitel fürs Fernsehen.
Manche Musiker behaupten, dass es ein Vorteil ist, wenn man noch einen richtigen Job hat, weil man darin Erfahrungen sammelt, über die man dann singen kann. Seht ihr das auch so? Oder möchtet ihr lieber Vollzeit-Rockstars sein?
Jacob: Ich mag es, wenn man ein bisschen geerdet ist. Egal, wie erfolgreich ich als Musiker wäre: Ich würde immer versuchen, noch etwas anderes zu machen. Das ist auch eine gute Möglichkeit, um zu entspannen und den Akku wieder aufzuladen.
Sarah: Ich sehe das ein bisschen anders. Ich finde meinen Nicht-Musiker-Alltag total uninspirierend. Und ich würde es lieben, wenn ich hauptberuflich Musikerin sein und damit mein Geld verdienen könnte. Fast alles, worüber ich schreibe, passiert mir in meinem Musiker-Dasein, vor allem auf Tour. Ich könnte sogar einen Song über die Frau schreiben, die uns gerade den Kaffee gebracht hat. Für mich geht es einfach darum, diese Sache hundert Prozent zu betreiben – und nicht bloß ein bisschen. Ich möchte mich da wirklich voll und ganz reinwerfen.
Da haben wir ja endlich etwas gefunden, wo ihr euch nicht einig seid.
Jacob: Stimmt. Aber wir sind uns einig im Nicht-einig-Sein.
Dag För Dag spielen Ring Me, Elise live im Varieté am Steintor in Halle:
Ein Porträt von Dag För Dag gibt es auch auf news.de.
Hingehört: Dag För Dag – “Boo”
| Künstler | Dag För Dag |
| Album | Boo |
| Label | Haldern Pop |
| Erscheinungsjahr | 2010 |
| Bewertung | **1/2 |
Vorgruppen und die Bands, für die man eigentlich gekommen ist, haben oft ein sehr seltsames Verhältnis. Manchmal wird der Hauptact zum Ersatzpapa, wie einst bei Alice Cooper, der dem mit ihm reisenden Dave Mustaine von Megadeath mal eben predigte, dass man auch ohne Alkohol leben kann. Manchmal erweisen sich die eigentlichen Stars des Abends als unerwartet charmant und großzügig wie Dave Grohl von den Foo Fighters, als er mit The Sounds auf Tour war. Manchmal sind die Vorgruppen einfach nur von der Plattenfirma geschickt worden, weil sie ungefähr zur selben Zeit auch ein Album auf dem selben Label veröffentlicht haben. Und manchmal ist die Vorgruppen die Band, die der Hauptact heimlich sein möchte.
So scheint es bei Dag för Dag zu sein. Das Duo ist gerade auf Tour mit den Shout Out Louds. Und die beiden schwedischen Bands scheinen wirklich ein enorm inniges Verhältnis zu haben. Nicht nur, dass Dag för Dag den Abend eröffnen, der dann von den Shout Out Louds beschlossen wird. Bebban Stenborg, Keyboarderin der Shout Out Louds, hat auch die Biografie von Dag För Dag auf deren Homepage geschrieben. Im Booklet zu Boo fallen Dag För Dag im wahrsten Sinne des Wortes auf die Knie vor den Shout Out Louds vor lauter Bewunderung und Dankbarkeit. Und Shout-Out-Louds-Bassist Ted Malmros ist Regisseur des Videos I Am The Assasin, das die neue Dag-För-Dag-EP Release begleitet, die man übrigens gerade kostenlos herunterladen kann.
Hört man sich Boo an, das Debütalbum von Dag För Dag, dann erstaunt diese eifrig gepflegte Geistesverwandtschaft doch zunächst. Vom Happy-Go-Lucky-Sound, den noch immer viele mit den Shout Out Louds assoziieren, ist hier keine Spur. Es gibt vieles, das beeindruckt, aber wenig, das begeistert oder gar so euphorisierend ist wie die besten Stücke der Shout Out Louds. Doch Boo ist eindeutig ein Album, das die Engländer einen „Grower“ nennen. Und zwar gleich in dreifacher Hinsicht.
Erstens entpuppt Boo bei mehrfachem Hören immer neue Dimensionen. Die ersten drei Durchläufe können noch voll und ganz unspektakulär klingen, doch dann hat man sich langsam hineingefunden in die Klangwelt von Jacob und Sarah Snavely, einem in den USA geborenen Zwillingspaar, das mittlerweile in Schweden lebt. Dag För Dag werden getragen von einer enormen Liebe zur Gitarre, die manchmal so einsam und verhallt klingen kann wie bei Cracker (Light On Your Feet), viel öfter aber so dröhnend, träge und verzerrt wie beim Black Rebel Motorcycle Club (wie beim feinen Rausschmeißer Ring Me, Elise).
Dazu kommt die Liebe zum Gesang. Sarah und Jacob wechseln sich am Mikrofon ab, aber vor allem, wenn sie in einem Lied beide zu hören sind, wird die erstaunliche Dynamik dieser Stimmen deutlich, die niemals etwas zurückhalten. Dazu kommt ein weiterer Reiz: Weil man weiß, dass Mann und Frau hier Bruder und Schwester sind, hat ihr Zusammenspiel überhaupt nichts mit Flirt oder Sex, Kampf oder Verbitterung zu tun. Es geht rein um den Gesang – und das kann extrem faszinierende Ergebnisse hervorbringen wie das ebenso schräge wie eingängige Silence As The Verb.
Zweitens ist Boo auch deshalb ein Grower, weil es zum Ende hin viel stärker wird. Das herrlich ruhige Come In Like A Knife, die Single Animal, irgendwo zwischen der Ausgelassenheit von Be Your Own Pet und der Durchgeknalltheit der B-52s oder The Leather Of Your Boots, das quasi Hardrock mit Elfengesang ist (also beinahe The Duke Spirit) – das sind weitere Highlights der Platte, alle im letzten Drittel.
Drittens wächst beim mehrfachen Hören von Boo auch die Erkenntnis, woher die gegenseitige Begeisterung von Dag För Dag und den Shout Out Louds kommt: Dag För Dag haben ebenfalls eine große Lust am urwüchsigen Musizieren mit allem, was durch und durch analog ist. Und die Shout Out Louds haben vor allem auf dem jüngsten Album Work angedeutet, dass vergleichsweise Experimentelles wie Boxed Up In Pine mit einem gewagten Geigensolo oder Wouldn’t You, das getragen wird von Sarah Snavelys ätherischer Stimme und einer wunderhübschen Orgel, auch bei ihnen möglich ist. Das Verhältnis ist somit eigentlich ganz klar: Die Shout Out Louds wollen Shoegazer sein. Dag För Dag sind es schon.
Noch eine Verbindung: Das Video zur sehr gelungenen Single Animal hat Ted Malmros von den Shout Out Louds gedreht:
Shout Out Louds + Dag För Dag, Varieté am Steintor, Halle
“Festivals sind wie ein großer Kindergarten für Bands”, hatten mir die Shout Out Louds im Interview beim Melt verraten. Dass sie es aber durchaus auch verstehen, ihre eigene Tour unter dieses Motto zu stellen, bewies ihr Auftritt im Varieté am Steintor in Halle. Im Backstagebereich regiert ein gewisser Edvard, seines Zeichens der fünf Monate alte Sohn von Shout-Out-Louds-Bassist Ted Malmros und Dag-För-Dag-Sängerin Sarah Snavely.
Edvard krabbelt und schreit, spielt mit einer Fischgräte aus grünem Plüsch. In der Garderobe von Dag För Dag steht im Kühlschrank kein Bier, sondern ein einzelnes Gläschen Babybrei. Und auch eine Packung Windeln steht bereit. “Als unser Album Boo herauskam, war mein Sohn gerade zur Welt gekommen”, erzählt Sarah im Interview. “Deshalb konnten wir da nicht auf Tour gehen. Und jetzt holen wir das alles nach.” Ob sie nicht ein bisschen Sorge hat, mit einem Baby das wilde Leben auf Tour zu bestreiten? “Weil ich noch stille, gab es gar keine Chance, den Kleinen lieber zuhause zu lassen”, erwidert sie. “Und er scheint eine Menge Spaß auf Tour zu haben.”
Momente kindlicher Freude gibt es auch während der Show von Dag För Dag im sehr hübschen Varieté am Steintor. Die Band hält das Versprechen, das Sarahs Zwillingsbruder Jacob im Interview gegeben hatte: Was auf Platte gelegentlich nach Shoegaze klingt, wird auf der Bühne zu Rock. Ganz oft werden die Instrumente getauscht, die Outfits sind komplett Gold (Sarah) und ein bisschen Gold (Jacob, der ein dezentes Armband trägt), der Sound ist mal nahe an PJ Harvey, mal eher Jefferson Airplane.
Die famose Single Animal wird zwar durch ein paar Verspieler getrübt, doch am Ende sind alle begeistert. Vor allem Kristin, die in der ersten Reihe so laut und so ausdauernd geschrien hat, dass sie beim letzten Lied Ring Me, Elise auf die Bühne darf, was ihr einen Ausdruck aufs Gesicht zaubert, der wohl dem ähnelt, den der kleine Edvard an den Tag legt, wenn er seinen Brei bekommt. “Dag För Dag sind eine tolle Band! Ich mag das Album wirklich gerne, und das haben sie wohl gemerkt. Aber als ich dann auf der Bühne stand, haben plötzlich alle gebuht. Ich wollte da eigentlich so schnell wie möglich wieder runter”, erzählt sie später.
Bis die Shout Out Louds mit dem etwas schüchternen The Candle Burned Out vom aktuellen Album Work ihre Show beginnen, hat dann aber auch Kristin wieder zurück zur guten Laune gefunden. Das Quintett ist ebenfalls bestens aufgelegt. Nach besonders großem Jubel oder besonders gelungenen Songs wie The Comeback oder Little By Little, die an diesem Abend noch ein Stückchen unwiderstehlicher werden als auf Platte, reckt Sänger Adam Olenius die Faust in die Höhe wie ein Sportler, der um die eigene Stärke weiß und doch ein wenig überrascht ist vom eigenen Triumph.
Spätestens, als im zweiten Song Tonight I Have To Leave It die Kuhglocke erklingt, ist die Menge fest in der Hand der fünf Schweden, die sich artig dafür bedanken, dass an einem Montagabend so viele Leute gekommen sind (Adam: “In Schweden gehen die Leute montags nie aus dem Haus. Dienstags eigentlich auch nicht.”), und sichtbar Spaß an der eigenen Show haben. Vor allem (genau wie zuvor schon Dag För Dag) am Hall: Der wird hier kübelweise auf die Gesangsstimmen gekippt, was durchaus zu hübschen Effekten führt – zumal in Halle.
Die beiden Bands hatten übrigens schon den freien Sonntag in Sachsen-Anhalts größter Stadt verbracht. Jacob verriet im Interview, dass er auf dem Markt eine alte Postkarte gekauft hat. Wenn er sie je nach Hause schicken wird, dann dürfte wohl draufstehen: Viele Grüße aus dem Kindergarten! War ein toller Abend in Halle.
Eines der Highlights: Die Shout Out Louds spielen Tonight I Have To Mean It live im Steintor-Varieté in Halle:
Ein Porträt von Dag För Dag gibt es auch auf news.de.
Draufgeschaut: In aller Stille
| Film | In aller Stille |
| Produktionsland | Deutschland |
| Jahr | 2010 |
| Spielzeit | 87 Minuten |
| Regie | Rainer Kaufmann |
| Hauptdarsteller | Nina Kunzendorf, Maximilian Brückner, Michael Fitz, Michael A. Grimm, Sarah-Lavinia Schmidbauer, Johann von Bülow |
| Bewertung | ***1/2 |
Worum geht’s?
Die Kommissarin Anja Amberger muss im Fall eines verschwundenen Jungen ermitteln. Der Fall nimmt sie besonders mit. Denn zum einen hat sie die unter Verdacht stehenden Eltern des Dreijährigen erst kurz zuvor besucht, aber nicht richtig untersucht, ob sie ihren Sohn womöglich misshandeln. Zum anderen wird sie als alleinerziehende Mutter selbst mit der Frage konfrontiert: Kümmere ich mich eigentlich gut genug um meine eigenen Kinder?
Das sagt shitesite:
Um ein paar Klischees kommt In aller Stille leider nicht herum. Die Kita, aus der die Kommissarin ihren kleinen Sohn abholt, ist natürlich nur etwas für überforderte Rabeneltern. Und auch die Fährte in die Kindheit der Kommissarin, in der sie womöglich selbst Missbrauchsopfer war, hätte der Film nicht gebraucht. Denn auch so ist In aller Stille stark und eindrucksvoll genug. Nicht nur in bedrückenden Szenen wie der, wo das Ermittlerteam in Mülltonnen nach dem Leichnam des kleinen Jungen sucht. Sondern vor allem, weil es dieser höchst unkonventionelle Krimi schafft, die Hauptdarstellerin mit ihrer eigenen Unverantwortlichkeit und den Zuschauer mit seinem eigenen Egoismus zu konfrontieren. Dass in vielen von uns der Wunsch schlummert, lieber heimlich wegzuschauen – aus dieser Erkenntnis bezieht In aller Stille seinen eigentlichen, schonungslosen Horror.
Den Trailer zum Film gibt es hier.
Draufgeschaut: Juno
| Film | Juno |
| Produktionsland | USA/Kanada |
| Jahr | 2007 |
| Spielzeit | 92 Minuten |
| Regie | Jason Reitman |
| Hauptdarsteller | Ellen Page, Michael Cera, Jennifer Garner, Jason Bateman, Olivia Thirlby |
| Bewertung | **** |
Worum geht’s?
Juno ist ein aufgewecktes Teenager-Mädchen, beliebt an ihrer Schule, geliebt von ihren Eltern. Als sie schwanger wird, nimmt sie es cool. Sie will das Kind zur Adoption freigeben und findet per Zeitungsannonce ein junges Paar, das als Eltern in Betracht kommt. Doch während Juno die künftigen Eltern ihres Kindes immer besser lernen kennt und zudem ihr Freund Paulie immer wichtiger für sie wird, merkt Juno: So cool, wie sie gern möchte, kann sie die Schwangerschaft doch nicht nehmen.
Das sagt shitesite:
Kanada, schon lange das Schlaraffenland für Indiemusik, kann jetzt also auch noch Kino. Juno ist das, was einst Reality Bites war: Mit Indie-Fanzine-Optik und doch massenkompatibel, am Puls der Zeit und doch klassisch, große Kunst und doch authentisch. Das ist zum großen Teil der starken Leistung von Ellen Page in der Titelrolle zu verdanken. Aber auch die anderen Rollen sind wundervoll besetzt. Vor allem aber überzeugt Juno (neben dem famosen Soundtrack mit beispielsweise Belle & Sebastian) durch Menschlichkeit: Dass hier eigentlich niemand so reagiert, wie man es in einem Kinofilm erwarten würde, macht Juno herrlich unterhaltsam, überraschend und spannend.
Der Trailer zum Film:
Hingehört: Dag För Dag – “Boo”
| Künstler | Dag För Dag |
| Album | Boo |
| Label | Haldern Pop |
| Erscheinungsjahr | 2010 |
| Bewertung | **1/2 |
Vorgruppen und die Bands, für die man eigentlich gekommen ist, haben oft ein sehr seltsames Verhältnis. Manchmal wird der Hauptact zum Ersatzpapa, wie einst bei Alice Cooper, der dem mit ihm reisenden Dave Mustaine von Megadeath mal eben predigte, dass man auch ohne Alkohol leben kann. Manchmal erweisen sich die eigentlichen Stars des Abends als unerwartet charmant und großzügig wie Dave Grohl von den Foo Fighters, als er mit The Sounds auf Tour war. Manchmal sind die Vorgruppen einfach nur von der Plattenfirma geschickt worden, weil sie ungefähr zur selben Zeit auch ein Album auf dem selben Label veröffentlicht haben. Und manchmal ist die Vorgruppen die Band, die der Hauptact heimlich sein möchte.
So scheint es bei Dag för Dag zu sein. Das Duo ist gerade auf Tour mit den Shout Out Louds. Und die beiden schwedischen Bands scheinen wirklich ein enorm inniges Verhältnis zu haben. Nicht nur, dass Dag för Dag den Abend eröffnen, der dann von den Shout Out Louds beschlossen wird. Bebban Stenborg, Keyboarderin der Shout Out Louds, hat auch die Biografie von Dag För Dag auf deren Homepage geschrieben. Im Booklet zu Boo fallen Dag För Dag im wahrsten Sinne des Wortes auf die Knie vor den Shout Out Louds vor lauter Bewunderung und Dankbarkeit. Und Shout-Out-Louds-Bassist Ted Malmros ist Regisseur des Videos I Am The Assasin, das die neue Dag-För-Dag-EP Release begleitet, die man übrigens gerade kostenlos herunterladen kann.
Hört man sich Boo an, das Debütalbum von Dag För Dag, dann erstaunt diese eifrig gepflegte Geistesverwandtschaft doch zunächst. Vom Happy-Go-Lucky-Sound, den noch immer viele mit den Shout Out Louds assoziieren, ist hier keine Spur. Es gibt vieles, das beeindruckt, aber wenig, das begeistert oder gar so euphorisierend ist wie die besten Stücke der Shout Out Louds. Doch Boo ist eindeutig ein Album, das die Engländer einen „Grower“ nennen. Und zwar gleich in dreifacher Hinsicht.
Erstens entpuppt Boo bei mehrfachem Hören immer neue Dimensionen. Die ersten drei Durchläufe können noch voll und ganz unspektakulär klingen, doch dann hat man sich langsam hineingefunden in die Klangwelt von Jacob und Sarah Snavely, einem in den USA geborenen Zwillingspaar, das mittlerweile in Schweden lebt. Dag För Dag werden getragen von einer enormen Liebe zur Gitarre, die manchmal so einsam und verhallt klingen kann wie bei Cracker (Light On Your Feet), viel öfter aber so dröhnend, träge und verzerrt wie beim Black Rebel Motorcycle Club (wie beim feinen Rausschmeißer Ring Me, Elise).
Dazu kommt die Liebe zum Gesang. Sarah und Jacob wechseln sich am Mikrofon ab, aber vor allem, wenn sie in einem Lied beide zu hören sind, wird die erstaunliche Dynamik dieser Stimmen deutlich, die niemals etwas zurückhalten. Dazu kommt ein weiterer Reiz: Weil man weiß, dass Mann und Frau hier Bruder und Schwester sind, hat ihr Zusammenspiel überhaupt nichts mit Flirt oder Sex, Kampf oder Verbitterung zu tun. Es geht rein um den Gesang – und das kann extrem faszinierende Ergebnisse hervorbringen wie das ebenso schräge wie eingängige Silence As The Verb.
Zweitens ist Boo auch deshalb ein Grower, weil es zum Ende hin viel stärker wird. Das herrlich ruhige Come In Like A Knife, die Single Animal, irgendwo zwischen der Ausgelassenheit von Be Your Own Pet und der Durchgeknalltheit der B-52s oder The Leather Of Your Boots, das quasi Hardrock mit Elfengesang ist (also beinahe The Duke Spirit) – das sind weitere Highlights der Platte, alle im letzten Drittel.
Drittens wächst beim mehrfachen Hören von Boo auch die Erkenntnis, woher die gegenseitige Begeisterung von Dag För Dag und den Shout Out Louds kommt: Dag För Dag haben ebenfalls eine große Lust am urwüchsigen Musizieren mit allem, was durch und durch analog ist. Und die Shout Out Louds haben vor allem auf dem jüngsten Album Work angedeutet, dass vergleichsweise Experimentelles wie Boxed Up In Pine mit einem gewagten Geigensolo oder Wouldn’t You, das getragen wird von Sarah Snavelys ätherischer Stimme und einer wunderhübschen Orgel, auch bei ihnen möglich ist. Das Verhältnis ist somit eigentlich ganz klar: Die Shout Out Louds wollen Shoegazer sein. Dag För Dag sind es schon.
Noch eine Verbindung: Das Video zur sehr gelungenen Single Animal hat Ted Malmros von den Shout Out Louds gedreht:
Ein Porträt von Dag För Dag gibt es auch auf news.de.
Draufgeschaut: The Girl Next Door
| Film | The Girl Next Door |
| Produktionsland | USA |
| Jahr | 2003 |
| Spielzeit | 110 Minuten |
| Regie | Luke Greenfield |
| Hauptdarsteller | Elisha Cuthbert, Emile Hirsch, Timothy Olyphant |
| Bewertung | *** |
Worum geht’s?
Matthew ist vernünftig, strebsam und verklemmt. Während die anderen an seiner Schule feiern gehen, sammelt er Geld für Arme und bereitet eine Rede vor, die ihm ein Stipendium als moralisch vorbildlicher Schüler für eine Elite-Uni einbringen soll. Bis im Nachbarhaus die aufreizende Danielle einzieht und Matthew in ihren Bann zieht. Plötzlich taut Matthew auf, hat Spaß – und ist sogar beliebt an seiner Schule. Doch das Glück währt nicht lange: Matthew bekommt heraus, dass Danielle bis vor kurzem ein Pornostar war. Das gefährdet nicht nur seinen guten Ruf und sein Stipendium. Es bringt ihn noch in Schwierigkeiten ganz anderer Art…
Das sagt shitesite:
Quasi alle Figuren in The Girl Next Door sind wandelnde Klischees: der Streber, der Vamp, der Nerd, der Verführer, der alternde Playboy. Doch die Zusammenstellung dieser Charaktere ist so gelungen und der Plot von The Girl Next Door mit einem derart geschickten Spannungsbogen versehen, dass am Ende tatsächlich eine gute Teenager-Komödie dabei heraus kommt. Den Skandal, den die Botschaft “Pornostars sind auch nur Menschen” in den USA ausgelöst hat, hätte der Film jedenfalls gar nicht gebraucht, um für Aufsehen zu sorgen.
Bestes Zitat:
“Du kannst sie auch noch mögen, wenn Dein Penis in ihr steckt.”
Der Trailer zum Film:
Interview mit Arjen Robben
Deutschlands Fußballer des Jahres ist er nach einer bärenstarken Debütsaison bereits. Im Juli hätte er auch holländischer Nationalheld werden können, wenn er die Niederlande im WM-Finale gegen Spanien auf die Siegerstraße geschossen hätte. Wie sehr die vergebene Chance noch immer an ihm nagt, wie er die Rivalität zwischen Deutschland und Holland sieht und wer ihn in der aktuellen Saison bisher am meisten beeindruckt hat, verriet mir Arjen Robben im Interview. In München haben ich ihn getroffen, um ihn als news.de-Star der Saison auszuzeichnen.
Sie kamen für 25 Millionen Euro Ablösesumme von Real Madrid zu Bayern München. Hatten Sie erwartet, in der Bundesliga so schnell zu einer prägenden Figur zu werden?
Robben: Mit so etwas kann man nie rechnen. Aber ich hatte natürlich einen super Einstand: Gleich in meinem ersten Spiel gegen Wolfsburg habe ich zwei Tore geschossen – und das auch noch, als der Verein in einer schwierigen Situation war, weil die Saison bis dahin nicht so gut gelaufen war. Das tut natürlich gut, wenn man da gleich helfen kann. Aber so richtig los ging es dann erst in der Rückrunde. Nicht nur bei mir, sondern bei der ganzen Mannschaft. Wir haben wirklich eine sehr starke Rückrunde hingelegt – und dann ist es natürlich auch leichter für einen Einzelspieler, gut auszusehen.
War es in der Bundesliga womöglich leichter als gedacht, so stark aufzutrumpfen?
Robben: Nein. Man sieht auch jetzt gerade wieder, wie viele starke Mannschaften und wie viele gute Spieler es in der Bundesliga gibt. Das ist eine sehr starke Liga. Die Stadien sind voll, die Atmosphäre ist toll, die Liga ist sehr ausgeglichen. Das macht es für mich sehr interessant, hier zu spielen, und ich fühle mich beim FC Bayern und in Deutschland sehr wohl.
Freilich hätte die Premierensaison noch besser laufen können, hätte der FC Bayern das Champions-League-Finale gegen Inter Mailand nicht verloren.
Robben: Klar. Titel sind immer das Wichtigste. Und wenn nur ein Spiel fehlt bis zum Triumph in der Champions League, dann ist das natürlich sehr ärgerlich. Trotzdem war es schon eine super Leistung, bis ins Finale zu kommen. Als ich hierher zum FC Bayern gekommen bin, hatte ich nicht damit gerechnet, dass wir so weit kommen können. Aber wenn man dann im Finale steht, muss man natürlich auch gewinnen.
Auch bei der WM blieb für Sie nur der zweite Platz – dabei hätten Sie die Niederlande im Endspiel gegen Spanien in Führung schießen können.
Robben: Natürlich. Das bleibt in Erinnerung. Das bleibt eine lange Zeit, vielleicht für immer. Wir haben mit Holland eine klasse Leistung gezeigt, diese WM war eine super Erfahrung für uns alle. Aber die Chance, Weltmeister zu werden, kommt vielleicht nie wieder. Und natürlich ärgert es mich besonders, dass ich die Gelegenheit hatte, ein Tor zu schießen. Das tut weh, und das muss man erst einmal verarbeiten.
Macht das Ihre momentane Verletzung besonders ärgerlich? Wenn Sie jetzt schon wieder spielen könnten, wäre es vielleicht einfacher, die Niederlage bei der WM zu verdrängen.
Robben: Das stimmt. Das WM-Finale war bisher mein letztes Spiel. Und die Tatsache, dass ich seitdem nicht mehr auf dem Platz stand, macht die Niederlage natürlich noch schlimmer. Dieses Spiel bleibt hängen. Wenn ich schon wieder fit wäre, könnte ich mich ablenken und mir neue Ziele setzen.
Wann können die Fans Sie denn wieder für den FC Bayern in Aktion sehen?
Robben: Das kann man nicht sagen. Es macht keinen Sinn, einen Termin zu nennen. Wir haben einen Plan, der viele kleine Schritte vorsieht. Und immer, wenn ich weit genug bin, können wir den nächsten Schritt gehen. Aber dabei geht es manchmal schneller, dann gibt es wieder Rückschläge.
Das klingt nicht gerade so, als hätten Sie gerade großen Spaß an Ihrem Beruf.
Robben: Es ist viel Arbeit. Und ich würde natürlich lieber wieder auf dem Platz mit dem Ball trainieren. Aber das geht leider noch nicht. Wir müssen Geduld haben. Es geht nicht um Schnelligkeit, sondern darum, dass die Verletzung gut heilt.
Die Tatsache, dass Sie im WM-Finale gespielt haben, obwohl sie verletzt waren, wird gerade in einem heftigen Disput zwischen Bayern München und dem niederländischen Verband thematisiert. Dabei spielt sicherlich auch das traditionell schwierige Miteinander von Holland und Deutschland eine Rolle. Wie empfinden Sie dieses Verhältnis?
Robben: Ich bin jetzt in meinem zweiten Jahr hier, und bisher merke ich eigentlich nichts von dieser Rivalität. Natürlich ist es ein besonderes Verhältnis, weil wir ja Nachbarländer sind. Aber es ist sicher nicht mehr so schlimm wie vor fünf oder zehn Jahren, als das noch ein wirklich erbitterter Kampf war. Damals hätte ich bei der WM vielleicht noch gehofft, dass Deutschland so früh wie möglich rausfliegt. Diesmal hätte ich mich auch gefreut, wenn wir im Finale gegeneinander gespielt hätten.
Der FC Bayern ist ja das beste Beispiel, dass es funktionieren kann: Der Trainer und der Mannschaftskapitän sind Holländer.
Robben: Genau. Es gibt jetzt sogar auch in meiner Heimat Leute, die Fans von Bayern München sind. Das wäre früher undenkbar gewesen. Aber auch andere Vereine wie Hamburg zeigen, dass das kein Problem ist. Ich fühle mich hier als Holländer wirklich wohl. Für uns ist es aber vielleicht auch etwas einfacher, uns anzupassen. Wir können die Sprache schnell lernen, das hilft sicherlich.
Sie sind als news.de-Star der Saison 2009/10 ausgezeichnet worden. Wer könnte denn der Star der aktuellen Saison werden?
Robben: Ich möchte gerne so schnell wie möglich wieder gute Leistungen zeigen und meinen Titel natürlich am liebsten verteidigen. Aber ich weiß nicht, ob das klappt. Und für die anderen Spieler ist es schwer zu sagen, die Saison ist ja noch jung. In jedem Fall haben Mainz und Dortmund bisher richtig stark aufgespielt. Vor allem, was Mainz bisher geleistet hat, beeindruckt mich. Die muss man weiter auf der Rechnung haben. Aber es ist schwer, da einzelne Spieler zu nennen. Es gibt so viele gute Leute in der Bundesliga – und man weiß nie, wer seine Form wirklich über eine ganze Saison halten kann.
Lewis Holtby vom FSV Mainz müsste doch ein Typ sein, dessen Spielweise Ihnen gefallen könnte.
Robben: Ja, vielleicht. Ich habe ihn beim Spiel der Mainzer hier bei uns gesehen, da hat er wirklich gut gespielt. Und Nuri Sahin von Dortmund ist natürlich auch ganz stark in Form.
Hingehört: Bryan Ferry – “Olympia”
| Künstler | Bryan Ferry |
| Album | Olympia |
| Label | Virgin |
| Erscheinungsjahr | 2010 |
| Bewertung | **1/2 |
Was macht man, wenn man kulturell relevant bleiben will, die mehr als 35 Jahre alten Lorbeeren aber so langsam tatsächlich welk werden und der letzte echte Single-Hit auch schon 25 Jahre zurück liegt? Wenn man Bryan Ferry ist, fällt die Antwort ganz leicht: Man ruft seine coolen Freunde an.
Dass Supermodel Kate Moss auf dem Cover von Olympia zu sehen ist, Bryan Ferrys morgen erscheinenden 13. Soloalbum, war manch einem Klatschmedium eine Meldung wert. Und auch sonst ist reichlich Prominenz dem Ruf des galantesten aller britischen Gentlemen gefolgt. Blickt man auf die Liste der Mitstreiter, dann scheint das Motto für Olympia tatsächlich gewesen zu sein: Dabei sein ist alles. Flea (Red Hot Chili Peppers), Mani (Stone Roses), Johnny Greenwood (Radiohead), Dave Stewart (Eurythmics), David Gilmour (Pink Floyd) und Nile Rogers (Chic) sind nur einige der Gäste. Sogar die ehemaligen Roxy-Music-Mitstreiter Brian Eno, Phil Manzanera und Andy Mackay sind wieder mit dabei – erstmals seit 1973 musizieren sie wieder gemeinsam mit Bryan Ferry.
Das Ergebnis ist trotzdem durch und durch Bryan Ferry. Sein Gesang ist noch immer der des Verführers, auch wenn sich mittlerweile ein bisschen mehr Lebenserfahrung eingeschlichen hat – was seine Stimme keineswegs weniger reizvoll macht. Die Texte sind poetisch und clever wie eh und je. “Nothing is real, nothing is true / I wish I could say the same about you” im gespenstischen Me Oh My ist dabei nur das gelungenste Beispiel. Auch auf Olympia kann man sich sicher sein: Sobald irgendjemand eine Zeitmaschine wie in Zurück in die Zukunft erfindet, werden Bryan Ferry und Oscar Wilde darin einen Frontalzusammenstoß erleben – beide beim Versuch, sich schleunigst auf den Weg zum anderen zu machen, um sich endlich kennenlernen zu können, von Dandy zu Dandy.
Der Albumtitel ist deshalb natürlich auch keine Anspielung auf schnöde antike Sportstätten, sondern bezieht sich auf ein Gemälde von Edouard Manet – und ist zugleich eine Referenz an die Gegend in West-London, in der Bryan Ferry lebt und arbeitet.
Und die Musik? Die ist Disco, und zwar in der eleganten Variante, mit Cocktailkleid und Lackschuhen. You Can Dance heißt der Auftaktsong, die Vorab-Single und das Motto. Gemeinsam mit den Scissor Sisters ist das hübsche Heartache By Numbers entstanden, das dann aber eher wie besänftigte Talking Heads klingt. Die Herren von der Groove Armada hauchen Shameless ein kleines bisschen House ein. Spätestens bei BF Bass (Ode To Olympia) mit Slap-Bass, Wah-Wah-Gitarre und Frauenchor muss man sich dann wundern (und Bryan Ferry für so viel Chuzpe danken), wie es dieser Mann schafft, ganz selbstverständlich auf ein Klanggewand zu setzen, das ihm ausgezeichnet steht, aber seit mindestens einem Vierteljahrhundert schon aus der Mode ist. Aber so ist das eben manchmal in der Disco: Wenn man sich völlig in ihr verliert, merkt man gar nicht, dass es draußen längst hell geworden ist.
Auch viel zu dunkel, um das Tageslicht zu sehen: Der bildhübsche Clip zur Single You Can Dance:
Diese Rezension gibt es auch bei news.de.
Draufgeschaut: Austin Powers – Das Schärfste, was ihre Majestät zu bieten hat
| Film | Austin Powers – Das Schärfste, was ihre Majestät zu bieten hat |
| Originaltitel | Austin Powers – International Man Of Mistery |
| Produktionsland | USA |
| Jahr | 1997 |
| Spielzeit | 91 Minuten |
| Regie | Jay Roach |
| Hauptdarsteller | Mike Myers, Elizabeth Hurley, Michael York, Christian Slater, Mimi Rogers, Robert Wagner, Seth Green |
| Bewertung | **** |
Worum geht’s?
Schon in den Swinging Sixties war Geheimagent Austin Powers dem fiesen Bösewicht Dr. Evil auf der Spur. Kurz bevor er ihn zur Strecke bringen kann, flieht Dr. Evil allerdings. Er lässt sich einfrieren und taucht 30 Jahre später wieder auf. Doch auch der britische Geheimdienst hat Austin Powers konserviert und schickt ihn nun erneut auf die Jagd nach Dr. Evil. Denn der will mit einer gestohlenen Atombombe die ganze Welt zerstören. Austin Powers hat aber noch ein anderes Problem: Er muss sich erst einmal zurechtfinden in einer Ära, in der es keine freie Liebe und psychedelischen Drogen mehr gibt.
Das sagt shitesite:
Eine James-Bond-Parodie in einem Zeitalter, in dem die James-Bond-Filme durch das (für die Macher von Agentenfilmen ärgerliche) Ende des Kalten Krieges und den Siegeszug des Product Placements beinahe zu Selbstparodien geworden sind, ist ein schwieriges Unterfangen. Doch Mike Myers löst die Aufgabe mit sagenhafter Leichtigkeit. Die Bandbreite des Humors in Austin Powers reicht von brachial bis subtil, die Verklärung des Swinging London wird ebenso aufs Korn genommen wie die Verkniffenheit der Neunziger. Zudem stecken hier in den Kostümen, dem Soundtrack und den Cameo-Auftritten so viel Stilsicherheit und Liebe zum Detail, dass Austin Powers zum Volltreffer wird.
Bestes Zitat:
“Gute Nacht, Austin. Willkommen in den 1990ern. Du wirst sehr einsam sein.”
Der Trailer zum Film:
Interview mit Alice Cooper
Alice Cooper ist eine der schillerndsten Figuren im Musikgeschäft. Seit mehr als 40 Jahren ist er dabei. Als Mann in Frauenkleidern, der auf der Bühne mit Würgeschlangen, Kunstblut und Guillotinen spielte, war er Anfang der 1970er Jahre der meistgehasste Mann Amerikas – und niemand in der amerikanischen Rechten wollte damals verstehen, dass dies eben bloß eine Show war. Alice Cooper ist eine Kunstfigur – auch für den Mann, der sie spielt, und der eigentlich Vincent Furnier heißt. Wenn er im Interview “ich” meint, dann sagt er “ich”. Wenn er Alice Cooper meint, dann sagt er “Alice Cooper”.
Gut 15 Jahre nach dem Höhepunkt seines Ruhms legte er mit Trash einen Meilenstein des Hard Rock vor. Damals hatten endlich die meisten begriffen, dass sein Horror-Theater als Ironie, Dadaismus, Sozialkritik gemeint war. Alice Cooper inspirierte damit anerkannte Kulturgrößen wie Salvador Dali oder David Bowie und ist heute – als exzellenter Golfer, frommer Christ und Organisator von vielen Wohltätigkeitsveranstaltungen – ein respektiertes Mitglied der Gesellschaft. Und ganz nebenbei spielt er in den Werbespots des Elektrogroßmarkts Saturn auch noch den coolsten Barkeeper des Universums. Und erweist sich als eloquenter, reflektierter und witziger Gesprächspartner.
Bei jedem ihrer Konzerte werden Sie viermal pro Abend hingerichtet. Sie haben eine schwere Alkoholsucht, Karrieretiefs und mehrere lebensgefährliche Unfälle überlebt. Fühlen Sie sich manchmal unsterblich?
Cooper: Nun, das Problem ist einfach: In diesem Geschäft gerät man verdammt schnell in Vergessenheit. Wenn man nicht gerade Lady Gaga ist oder der heißeste Newcomer, dann denken die Leute ganz schnell, man ist weg vom Fenster. Dabei haben wir von den vergangenen 20 Jahren immer rund die Hälfte auf Tour verbracht. Aber das wird nicht wahrgenommen. Meine Musik wird nicht im Radio gespielt, und ich habe keine Lust, plötzlich HipHop zu machen, nur damit sich das ändert. Ich werde weiter Hard Rock machen, und meine Fans mögen und schätzen das. Sie sorgen dafür, dass ich vielleicht ein bisschen unsterblich bin, und nicht verschwunden. All die Kerle aus den späten 1960ern sind einfach richtig zäh. Ich bin noch da, Iggy ist noch da, Ozzy ist noch da, bei denen ist es genauso. Die Rolling Stones, Paul McCartney, David Bowie, Elton John, Rod Stewart – wir sind alle noch im Geschäft. Und manch junge Band klappt im Gegensatz dazu offensichtlich nach zwei Jahren einfach so zusammen.
Nach allem, was Sie in Ihrer Karriere erlebt haben, könnten Sie sich leicht für unverwundbar halten.
Cooper: Auch das hat man den Fans zu tun. Wenn man so eine große Anhängerschar hat, dann ist man einfach nicht totzukriegen. Zu unseren Shows kommen immer noch jeden Abend 5000 bis 10.000 Zuschauer. Und das wird sich wohl auch nicht ändern, bis ich mich vielleicht eines Tages entscheide, aufzuhören. Wirklich erledigt ist man erst, wenn man sich selbst für erledigt hält.
In Deutschland haben Sie auch durch die Saturn-Werbespots wieder große Popularität gewonnen. Finden Sie es nicht ein bisschen seltsam, als ehemaliger Alkoholiker nun einen Barkeeper zu spielen?
Cooper: Es ist ironisch, das stimmt. Aber ich habe ja auch keine Ahnung, was ich da genau einschenke. Das ist ein Outer-Space-Drink! Vielleicht enthält der gar keinen Alkohol! Und diese Aliens, die da meine Stammgäste sind – wer weiß, was die in Wirklichkeit am liebsten trinken? Ich kenne sie noch nicht so gut. Ich habe bisher bloß so einen Verdacht, dass sie wohl kein Bier mögen. Aber ich habe ja auch im echten Leben eine Bar, wo Bier und Wein ausgeschenkt werden. Ich habe gar kein grundsätzliches Problem mit Alkohol. Man muss nur verantwortungsbewusst damit umgehen. Ich denke nicht, dass Alkohol per se böse ist. Aber wenn man es übertreibt und so exzessiv trinkt wie ich es getan habe, dann kann man leicht sein Leben damit zerstören.
Sie versuchen also nicht, die Aliens zur Abstinenz zu bekehren, wie sie es mit manchem Rockstar getan haben, der sie auf Tour begleitet hat?
Cooper (lacht): Nein. Dazu waren die Dreharbeiten für die Werbespots auch viel zu spaßig. Ich musste zum Beispiel den Text auf Deutsch sprechen und hatte extra einen Lehrer dafür, der mir ein paar Wörter beigebracht hat. Und die Leute von Saturn haben wirklich unglaublich viel Geld ausgegeben, allein für die abgefahrenen Kostüme der Aliens.
Ähnlich komische Figuren sind Ihnen aber bestimmt schon vorher begegnet.
Cooper: Absolut. Allein in unserer Bühnenshow gibt es jede Menge schräge Figuren und Monster. Wir haben einen 5 Meter großen Zyklopen und eine Krankenschwester, die ziemlich blutrünstig zu sein scheint. Sie ist so etwas wie meine Nemesis.
Und wer war abseits der Bühne die seltsamste Gestalt, der Sie begegnet sind?
Cooper: Salvador Dali war echt ein schräger Typ. Und natürlich Keith Moon. Er war definitiv der großartigste Schlagzeuger, den ich je gehört habe. Aber er war auch einer der bizarrsten Typen, die ich in meinem ganzen Leben getroffen habe. Keith Moon war wirklich super-durchgeknallt. Ich kann mich an eine Szene erinnern, als er plötzlich zu einem spontanen Besuch vor meiner Tür stand, und dann eine Woche lang blieb. Und jeden Abend, wenn ich nach Hause kam, trug er ein anderes Kostüm. Einmal war er als Zimmermädchen verkleidet und putzte tatsächlich meine Wohnung. Am nächsten Abend war er die Königin von England, und danach Dschingis Khan. Man wusste bei ihm nie, was als nächstes passiert. Das war wirklich ein riesiger Spaß.
Wegen der blutrünstigen Bühnenshow haben Sie den Spitznamen «King Of Shock Rock» bekommen. Gibt es im echten Leben noch Dinge, die Sie selbst schocken?
Cooper: Klar. Etwas, das mich immer wieder schockiert, ist Kindesmissbrauch. Leute, die auf Kinderpornos stehen – was soll das? Wie krank muss man dafür sein? Es gibt in jedem Ort Hunderte Männer und Frauen, die sexuell aktiv sind. Warum muss man sich da an einem dreijährigen Kind vergreifen? Das ist pure Bosheit.
In Deutschland läuft gerade eine TV-Show, «Tatort Intertnet», die Kinderschänder aufspüren will. Das sorgt für ziemlich viel Empörung.
Cooper: Die meisten Reality-Shows basieren auf dem Prinzip von Grausamkeit. Es geht immer darum, jemanden lächerlich zu machen oder die Schwächen von Leuten vorzuführen. Ich finde das krank. Ich frage mich immer. Warum kann man nicht eine Reality-Show machen, in der es um das Gute geht? Man könnte einen Obdachlosen mit der Kamera begleiten, man könnte erzählen, was ihn so weit nach unten gebracht hat, und dann sein Leben wieder aufbauen. Man könnte ihn ins Krankenhaus bringen, seine Familienmitglieder ausfindig machen, und dann zuschauen, wie er sich wieder berappelt. Das wäre in meinen Augen eine tolle Reality-Show.
Was halten Sie von Casting-Shows? Sind die auch schockierend?
Cooper: Ich finde diese Shows nicht schockierend, aber sie sind sicher nicht für jeden das beste Sprungbrett, um eine Karriere zu starten. Nehmen wir mal an, Bob Dylan hätte sich bei American Idol beworben. Er wäre niemals über die erste Runde hinaus gekommen. Weil er zu kreativ und zu individuell ist. Wonach die Macher dieser Shows wirklich suchen, sind Leute, die komplett angepasst sind. Das hat nicht viel mit Kreativität zu tun.
Wie geht es Ihnen, wenn in diesen Shows Lieder von Alice Cooper erklingen?
Cooper: Ich finde es zumindest immer interessant, wie die Leute meine Songs interpretieren. Wenn zum Beispiel ein junges Mädchen aus Poison eine Art Teeniebop-Liedchen macht, dann finde ich das faszinierend. Es zeigt: Jeder kann etwas anderes aus meinen Liedern ziehen. Deshalb sehe ich es immer als Kompliment, wenn sich jemand entscheidet, einen meiner Songs in so einer Show zu singen.
Noch eine Fernsehfrage: Sie sind ein riesiger Fan der Simpsons. Was würden Sie tun, um einmal in der Serie verewigt zu werden?
Cooper: Immerhin haben sie in drei oder vier Folgen ja schon meine Musik benutzt. Und für ein Halloween-Comic-Heft habe ich mit Rob Zombie und Gene Simmons eine Art Horrorgeschichte für die Figuren aus den Simpsons geschrieben. Aber es stimmt: Sie haben leider noch nie so ein kleines gelbes Männchen aus mir gemacht. Aber das ist nur eine Frage der Zeit. Noch besser als die Simpsons gefällt mir momentan aber ohnehin Family Guy. Die Geschichten sind noch ein bisschen gewagter, die Macher sind offener in ihrer Sozialkritik – und sie kommen damit durch. So etwas gefällt mir.
Auch im Werk von Alice Cooper spielt das Visuelle eine enorme Rolle: Plattencover, Musikvideos, Bühnenshows – all das ist extrem aufwendig gestaltet. Aber ist der visuelle Aspekt in der heutigen Musikszene insgesamt zu wichtig geworden?
Cooper: Auf jeden Fall. Nehmen wir zum Beispiel Lady Gaga. Als ich sie das erste Mal sah, dachte ich, sie sei nichts anderes als ein ziemlich cleverer Kleiderständer. Aber dann habe ich mich näher mit ihr beschäftigt und festgestellt: Sie schreibt ihre eigenen Songs, sie singt, sie spielt Klavier, sie produziert sogar ihre eigenen Platten. Lady Gaga ist wirklich ein großes Talent, aber ich hätte das beinahe übersehen, weil ihre Outfits, ihre Frisuren oder ihre Skandale immer so im Vordergrund stehen.
Erkennen Sie darin Parallelen zu Ihrer eigenen Karriere?
Cooper: Absolut. Eine Menge. Ich habe sogar mit ihr darüber gesprochen, als wir uns bei der Grammy-Verleihung begegnet sind. Sie hat mir erzählt, wie sehr ich sie beeinflusst habe und wie oft sie sich auf Alice Cooper berufen, wenn sie eine neue Lady-Gaga-Show planen.
Sie haben also Lady Gaga erfunden.
Cooper: Das könnte man so sagen. Aber sie hat das Ganze in eine neue, eigene Richtung weiterentwickelt.
Abgesehen von Lady Gaga: Was ist das größte kulturelle Verdienst, das die Menschheit Alice Cooper zu verdanken hat?
Cooper: In erster Linie haben wir es wohl geschafft, Rock’N'Roll bildlich zu machen, visuell. Vor uns gab es niemanden, der Rock’N'Roll wirklich als Showbiz betrachtet hat, als Spektakel nicht nur für die Ohren, sondern auch für die Augen. Erst wir haben angefangen, die ganze Bühne zu beleuchten. Das Geschehen auf der Bühne war plötzlich bunt und bewegt – und nicht bloß ein toter Vorhang im Hintergrund. Jeder kann in einer Band spielen. Aber die Leute wirklich vom Hocker zu reißen, die Songtexte auf der Bühne lebendig werden zu lassen: Das haben wir als erste geschafft.
Für 2011 ist Welcome To My Nightmare 2 angekündigt. Was können die Fans von dem Album erwarten?
Cooper: Ich arbeite wieder mit Bob Ezrin zusammen. Auch Dennis, Neil und Mike sind wieder dabei, die im klassischen Alice-Cooper-Lineup mitgespielt haben. Außerdem wird es ein paar Gäste geben. Es soll wirklich die konsequente, logische Fortsetzung von Welcome To My Nightmare werden, und ich bin sehr zufrieden mit den Ergebnissen. Das größte Problem wird, aus den 25 Songs, die wir schon aufgenommen haben, die richtigen 13 oder 14 herauszusuchen.
So sieht ein Spektakel für die Augen aus: Alice Cooper spielt School’s Out, live in Montreux:
Dieses Interview gibt es zusammen mit einer Fotostrecke zu Alice Cooper auch bei news.de.

























